1808
Mittwoch dm 11. Mai
Erstes Blatt
Ät. <09
Meßmer Anzeiger
Mnerat-Anzeiger
Amts- «nd 2litjeiaeblatt für den "Kreis Gieszen
©d VofibtiMe
2 Mark 50 Vf». vtertrltLhrltch.
»tertcljührNch 2 Mai« SO Pf,, monatlich 76 Pfg. mit vrmgirloh».
Uonahmk von Anzeigen zu der Nachmittag- für drn Mfltnbcn Ta, erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Hilf Anzeigen-Bermittlung-stellen de- In- und AnDlantoD nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger mtyee.
Prfcheint tLgNch mit Ausnahme dr- MoniagS.
Die Gießener Mamitienvtälter »erden dem Anzeiger »SchenNich viermal beigelegt.
Redoction, Expedition und Druckerei:
KchntKrnhe Nr. 7.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
Adresse für Depeschen: >Ä|tl,<t Pt-ß-n«
Fernsprecher Nr. 51.
Das herrliche deutsche Volk.
Die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm am Freitag die Legitlaturperiode des Reichstags schloß, zollt den Abgeordneten Anerkennung und Dank sür ihre Thätigkeit, fie ist gleichzeitig eine Bestätigung, daß der Reichstag ein Factor ist, mit welchem der Kaiser rechnet, und man kann aus den Worten auch eine Berficherung herau-lesen, daß die Rechte des Reichstags gewahrt bleiben sollen. Die der Volksvertretung ertheilte Anerkennung ist um so höher anzuschlagen, alS der Kaiser bekanntlich in dieser Beziehung sehr zurückhaltend ist und wohl prüft und sich abwartend verhält, ehe er mit solcher Anerkennung hervortritt. Deshalb ist das Gefühl allgemein vorherrschend, daß die Regierung mit dem Resultate der letzten Legislaturperiode zufrieden ist, trotzdem ihr mancher Wunsch versagt blieb und manche Hoffnung fich nicht erfüllt hat.
Während der Kaiser fich bei dem feierlichen Schluß des Reichstags naturgemäß nur an die Abgeordneten wandte, hat er bei dem am Freitag Abend im königlichen Schlöffe gegebenen Festmahl feine Anerkennung ausgedehnt auf das ganze deutsche Volk. Sein Trinkspruch auf daS deutsche Vaterland war warm empfunden, kam erfichtlich aus tief- innerstem Herzen und hat freudigen Widerhall gefunden vom Belt bis an den Rhein. Der Kaiser feierte daS herrliche deutsche Volk und zwar io io herzlichen, bewegten Worten, daß Jedermann überzeugt war, es war dem Monarchen ernst mit der Anerkennung, die er der Gefammthett des Volkes zollte. Freilich hat der Kaiser dabet auch wohl Ausnahmen im Sinne gehabt und den Thell des Volkes gemeint, welcher, wenn er dereinst zum himmlischen Appell berufen wird, mit gutem Gewissen vor fernen Gott treten kann, der feine Aufgabe in richtigem Sinne auffaßt und dieselbe im Dienste des gemeinsamen großen Ganzen vollbringt.
In unseren Tagen find die Pflichten des Einzelnen er- hebltch gestiegen und der Geringste hat Thetl an der Arbeit für das Vaterland. Gerade jttzt, wo wir so unmittelbar vor den Wahlen stehen, ist die Verantwortlichkeit, welche auf dem Staatsbürger lastet, um so größer, als die Stimme des Hochgestellten nicht mehr gilt als die des einfachsten Arbeiters. Wir wissen ja zur Genüge, wie schwerwiegend die Aufgaben find, welche der Reichstag in seiner demnächstigen Legislaturperiode auf wirthschaftlichem Gebiete zu lösen hat. Und gerade weil die heutigen Parteiverhältnisse stark verschoben werden und ganz andere Interessen vrrtreteu werden müssen als bisher, ist die Stellungnahme zu den Wahlen um so schwieriger geworden. Da gilt r« denn, reiflich zu prüfen und zu rechter Zett mit fich zu Rathe zu gehen, wem man seine Stimme geben soll. Sondertnteresieu dürfen dabei nicht maßgebend sein, daS große Ganze hat allein Anspruch darauf, berückfichtigt zu werden. Wähle ein Jeder so, wie er eS vor seinem Gewiffen verantworten kann, faffe auch bei dieser Gelegenheit Jedermann seine Aufgabe so auf, daß er beim himmlischen Appell mit gutem Gewiffen vor seinen alten Kaiser treten kann, der daS deutsche Reich gegründet und gesestigt hat und^ seine Lebensarbeit sür alle Zetten gesichert sehen wollte.
Hoffentlich kann fich daS deutsche Volk nach den Wahlen daS Zeugntß ausstellen, daß eS die Avetkrnnung des Kaisers verdient, daß eS deu Kaiser unterstützt hat tu seinem Bestreben, am Bau deS Reichs im Stone seines Gründers weiter zu arbeiten. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Mai. Betreffs der Reife des Kaisers nach Jerusalem werden den „Berl. Reuest. Nachr." zufolge alle Vorbereitungen getroffen für die Mitfahrt der Kaiserin, jedoch hängt der endgültige Entschluß von dem Gesundheit«, zustande der Kaiserin ab. Angeblich ist der kaiserliche Consul in Jerusalem hierher berufen worden, um über die dortigen Verhältnisse Bericht zu erstatten.
Berlin, 9. Mat. Der dritte Sohn des Kaisers, Prinz Adalberr, wird nach Abfolvtruvg eine« Lehr-Curies au Bord deS Schulschiffes „Charlotte" znm October diese« Jahre» die Cadettenschule in Plön besuchen.
Berlin, 9. Mat. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe beabsichtigt, sich morgen auf kurze Zeit nach setner im «reise Wtrsitz belegenen Besitzung Gradowo zu begeben.
Berlin, 9. Mat. Der „RetchSanzeiger" veröffentlicht deu Beschluß de« BundeSrathS vom 19. April, nach welchem der mit dem Sitz zu Berlin errichteten Pangant-Gesell- schäft auf Grund deS vom Reichskanzler geoehmigteu Gefell- fchaftSvertrageS die Befugniß ertheilt wird, Rechte, ins
besondere ElgenthumS und andere dingliche Rechte an Grundstückru zu erwerben, Berbindlichkeiteu einzugehen, vor Gericht zu klagen und verklagt zu werden.
Berlin, 9. Mai. Die in Manila lebendeu Deutschen, darunter der deutsche Consul Dr. Krüger, haben fich, wie hier eingetroffene Meldungen besagen, an Bord de» vor Manila liegenden Kreuzer« „Irene" begeben.
Berlin, 9. Mai. Rach einer der „Boff. Ztg." auS London zugegangenen Drahtmeldung der „Daily Mail" au« Cape Co ast Castle wurde Salaga im neutralen Gebiet de« Htoterlande« von Togo und der Goldküste an Deutschland abgetreten. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt noch nicht vor.
Berlin, 9 Mat. D'r Kreuzer „Geier" ist am 6. d. M. in St. Thoma« etngetroff-n, hat diesen Hafen einen Tag später verlaffen und ist gestern in Son Juan de Portortco eivgelaufen, welchen Hafen da« Schiff morgen wieder verläßt, um nach Santiago de Cuba in See zu gehen.
Frankfurt a. M., 9. Mat. Der „Franks. Ztg." wird au« Madrid gemeldet: Die Krisengerüchte gewinnen wieder die Oberhand. Der Ausruhr in den Provinzen, die stürmischen Sitzungen in den Corte« und die Niederlage von Cavite haben bi« Ansehen de» Ministeriums bedeutend geschwächt. Der „Jmparctal" versichert, daß, sowie die schwebenden Parlamentsgeschäfte erledigt seien, die Krifl« zum Ausbruch kommen werde. Hinsichtlich der Lösung schwirren die widersprechendsten (Kombinationen umher. Wahrscheinlich bleibt Sagasta unter Neubesetzung de« Marine-, Colonien-, Krteg«- und Finanzportefeuille«. — Die schwebende Schuld beträgt 621 678 784 Peseta«, der Zuwachs im laufenden Rechnung«- jahre 56864784 Peseta«.
Köln, 9. Mat. Die „Köln.Ztg." meldet au« Petersburg: Nach amtlichem Bericht au« Kreta ist rS den Bemühungen der commandirenven Oifiziere und Confuln in Kandia gelungen, in der Borpostenkette Zusammenkünfte zwischen den Christen und Muselmanen und die Abhaltung von Markttagen herbtizusühren. Die Berhand- hingen zwischen den Mächten um die Bermchrung der Truppen find noch nicht abgeschloffen.
Metz, 9. Mai. Kurz nach 4 Uhr Nachmittag« traf Se. Majestät oer Kaiser, vom Frühstück beim Osfiziercorp« de« Infanterie-Regiments Nr. 145 in Montigvy kommend, in offenem zwrispänntgem Wagen in Metz ein und fuhr unter dem Jubel der Bevölkerung zur Kathedrale. Die Stadt ist reich bt flaggt. In den Straßen herrscht Feststimmung. DaS Wetter ist trübe, aber trocken. Um 7#/4 Uhr trifft Ihre Majestät die Kaiserin hier ein, um IO1/« Uhr wird da« »aiserpaar mittels Sonderzuges nach Urv'lle zurückkehren.
Httfrlati&c
Wien. 9. Mai. Der Kaiser eröffnete durch eine Probefahrt den ersten Theil de« neuen Stadtbahn- netze«, von zahlreichen Zuschauern überall mit Jubel begrüßt.
Wien, 9. Mai. Liu osficielleS CommuniquL der „Wiener Abendpost" gibt bekannt, daß die Regierung nicht in der Lage sei, eine zeitweilige Aufhebung der Getreidezölle vorzunehmen.
Wien, 9. Mai. Im Befinden des Erzherzog« Leopold ist infolge weiterer Kräfteabnahme und ungenügender Nahrungraufuahrnc eine weitere Verschlimmerung eingetreten.
Rom, 9. Mat. In Stadt und Provinz Rom herrscht anbautrnb Ruhe. Nur in Genzano fanb gestern Abend eine Kundgebung anläßlich der Brodthenerung statt. Die Manifestanten bewarfen die öffentliche Macht mit Steinen und versuchten einige Bäckereien zu stürmen. Da« herbei- geeilte Militär gab Feuer- zwei der Ruhestörer wurden ge- tödtet, mehrere verwundet. Um dieselbe Zett fand auch tu Pontedera, tu der Nähe von Pisa, eine Kundgebung statt. Die Menge zog vor die Mairie und verlangte Brod und Arbeit. Ungeachtet der Ermahnungen der Behörden und der Versprechungen de« Bürgermeister« setzten die Manisestanteu den Tumult fort und bewarfen Polizei und Militär mit Steinen. Als die Menge der gesetzmäßigen Aufforderung znrn Auseioandergehen nicht Folge leistete und fortgesetzt die Truppe mit einem Steinhagel überschüttete, mußte diese von den Woffm Gebrauch machen. Drei der Aufrührer wurden getödiet, ebenso viele verwundet.
Luzern, 9. Mai. Die Gotthardt-Bahv hat infolge der Unruhen in Ober.Jtalien den Güterverkehr eingestellt. Güter werden italienischersrit« von der schweizrri-
scheu Grenze ab nicht mehr befördert, Personen dagegen nur unter militärischer EScorte.
Paris, 9. Ma>. Bi« jetzt ist da« Ergebniß von 566 Wahlen bekannt. Gewählt find danach 198 Republikaner, 104 Radikale, 41 Socialisteu, 47 Monarchisten- Stichwahlen haben 181 stattznfioden.
London, 9. Mai. Meldung de« Reuter'schen Bureau«. Wie auS CHickamanga gemeldet wird, werden 40,000 Freiwillige baldigst angeworden und modilifirt werden. Damit würden, die schon vorhandenen 10 Regimenter regulärer Truppen eingerechnet, die Ges am mt-Streitkräfte auf 50,000 Mann gebracht werden.
London, 9. Mat. Der von Cuba nach Tampa zurück- gekehrte Oberst Acosta berichtet, die Insurgenten seien halb verhungert, in schlechter Kleidung und ohne Munition, also für einen Feldkamps unfähig.
London, 9. Mai. Die Räumung Wei-hai-wei» Seitens der Japaner wird am 20. d. M. erfolgen.
Athen, 9. Mai. Die National-Versammlung von Kreta richtete an den Prinzen Georg ein Telegramm, in welchem sie den Wunsch auSsprichi, den Prinzen bald al« G o uv er neur begrüßen zu können. Der Prinz dankte, ignorirte aber de« letzteren Paffu«.
Key West, 9. Mai. Eine telegraphische Meldung au» Port-au Prince besagt: Nach hier eingrlaufenem Bericht vom Cap Haiti wurde da« Geschwader deS Admiral« Sampson in nördlicher Richtung bemerkt, ebenso wurden gestern 17 spanische Schiffe, von denen ein Theil Kriegsschiffe waren, in der Nähr von Portorico gesehen. Gestern in Key West eingetroffene deutsche Seeleute bestätigen, daß am Nachmittag starker Kanonendonner in nordwestlicher Richtung zu hören war.__________________________________
Wahlbewegung.
• Nürnberg, 10. Mai. In einer gestern hier abge- haltenen socialdemokratischen Wählerversammlung wurde der Verleger der „Tagespost", Dertel, wiederum als Candidat für die Rrichstagswahlen im Wahlkreise Nürnberg Altdorf proclamirt. ____________________________
wrtb
Sieben, 10. Mat 1898.
Gerichts-Personalien. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den OberamtSrichtrr bei dem Amtsgericht Friedberg, Geheimen Juftizrath Karl Sellheim, auf fein Nachsuchen und unter Anerkennung feiner langjährigen mit Treue und Eifer geleisteten D euste mit Wirkung vorn 1. Juni 1898, in den Ruhestand zu versetzen.
PopPersonoluachrichten. versetzt find: Der Post- secretär Rink von Mainz nach Karlsruhe (Baden) als c. Ober - Postdirection-secretär und der Ober-Postaffistent Heß von Trtberg nach Groß Gerau. — Ernannt ist zum Kanzlisten der Telegraphen-Affistent Görnert in Darmstadt.
• • Theater. Wir können unseren Lesern die angenehme Mittheilung machen, daß der Theaterverein die theater- lose Sommerzeit demnächst durch eine Dilettantenvorstellung unterbrechen wird, deren hoffentlich recht reicher Ertrag zum Besten eines Theater« oder Gaalbaue« vestimmt ist. Die Vorstellung wird Anfang Juni statifinden, die Proben dazu find schon seit längerer Zeit im Gange. Wir hoffen, in Kürze Nähere« über diesen interessanten Theater- abend mittheilen zu können.
* • DaS nächste bchwnrgericht beginnt am 6. Juni d. I.; zum Vorsitzenden wurde Herr LandgerichtSrath Schmeckenbecher ernannt.
• • All Heil! Laut Bekanntmachung im amtlichen Theile können die neuen Nummerplatten nebst Radsahr- (arten von heute ab bei Großh. Polizeiamt in Empfang genommen werden. Die Zahl der bisherigen Anmeldungen beläuft sich auf 667, wovon die ersten 20 Nummern von Mitgliedern der „Wanderer", die Nummer 1 vom Vorsitzenden geführt wird. Die Nummerplatteu tragen auf weiß lackirtem Schilde den Buchstaben G in schwarzer und dahinter die Nummer in blauer Farbe. Die Platten haben Vorrichtung zum Befestigen an der Bremßstauge.
• • 9 llhr-Ladevfchlnb Die auf Anregung de« Detaillisten Verein« feit Beginn diese« Monat« geübte Schließung der Läden um 9 Uhr Abend» scheint Anklang gefunden zu haben- zunächst äußern sich die Angestellten befriedigend über die Neuerung, während das Publikum fich leichter, al«


