1898
Mita« dm 11. März
Zweites Blatt
!Wr. 59
Gießener Anzeiger
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Kchnkßrntze Nr. 7.
Fort mit dem Duell.
AuS dem Zolo-Processe find eine große Anzahl Zweikämpfe entstanden zwischen Personen, die in den Berhand- lungen verschiedener Anficht waren und fich gegenseitig Injurien an den Kopf geworfen hatten. DaS Dmll zwischen den Obersten Picquart und Henry ist bereits auSgefochtea worden und hat mit einer leichteren Verwundung des Letzteren geendet. Picqaart stehen aber noch mehrere Zweikämpfe bevor, und es ist fraglich, ob er seinem Borsatze treu bleiben tann, der Herausforderung nicht Folge zu leisten. Ein anderes Duell, das den Tod des bekannten italienischen Abgeordneten Cavalotti zur Folge hatte, ist am Sonntag zum AvStrag gebracht worden und erregt wegen seines unglücklichen AuSgangS berechtigtes Aufsehen. Cavalotti war in weiten Kreisen deS italienischen Bolles äußerst beliebt und deßhalb ist eS begreiflich, wenn bte Demonstrationen einer großen Menschenmenge in die Forderung auSklangen: „Fort mit dem Duell!"
Zweikämpfe find in Frankreich und Italien nichts Seltenes und in den meisten Fällen sehr unblutiger Natur. Dies ist aber wohl auch die Ursache, daß in der leichtfertigsten und sorglosesten Weise Duelle entrirt werden. Cavalotti stand zum dreiunddretßigsten Male einem Gegner gegenüber und Letzterer, der Direktor der »Gazetta di Venezia", hatte ebenfalls schon etue stattliche Anzahl von Duellen überstaodeu! Im Allgemeinen find die Gründe dazu weit hergeholt. So hat Oberst Picquart nur seiner Zeugenpflicht genügt, als er im Zolaproceffe seine Aussagen machte und über die Glaubwürdigkeit der übrigen Zeugen seiner Meinung Ausdruck gab. Gr stand mit seinen Bekundungen in Widerspruch mit den« jeuigen deS Obersten Henri. Sollte er nun nicht bet seiner Anficht beharren und dieselbe in jeder ihm zusagenden Weise bekräftigen? Ist eS weiter nothweudig, daß Major Esterhazy dem Obersten Picquart seine Zeugen schickt? Der letztere mußte vor dem Gerichte bekunden, waS er von dem Major hält, sonst würde er sicherlich seine Ansicht für fich behalten haben.
Und baß Duell tu Rom war ebenfalls nicht erforderlich. Es ist aus einer ZettuogSpolemik entstanden, die immer weitere Kreise gezogen hatte, aber ihre Erledigung jedenfalls in anderer Weise hätte finden können, als durch einen Zwei-
Feuilleton.
Aus grweihten Landen.
Von Karl Böttcher.
(Origtnalbericht unseres Special-Korrespondenten).
(Nachdruck verboten.)
VI. Der deutsche Kaiser iu Jerusalem.
Jerusalem, 21. Februar.
Alle möglichen Zeitungen haben eS wiederholt feierlich berichtet, alle Leser tapfer geglaubt: der deutsche Kaiser geht gegen Ostern zur Einweihung der Erlöserkirche nach Jerusalem . . . Dann wurden plötzlich auf der ganzen Linie die hoch- fliegenden Fahnen dieser fetten Neuigkeit eiugczogen. „Nein," hieß eS tu gleichem Pathos, „Seine Majestät reist nicht, denkt nicht dran, bleibt daheim." Und wieder gläubige Hinnahme von all den braveo Leuten.
Nur hier tu Jerusalem wag man von diesem Ausbleiben des Besuches nichts wiffen. In alter Frische durchschwtrren Ankunftrgerüchte die Lust, bet allen deutschen Herzen steht die HoffnuugSfreude iu üppiger Blüthe, während die Araber fragen: „Wie viel Geld bringt er mit?" und die übrigen Nationen fich freuen auf das aufstetgeude glanzvolle Grpräuge.
An einigen Kaeipttschen sickern sogar Einzelheiten über die tu Aussicht genommenen festlichen Veranstaltungen durch: Etliche Schmutzgäßchen find uiederzureißeu, die türkischen Soldaten erhalten neue Uniformen, sämmtliche Bettler werden am Ankunftstage eingesperrt.
Diese wtrre Sachlage vergegenwärtige ich mir, während ich zwischen den Felsen eines muhamedanischeu Kirchhofes auf dem Rücken liege und durch das schattende Gezwetge eines Olivenbaumes in den tiefblauen Himmel starre. Im dunklen Geäst heiteres Vogelgezwitscher, aus weißen Grabsteinen zirpen die Grillen und mein Herz ist durchhallt von fröhlichem „Hurrah! . . . Hurrah!" . . . O, wundersame Herrlichkeit, so fiuuend inS lichtvolle Himmelsgewölbe zu gucken, bet frisch mousfirender Phautafie an die Ankunft deS Kaisers zu denken, zu träumen ... zu träumen--
Alle Wetter, heute, ja freilich — heute wird der Kaiser
kämpf. Freilich geht aus Allem, waS über die Angelegen, hett verlautet, hervor, daß keiner der beiden Gegner dem anderen ans Leben wollte und fich Jeder begnügt hätte, wenn er seinem Feinde einen ungefährlichen Riß beigebracht haben würde. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt, und so ist wieder aus nichtiger Ursache ein Menschenleben dahin geopfert wordrn, baß dem Staate und dem Volke noch werthvolle Dienste hätte leisten können.
In den beiden romanischen Ländern entspringen die Duelle meistens Differenzen auf politischem Gebiete. Es ist ein großer Fehler unserer heutigen Politiker, daß fie vielfach die Person nicht von der Sache zu trennen vermögen. Eine Sache, für die man fich nicht begeistern kann, die man vielleicht sogar für gefährlich anfieht, mit allen Mitteln bekämpfen, ist edel und zu billigen, unstatthaft aber ist eS, diejenigen Personen, welche für jene Sache aus Ueberzeugung eintreten, persönlich anzugreifen und fie vielleicht ob ihrer Anficht zu beschimpfen. Ebenso unedel ist cs, wie das leider auch bei uns immer mehr zur Gewohnheit wird, Männer, welche in der Orffentlichkeit stehen und mit denen man in politischer Beziehung nicht eines Glaubens ist, Vorhaltungen zu machen aus ihrem vergangenen Privatleben. Dadurch werden nur die Leidenschaften hervorgerufen, Existenzen zerstört, Haß und Rachsucht erzeugt, die dann vielleicht ihren Ausgang haben im Zweikampfe, in der Vernichtung von Menschenleben.
ES ist noch gar nicht so lange her, da wurde aach die öffentliche Meinung Deutschlands stark beunruhigt durch zahl- reiche Duelle, welche zwischen bekannten, auf hoher Lebens- stufe stehenden Männern ausgefochten wurden und mehrfach mit dem Tode des einen Partners endeten. Die Erregung hatte damals einen großen Umfang angenommen und u. A. auch dadurch ihren Ausdruck gefunden, oaß die Umsturzvorlage abgelehnt wurde, weil die Regierung den CentrurnS- autrag wegen Aufhebung der Duellparagraphen und Stellung des Zweikampfs unter die allgemeinen Gesetzesbesttrnmungen nicht annehmen wollte. In der letzten Zeit ist wieder eine Beruhigung eingetreten, und man hat lange nichts mehr von blutig verlaufenen Duellen bei uns gehört. Hoffentlich bricht fich immer mehr die Anficht Bahn, daß der Zweikampf in jeder Form verwerflich ist und nicht mehr iu unsere Zeit paßt.
(xx)
in Jerusalem avkommen, und peßhalb muß ich rasch, rasch nach dem Bahnhof stürmen.
Bor wenig Ttuaden wurde der hohe Reisende durch daS auftrotzkude Gkltpp im Hafen von Jaffa hindurch auS- gebootet. Draußen auf der Rhede kräuselt über blauen Wogen noch daS Rauchgewölk der „Hohenzollern"; ihr kaiserlicher Herr jedoch dampft bereits im Exirazug herauf gen Jerusalem. Nun die ZionSstadt im Festgewand, die ZionS- fiadt in lachender Majestät. Dabei wacht die Jerusalemer Tonne dem Kaiserbesuch ganz besonders den Hof. Wie ein strahlender Diamant auf tiefblauem Tammt — so glitzert fie am Himmelsgewölbe. Auch daS kleinste Wolkentüpfelchen davongeflogen. Kaiserwetter auf Jerusalemer Luft gepfropft.
Wer über Beine verfügt in Jerusalem, Bethanien, Jericho, Hebron oder sonst welchen Ortschaften auf eine TageSretse tu die Runde — all die Tausende und Tausende haben sich vollzählig auf der langen Straße zwischen Jaffathor und Bahnhof eingefundeu. Beduinen in weißsetdenen Mänteln und mit Palmenzwetgeu in den Händen, Züge von Landlenteu tu dicken SchafSfelleu, vornehme Türken auf buntgeschmückten Eseln, Unmassen verschleierter Frauen, Juden in violetten Setdengewäudrrn und röthlichen Pelzmützen, hunderterlei farbenreiche Raubererscheinungen mit wahren Arsenalen von Waffen in den rothen Gürteln, Priester jeder Religion, Pilger aus allen Winkeln des Erdballes, — daS Alles ist auf dem Plan erschienen und steht und schiebt und wühlt wirr durcheinander. Trotzdem schönste Ruhe und Ordnung- aber auch nirgends Polizeipickelhauben, unter deren Schildern heraus dicke Schnurrbärte hinein in die Menge schnauzen, nirgends Schutzmänner, welche mit den Hintertheilen ihrer Pferde die Fronten des Publikums glatt streichen.
Achtung! . . Einige tausend Soldaten zur Spalterbtlduug rücken an. O, fie machen sich gut, die neuen Uniformen! Bravo! . . Die Erwartung schwillt, steigt, schwappt beinahe über. Alles in fieberhaftester Erregung.
PIStzttch Böllerschüsse, Mustk, ©lotttngiUntt. Der Extrazu, keucht In den Bahnhof, wo -I» Srotznezier aus Konstantinopel, deff-n Namen ich In der Eile nicht ersahren kann, den Kaiser Im Auftrag des Sultans willkommen heißt
Aus den Verhandlungen der Zweite» Sammer der hessischen Stünde.
G. Darmstadt. 9. März 1898.
Die Debatte über den Justiz-Etat wird heute fortgesetzt. Die Abgg. Weidner, Friedrich und Joutz sprechen in gleichem Sinne, wie die gestrigen Redner Über die Gerichtsschreiber und Über die Gesängnißarbeit. — Adg. Ulrich stellt ft ft, daß eine Animosität zwischen etnzelueu Richtern und den Rechtsanwälten doch bedenklich sei. Diese Thatsache müffe von der Regierung im Auge behalten werde«, weil hierdurch dem rechtssuchenden Publikum unter Umständen recht empfindliche Nachtheile erwachsen könnten. Wenn Über diesen Punkt von der Regierung auch keine ministerielle Verfügung erlaffen werden könne, so sei es doch ihre Pflicht, irr den einzelnen Fällen Remedur zu schaffen. Bezüglich der GehaltSverhältniffe der Hilfsgerichtsschreiber habe fich der Finanzausschuß noch nicht beschäftigen können. Eine moralische Pflicht der Regierung sei eS, hier beffernd eivzntreten. Die Gesängnißarbeit schädige allerdings die Mehrheit der Geschäftswelt und er sei zu wünschen, daß die Regierung art die Aufhebung dieser Privat Concurrenz herantrete. Sie möge die Gefangenen für ihre eigenen Bedürfnisse arbeiten laffen. — Abg. Glaser bespricht die in Starkenburg und Oberheffen fnngirendeu OrtSgertchte, welche fich bereits über 46 Jahre als gut bewährt hatten. Jetzt wolle man auch noch die theueren Notariate einsühren, und dagegen werde er auftreten. Mit den OrtSgerichten sei daS Publikum sehr zufrieden. — Ministerialrath Dittmar erklärt, die Regierung stehe auf dem Standpunkt, daß fie bet der Einführung deS bürgerlichen Gesetzbuches weder auf die Beibehaltung der OrtSgertchte, >noch der Notariate Werth legen, sondern nur dafür eintreten werde, maß die RetchSregierung als ein ve- ditrfniß verlangt. Diese Frage müsse für baß ganze Land geregelt werden und strhe etue eingehende Reform der Notariate in Aussicht. Besonders würden OrtSgertchte auch in Rheinhessen rtngesührt werden. Die Schretbgehtlfen staot' lich anzustellen, gehe nicht an, weil bann diese Stellen von der Militärbehörde für ihre Mtlitäranwärter in Anspruch genommen werben. Dadurch würden diese Schreiber brodlos werden. — Die Abgg. Pitt Han und Euler besprechen noch die Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches, besonders
Auf der Straße Commaudorufe, PrSsentiren der Ge wehre. Bieltauserid sonnenverbrannre Gesichter wenden sich tm Profil wie gebannt dem BahnhofSetngange zu . . . Ha, da saust auch schon der goldstrotzende Wagen deS Kaisers heran! So fröhlich hat Seine Majestät wohl lauge nicht hiueingelachr in sonnigsten Sonnenschein. Neben dem Kaiser fitzt in knallrothem Frz der wohlgenährte Großvezier, dessen müdes Geficht ziemlich aufgekratzt erscheint, als wolle er der staunenden Menge zurufen: „Na, endlich einmal etwas los in eurem Jerusalem!" . . Jetzt Wagen mit verschiedenen deutschen Fürstlichkeiten, und jetzt ein überbuntes, farbenreiches berittenes Gefolge, — ein prachtvolles, auf arabischen Pferden dahersprengeudeS rieflges Tulpenbeet . . .
Sogleich geräth der Kaiserzug in eine wahre Hochflnth von stürmisch herausgejubelten Willkommengrüßen, wobei fich hochgefchwungene Palmenzweige in stolzer Grazie neigen. Dazu zittert das Sonnenlicht auf bunten, über mächtigen Triumphbogen hängenden Teppichen und verklärt all die Tausenden von fröhlichen Gefichtern. »Ach, wer daß nicht gesehen hat," würde mein immer in Extase herumsprtugeuder Freund Lehmann sagen, der hat nichts gesehen!"
Die Soldaten senken die Waffen. Dir zusammengtteilte, schwitzende Menge vertheilt fich. Mühselig dränge ich mich durch bis zum kaiserlichen, unweit deS JaffathoreS aufge- schlagenen Gezelt.
Einige Stunden später. Die gegenseitigeu Besuche deS Kaisers beim Pascha von Jerusalem und deS Paschas beim Kaiser — vorüber. Der lang ersehnte EinzugStag zu Ende. Weich finkt die Nacht herab auf die erregte, allmählich ermüdende Stadt . . .
Hinter dem kaiserlichen Gezelt ein große», wirres Lager von Tausenden schlafender türkischer Soldaten mit flackernde» Feuern und gespenstisch auf und nieder schreitenden Wachen. So schliefen auf diesen Höhen die Heere von Nebukadnezar, von TimS, von Gottfried von Bouillon. Drüben versilbert der Mond die Mauern und Thürme der altehrwürdigen Stadt und ringsum erglänzen die Berghöheu in weißlicher Mondpracht.


