Nr. 59 Erstes Blatt
Freitag den 11. März
1898
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Deutscher Reichstag.
58. Sitzung vom Mittwoch deu 9. März 1898.
Ja Erledigung eine« schleunigen Antrages Auer beschließt da« Haus zunächst vorläufige Einstellung eine« gegen den Abg. Schmidt« Frankfurt schwebenden Prtvatklage- VerfahreuS.
ES folgt dir Fortsetzung der ersten Lesuug der Anträge (Gesetzentwürfe) Schneider und Lieber, betr. die eingetragenen BerufSvereioe.
Abg. Hehl von Herrnsheim (nl.) erklärt, daß seine Partei diese Anträge nicht annehmen könne. Dieselbe wünsche die Gründung obligatorischer Berussvereiue, welche Arbeitgeber und Arbeitnehmer in sich vereinten. Er gebe zu, daß auch in Deutschland manchmal Arbeiter durch Arbeitgeber auSgebeutet würden, aber im Ganzen erwiesen die Arbeitgeber den Arbeitern mehr Entgegenkommen, auch noch über die gesrtzlichen Vorschriften dtnauS. Er verweise da auf die wohlthätigen Einrichtungen deS Herrn v. Stumm Da« einzig Richtige seien gemeinsame Orgaoisationeu von Arbeitern und Arbeitgebern, wovon ja schon tu deu Gewerbegerichteu ein Beispiel vorliege.
Abg. v. Glm (Soc.) wirft dem Centrum vor, warum c0 diese Angelegenheit nicht schon beim Bürgerlichen Gesetzbuche geregelt habe. Er führt sodann weiter aus, man behaupte, sür Deutschland sei wegen seiner Soe<algesetzgebuag ein Bedürfuiß für ein solches Gesetz nicht vorhanden. Daset aber irrig. Schou jetzt zahlten viele Gewerkschaften Zuschüsse zu deu gesetzlichen Krankeuunterstützungeu. Alters- und Jnvaliden-Reuteu seien zu niedrig, auch Javalidenunter- stützuugen würden de-halb schon jetzt vielfach von Gewerk- schäften gezahlt. Bor Allem aber fehle e- an einer staatlichen Arbeitslosenversicherung. Redner polrmifirt des W-iteren lebhaft gegen Herrn v. Smmm. E ne unerhörte Beleidigung fet dessen Behauptung, daß die Arbeiterorganisationen dazu da seien, den Führern eine gute Versorgung za verschaffen. Ganz unhaltbar sei StummS Beurtheilung der englischen Gewerkschaften und de- MaschinenbauarbiiterstrikeS. Völlig unwahr seien die Angaben deS Herrn von Stumm über die Löhne und die Lebenshaltung der Arbeiter in Amerika im vergleich zu Deutschlaad. Ferner sei auch falsch die Ansicht, daß die Gewaltthätigkeiten häufiger seien bei organifirten Arbeitern, als bei uuorganisieten. Da- Gegentheil sei der Fall. Auf den Strikes der Schauerleute in Hamburg eingehend, betont Redner, Laß es dort bei den Unruhen den Poltzisteu schlecht gegangen wäre, wenn die Str.keSsÜhrer nicht so besonnen gewesen wären. Ohne Grund sei von deu Polizisten verhauen worden, wer einen Arbeirerktttel trug. Den Leuten au den offenen Fenstern sei zugrrusen worden: Wenn Ihr Hamburger Lausepack nicht die Fenster schließt, komme ich mit meinen Polizisten hinauf. Sodann erklärt sich Abg. v. Elm gegen den Antrag Lieber, der die Beruf-oeretne lediglich deu Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über die Vereine überhaupt unterwerfen wolle. Seine Freunoe gäben dem Anträge Schneider den Vorzug.
Abg. Jakob-koetter (cons.) ist gegen die Anträge, weil ein Bedürfniß für bas, wa« dte Anträge forderten, gar nicht vorliege. Solche Anträge dienten nur dazu, deu iunereu Frieden zu ruintreu.
Abg. Hitze (Centr.) bezeichnet als dte beste Bekämpfung von Mißbräuchen deS CoalttionSrechtS die Organisation der Beruf-Vereine. Die Conservattven würden sicher gern diesem Gesetze zusttmmen, wenn eS Nicht auch den Arbeitern zu Gute käme. Aber man könne doch nicht den Arbeitern vor- ruthalten, wa- Anderen gegönnt werde. Dte Goctaldemo- kraten hätten ja auch offenbar nur so lange etn Jutereffe an diesem Gesetz, al« dte Herren recht- Gegner de«selben seien. Habe der Vorredner etn so große« Jntereffe au den chrtst. ttchen Arbeitervereinen, dann möge er eS doch auch hier be* thättgen. Redner nimmt weiter dem Abg. v Stumm gegenüber Bezug auf Arbeitervereine, welche ausdrücklich in ihren Statuten sagen, daß ihre Lohutarisbestrebungen im Einklänge bleiben sollten mit dem Jntereffe deS Gewerbe«. Daraus fet zu ersehen, daß sie da« Gedeihen des Gewerbe« wollten. Da« fet doch nichts Revolutionäres. Herr v. Stumm habe auch gegen Professoren geeifert. (Heiterkeit). Die Orgaui- satiou sei für den Arbeiter ein Leben«- und Rechtiintereffe- der Arbeiter sei sonst dem Arbeitgeber gegenüber machtlo«.
Nunmehr vertagt sich das Haus aus morgen 1 Uhr. Tage«- Ordnung: Freiwillige Gerichtsbarkeit. Post- dampfrrgesetz.
Schluß 6 Uhr.
Deutsches Reich
Berlin. 9. März. Da« Mausoleum in Charlotteu- burg war heute auf da« Prächtigste geschmückt. Kurz nach 9 Uhr rraf der Kaiser in offenem Wagen ohne Begleitung dort ein und legte für sich und die Kaiserin am Sarge seines Großvater- kostbare Kränze nieder. Acch vom Großherzog und der Großherzogin von Baden waren Kränze eiugetroffcn. Später übersandte dte Kaiserin Friedrich einen Kranz.
Berlin, 9. März. Dem Reichstage wird in der Nächsten Zett rock ein Nachtragsetat zngehen.
Berlin, 9. März. Nach den GefchäftSdi-pofitionen bei Reichstages wird beabsichtigt, den Etat zunächstia zweiter und dritter Lesung im Plenum durchzuberathen und dann dte Flottenvorlage durchzunehmen, falls dieselbe bis dahin in der Commission erledigt ist.
Berlin, 9. März. Die zustimmende Erklärung der uattonallibetaleu Fraclton zu dem wirthschaftlichen Aufruf ist sowohl vom CcntrumS-Borfiaad und von den Vorständen der Reichstag«- und LandiagS-Fractionrn einstimmig angenommen, al« auch von den vereinigten Fractioneu nahezu einstimmig beschlvffen worden.
Berlin, 9. März. Die Berathungen der CentrumS- Fraction de« Reichstag« über da« Flottengesetz find gestern Abend unter Betheiligung von etwa 80 Mitgliedern fortgesetzt worden und zwar ebenso wie am Montag Abend in einer GeueraldtScusfion. Bestimmungen und Beschlüsse find, wie dte „Germania" berichtet, auch gestern noch nicht erfolgt. Die Aussicht auf eine Einigung und Verständigung innerhalb der Fractiou hat durch die Verhandlungen de« gestrtgeu Abends t'tr. Stärkung erfahren. Mit Rücksicht auf dte bevorstehende Plerarberathung' der Milttärstrafproceß- ordnung ist dieser Gegenstand für die heutige FractionSfitzung auf dte Tagesordnung gesetzt worden.
Berlin, 9. März. Die Budget-Commission deS Reichstages hat den Marine Etat heute noch nicht beendet. Dte beantragte Erhöhung des Gehalt« des StaatSsecretärS deS Marineawt« um 6000 Mark wurde vorläufig abgelehnt. Morgen wird die Berathung fortgesetzt.
Berlin, 9. März. Die Commission de« Abgeordneten- Hause« zur Berathung der Privat-Docenten-Borlag e hat heute die zweite Lesung beendet. Da« Gesetz wurde mit 13 gegen eine Stimme angenommen, nachdem § 5a in einer vermittelnden Faffung de« Dr. J>mer, wonach die Zuziehung eine« Rechtsanwaltes bet der mündlichen Verhandlung eines DiSciplinarverfahrenS erlaubt sein soll, angenommen war.
Berlin. 9. März. Nachdem heute im Abgeordnetenhause die Vereidigung der neu eingetreteuen Mitglieder fiattgefundeu hatte, wurde dte Bedachung über den CultuS- (tat fortgesetzt und eine Reihe von Titeln angenommen. Morgen Nothstands-Vorlage und A sirdelungS-Novelle; dann Fortsetzung der Berathung de« CultuSetat«.
Berlin, 9. März. Die „Berl. Corresp " meldet: Ober- bürgermetster Becker in Köln ist als Bürgermeister der Stadt Köln auf fernere zwölf Jahre vom König bestätigt worden.
Frankfurt a. M., 9. März. Wie der „Frks. Ztg." aus Berten gemeldet wird, verlautet zuverlässig, daß dte Reichstag «wählen tu der zweiten Hälfte de« Juni und die LandtagSwahleu im October statrftaden werden.
Köln. 9. März. Die „Köln. Doiktztg." schreibt, betreff« der schließlichen Stellungnahme der CentrumS-Fractiou zur Marinevorlage laffe sich bisher noch nicht einmal vermuthungswelse etwa« sagen. Sine auS Schlesien kommende, in dem genannten Blatte veröffeotlichte Zuschrift fordert dringend, daß da« Centrum sich nicht spalte, möge die Entscheidung ausfallen, wie sie wolle. Eine Spaltung würde nicht nur im Süden Deutschlands, sondern auch unter den Katholiken Preußen« unheilvolle Verwirrung aurtchten, so daß mau eine Wiederholung der Corfltcte befürchten wüßte, wie sie seiner Züt bet der Milttärvorlage zum An-bruch gekommen sind
Zerbst, 9. März. Der auhaltische Landtag hat dal Gesetz auf Beseitigung de« CoalitiouSverdotS von Vereinen einstimmig ohne Compeasarioneu angenommen.
Sluslatafc.
Prag, 9. März. Gestern Abend kam eS wiederum zu Demoustratiooeu, dtePolizei mußte energisch einschreiten. Die Geschäftsinhaber wollen eine Deputation zum Statthalter schicken, da infolge der fortdauernden Exceffe da- Geschäft de« Abends vollständig ins Stocken gerathen ist.
Arc«, 9. März. Infolge des fett längerer Zeit au-
haltenden Rrgenwetterl ist der Bahnkörper zwischen Maroi und Arco unter Wasser. Der Verkehr ist, nachdem ein Personenzug entgleiste, wobei aber Niemand Verletzungen davontrug, eingestellt worden.
Pari!, 9. März. Die Zeugen Esterhazy« haben dem Obersten Picquart ein Schreiben gesandt, in welchem sic erklären, daß die zwischen ihnen und Picquart bestehenden Meinungsverschiedenheiten einem Ehrengerichte unterbreitet werden sollen. Zum Vorsitzenden de« Ehrengericht« wurde General Dufoure gewählt, der fich auch zur Annahme diese! Posten« bereit erklärte. Ferner wird in dem Schreiben gesagt, daß die Zeugen PicquartS und Esterhazys je drei Mitglieder zum Eintritt in das Ehrengericht wählen können, aber nur solche Personen, deren Ehre unangetastet ist und die mit keinem der beiden Gegner verwandt sind. Esterhazy und Picquart werden persönlich vor dem Ehreugericht erscheinen könne». Die Verhandlungen sollen veröffentlicht werden und Picquart har man bi« zum Freitag Zett gelaffeu, die Vorschläge zu acceptireu.
Paris, 9. März. Eine Versammlung von 200 Depn- tirten aller Parteien sprach fich für zweijährige Milt- tärdienstzeit au« und nahm einen Beschlußantrag an, worin die Regierung ersucht wird, einen Gesetzentwurf auf der Grundlage dieses PriucipS vorzubereiteu.
London, 9. März. Aus Honkong wird gemeldet, ei» französischer Kreuzer, ein Kanonenboot und ein Torpedoboot seien in Hot^Wow angekommeu.
Bombay. 9. März. Die Unruhen entstanden durch den Versuch von Santtäi-beamteu, den Grund der Krankheit einer Mohamedanertn zu erfahren, die in Ripoueoad wohnte. ES wurde ihnen jedoch der Zutritt zum Hause verweigert. AlSbald sammelte sich eine große Merffchrnmrnge an, dte nach den Beamten mit Steinen warf. Dte Beamten zogen fich zurück, um im Revierbureau de« Polizetdistrict« Unterstützung zu holen. Bewaffnete Polizisten begleltden die Beamten zu dem bctreffrnden Hanse. Der erneuten Forderung, dte Kranke au«zulteferu, wurde nicht staitgegebeu. Ein persischer B amter forderte dte Menge auf, auSeinanderzugehen, und gab, all man thn schlug, der Polizei Befehl zum Angriff. Vier Moha- medaner wurden getödtet und mehrere verwundet. Dte Aufregung verbrettete fich mit beunruhigender Geschwindigkeit weil er. Kein Christ, gleich welcher Nationalität, kam unbehelligt davon, wenn er tu dte Hände der HtnduS gerieth. Biele wurden thätlich angegriffen. Zwei europäische Soldaten sollen beinahe getödtet sein. In der Vorstadt Bhculla griff der Pöbel die Victoriagebäude an.
CocaUt rrnd provinzielles.
Gießen, den 10. März 1898.
* • Ihre König!. Hoheit Prinzeffiu von Battenberg nebst Gefolge pasfirteu heute früh 8 Uhr 2 Min. die hiesige Station und nahmen da« vorher in der Bahnhofsrestaurattou bestellte Frühstück im Waggon ein.
• * Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 19. Januar ien Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr zu Worml Adolf Zucker, Jacob Becker, Johann Thorn und Carl Dür lng.
♦ ♦ Theaterverein. Die gestrige sechste Vorstellung bei Vereins machte Gießen mit einem Stück bekannt, da« eine jetzt im Mittelpunkt der Erörterung stehende Frage, dal UniversitätSstudium der Frauen, behandelt. „In Behandlung- von Max Dreher schildert in kräftigen Strichen die enormen Schwierigkeiten, mit welchen eine Frau nach besten« volleudttem Studium der Medtcin zu kämpfen hat, wenn sie al« Aerztta practic'ren will, Schwierigkeiten, denen sie unterlegen wäre, wenn nicht die Liebe al« Retterin in der Noth erschiene. Lilbeth Weigel ist in einer kleinen Stadt aufgewachsen, sie hat von Früh aus einen energischen Sinn bekundet und hat es schließlich trotz Widerspruchs ihrer Verwandten, allein unter dem Beifall eines alten Onkel«, durchgesetzt, Medtcin studirrn zu dürfen. Al« sie aber nach beendeten Studium sich als Aerztin niederlaffen will, als sie darauf besteht, das Gelernte nun auch zum Heile der Menschheit zu verwerthen, da stehen alle ihre weiblichen Verwandten einmürhig gegen sie auf und suchen sie von einem nach ihrer Ansicht so »nweiblichen Berufe abzubringen. Aber daS steigert in ihrem Eckkopf nur noch da« Verlangen nach Ausübung de« ärztlichen Beruf«, sie überwirft fich mit ihren Verwandten — nur der alte Onkel SchiffScapitän und ihre ganz junge Cousine Mary stehen noch treu zu ihr — und läßt fich nun gerade da nieder, wo sie von Jugend auf


