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10.12.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 2«0 Erstes Blatt. Samstag den 10. December

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 8. December. Seine königliche Hoheit der Grotzherzog haben Sich heute Vormittag zur Jagd bei Herru Major ä la suite Fehrn v. H hl nach dem Nonnen- dusch begeben und werden tm Lause del später en Nachmittags hierher zurückkehren.

Berlin, 9. Dicember Die Kio au zl ag e tm Reiche, vsficiöl wird die Thatsache betont, daß dec schon im lausenden Jahre ganz ungewöhnlich hoch bemessene Betrag der aul den I ordentlichen Einnahmen zu destreiteudea einmaligen Ausgaben I trotz del Mehrbedarsl i« Ordtuarium von rund 24 Millio- en Mark nm weitere rund 20 Millionen erhöht werden I tonnte, ohne die Spannung zwischen Matricularumlagev and I Heberroctlungen gegen dal Vorjahr zu erhöhen. Die Bündel« Paalen find tm Gegenthetl besser gestellt, all im lausenden Jahre- denn fie sollen au Uederweisuvgeu rund 85 M ll oven Mark mehr erhalten, während au Matrieularumlagea nur ettoal über 28 M llioueu Mark mthr anszudr ngen find. El wird Wetter dem-rkt : Wäre kein außergewöhnliches Bedürfniß zu einmaligen Ausgaben vorhanden, so würde auch dal ganze ] Ezctraordtnarium aul den ordentlichen Einnahmen dotirt werden köaneu. Wenn jetzt neben den einmaligen Aulgaben -im ordentlichen Etat in dem ungewöhnlichen Betrage von rund 162 Millionen Mark eia außerordentlicher Etat in höhe von 90 M ll'vnen Mark vorzuieheu war, so hat diel eben seinen Örunö darin, daß im nächsten Jahre die Lasten sür die Durchsührnng bei Kiotteoplaael mit der ersten Rate zur Dn'chsÜhrvng der Milüärvorlage nnd der letzten Rate sür die Reubewoffuuug der Artillerie zusammentreffev. Ja« folge dtesel Zusammeotr,ffens find allein die einmaltgrn llußgabku der Heer> loerwaltung aus rund 125 Millionen augeichwolleo. Schon tut nächsten Jahre wird stch dieser Tqeil der Anlgabrn beträchtlich verwtnocru- el bot beit stch also bei bet Einstellung einer Anleihe von nahezu 90 M'llio. ntn Mark um die Brsriedigung von ganz ausnahmsweise hohen vedürsmss-n nnb vichr entserut um einen danerndeu Zustand. Der vorliegende Etat beweist, so wird schließlich bemerkt, trotz bei Aule'hebebarsl von 90 M ll'vnen Mark etnc ganz ungewöhnlich günstige Lage der Re'chlftnanzen.

M.P.C. Betlte, 8. December. Die Wahlen zu den Handwerkerkammern werden in absehbarer Zeit nicht aulgeschrieden werden köanrn, »eil die Organisation bei Handwerks nicht genügend fortgeichruteu ist. Dal Wahlrecht zu den Handwerkerkammern steht nur den Handwerkern zu, welche stch ia den Innungen und Vewerbeveretnen zusammen- gesunden haben. Außerhalb tieser verbände stehende Hand- «erker find von den Handwerklkawmern aulgeschivffen. In Rezterungskreisen hat mau sein Augenmerk daraus gerichtet, daß den blher nicht oeganifirten Handwerkern auch die Möglichkeit geboten werde, durch N,ub»lduvg von vrrtinen stch das Wahlrecht zu verschaffen. Dal Bestreben geht dahin, daß die Handwerkerkammern all die Vertretung bei ge- jammten Handwerks ausgesaßt «erben.

M.P.C. Berlin, 8. December. I« Reichstag wird ar» genommen, daß die e^sie Etatsderathung bleimol einen ungewöhnlich großen Uwsang annehmen «erbe. Jalbesondere dürste auch eine Reihe von Fragen der anlwärtigen Politik zur Btsprechavß gelangen.

M.P.C. Der diesseitige Botschaster in Washington, Frhr. von Holleben, hatte am Soun» tag eine lange Besprechung mit dem Staatssekretär bei Auswärtigen Amtes. I r Reichltogskreisev wirb avgeuommen, d dieselbe io Zusammenhang stand mit den verhandlnogen, aus die Prästdeot Mae Kinley in seiner Botschast hinwiel, all er sagte, daß solche mit Deutschland ttn »ange seien, nnb daß man mittlerweile keine Mühe scheue, um Deutschland von der Gründlichkeit der Aussicht über die für die Aulsnhr aul den vereinigt« n Staaten bestimmten Schweine.Ptodvcte 10 Mp C bet Thronrede ist mehrfach eine Sv« deutung über die Haodellpolitik vermißt worden. Es ist aber doch nicht die Aufgabe von Thronreden, bereits Gesagtes immer zu wiederholen. Schon io der vorjährigen Rrichltagleröffonnglrede wurde bargelegt, daß der wirih» schaftliche »ulschuß die Bedingungen und den Umfang der weitverzweigten heimischen Gütererzeugnng klarftellen solle, um süc die künftige Sestaltcvg del Zolltarifs nnd der Handelsbeziehungen zum Auslände eme feste, den Bedürf- nfflen der Gegenwart ent'prechende Richtschnur zu gewmnen. Unser Zolltarif, so wurde weiter gesagt, habe nicht Schrut gehalten mit der modernen Entwickloog unserer Industrie, und el müffe Hand in Hand mit den beteiligten Erwerbs» zweigen selbst sestgestellt «erben, welches ihr gegenwärtiger

____ || 111 [ M Hl --------------------- 1 isbeiiage: Gießener Fannüenbli

Zustand sei, uab in weicher Beziehung dir in der Zukunft j za ergreifenden handelspolitischen Maßregeln diesem gegen- einigen Zustand Rechnung zu trogen hätten. Diese »r- betten, welche Jahre erforderten, wüßten bei Zeiten begonnen werben, damit wir beim Beginn unserer Vertragsverhand- lungen gerüstet seien. In diesen Sätzen lag das enthalten, was zunächst als handelspolitisches Programm sestzu» halten bleibt.

M.P.C. In Bundelrathskreiseu verlautet zu dem lipp e» scheu Kall, el werde der Bundeirath stch iw Priucip sür zuständig in Fragen erklären, die zu Meinunglverschieden» heiteo oder einem Streit zwischen verschiedenen Bundesstaaten gesührr haben. Wal bann iptcltll die lippe'sche Ersolgesrage betreffe, so werde stch der Vundesrath dahin entscheiden, daß el L^udelsache sei, Thronsolgesragen zu erledigen.

Zu den schlesischen Ausweisungen. Eine amtlich ausgestellte Liste derjenigen österreichischen Staats- angehörigen, die länger all fflaf Jahre in Breilau leben, ohne jemals von der Polizei behelligt worden za sein, ntn« faßt 326 Namen, deren Träger nach Angabe einel schlefijcheo Blattei den verschiedensten Erwerdszweigen, zum Theil fett zwanzig nnd mehr Jahren, unter dem Schutze der deutschen und preußischen Gesetze nachgehen. Eine andere, ebevsalli | amtlich ousgestellte Liste giebt die Namen derjenigen öster- reichlichen Staatiangehörigen an, welche seit dem 1. April 1898 In Breslau zugerogen und seither nnbeanstandet ge» biteben sind. Diele L ste umfaßt 397 Namen, wieder ans den verschiedensten Gewerbrn. von »uswetsunglmaßnohmen betroffen wurden dagegen in Breslau fett dem 1. April 1898, amtlicher «ulkuvst zufolge, insgesawwt 96 österreichische Staatsangehö.tge. Aber einem erheblichen Theile derselben ist aus besonderen Antrag von vornherein ein Aulstand be» willigt worden, vor Allem jedoch dürste die Thatsache nicht außer Acht zu lasten sein, baß mehr all die Hälste der 96 I stch vor versügung der Lulweisong hier in irgendwelcher I Weise strasdar gemacht hat.

Dal augenblickliche verhältoiß Oester» I reichl zum deutschen Reiche bildet den Gegenstand | folgender anscheinend aul maßgebenden Berliner Kreisen ein- I gegebenen Betrachtung in den8. R. 9?. **: ^Begreiflicher I Weise wurde die Thronrede Kaiser Wilhtlml in Wien sorg- sältig besonders nach dem Gefichtspunkte geprüft, ob stch In ihr etwa die jüngste Verstimmung spiegle, die durch die Er­klärungen des Grafen Thun hervorgemsen sei. Mit Be­friedigung gewahrte man, daß Kaiser Wilh'.lm von Kaiser Franz Josef oll seinem treuen Bundesgenossen sprach, sodaß die Befürchtungen wegen Etschüttervng del Bürdniffel keine Begründung fanden. Daneben ist der Zar all der teuere Freund btl Kaiserl bezeichnet, und ans dieser Abstufung mag man dann je nach Ermeffen die geeigneten SchlÜste ziehen. Jedenfalls ist die Warme, mit bei vom Herricher des rusfischen Reiches gelprochen ist, nicht zu übertetffen. Man war io W en io ftühereu Jahren so sehr an die Aul- ichtteßUchkeit der deutschen Freundschaft gewöhnt, daß man sich in die neue Nuance noch nicht recht stoben kann. Uebrigev» würde das Urtheil der deutschen Throorede über die Bundilgenofitnschaft mit Oesterreich Ungarn doch wohl anders gelautet haben, wenn nicht andere io Oesterreich wichtige Factoren io Betracht gekommen wären. Nach einigem Schwarken in Regierungskreisen ist man nämlich zu bem En'schlöffe gekommen, es sei schicklich, baß der Minister bei «eußern, Gras "olnchowski, seine Uebereinstimmung mit den Erklärungen bei Grafen Thun öffentlich kuudthue. Ja biesem Sinne wirb denn auch Baron vanffy die an ihn ge­stellte Jnterpellotion im ungarischen Reichstage beamworten. Er wird allerdiogl hivzusügen, .daß durch diese Haltung dal demsch-österreichisch-uogarische Büodniß auch nicht itn Entferntesten berührt oder beeinträchtigt »erbe*. Die öster­reichische Regierung habe stch eben ihrer S'aatlaugehörtgen angenommen; aber belhalb halte fie doch unerschütterlich fest an dem Bünbniffe von 1879, das hoch über allem Zweifel stehe. Auch ist man bemüht, einen anbexeu Differevjpunkt anl her Welt zu schaffen. Bekanntlich iuterpelline der polnische Abgeordnete Rurowlkt über ein angeblichel verbot, dal fetter# Kaiser W Ihelms gegen den demschen Tonsul io Beirut wegen vertreenng österreichischer neben der deutscher Firmen erging. Nun btwenthrt Dr. Rutowski die Meldung, ber zu Folge er bitte Nachricht von dem östrrreichiicheu Hanbellrninlüer Baron Dipauli emp'angen habe. Dieser habe die Interpellation keineSwegl veranlaßt- vielmehr sei ihm die Beschwerde über bal Eingreiseo bei deutschen Kaiserl von intereisttten F-rrnen von Oksterreichffch-Schlefien zuge» kommen. ES »äxc -llerdingl schlim« gtwesen, wenn fich

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em öfterreich'jcher Munster eiue Juterpellatioa oeiuUt uoite, deren Sp'tze stch gegen den deutschen Koller kehrt. Für uni Reichldeut'che erscheint eine ansmerksome 8 obaWtung bet Seitensprünge and Quertreibereien, bereu fiw d e Noviich- klerikale Mehrheit in Oesterreich und bie Vollst. ck«r threl »illeal schulbig machen, jebensalll auch sernerhin dringend geboten.

AusUnsS

M.P.C. Bern, 8. Dtc-mder. Auch in der Schweiz scheinen die baugevossenschaftlichen Anregungen, die namentlich von Deutschland und Eoglavd aulgehen, immer mehr auf fruch'bareu Boden zu sollen. Devt'chiaud d< sitzt jetzt 165 Baugenossenschaften, in England hat b*e Z>hl der­selben bereits 3000 überschritten. In Bald wurde kürzlich aut diese »«folge hingewtesen, und die Orgontiafon von Baugenoffenschasteu nach de« Princip der Lonsumvereme in's fluae gefaßt.

M.P.C. Frankreich. Ans de« französischen Ma- tineprogramm stguriren unter Ander»« 6 unterseeische Torpedoboote, die noch dem Typ bei in Ehtrdouig im Ban begriffenen Narval coostruiit werden sollen. Dieielben Haden ein Deplacement von 106 Tonnen, find 34 Meter laug uab 3,75 Meter breit. 217 Pserdlkläfie geben bei einer Schraube eine Fahrt von 12 Knoten. Die ganze A'M'rung soll aul 4 Torpedorohren bestehen. D:e Besatzung besteht aus 2 Offizieren nnb 9 Matrosen. Prell 648050 F aocs. Unseres W ffens wirb In ber deutschen Manne diesen Booten keine besondere Bedeutung beigelegt, denn der Begr ff unter­seeisch ist ein sehr dehubarer. Man kann näml ch unter Baffer, auch mit Hülse guter Scheinwerfer, nur auf ganz geringe Eatferuugea sehen, so daß bie sogenannten unter­seeischen Boote, wenn sie fich einem bestimm en Ziele näher» »ollen, gezwungen find, zunächst Über Woff:r an das­selbe heranzufahren, um dann erst wenige Meter vom Ziel entfernt zur Abgabe ihres To'pedoschuff:s unter» zutauchen. Bevor also nicht die Frage Del Sehens unter Wasser gelöst ist, wird wohl noch viel Zeit vergehen, bis unterseeische Torpedoboote die an fich schon großen Schrecken der Seeschlacht um ein Beträchtliches erhöhen.

Pattl, 8 December. Das Blatt ,eibertA* hat die Madame Pay, die Geliebte Ssterhaths, interviewen lasten. Bei dieser Gelegenheit erklärte Madame Pcy. fie sei im Begr ff, ihre Möbel zu verkaufen, um fich zu ihrem Geliebten zu begeben. Sie sei vor einigen Tagen aul London zurück- gekehrt, wohin fie Esterhazy wichtige Schriftstücke überbracht habe. Darüber btfragl, ob fie nicht Ihre Memoiren oeröffeot- lichtn «olle, antwortete fie, das könnte möglich sein, da fie nicht Rücksichten »le Esterhazy zu nehmen habe.

Pari!,8. December. Heme Mittag wurde vom Lassa- tioushof über den Antrag bei Advocateu LaKon ver­handelt, wonach die öonntplät der von dem Llvilgericht nnb von dem Militärgericht gegen Picqaart schwebenden Verfahren anlznsprechen nnd zwischen beiden Jurtldiciloneu zu entscheiden sei. I« Laufe der Verhandlungen verlal Atthalin dal An- klage-Decret gegen Picqaart, io welchem dieser beschuldigt wird, das Petit bleu gefälscht und lügnerisch behauptet zu haben, doffelde stamme von einer fremden Botschaft her, wodurch Esterhazy Kade compromittirt werden sollen. Des «eiteren beantragt Atthalin, die Acten der Picquart-Affaire eiuzufordern, welchem Anträge sich der Eaffationshof auschloß. Dadurch ist die Aofsch.ebuog del Proceffel Pieqaart be- schlofieue Sache.

Paris, 8. December. Der Lassatiovlhof erachtet fich in seinrm Urthell anl Mangel einer Vorlage ber mili­tärischen Acten nicht für genügend tnformlrt, um von Grnnb aus über den Recurl Piequartl zu entscheiden- er beschließt demnach, die Acten bei Kriegsgericht! eiuznforberv nnb beauftragt den Staatsanwalt, Ursen Beschluß bem General Zurlioben zuznstelleu mn ber Aagade, baß innerhalb 14 Tagen, vorn Tage der Zustellnvg an, ber militärische Dosfier anlzn- üefern fei. Zum gleichen Termine werden ber cwtle nnb bei mtlt Lnsche Untersuchungsrichter geha ten, ein Memorandum einzureichen. Zugleich ordnet der Loffationlhof die Unter­brechung beider gegen Picqaart schwebender Verfahren an, bis zur brfialttveo Eutschetdnvg des Recurses. Dal zahl­reiche Publikum nahm bal Urtheil ruhig auf. Fr.Z.

Marseille, 8. December. Sestern Abend fand gelegemlich einer von Preffen'ä etnberufenen Versammlung zn Gunsten Dreyfus ein großer Tumult statt. Die DrEhsul-Gegner drangen in dal Local ein, cm bal Zustanbe- kommen ber Versammlung zu verhindern, wurb-a aber nach kurzem Kampf aul de« Saal entfernt, 20 Personen erlitten