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10.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 264 Zweites Blatt Donnerstag den 10, November

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Gießener Anzeiger

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»reffe für Xpefchev: Ferasprecher Nr. 6L

Deutsche» Reich.

Berlie, 8. November. Wie der .^oft* aal Fulda berichtet wird, liegt der dortzusammeagetreteaea Bischofs« Loufereuz ctn Hattag del SardnalS Dr. Kopp vor, bühiagehead, la einer gemeinsamen Adresse de« Kaiser den Dank für die thatkräftige Unterstützung der katholischen Kirche im heiligen Lande zu vottren. Er soll fich hieran ein Hirtenbrief an Klerus und Laienwelt schließen, in dem die Gläubigen anfgefordert werden, durch die That wie durch das Gebet das große W«rk des Kaisers zu sördern, auch die Arbeit des heiligen Stuhles durch finanzielle Beihilfe zu unterstützen.

Berlin, 8. November. Der bisherige Herausgeber der .Täglichen Rundschau-, Graf von HSnsbröch, erklärt, daß er die Herausgeberschaft der .Täglichen Rundschau- nirdrrlegt.

Berlin, 8. November. Für ein Zuckercartell wird wiederum agitirt. Nach der .Magd. Ztg.- hatten fich einem Zuckersyudtcat tu Magdeburg zu Anfang des Jahres von den i» Ganzen bestehenden 403 Zuckerfabriken 161 angeschloffen. Nach der .Magd. Ztg.- sollen fich die Ausfichten cttf das Zustandekommen des Sartells neuerdings günstiger gestellt haben. Das Zuckerlyndtcat soll in Thätigkeit treten, nachdem so viel Rübeuzuckerfabrtkeu, daß deren Erzeugung 9 Mill. Doppelcentner beträgt, fich vertraglich verpflichtet haben, Zucker durch das Syndikat verkaufen zu laffeu. Für baß öer- hältniß zu Raffinerien wurde ein Vertrag ausgearbeitet, der io Kraft treten soll, sobald Rübenzuckerfabrtken es vollzogen haben, die über mindestens 97 pEt. des Gesammteonttgents der Rübenzuckerfabrtken dts laufenden Betriebsjahres verfügen.

Berlin, 8. November. DieZahl der Doppelman­datare, das heißt der Abgeordneten, die neben ihrem Mandat für das preußische Abgeordnetenhaus noch ein solches für den Reichstag besitzen, ist nach den jetzt eben vollzogenen Wahlen onßergewöhnlich groß. Während fie am Schluß der vorigen Tagung des Abgeordnetenhauses 95 betrug, beläuft fie fich jetzt auf 109. Reichlich ein viertel sämmtltcher Landtags- airgeordneten ist mithin gleichzeitig Mitglied des Reickstages. Am stärksten ist das Doppelmandat-Weseu beim Lentrum ausgeprägt. Dieses hatte t« vorigen Landtage 40, diesmal aber hat es 47 Doppelwandate bei 100 Landtagsabgeordneteu. Da die Eentrumsfraetion im Reichstage nun aber überhaupt onr 59 Angehörige des preußischen Staates zählt, so find »it Ausnahme von 12 Herren sämmtltche klerikale Reichs- togsmltglieder aus Preußen vrfitzer eines Doppelmandates. Aehnlich ist das verhältniß bet den Polen, 6 von den 17

Landtagsabgeordneten find auch Reichstagsmitglieder. Die Eouservatioen haben 19 Doppelmandatare bet 54 Reichstags- Mitgliedern, die Freieonservaitven 10 bei 23 Anhängern im Reichstage, und die Nattonalliberaleu, die hier die niedrigsten verhältnißzahlen aufwetsen, nur 10 bet 47 Partetgenoffeu Im Reichstage. Bet der Freifiuntgeu volkspartet find ^Ab­geordnete bei 29 im Reichstage und 25 im Abgeordnetenhause Doppelmandatsinhaber und bet der Freifinuigeu veretutgung 3. von den Wilden treten als Träger eines DoppelmandatS noch hinzu: der Antisemit Werner, der Däne Johannsen und der Bündler Dr. Hahn. (Boss. Ztg.)

Berlin, 8. November. Während Maurer, Zimmerer, Maler und die übrigen Bauarbeiter immer für fich ihre GewerkschaftScongreffe abhielten, soll jetzt ein großer, allge­meiner Baucongreß (Maurer, Maler, Ofensetzer, Stukka­teure, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter) stattfinden. Als Congreß- ort ist Berlin bestimmt und die Dauer des Congreffe» auf drei Tage (19. bi» 21. März) angenommen. So harmlos die Sache äußerlich aussieht, so gefährlich ist fie. Es ist bekannt, daß fich die Bauarbeiter mit ganz gewaltigen Lohn­bewegungen für das nächste Jahr (Lohnerhöhung, Herabsetzung der Arbeitszeit, womöglich auf acht Stunden) tragen; in diesem Jahre scheiterte die im umfassendsten Rahmen geplante Lohnbewegung daran, daß die verschiedenen Bauarbeiterklaffen uneinig waren und daher nicht geschloffen vorgingen; da» dürste nun im nächsten Jahre ander» werden; in Berlin wird in den Märztagen da» große Aktionsprogramm fertig gestellt werden, so daß man es dann mit einem geschloffenen Bau- arbeiter-Ring zu thun haben wird.

Berlin, 8. November. Eine Verbilligung der Eisenbahntnrife steht in weiter Ferne, vor einigen Tagen la» man in der .Nordd. Allg. Ztg.", daß man um keinen Preis die Henne schlachten dürfe, die goldene Eier lege, und in ihrer jüngsten Nummer erklärt fie, daß eine Steuererhöhung unumgänglich sei, falls die Eiseubahnüber- schüffe herabgemindert würden. Wörtlich fährt fie sodann fort: Der Finanzmtnister hat oft genug aus geführt, daß diese Ueberschüffe längst in dauernden Ausgaben festgelegt seien und daher gar kein Activnm wehr bilden, ihr Fehlen daher so- fort ein dauerndes Defizit Hervorrufen «üffe. Der nächste Etat wird wiederum eine bedeutende Erhöhung der dauernden Ausgaben auftoeifen; wir brauchen nur n. A. auf die Sr- Höhung der Besoldungen der Unterbeamten hinznweisen. Zum Schluffe betont das offiziöse Blatt, daß die Ueberschüffe der Eisenbahnen eine .starke Tendenz zum Sinken- haben, und daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Ausgaben stärker an- wachsen werden als die Siuuahmeu. Die Taristeformer,

I die in den neuen Landtag einziehen, können somit nur alle Hoffnungen draußen lasten.

Der elsaß-lothringische LandeSauSschuß. DieFranks. Ztg." hatte gemeldet, die Schließung deS LandeSauSschuffes von Elsaß-Lothringen sei lediglich deshalb unterblieben, weil die kaiserliche SchließungSordre nicht zur rechten Zeit aus dem Orient beschafft werden konnte. Eine durch den amtlichen Telegraphen verbreitete Meldung auS Straßburg erklärt dies für unrichtig und bemerkt dazu: Der Erlaß einer solchen Ordre, der auf telegraphischem Wege hätte herbeigeführt werden können, ist überhaupt nicht bean­tragt worden. Die Regierung hatte mit dem Präsidenten deS LandeSauSschuffes vereinbart, daß wegen einiger weiterer Vorlagen zur Ausführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs, deren baldige Verabschiedung durch den Landesausschuß mit Rücksicht auf den nahen Termin deS Inkrafttretens dieses Gesetzes dringend erwünscht ist, der LandeSauSschuß alSbald nach der Beschlußfassung des BundesratheS über diese Vorlagen seine Sitzungen wieder aufnimmt, waS voraussichtlich noch in diesem Jahre vor der Berathung des Bundeshaushalts für 1899 geschehen wird. Bei dieser Sachlage erschien trotz deS augen­blicklichen Mangels an parlamentarischem Arbeitsstoff eine förmliche Schließung der Session, der binnen wenigen Wochen wieder die förmliche Berufung des LandeSauSschuffes folgen müßte, nicht zweckmäßig.

Ludwigshafen, 8. November. Heute Morgen brach in der Maschinenfabrik von Gebrüder Sulzer Großfeuer auS. Einzelheiten über den Brand liegen bis jetzt noch nicht vor.

Suilanö.

Gmunden, 8. November. Die Großherzogin Maria Antoinette von ToScana ist heute Nacht gestorben.

Paris, 8. November. Die heutigen Morgenblätter geben der Hoffnung Ausdruck, daß die Interpellanten, welche in der heutigen Kammersitzung die Faschodafrage berühren, fich erinnern werden, daß der Krieg von 1870 aus einer schlecht geführten Interpellation entstanden ist. Angesichts der wei- teren Rüstungen Englands müßten die Interpellanten ihre Worte genau abwägen. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß die Faschoda Jnterpellation nur kurz fein und keine Abstimmung erfolgen wird. Man werde sich wahrschein- lich mit einer kurzen Erklärung des TolonienministerS be­gnügen müssen.

Frankreich, vorläufig suchen die Franzosen gegen­über England möglichst ruhiges Blut zu bewahren. In Kamwerkreffen glaubt man, so wird vom ttenltag geschrieben,

I>as Led an die Areude.

(Sin Gedenkblatt zn LchillerS Gebvrtstag.

10. November.

Bon Dr. Ernst MaaSburg.

(Nachdruck verboten.) Mannheim.

An einew heiteren Juniabend des Jahres 1784 gingen zwei junge Männer in der Nähe der alten Stadt Mannheim m lieblichen Ufer deS Neckar spazieren. In ihren Augen leuchtete der Glanz der Jugend und doch schienen fie tu büstertr Stimmung; besonders der größere von beiden, ein Unger, hagerer Jüngling mit röthllche« Haar, gebogener Käse und Hellen Augen, blickte schier finster vor fich hin und stieß von Zeit zu Zeit jenes gellende Lachen auS, wie es die Verzweiflung den Menschen anspreßt.

.Rur nicht den Muth verloren,- erwiderte sein Gefährte, ein junger Manu «it gutmütigen Zügen, auf einen tiefen Seufzer des anderen. .Dein Genins wird fich Bahn brechen, diese Ueberzeugung kann nichts tu wir erschüttern, daS stad jetzt die FrühlingSstürwe, lieber Schiller, die Prüfungen, »elche jeder große Geist über fich ergehen laffeu wuß. Die Hilfe ist vielleicht näher, als Du denkst.-

.Sie wüßte sehr nahe sein, um noch rechtzeitig einzu« treffen,- erklärte Friedrich Schiller mit schneidender Stimme. ,Sag selbst, was ich noch anfangen soll? Meine Gläubiger »ollen nicht «ehr warten, die Schulden wachsen wir über den Kopf, meine geringen Einnahmen find im Voraus verzehrt-

.verzage nicht, Du weißt, mein HauSwirth Hölze! hat

Dir schon einmal geholfen so wird auch wieder Rath werden für die Zukunft. -

.Der wackere Mann fein schlichtes Semüth bringt meinem Streben mehr verstäuduih entgegen als die hohe Bildung eines Dalberg Gott lohne es ihw.-

.Hast Du dem Freiherrn geschrieben?-

.Dem Dalberg? Gewiß meine ganze Roth hab ich ihm geschildert. Nur für ein Jahr soll er mir die Mittel bewilligen, in Heidelberg zu studireu, uw nachzuholeu, was wir zuw Mediclner noch fehlt denn wir bleibt ja doch nichts wehr übrig, als die ganze Dichterei an den Nagel zu hängen und «ich auf die Quacksalberei zu legen-

.Nun und was gab er Dir zur Antwort?-

.Er bleibt kühl bin aus Herz. Meine Planschneiderei fange an, ih« Mißtrauen eiozuflößen. von ihm habe ich nichts zu erwarten auch sonst von Niemand."

.Dein Vater?-

.Mein Vater, lieber Streicher, ist wütheud auf mich. Der arme Mann er hat selbst nur 400 Gulden Sehalt und Du weißt, er hat die Bürgschaft für die hundert Gulden bei der Generalin v. Holl übernommen, und tch wußte ihn i« Stiche laffeu, so daß er die Aussteuer «einer Schwester angreifen mußte, um die Summe decken zu können. Auch er räth mir, die drodlose Dramenschreiberei anfzugebeu ab mein «edicivisches Studium wieder aufzunehmen. Offen gestanden, ich habe eS fest in Absicht, von der .Thalia- hoffe ich nicht viel, zuw Uebersetzer fühle ich wich zu gut und zu selbständige» Schaffen pah, ich habe weder Muth noch Kraft wehr. Meine Glieder schüttelt das Fieber, «ein Herz ist voll quälender Sorgen nirgends Rath, nirgends Aussichten.-

.Arwer Freund!- rief Andreas Streicher, der treue Kamerad, mitleidig. .Wenn ich nur könnte, Dir sollte ge­holfen fein.*

»Du hast das Deinige gethau,- sagte Schiller, ihn be- I toegt umarmend. .Doch komm nach Hause, «ein Fieber fängt wieder an, mich abzuschütteln, der Abend ist doch kühler als ich dachte.-

«ls die jungen Männer Schiller zählte damals etwa 25 Jahre tu die bescheidene Wohnung des Dichters traten, hindigte der Hauswirth feinem Miethswanue ein Packet aus, bat eben au» Leipzig für ihn eingetroffen fei. verwundert löste Schiller die Verpackung und förderte eine kostbare Brief« lasche mit kunstvoller Stickerei zu Tage, welche eine mufikalifche Eompositiou von Amaliens Arie aus den .Rändern- und vier Porträts von zwei Damen und zwei Herren, mit Silberstist auf Pergament gezeichnet, enthielt. Dabei befand fich ein enthufiastischer Brief, Worte der Begeisterung, des Dankes und der Huldigung enthaltend, ein Brief, der die Unterschrift trug: Ehristiaa Gottfried Körner. Die Übrigen Theilhaber an der Sendung waren seine Brant Minna Stock, deren Schwester Dora und DoraS Bzäutigam Ludwig Ferdinand Huber. Minna hatte die Brieftasche gestickt, Dora die Zeich­nungen gefertigt.

Schiller strahlte Über das ganze Geficht.

.Andreas, ist das nicht ein Fingerzeig deS HimmelS!- janchzte der leicht Empfängliche auf, feine Wangen rötheten fi§ und aus den Augen leuchtete der Schimmer neuer Hoffnung.

Streicher theilte seine Freude. .Mir ahnt, daß diese Sendung für Dich Heil bedeutet,- verficherte er, während c die erhaltenen Herrlichkeiten immer wieder bewunderten. kLk $ Eia Triumph, den wir mit meiner letzten Flasche «ein feiern wöffeu,- sprach der Dichter feierlich.

Der Wein ward gebracht und schon nach einer halben Stunde sahen die Freunde, alle Sorgen vergeffend, beieinander, von der Zukunft plaudernd, und der eben noch so peifimistische verfaffer der .Räuber- baute die kühnsten Schiöffer in die