Ausgabe 
10.9.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 212

Erstes Blatt

Samstag den 10. September

1898

Keßener Anzeiger

General-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Di» Siebener M«»ikte»ßtttter »erben btin Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

Aintlicher Theil.

Oberhesfischer Obstbauverein.

Vereiusbezirk Gießen.

Die Hauptversammlung für den Vereinsbezirk dtrßen stabet am Eouutag den II. September, Nach- KlttogB 8 Uhr, auf Lovys Felseukeller mit folgenber Tagesordnung statt:

1. Wahl eine» vorfitzenden für den vereiusbezirk Stehen.

2. Bericht über die Thätigkeit des Oberheffischeu Obst- bauveretus im abgelaufeueu vereiusjahre. Referent: Direktor Dr. v. Peter.

8. Die Pflege der ZwergobstbSume. Referent: Obstbau- techuiker Wiesner.

4. Ueber Baumkronen. Referent: K. Reich elt, Lehrer au der Srohh. Odftbaufchule tu Friedberg.

Die Mitglieder des Oberheffischeu Obstbouvereins, sowie sonstige Interessenten werden hierzu freuodlichst etvgeladru.

Stehen, den 9. September 1898.

Großherzogliche» KreiSamt Stehen.

v. Bechtold.

Stehen, den 9. September 1898.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

* die Grofth. Bürgerweiftereieu deS KretseS.

Obige Versammlung wollen Sie tu Ihren Gemetudeu auf ortsübliche Weife bekannt machen.

v. Bechtold.

Deutschlands neueste Kolonie

von Lapitäu Hau» Hensen.

(Nachdruck verboten.) (Fottsetzung.)

Der Ackerbau zeigt hier große Aehnlichkeit mit dem europäischen. Weizen, Gerste, Hirse sind die in großen Feldern am meisten auftretenden Körnerfrüchte. Gemüse aller 8rt kommen zahlreich vor, am meisten werden Bohnen an- gebaut, dann Erbsen, ferner auch Tabak, Hanf, Rap«, Melonen, Kürbiffe. Von Obstbäumen finden sich Aprikosen und Brrnen. Die Bewäfferung der Felder ist eine vorzüg- l-che; der chinesische Ackerbauer gibt sich überhaupt sehr viel Mühe und ist unermüdlich thätig. Er hat auch die Abhänge brr Gebirge terrassirt und bepflanzt, obwohl der bet starken Regengüssen drohenden Ueberschwemmungsgesahr wegen die Erde überall durch mühsame Ausmauerungen zurückgehalten rerden muß. Zur Seidenzucht werden außer dem Maul- b-erbaum eine Eichenart und der sogenannte Götterbaum »elsach angepflanzt, und die Seidenindustrie wird bei der j«tzt zu erwartenden besseren Exportgelegenheit bald noch mehr e-nporblühen. Die Seide ist von recht guter Qualität, bauer« hster als die weiter im Süden gewonnene.

Außer der Seidenzucht findet stch von Industriezweigen . «ir noch die Strohflechterei und, in sehr beschränktem Um- senge, Glasindustrie und Töpferei. Der schon erwähnte Bergbau auf Steinkohle würde aber, rationrll betrieben, zweifellos bald auch eine Eisenindustrie erzeugen, da Eisen­erz in guter Dualität Rotheisenstein und Brauneisenerz und in ziemlicher Mächtigkeit an verschiedenen Punkten arftritt. Der Abbau würde zweifellos lohnend sein.

Von Haue thicren finden fich hauptsächlich Schweine, auch viele Esel und Maulthiere, dagegen weniger Pferde und Müder. Die Zucht der letzteren würde fich mit gutem Erfolg arsdehnen lassen, da in der Ebene an den Flußläufen, so- Dchl am Kiau-Ho, als auch am Kiau-Lai-Peiho und besonder» ar dem von letzterem gebildeten, nicht allzu weit von der stiau-Tschoubucht gelegenen See, ausgedehnte Grasflächen vorkommen, die ein vorzügliche» Futtermaterial abgeben würben und jetzt nur wenig ausgenützt werden. Mit Drainagen ließen sich hier großartige Erfolge erzielen. Die Gebirg«- ihäler eignen fich wieder gut zur Aufzucht von Ziegen und Schafen, die auch in viel größerer Anzahl gehalten werden tonten. Hühner finden fich dagegen sehr zahlreich vor, und tisch an Enten ist kein Mangel. Gänse find seltener. Von Flüssen zeigen die beiden bereits genannten einen ziem- 4$en Reichthum an Fischen, der auch stark auSgcbeutet wird, rozegen die Fischerei in der Bucht von Kiau-Tschou fast M nicht betrieben wird, obwohl in derselben wohlschmeckende fische in großer Anzahl vorkommen. Ich habe einmal da­selbst, al» ich in ku-kau mich zwei Tage aufhalten mußte,

well eine von mir einzunehmende Ladung Seide noch nicht eingetroffen war, in zwei Stunden mehr al» drei Gentner unserem Hecht in Gestalt und Geschmack ähnliche Fische, die kleinsten einen halben Meter lang, mit der Angel gefangen.

Unmittelbar nördlich von-ku-kau ist die Fruchtbarkeit noch keine so große, die Gegend stellenweise durch Ueber- schwemmungen de» Wuho versandet, lieber diesen führt die Straße nach der Stadt Kiau-Tschou in einer breiten Granit­brücke, welche auf 45 Granitpfellern ruht und zeigt, wa» die Chinesen zu leisten vermögen, wenn sie unter fähiger Leitung stehen. Der gute Eindruck, den diese Brücke macht, wird indessen wesentlich beeinträchtigt durch die Vernachlässigung, welche Kiau-Tschou selbst aufweist. Von Weitem allerdings nehmen sich die ungefähr zehn Meter hohen, mit Zinnen ge­krönten Mauern sehr imposant au»; kommt man aber näher, so sieht man, daß sie fast überall verfallen find und schon einige Schüsse unserer modernen Geschütze sie gänzlich in Trümmer verwandeln würden. Durch eines der hölzernen Thore, welche bei Nacht geschlossen werden, reitend, bemerkte ich, daß die Angeln fast gänzlich durchgerostet waren, und der Thorschließer jedenfalls sehr sorgsam verfahren mußte, um es überhaupt noch in Function zu erhalten. Unmittelbar hinter dem Thor waren vier Leute mit großen, hölzernen Scheiben um den Hals aufgestellt und mit Ketten an der Wand angefchlossen. Es waren zur Strafe des Prangers verurtheilte Verbrecher, deren Thaten auf die Scheiben mit chinesischen Schriftzeichen aufgemalt waren, und die ziemlich stumpfsinnig dreinsahen.

Durch die engen, mit echt chinesischem Schmutz und Gestank erfüllten Straßen der von ca. 30000 Einwohnern bevölkerten Stadt weiterreitend, war ich mit meinen Begleitern, meinem Eteu-rmann und drei Matrosen, bald der Gegen­stand allgemeiner Verwunderung für die rasch zusammen- geströmte Volksmenge geworden, sodaß mir die Sache etwas bedenklich zu werden anfing. Es war die» noch in der Zeit vor der Besitzergreifung der Bucht durch Deutschland. Die Leute waren jedoch nur neugierig, im Uebrigen hatten sie keine bösen Absichten. Aber ihre Neugier wurde auf die Dauer recht lästig, besonders als wir in dem Gasthof ab- gestiegen waren und nicht mehr durch Anspornen der Pferde uns Luft schaffen konnten. Die Chinesen drängten sich ganz dicht an uns heran, nachdem wir, da wir keinen Raum für uns allein bekommen konnten, in einem großen, übelbuftenben Zimmer mit einer Anzahl reisender chinesischer Händler zu­sammen Platz genommen hatten, befühlten unsere Hände, die sie ihrer weißeren Farbe wegen wahrscheinlich für erfroren hielten und zupften uns schließlich sogar an den Vollbärten, um zu sehen, ob dieselben echt seien. Das ging mir denn doch über den Spaß, und nachdem ich durch unseren Dol­metscher die Leute wiederholt vergeblich hatte aufforbern lassen, sich gefälligst hinauszuscheeren, faßte ich einen ber Zubring, lichstcn unb setzte ihn etwas unsanft vor bie Thür. Unglück­licherweise aber war bie« gerabe ein Beamter gewesen, unb halb barauf erschien ber Ort»vorsteher unb verlangte, ich solle 1000 Tool ein TaLl ist ungefähr 3 Mark 40 Pfennig Strafe zahlen. Ich konnte mich nicht enthalten, ihm wegen biefer Unverschämtheit birect in baS Gesicht zu lachen, unb als er hierauf brohte, mich und meine Leute einsperren zu lassen, machte ich ihm durch ben Dolmetscher begreiflich, baß ba unsere Gewehre unb Revolver auch erst noch ein Wort mitsprechen würben, unb es mir leib thun solle, wenn er dabei ein Loch in seine hübsche gelbe Haut bekäme. Er setzte bann bie Strafe auf hundert, auf fünfzig unb auf zehn Taöls herab, unb schließlich einigten wir un» bahin, baß ich ihm drei TaZl» gab, wogegen er die Verpflichtung übernahm, mich unb meine Leute bis zum anberen Morgen vor Neu­gierigen zu schützen. Dies Hat er denn auch, unb ich konnte am anberen Tage früh ziemlich unbehelligt roieber zur Stabt hinauskommen. (Fortsetzung folgt.)

Tie Ereignisse auf Kreta.

Große Ueberraichnng bereiten die neuesten von der Insel Kreta kommenden Meldungen. Man durfte dort tiefste Stille vermuthen, da nichts auf einen neuen Ausbruch der Volks- leidenlchaften schließen ließ und zu solchen anscheinend auch kein Grund vorlag. Und doch hat der Fanatismus nur ge­schlummert, um fich bet der ersten besten Gelegenheit wieder Luft zu machen. Bekanntlich liegen in den kretenfifcheu Ge­wässern, nachdem Deutschland sich ans der Affaire gezogen hat, englische, italienische, russische und französische Kriegs­fahrzeuge, und Truppen der genannten Staaten halten an verschiedenen Punkten der Insel die Ordnung aufrecht. Die Stadt Kandia wurde von den englischen Mannschaften besetzt

gehalten, und gegen diese hat sich nun die muselmännische Bevölkerung erhoben. Au» den bisher eingegangenen Meld- ungen darf geschlossen werden, daß die Muhamedaner Kandias nach einem vor langer Hand her wohl vorbereiteten Plane handelten und die Besatzung sowohl wie die christliche Be- völkerung überrumpelten. Uebet die Verluste bei de« hef­tigen Straßenkamps sowie bet dem stattgehabten Bombarde- ment Kandias ist noch nichts bekannt, fie müssen aber recht erheblich fein, und es erscheint als sicher, daß der Angriff nicht nur gegen die englische Besatzung, sondern gegen die Christen überhaupt gerichtet war.

Die Mächte find nun gezwungen, wieder energischer vor- zugehen, und fie werden höchstwahrscheinlich dem Sultan auf den Leib rücken, damit dieser endlich die Regelung der Kreta­frage betreibt und insbesondere in der Gouverneurfrage nach- giebt. Da auch Deutschland durch, die Ereignisse in Kandia direkt betroffen und deutsches Eigeuthum zerstört worden ist, so dürfte auch unsere Regierung bie Flöte wieder zur Hand nehmen unb in dem (Soucert, bas nun um Kreta herum an- gestimmt wirb, Mitwirken. Es wirb unerläßlich sein, daß wir neuerdings ein Kriegsschiff in jene Gewässer eutsender», um unsere Interessen nachdrücklich wahrzuaehrnen. Denn da der Fanatismus wiederum angefacht worden ist, so muß mau mit ber Möglichkeit rechnen, daß auf ber ganzen Jufkl bie Muhamedaner ihr Haupt erheben und dem Beispiele ihrer Glaubensgenossen in Kandia folgen.

Jedenfalls tritt bie Kretafrage in ein neues Stadium. Man muß fich eigentlich darüber wundern, baß bie Mächte so lange Zeit unbenutzt verstreichen ließen, um eine tnbgiltige Regelung der Dinge auf Kreta herbeizuführen. Die Sache scheint richtig versumpft zu fein, unb e» wird jetzt recht schwer fallen, bie verfahrene Karre wieber in» richtige Geleise zu bringen.

Freilich hat ber griechisch-türkische Zwischenfall die Bot- schafter in Constantinopel vollauf in Anspruch genommen, aber bie Kretafrage bürfte darum doch nicht ganz au» den Augen gelassen werden, weil fie fortgesetzt eine Beunruhigung des europäischen Frieden» bildet. Die Kundgebung des Czaren kann vielleicht schon jetzt practische verwerthung finden, indem die Mächte sich vereinigen, nm die Zustäade im Süd- osten Europas zu regeln uub einer Störung bei Frieden» eutgegenzutreten. (xx)

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 8. September. Ihre Königlichen Hoheiten ber Großherzog unb bie Großherzogin trafen heute vormittag 9 Uhr von Jagdschloß ®olf»garten hier ein, nahmen ba» Frühstück im Großherzoglichen Refideuzschloffe unb begaben fich al»bann zu Pferde zu dem in Parade auf dem östlichen Theile be» Truppenübungsplätze» aufgestellten Leib Regiment Nr. 117. Ihre Königliche Hoheit bie Groß­herzogin, ber hohe Inhaber be» Regiment», unb Seine Königliche Hoheit ber Grobherzog ritten bie Front be» Regi­ment» ab, sahen ben Vorbeimarsch in Eowpagnieftont unb Regimenlscolouue unb wohnten bann noch einem Gefecht gegen einen markteten Feind bei. Zum Schluffe beehrten die Allerhöchsten Herrschaften ba» Offiziercorps mit einem kurzen Besuch im Osfiziercafino, wo ein Imbiß eingenommen würbe, das Mufikeorp» de» Regiment» spielte und ein Sängerchor der Mannschaften mehrere Lieber schön vortrug. Nachdem Ihre Königliche Hoheit, der Allerhöchste Inhaber, dem Siegt* mentlcommanbeur Allerhöchftihreu Dank ausgesprochen hatte, ritt man nach dem Bahnhof Darmstadt zurück zur Rückfahrt nach Wolfsgarten. Im Gefolge bet Allerhöchsten Herr­sch afteu befanden fich Freifrau v. Riedesel, Geuerallieutenant und Generaladjutant Weruher, Oberstallmeifter Freiherr v. Riedesel und Major unb Flügeladjutaut Freiherr Röber v. Diersburg.

Berlin, 8. September. Die für bie Palästiuareise be» Kaiserpaare» bestimmten acht Mann von bet Leib- genlbormcrie be» Kaiser» und acht Mann von ber Leibgarde ber Kaiserin werben Mitte September ihre Garnison Potlbam verlassen unb fich nach bem heiligen Lande begeben, um fich dort, bevor bas Saiserpaar eintrifft, mit ben Sitten unb Gebräuchen be» Laube» einigermaßen vertraut zu machen. Außer freier Reife n. s. w. erhalten fie Jeber 5 Mark Tagegelder.

Berlin, 8. September. In dem 24 Stundeu- Renueu auf ber Radrennbahn in Halens ee hatte bi» heute Nachmittag 3 Uhr der Belgier Hurtt 670 Kilometer unb 800 Meter zurückgelegt. Er war bisher in sSmmtlichen Runden Erster.