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10.8.1898 Erstes Blatt
 
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Mittwoch den 10. August

Erstes Blatt

Nr. 185

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des Schlafzimmers erfolgt. Der verstorbene Fürst hatte bei feinem Tode eine Körperlänge von 1 Mtr. 88 Lim.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hiessen.

Fernsprecher Nr. 51.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 8. Augost. Wie derDarmst. 8*9 * auS Jagdschloß WolfSgarteo, 7. August, berichtet wird, traf Ihre Königliche Hoheit die Krouprtuzesstu von vriech eulaod in Begleitung der Freifrau v. Reischach um 12 Ubr -um Besuche der Allerhöchsten Herrschaften dort ein und kehrte gegen Abend nach FrtedrichShof zurück. Setoe Hoheit Prinz Albert von Schleswig-Holstein kam ebenfalls um 12 Uhr zu Besuch der Allerhöchsten Herrschaften und kehrte Abends nach Darmstadt zurück. Ihre Königlichen Hoheiten die Großherzogin und Prinzessin Ferdi- uand vou Rumänien suhreo heute vormittag hierher tu daß Neue Palais uud in das Großh. Refidenzschloß und kehrten dann nach Jagdschloß WolsSgarten zurück.

verlt», 8. August. Orieutreise deS Kaisers. Der Reuter'sche Berichterstatter in Beirut schreibt unter« 27. Juli:In Syrien geht daS weitverbreitete Gerücht, daß der Sultan bet Gelegenheit des Besuches deS deutschen Kaisers Deutschland einen Hrfeu oder selbst ein großes Stück Gebiet an der Küste Syrien» abtreten will. (?) Die beiden deut­schen katholischen VereineDie deutsche Gesellschast deS heiligen Grabes" (gegründet 1804) und derVerein von Palästina" (gegründet 1888) haben sich unter dem Namen deS ersteren vrrschmolzrn. Das gesammelte Geld wird unter die deutschen Mönche vertheilt und dem deutschen Cousulat zur Verfügung gestellt werden. Man erwartet auch, daß die deutschen Katholiken bet dem Besuche de» Kaiser» eine wichtige Stiftung erhalten werden, die Deutschland allein verwalten wird."

Berlin, 8. August. Gestern fand in der Ntkolaikirche zu Potsdam ein Trauergotte»dienst für den Fürsten Bismarck statt, wobei die Spitzen der Behörden anwesend waren. Heute Abend wird vom Magistrat im Eoncerthause eine Trauerfeter veranstaltet werden.

Berlin, 6. August. Der BuudeSrath hat an den Fürsten Herbert Bismarck folgende BetleidSadreefse gesandt: Der BuudeSrath kann e» sich nicht versagen, Eurer Durch, taucht seinen tiefgefühlten Schmerz über daS Htnschetdeu deS großen und heldenhaften ersten Kanzler» de» geeinigten Vater- lande» oußzusprechen. Die zwei Jahrzehnte, die er an unserer Spitze gewirkt hat, find unvergängliche Marksteine geworden für Deutschlands Größe und Wohlfahrt. Sein Geist war so mächtig, daß er in Deutschland noch nach Jahrhunderten fortwirken wirb, und stets wird sein Name gefeiert werden als der höchste Inbegriff für treue Vaterlandsliebe uud Völker-

lenkende StaatSkunst. Ihm ist darum der ewige Dank de» BuadeSrath» sowie der de» gaozev deutschen Volke» grfichert.

Berit», 8. August. Die DreysuS-Angelegenheit vor einem deutschen Gerichte. Der norwegische Dichter und Politiker Björosoo hat dieM. N. N." wegen Beleidigung verklagt, da da» Blatt seine Mittheilungen au Zola betreff« einer angeblichen Erklärung dr» Reichskanzler» Fürsten Hohenlohe über die Unschuld de»Drtysu» einen auf- geblaseoeu Schwindel zu neunen so unhöflich war. Die Klage soll lediglich deo Zweck verfolgen, den Fürsten Hohen­lohe zu einer gerichtlichen Aussage über den Fall Drryfu» zu veraulaffeo. Darin dürfte fich aber der geschäftSeifrige Norweger verrechnen, denn Fürst Hohenlohe hat gar keine Veranlassung, dienstliche Gehetwutffe vor Gericht preiSzugebeu, nur weil e» Herrn Björuson so gesällt.

Aus Friedrichlrnh, 7. August, schreibt man: Seit heute herrscht hier tiefe Ruhe- e» find nur noch wenig Fremde etngetroffea, unb im Herreohause weilen nur noch die nächsten Angehörigen. DaS Wachicommando von den 81ern auS Altona rückt morgen früh in seine Garnison zurück- bis zur feier­lichen Beisetzung der sürftltcheu Leiche bleibt nur noch eine Abtheilung Seydlitz Kürasfiere im Orte. Der Entwurf für da» Bt»marck-Mausoleum hinter der Hirschgruppe, den der Hamburger Obertngeuteur Andrea» Mtyrr avgeserttgt hat, ist vollendet und vou der BtSmarck'scheu Familie zur Aus­führung angenommen worden. Mit dem Bau wird sofort begonnen werden. Bet dem Hamburger Hoiphotographen Wilke hat am SamStag eine Beschlagnahme der photo­graphischen Platte, welche den verstorbenen Fürsten auf dem Sterbebette darstellt, durch daS Hamburgische Landgericht im Beisein de» Rechtsanwalt» Wolfhagen, al» Vertreter der Bi»marck'schen Familie, stattgefundeu. DaS Landgericht hat auf Fürst Herbert» Antrag eine vorläufige Verfügung er- lasten, nach der der Photograph Wlke 20000 Mk. Strafe zu zahlen hätte, falls er auch nur etu Bildniß io den Handel brächte. Daß vou Wilke zwei Aufnahmen gemacht sein sollen, ist falsch. ES ist nur eine Aufnahme vom Fürsten genommen, und zwar wie er auf dem Sterbebette lag mit dem vou Proftstor Schwenioger angelegten Kiuutuch. Die Photographen Wilke und Priester hatten dem Fürsten Herbert eine Photo- graphie mit der Bitte um Gewährung der Erlaubuiß, die Photographie in den Handel bringen zu dürfen, in daS Herrenhaus gesandt und dadurch tst der ganze Streit entbrannt. Die Aufnahme ist in der betreffrnden Nacht um 4 Uhr bet Sonnenschein vom Garten au» durch da» vffensteheude Fenster

Iuternatioualer Longreß der Soctal- demokratie. Wie au« Paris berichtet wird, richteten im Namen des Vorstandes der deutschen Socialtstenpartei Lieb­knecht uud Singer ein Schreiben an die Vecretäre der frau- zöfischev Section auf de« Londoner Longreß, wonach fie die Abhaltung de» internationalen Longreffe» der Socialdemokratie 1899 in Deutschland für unmöglich erklären und bitten, ent- sprechend den Londoner Beschlüssen, den Longreß 1900 nach Part» etvzuberufev. Mau habe zwei süddeutsche Städte au»- ersehen gehabt, die sür die Freiheit de» Longreffe» und die Sicherheit der Delegirteu noch die meisten Garantien boten - im lrtzetn Moment habe man jedoch auf da» Vorhaben ver­zichten müffen au» Rücksicht auf die politische Situation. Die Fortschritte und die Stege der Soctaldemokratie hätten die herrschenden Klaffen Deutschland» so in Schrecken versetzt, daß eine neue Jagd auf die Soctaldemokratie begonnen habe- deßhalb halte der Vorstand einstimmig die Einberufung de» Longreffe» nach Deutschland sür unmöglich. Aehnlich hat fich Herr Singer auch dem belgischen Soctalisteu van der Velde gegenüber in einem Schreiben geäußert. @» ist eitel Prahlerei, daßdie herrschenden Klaffen Deutschland» durch die soctaldemokratischen Erfolge bet den Retch»tag»wahlrn in Schrecken versetzt" seien, und e» erhöht nicht da» Ansehen der deutschen Socialdemokratie, daß fie bei der Motivirung ihrer an fich durchau» berechtigten Anficht, in Deutschland sei die Abhaltung de» Longreffe» unmöglich, den ausländischen Ge- noffeu gegenüber zu dem Mittel dieserWauwau Politik" greift.

Köln, 8. August. Am schlimmsten wüthete da» gestrige Unwetter in Baienthal, MauSfeld uud ArnoldShöhe. Diese zu Köln gehörigen Flecken bieten heute ein Bild grauen- Hafter Verwüstung. Namentlich da» iudustrte,eiche Baieuthal wurde arg mitgenommen und innerhalb vier Minuten zu einem gewaltigen Trümmerhaufen verwandelt. Die Haupt- gebäude der großen Baieuthaler Maschinenfabrik find zerstört, sämmtliche Maschinen find mit Trümmern bedeckt, sodaß der Betrieb gestört ist. Zahlreiche Personen find schwer verletzt, viele Privathäuser liegen in Trümmern. Mehrere Leid­tragende eine» Leichenzuge« wurden verletzt. Der Kirchthurm tst abgrftürzt, da» Tchuldach flog. 30 Meter weit. Die Wände de» Schulhause» stürzten ein und verletzten Frau uud Kiod deS Lehrer» schwer, «tu aus dem Rhein befindliche» mit 200 Personen besetzte» Schiff konnte mit knapper Noth da» User erreichen, nachdem mit Hilfe mehrerer Offiziere die

FeuMeto«.

Moderne Städtebikder.

(Nachdruck verboten.)

I.

Eine Schweizer Patrieierstadt.

Dr. M. Da» tst nämlich da» altehrwürdige Basel, da» stetltch auf seinem Leutralbahnhofe einen nicht» weniger al» patricialen oder comfortablen Eindruck «acht.

Himmel, wa» hat mtr vor zehn Jahren dieser Wartesaal mit seinem immensen internationalen Verkehr imponirt I Letzterer besteht ja nach wie vor, tst eher gestiegen, aber da» Innere des Bahnhöfe», diese Wartesäle mit deu ver- bltcheoeu und über und über bestaubten Prluchebezügen, die auch einmal neu gewesen find, jetzt aber so au«schaueu, al» campirte alltäglich eine Zlgeunerbaode auf Ihnen, fachen an Scheußlichkeit ihre» Gleichen.

Unb Dann dazu im Restaurant dieser Morgenkaffee, dieser SchweizerLass cowplet", deu man nach durchfahrener Nacht einnehmen muß, wenn man fich vielleicht nach einer guten Taffe starken Java» oder Motta» sehnt, und mit dieser Unmaffc von Honig, Milch und Brödchen gar nicht» anzu- saugen weiß. Mau läßt die Zugaben liegen, schlürft wider- willig eine Taffe deS faden Getränkes hinunter, da» ohnehin noch ziemlich unsauber servirt wird, und bezahlt dafür 1 Franc.

Der Eindruck, den mon von Basel beim verlaffen de» verstaubten Bahnhofsgebäude» empfängt, tst ein ungleich an- genehmer. Zunächst der übliche runde Platz mit seinem Kranz von Hotel», an dem fich nette Anlagen htvzieheo, und auch sofort etu leuchtende» Marwordenkmal, da« die Augen auf fich lenkt. Daß wir uu» hier -icht wehr auf deutschem Boden befinden, weno auch tn der Stadt Basel vorzugsweise da» biedere Allemannische an unser Ohr schlägt, sagt uu» diese» Denkmal sehr deutlich, «in dankbarer Straßburger

Bürger hat e» anläßlich de» Falle» der Stadt im Jahre 1870 al» Huldigung der Schweiz errichtet, die bekanntlich damal«, und nicht nur in ihrem romanischen Thetle, mit ihren Sympathien auf Seite Frankreich» stand. Man braucht also einetrauernde Straßburg" nicht nur auf dem Place de la Concorde tu Part» zu suchen. In ihrem Rein und Herzen kann fich der alterthümlich deutsche Lharacter der Stadt nicht verleugnen.

Wir schreiten die «ltsabethenstraße hinab, immer der Linie der elektrischen Straßenbahn folgend, au der Kirche gleichen Namen» vorüber, deren herrliche» Geläute den SoontagSfrieden in» Land hinein ruft, der auch hier mit ganz besonderer Pietät gehalteu wird, und gerathen dann tu deu eigeutltcheu Mittelpunkt der Stadt, wo die archt- tectonischeu SeheuSwürdigkeiteu hart betetoauder liegen.

Ich würde wich gar nicht wundern, wenn fich plötzlich eine der schweren Eichenthüren der Häuser öffnete und au» ihr mit würdevollem Schritt und im sonntäglichen Staat Mänuer und Frauen herau»träten, wie fie Meister HolbeivS Gemälde der Nachwelt aufbewahrt haben.

In der ganzen Atmo»phäre, und zwar je weiter man fich vom Bahnhofe und feinem betäubenden Lärm fortbewegt, liegt fo etwa» vou mittelalterlichem Patricierthu«. Die hundert Millionäre, deren Basel fich rühmen darf, haben dm Anschluß an die moderne Welt gewiß nicht versäumt. Aber ihoeu zur Seite wandert noch so etwa» au» Urväter-Zeit, und dariu liegt der gehetmntßvolle Reiz für Den, welcher die stolze Grenzstadt zu« ersten Male betritt. Der Geist der Strenge, welcher im Allgemeinen dem iotellectuellen Leben Basel« aufgedrückt ist, bekommt schon, rein äußerlich, eine Milderung durch die Freude an Farben uud Formen. Daß hier einst die Wuth der Bilderstürmer gehaust hat, mag mau fich heute nur schwer vorstellen.

Wie fiugt doch Tamioo in derZauberfiöte":«» zeigen die Säulm, e» zeigen die Hallen, daß Bildung und Sitte und Künste hier wohnen!"

Schon die Existenz de» berühmten H o l b e t n - M u s e usm » verlohnt einen Abstecher nach Basel. Aber man braucht nicht einmal die Straße mit dem Auseuthalt tn einem geschloffenen Raume zu vertauschen, um die Anschauung zu gewioueu, daß hier vou alter«her die Freude am Schönen uud Sinnvollen zu plastischem Ausdruck gelangt ist.

Bet uu« tu Deutschland findet mau eigentlich nur noch tn ehemaligen alten Retch«städten diese Außeudecoratiou der Häuser, welche im alten Basel als da« Gebräuchliche erscheint. ES find nicht nut die Wohnungen erster Leute, welche da­durch hervorstechen. Auch manche« einfache Gebäude prangt in frischem Farbeuschmuck, so z. B. da« Hau« eines ehrsamen Zunftmeister«, welche« deu finnigen Wahlspruch führt:Die Feder daS Schwert regieren thut, drum steckt mau fie fich au den Hut. DaS Schwert will nicht fo viel bedeuten, drum hängt man e« an die Seiten."

Mahnt uo« nicht dieser Stnnspruch an die Thatsache, daß wir un« hier im Mittelpunkt der großen evangelischen MisfiouSgesellschasten befinden, die sich die Aufgabe gestellt, durch mündliche» und geschriebene» Wort die heidnische Welt zu erobern? Auch als hervorragender Sitz de» Buchhandel» kommt Basel tu Betracht, da durch ihn deu Bürgern früh- zeitig Respect vor der Macht de» Geiste» uud seiner Waffen etngeprägt wurde.

So gibt der Bilderschmuck de» altehrwürdigen Rath- hause», da» Anfang» des 16. Jahrhundert» in der bur­gundischen Gothik aufgeführt wurde, ein in die Augen fallende» Zeugniß vou dem Bestreben, die Heiligkeit de» von Menschenfurcht uubeeiuflaßteu richterlichen Urtheil» zu illu- strtreu. Die FreSkcu im Vorhof und an der zum Sitzung»- saale führenden Treppe entnehmen ihre dahin zielenden Motive zumeist der biblischen alttestamentlichen Geschichte, die vom Thpu» de» schwachen, de» uuentschloffeueu, de» be- stocheuen Richter» mehr al» etu charakteristische» Beispiel vorsührt. Die AllegorieDa» jüngste Gericht", etu Stückchen gemalter divina comoedia, nimmt keinen Anstand, auch