Ausgabe 
10.7.1898 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 10» Juli

189S

Nr. 159 Zweites Blatt.

Gießener Anzeiger

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geführt. Der Biberhund vertrat die Stelle des j tzigen Dachshundes und suchte das Wild unter der Erde auf. Für die Jagd auf Büffel und Bären, die damals zahlreich in den Wäldern hausten, wurde eine Art Bullenbeißer ver­wendet.

Bis zum 12. Jahrhundert machten noch Wölfe die deutschen Gauen ur sicher, und unttr allen Nutzthieren war es hauptsächlich das wehrlose Schaf, das ihnen als leichte Beute zufiel. Zur wirksamen Abwehr des gefräßigen und stets hungrigen Feindes richteten die Hirten große Hunde ab, die es mit dem Wolfe aufnehmen konnten und deßhalb Wolfspacker hießen. Auf solche Hunde wurde ein be­sonderer Werth gelegt, der sich darnach richtete, ob der Hund einem Wolfe den Garaus zu machen oder ihn nur nieder- zurcißen vermochte. Im letzteren Falle galt er ein Wehrgeld von zwei Schillingen, im ersteren das Doppelte.

In jenen alten Urkunden wird auch derHovawarth", d. h. Hofwart oder Hofwächter genannt, der Vorfahr unseres Hofhundes. Wie dieser an der Kette, wurde jener zur Be- wachung von Haus und Hof an einem Stricke angebunden. Die Tödtung eines solchen Bewachers des Eigenthums wurde mit einem Schilling Wehrgeld gebüßt, wenn sie am Tage geschah; in der Nachtzeit jedoch war die dreifache Strafe darauf gesetzt, weil dann der Thäter verdächtig erschien, daß er in diebischer Absicht gekommen sei. In dem saltschen Gesetzbuch war diese Strafe sogar auf 15 Schillinge erhöht. Gerteth ein harmloser Fremder zwischen die Zähne eines Hof­hundes, und erschlug er ihn, um sich seiner Haut zu wehren, so mußte ihm für den dabei erlittenen Schaden der Hunde­besitzer aufkommen, durfte aber von ihm den Ersatz des getödteten Thieres durch ein anderes verlangen. Unsere heutige Gesetzgebung verfährt löblicherweise weniger glimpflich gegen die Eigentümer gefährlicher Köter.

Das Gesetzbuch der Langobarden nahm den Hausfreund und Gehülfen des Menschen ebenfalls in Schutz. Wer einen Hund stahl, mußte den neunfachen Werth ersetzen. Die Tödtung aus Nothwehr blieb nur dann straffrei, wenn sie mit einem Stocke geschah, der nicht länger und stärker als ein gewöhnlicher Degen war. Wahrscheinlich nahm man an, daß Leute, welche sich auf ihren Ausflügen mächtiger Knüttel

bedienten, sich mehr auf den Angriff als auf die Nothwehr eingerichtet hatten. Ein Hund, der in ein fremdes Hau­einbrach und dort Unheil anrichtete, durfte von dem beschädigten Etgenthümer ungestraft getödtet werden.

Eine eigenthümliche Bestimmung enthielt das Gesetzbuch der Burgunder. Wer bei diesen einen Leit- oder Jagdhund stahl, mußte entweder außer dem Wehrgeld von 2 Schillingen dem rechtmäßigen Besitzer 5 Schillinge zahlen oder den Hund öffentlich auf denjenigen Körpertheil küsst n, auf welchen er sich zu setzen pflegt.

In einigen Rechtsbüchern des 7., 8. und 9. Jahrhundert» ist von einemCanis doctus" und von einemCanis magister also von gelehrten Hunden die Rede. Es gab demnach damals schon Leute, welche Hunde zu Kunststückchen abrichteten und vielleicht sogar einen Broderwerb daraus machten.

Don der Vorliebe des schönen Geschlechts für Schoß- Hündchen weiß das 11. Jahrhundert zu erzählen, nament­lich waren es Damen von Adel, welche solchen niedlichen vierfüßigen Gesellschaltern ihre Gunst schenkten.

Um jene Zeit wurde es auch Brauch, daß Hufenbesitzer, die in der Nähe königlicher Forstgebiete wohnten, die lande-- herrlichen Jagdhunde in Verpflegung nehmen mußten. Später­hin erlaubten sich auch Grafen und Bischöfe, die Pflege für ihre Hunde den Unterthanen zu überlasten, oder sie legten ihnen wenigstens eine Abgabe an Körnern auf, um daraus Haferbrod für die Herren Hunde backen zu lasten. Der Mißbrauch hoher Herrn, die Unterhaltskosten für ihre Jagd­hunde den Unterthanen aufzubürden, hat sich in vielen deutschen Ländern bis in das vorige Jahrhundert erhalten, in einigen sogar noch länger.

So ausführlich in den alten Gesetzbüchern der Hunde gedacht ist, so schweigen dieselben doch gänzlich über die Toll- wuth, woraus man fast schließen möchte, daß der Liebling unserer Vorfahren von jener schrecklichen Krankheit überhaupt nicht heimgesucht wurde. Auch war man in alten Zellen auf die Reinerhaltung der Rasten bedacht, und diese wurden nicht durch Kreuzungen der willkürlichsten Art in so viele Bastard- gattungen zersplittert wie heutzutage, wo ein aus allen mög­lichen und unmöglichen Rasten zusammengewürfeltes Hunde­mosaik herumläuft.

Adresse für Depeschen: jUjttttt $it|t<.

Fernsprecher Nr. 61.

Vermischter.

* 70. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. Die Stadt Düsseldorf rüstet sich, die 70. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in den Tagen vom 19. bis 24. September d. I würdig zu empfangen. Da» Pro­gramm dieser Veriammlung ist sehr vielseitig und interestant. In den allgemeinen Sitzungen werden sprechen: Geh. Reg.- Rath Prof. Dr. Klein-Göttin-en über Universität und technische Hochschule; Medicinalrath Prof. Dr. Till mann »- Leipzig über Hundert Jahre Chirurgie; Geh. Regierungs­und Baurath Prof. Dr. Jutze-Aachen über den Zweck, die erforderlichen Vorarbeiten und die Bau-Ausführung von Thalsperren im Gebirge, sowie über deren Bedeutung im wirthschaftlichen Leben der Gebirgsbewohner; Profestor Dr. Martins Rostock über Krankheitsursachen und Krankheit-- anlagen; Profestor van t'Hoff-Berlin über die zunehmende Bedeutung der anorganischen Chemie; PrivatdocentDr. Martin Mendelsohn-Berlin über die Bedeutung der Armenpflege für die wistenschaftliche Therapie. Gegebenenfalls wird auch Geheimrath Prof. Dr. Rudolf Virchow-Berlin einen Vor­trag halten, dessen Thema er sich vorbehalten hat. Außer diesen Vorträgen find für die Abtheilungssitzungen über 400 Redner angemeldet. Zum ersten Male werden al» neugebildete Abteilungen die für angewandte Mathematik und Naturwistenschaften (Jngenieurwistenschaften) sowie die­jenige für die Geschichte der Medicin in Thätigkeit treten. Mit der Versammlung werden vier Ausstellungen verbunden sein, nämlich eine historische, eine photographische, eine Neu- Heiten-Ausstellung naturwistenschastlicher und medicintsch- chirurgischer Gegenstände und Apparate sowie chemisch-phar- maceutischer Präparate und hygienischer Gegenstände und eine physicalische und chemische Lehrmittel-Sammlung. Der Verein der Aerzte und der Naturwissenschaftliche Verein in Düssel­dorf haben sich bereit erklärt, ein Preisgericht zu wählen;, hervorragende Leistungen der Aussteller sollen durch ein An­erkennungs-Diplom ausgezeichnet werden. Endlich wird mit der Versammlung ein Congreß der alcoholfeindlichen Aerzte und eine Ausstellung alcoheilfreier Getränke verbunden sein. An Vergnügungen wird es wie sich das am frohen Rheine von selbst versteht, nach des Tages Last und Hitze auch nicht fehlen. Außer dem üblichen Festesten, einem Ball und einem

tzicrteljichrttch 2 Mart 20 Pf,, mwatlid) 75 flfc mit BrmgertOh»

Bri Posthquß 2 Mart 50 flfo. vierteljährlich.

Hanau, a

itrtt. §

Erscheint täglich Bit Ausnahme des Montag-.

Die Gießener N«milte«-lätter Werden dem Anzeiger »ßchentlich viermal beigelegt.

Spanten nicht mehr zu verlieren, wenn es sich aber die Sympathien Europa» erhalten will, bann muß e» recht bald die Hand zum Frieden bieten, desten Vermittelung die Kabinette gewiß gerne übernehmen würden. Ist es den Spaniern auch möglich, fich noch eine Zeit lang auf Cuba zu halten, so dürfte ihnen die» auf die Dauer nicht gelingen, da schon jetzt die Roth groß ist nnb Mangel an Lebens­mitteln bie Bevölkerung heimsucht Die jetzige Regierung in Mabrid scheint ber Situation nicht gewachsen zu sein, unb es ist an ber Zeit, baß ein Mann bie Zügel ber Regierung übernimmt, ber ohne Rücksicht auf bie Parteien einzig unb allein ba» Wohl be» Laube» im Auge hat unb sobald wie möglich, den Greueln de» Kriege» ein Ende macht. Wie gefahrvoll bie Lage für ba» jetzt in Spanien herrschende Regime ist, zeigt ber Ausrus be» revolutionären Comiiös, worin offen zum Sturze bet Monarchie ansgeforbert wird.

In Frankreich beginnt die Drehfu»-Affaire neue Blüthen zu treiben, nachdem die Gattin des unglücklichen Bewohners der Teuselsinsel die Nichtigkeitserklärung des Urtheils beantragt hat. Da» Schicksal des KabinetS dürfte wesentlich davon abhängen, wie diese» fich zu der Angelegenheit stellt. Den Verlust, welchen Frankreich durch den Tod des Panamagauners Cornelius Herz erlitten hat, wollen wir hier nebenher registiren. Wie viele mögen bei dem Gedanken erzittern, daß die Aufzeichnungen de» Verstorbenen einmal in unrechte Hände gerathen könnten!

Die Cretafrage ist in letzter Zeit wieder in Fluß gekommen- die Botschafter in Konstantinopel haben einen Modus ausgeheckt, um die Verwaltung der Insel zu sichern, unb sind jetzt gerade dabei, den Sultan zu drängen, damit dieser die türkischen Truppen von Kreta zurückberuft. Der Padischah hat aber bekanntlich ein sehr dickes Fell und wird schon dasür sorgen, daß die Cretafrage vorläufig noch nicht von der Tagesordnung verschwindet.

In Italien hat fich da» Kabinet Prlloox nunmehr endgiltig konftttuirt, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß in den internationalen Beziehungen des Landes keine Aen- dernng eintreten wird. Aber auch bezüglich der innerpolitischen Zustände dürfte es leider beim Allen bleiben! xx

Feuilleton.

Der Kund und die alten Deutschen.*)

Von Gustav Höcker.

(Nachdruck verboten.)

ES ist bekannt, daß sich der Hund als geselliger Freund de» Menschen schon sehr früh bei den alten Völkern ein­gebürgert hat. Von unseren germanischen Vorfahren haben wir hierüber sichere Kunde durch uralte Gesetzbücher, in welchen sich sehr genaue Bestimmungen über die Hunde vor- finden.

Solche Sammlungen deutscher Volksrechte besitzen wir von den Alemannen, den Frisen, den Saliern, den Bayern, den Burgundern und andern Stämmen, und die ältesten jener Urkunden reichen bis in das fünfte Jahrhundert zurück.

Einst bedeckten dichte Wälder unser Vaterland, die Weg­weiser waren noch nicht erfunden; sie hätten auch nicht» genützt, denn es gab überhaupt keine gebahnten Pfade. Da mußte denn der Leithund aushelfen, der mit seinem feinen Spürsinn darauf dressirt war, den Menschen sicher durch die Wildniß zu führen. Oft verrichteten diesen wichtigen Dienst mehrere Leithunde zugleich und derjenige von ihnen, welcher als der geschickteste das Amt des Anführers bekleidete, wurde besonder» begünstigt und durch das Gesetz geschützt. Wer ihn tödtete, mußte da» Doppelte der Strafe zahlen, welche auf die Tödtung eines gewöhnlichen Leithundes gesetzt war. Die Sühne nannte man da» Wehrgeld. Im eigentlichen Sinne bedeutete dar Wort eine Geldentschädigung für einen in Ausübung ber Blutrache ermordeten Menschen.

Auch andere wichtige Dienste leistete der Hund in den Kälbern. Diese waren überaus reich an Wilb unb bie Jagb bildete eine Hauptbeschäftigung unserer Vorfahren. Hierbei ivaren bie Spür- ober Treibhunbe unentbehrlich. Wie bie Meute in unseren Tagen, würben sie an einer Seine

*) Mit Bewilligung besPractischen Wegweisers", Würzburg, ibflcbrudt; einer vielseitigen Familienzeitung, die Jedermann em« Wahlen werden kann (30 Pfennig vierteljährlich bei allen Post- injialten).

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Politische Wochenschau.

Auf de« Gebiete ber inneren Politik herrscht Winbftille unb es ist kaum anzunehmen, baß diese so balb unterbrochen werben wirb. Der Kaiser hat nach der Theiluahme an den Regatten bei Kiel unb TravemÜnbe feine Norblanbsreise angetreten, Reichskanzler Fürst Hohenlohe weilt in Süd« beutschlanb unb auch ein Theil ber Minister unb Staats- secretäre hat ben Staub ber ReichShanptstabt abgeschüttelt, um fich in bie Bäder, Sommersrischen unb Höhenkurorte zu begeben. Herr v. Miquel wirb balb Ems verlassen und sich zur Nachkur nach bew Sckwarzwalde begeben- bie Er­holung soll ihm vorzüglich bekommen sein, so baß Aussicht vorhanden ist, ihn bei Beginn der politischen Session wieder in alter Frische seines Amtes walten zu sehen.

Hosprediger a. D., Herr Stöcker, hatte in dieser Woche wieder einmal einen Strauß auszufechten unb zwar vor bem Gericht in Neuenkirchen - er hatte bie Genugthuung, baß seine Gegner auf ber Wahlstatt biteben.

Einiges Aufsehen hat bas Einschreiten ber preußischen Regierung gegen die Abhaltung beS slavifchen Aerzte« unb Naturforschertages in Posen erregt. Man findet die Maß­regel jedoch begreiflich, wenn mau sich ber Sprache bet Herren Slaven bet ber Palaczkyfeier in Prag erinnert unb sich ver­gegenwärtigt, baß die Zusammenkunft in Posen hauptsächlich den Zweck hatte, baS in Prag begonnene Werk sortzusetzen. Unter btefen Umständen kann es btt Regierung nicht verdacht werben, wenn sie ben frembeu Theilnehmern ba» Gastrecht versagt.

DaS allgemeine Interesse wenbet fich noch immer bem spanisch-amerikanischen Kriegsschauplätze zu. Die Vernichtung der Flotte Cerveras hat einen äußerst beprirnirenden Ein­druck gemacht, und allgemein wird angenommen, baß ba» Ereiguiß seine Wirkung auf Spanien nicht verfehlen unb bort die Veranlassung zu ernsten Katastrophen sein wirb. So lange e» nur irgenb möglich war, hat bie Madriber Regierung die Melbung von dem Unglück verheimlicht, unb auch jetzt noch wirb die ganze Schwere besselben amtlich nicht zuge­geben. DaS bürste eine ber Hauptursachen sein, warum ba« Volk ber Regierung mißtraut und in ihre Thatkraft Zweifel setzt. ES muß al» ein wahnsinniges Beginnen angesehen werden, jetzt noch den Krieg fortsetzen zu wollen- freilich hat

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