Ausgabe 
10.7.1898 Drittes Blatt
 
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Ur. 159 Drittes Blatt. Sonntag den 10. Juli

1898

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III »***

Gedanken auf dem Nationalfestplatz bei Rüdesheim.

Nur in der eigenen Kraft ruht das Schicksal jeder Nation. Generalfeldmarschall Graf von Moltke.

Lange hatten wir bei dem deutschen Nattonaldenkmal auf dem Niederwald gestanden und hatten htnauSgeschaut in den im ersten Frühling-grün prangenden Rhetngau. Wie seit vielen Jahrhunderten sproßten die frischen Reben au- den Weinstöcken hervor und wie seit vielen Jahrhunderten wälzte der herrliche Strom seine grünen Fluthen dem Meere zu. Wie seit vielen Jahrhunderten und doch, wenn wir zu dem ehernen Standbild über vn- emporschauten, wie gar Virle» ist in den letzten Jahrzehnten anders, besser in den deutschen Landen geworden!

Mit welch srohem und stolzem Gefühl können wir Deutsche jetzt auf den Rhein schauen! Mit drohend erhobenem Schwerte hält unsere Mutter Germania die Wacht, um ihre auf immer geeinten Söhne, die Hellen Muthes ihrer Mahnung harren, fiegreich gegen jeden, auch noch so mächtigen Feind zu führen, und das milde Auge unseres großen HeldenkatserS Wilhelm I. schaut auS den lichten Htmmelshöhrn segnend hernieder auf das mächtig erstarkte Vaterland.

Welchem Deutschen erwachte hier am Ntederwalddenkmal neben dem freudigen Stolz nicht der ernsteste Wtlle, nun auch Alle-, Alles zu thun, um das schwer Errungene zu erhalten und weiter auszubauen im Wechsel der Zeit!

Und als wir nun voll deS gewaltigen Eindrucks stauend weiter gingen durch den frisch grünenden Niederwald, da rauschten uns die Blätter der deutschen Bäume das oben angeführte Wort unsers Moltke in den Sinn:Nur in der eigenen Kraft ruht das Schicksal jeder Nation." Mit diesem Gedanken im Herzen stavden wir bann plötzlich, aus dem Walde heraustretend, aus dem Platze, welcher, so Gott will, der deutschen Nation und auf rein deutsche Verhältnisse Übertragen mit der Zeit daS werden soll, was daS olympische Thal dem hellenischen Volke viele Jahr­hunderte hindurch gewesen ist.

Der deutsche Nationalfestplatz ist ein in sich abgeschlossenes Bergthal, fernab vom Getriebe der großen Welt, und doch nahe an den großen Verkehrsstraßen liegend.

Welch eine hehre, wenn auch schwere Ausgabe für die deutsche Arbeit und die deutsche Kunst, dieses Thal zu einem nationalen Heiligthum, zu einem deutsch-nationalen Olympia zu gestalten!

Wenn man von oben herab da- Thal überblickt, so ersteht leicht vor den Augen des Geistes daS herrlichste Bild. Am Eingänge, der jetzt durch eine hohe, vom Rhein aus sichtbare Poppel gekennzeichnet ist, wird sich ein hohes monu­mentales Thor mit vielen Eingängen und Einfahrten erheben,- hinter demselben wird sich, in mancherlei Terrassen empor« steigend, daS Ganze entwickeln, und vor unser« geistigen Auge erstehen grüne Spiel- und Kampfplätze, eine große Arena mit umgebender Laufbahn und vielen den Berg hinan­steigenden Zuschauerfitzen, eine bedeckte Halle mit den zum deutschen Turnen gehörenden Geräthen, ein Festspielhaus und was sonst fich als nothwendig erweisen wird, daS Alles um­geben und durchzogen von schattigen Wegen, die mit den Standbildern der Besten deS deutschen Volkes und anderen Denkmälern deutscher Kunst geziert sein werden.

Und wie fich vor dem sinnenden Blick aus dem Bergthal heraus ein solches Bild erhebt, so bevölkert eS fick m t den Gestalten der Zukunft. Da kommen die deutschen Turner. Siegreich haben sie in schwerem Kampfe gezeigt, welch volle Mavneßkraft die den ganzen Körper umfassenden turnerischen Hebungen zu gewähren vermögen, und mit Stolz ziehen fie am Standbilde JahnS vorüber. Und dort die schlanken Ge­stalten der Bali spiel er, wie haben fie in mustergiltigeu Vorführungen die Schönheit der Volks- und Jugendspiele auf grünem Anger vor Augen geführt, dort die Sieger des Sports im Lauf, wie hebt fich ihre kräftig athmende Brust über den geschmeidigen Gliedern, dort die Radfahrer, welche soeben bewiesen haben, was deutsche Geschicklichkeit und Aus­dauer zu leisten verwögen, und steh' dort die Ruderer und Schwimmer! Wie freudig schauen fie hinunter zu ihrem Kampfplatz im deutschen Rhein, wo fie auf der Strecke von Geisenheim bis Rüdesheim in mannichfachen Wettkämpfen der Welt gezeigt haben, daß da» neue Deutschland auch auf dem Wasser seinen Mann stellt.

Und wie dort die Hörner zum letzten entscheidenden Kampfe rufen! Die Bänke der Arena find dicht gefüllt mit den Abgesandten der Nation von Nah und Fern. In der Mitte der deutsche Kaiser mit den ihn umgebenden Fürsten. Wie leuchtet fein Auge hell auf in der Freude Über die männliche Kraft, welche Deutschlands Söhne auf allen Gebieten guter körperlicher Uebuagen gezeigt haben. Wo solche ureigene Kraft in der Nation vorhanden ist, da kann man getrost dem Schicksal entgegensehen. So beginne denn, du hehrer stolzer Plan, deinen Lebensgang und entfalte dich herrlich zum Ruhme deutschen VolkSthumS!

I

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Juli. Die Reich s einnah men auS Zöllen und Verbrauchssteuern, die die Bundes­regierungen für da- EkatSjahr 1897/98 an die Reichskaffe abzuführen haben, betragen nach den vorläufigen Feststellungen: Zölle 440 725,027 Mk., Tabaksteuer 12,097,875 Mk., Zuckersteuer 84,634,204 Mk., Salzsteuer 47,293,656 Mk., Branntweinsteuer und zwar Maischbottich und Branntwein­matertalsteuer 18,327,709 Mk., Verbrauchsabgabe und Zu­schlag dazu 100.441,276 Mk., Brennsteuer 670,141 Mk.. Brausteutr und UebergangSabgabe von Bier 29,687,581 Mk., zusammen 733,881,704 Mk. Die Einnahmen auS dem Spielkartenstempel betragen nach der vorläufigen Feststellung 1,446,551 Mk., die Einnahmen an Reichsstempelabgaben von Werthpapteren, Kaufgeschäften rc. und Lorterieloosen betragen nach der Havptüberficht, abzüglich der 2 vom 100 Ver- waltungSkosten, 47,241,453 Mk.

Berlin, 7. Juli. DieHerbstmanöverderFlotte beginnen in diesem Jahre am 14. August und währen bis zum 17. September. Am 14. August tritt unter dem Be­fehl des commandirenden Admirals, Admiral v. Knorr, in Wilhelmshaven die Herbftflotte zusammen. Als Flaggschiff deS commandirenden Admirals wird das Torpedoschulschiff Blücher" fungiren, welches genügende Räumlichkeiten zur Unterbringung des Stabes enthält. Die H'.rbstÜbungSflotte wird fich, wie in früheren Jahren, aus zwei Geschwadern von je zwei Div sionen und zwei TorpedobootSflottillen zu- sammensttzen. Die erste Divifion besteht aus den erstklassigen Panzerschiffen desBrandenburg"-Thps, die zweite aus den Schiffen derSachsen"-Klaffe. In der dritten Divifion werden vier Küfienpanzer de-Siegfried"ThpS und in der vierten Division vier Kadetten- und SchiffSjungenschulsch ffe vereinigt werden. Eine Anzahl Avisos und Transportschiffe werden als Ausklarungssch-ffe den Geschwadern beigegeben werden. Der Kaiser Wilhelm Canal wird auch in diesem Jahre in den Bereich der zu lösenden Ausgaben einbezogen werden. Die Ernennung der ChesS des zweiten Geschwader» und der vierten Divifion wird in den nächsten Tagen er­wartet. Ob der Kaiser einem Theil der Flottenübungen beiwohnen wird, ist noch nicht bekannt.

Berlin, 7. Juli. Dieelectrischen Maßeinheiten. Durch das ReichSgesetz vom 1. Juni 1898 find als gesetzliche Einheiten für elektrische Meffungen daS Ohm, daS Awpöre und das Volt eingeführt worden. Das Ohm ist die Einheit deS electrischen Widerstande-, das Ampere die Einheit der

Ilnter der Sonne Mlästinas.

Eindrücke und Erinnerungen.

Von Karl Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

I. Hafeubild aus Jaffa.

Nur ganz unbesorgt, meine Herrschafttn! DaS Meer beruhigt fich. Wir können auSbooten."

Seit einer Stunde wird diese wonnevolle Beschwich­tigungstirade von alkoholheiseren SeemannSkrhlen auf dem überfüllten Verdeck unsererAchille" herumgeraunt. Sie kriecht sogar die schmale Treppe hinunter in die rothsammtnen Lajütcr-, schlüpft hinein in die kleinen, von Seekronkhrit heim- zesuchtcu Cabineu und entzündet überall Helle, ffohlaunige Sefichtcr.

Siretfenartige Meernebel, bisher wirr durcheinander brodelns, verhauchen im letzten Flackern de« Morgenrothe- -leich goldigem Rauch. Reingewaschen von düsteradem Gewölk der ganze Himmel ....

Schon hebt fich da hinten im Sonnenbrand die röthlich schimmernde Sandküste Palästinas. Die meisten über das Schtffsgeländer lugenden Passagiere packt und durchglüht wohlige Begeisterung. Ha, nun endlich, endlich sollen fie e» brtreten, das mit aller Kraft des Herzen» heiß herbeigesehnte heilige Land!

Jetzt tauchen bereits die verschwommenen, dicht Über­einander geschichteten Häuserwaffen von Jaffa auf, blaut sogar ein langgestreckter Höhenzug des Gebirge» Juda hervor, tritt allmählich das ganze Festland au» klarrofiger Morgenluft In greifbarer Deutlichkeit heran ... Da drüben also jene bleigefürchtete Landestelle, welche niemals da» AuSbooten gestattet, sobald Westwind die Wellen daherrollt, jene ver­

rufene Landestelle, von der ein alterqraueS, besorgte- holländischer Sprichwort erzählt:Na Jaffa gaan", heißt so viel, wie auf eine lebensgefährliche Reise gehen, von der man nur selten wiederkrhrt . . .

Noch kurze Zeit, dann liegt unser Schtff auf der Rhede und dumpf raffelt der Anker zur Tiefe.

Eia bunter Schwarm von Passagieren drangt, schiebt, stößt nach dem AuSgange. Tiefverschleierte türkische Frauen, gigerlhafte Touristen, Priester verschiedener Confesstonen, geschniegelte Geschäftsreisende, robuste Weiber mit breiten Goldstickereien auf den Stirnbändern Alle- wirr durch­einander. Besonder- fesselt mich eine Gruppe russischer Pilger. Arme Leute! Daheim in der grenzenlosen Steppe gaben fie wohl ihr Letzte» hin, um diese Pilgerfahrt zu ermöglichen. Beinahe nicht» blieb ihnen, al» die erhebende Gewißheit, Jerusalem, da» herrliche, zu sehen. Ihre sonst so gleichgiltigen Gesichter,- vom Elend gefurcht, von der Steppensonne gebrannt, vom Alter verwelkt, geräthen jetzt in strahlende Verzückung. Religiöse Feierlichkeit senkt fich mehr und mehr auf diese gläubigen Herzen ....

Nun die schwanke Falltreppe hinunter, dann hinein in die kleinen, auf den Wellen auf und nieder tanzenden Boote und lo-gerudert, nach den Klippen zu.

Die Klippen von Jaffa!

Schon früher einmal habe ich flüchtig ihre werthe Be­kanntschaft gemacht *). Wie jetzt gewandte Bootsleute mein Fahrzeug mit Hilfe einer gefälligen, hochschäuweuden Woge die schmale Einfahrt hindurchzwängen, nehme ich dies steinerne Gefindel aus nächster Nähe schärfer in'S Auge. In dichtem Gedränge hat es sich nicht nur vor dem Hafen versammelt, nein, ist die ganze Uferstrecke mit Klippen gesäumt, mir Klippen verschwenderisch gespickt, mit Klippen prunkvoll beco-

*) Von sonnigen Küsten. Mtttelmeer-Briefe von Karl Böttcher. Leipzig, Verlag von B. Elischer Nachfolger. Die Red.

ritt. DaS sieht auS wie abgebröckelte Riesevquader eine» mächtigen, in'S Meer gesunkenen, ertrunkenen Gemäuers. Starrtrotzig ragen diese FelSschrofen hier meterhoch auS den gischtumspritzten Fluthen, lauern fie dort dicht unter dem ruhelosen Wasserspiegel, bilden fie weiterhin düstere Gassen, verschlungene Gänge, wogeudurchquirlte Tümpel. Kein schaurigerer Kranz, der je eine Landschaft schmückte, al» dieser Klippenkranz. Und zwischen solchen Felsenblumen arbeitet unter Gischtwirbel und Schaumgespritze die gurgelnde, weiß­kochende, gepeinigte Wasiermaffe. Kaum ein kundiger Reisen­der, der durch die schmale Einfahrt diese» GeklippS im Boot zum Hafen schwankt, den nicht gelindes Bangen beschleicht).

Im winzigen Hafen, wenn man eine kleine Bucht über- Haupt so nennen darf, beobachte ich daS Anlaufen der Boote.

Bedächtig steigen soeben die rusfischen Pilger an'S Land, auf dem Rücken den dürftigen Reisesack, Theekanne, Blech­topf und Blechnapf oben darauf gebunden, wie bet Auswan­derern nach Amerika. Mit dürren, hastigen Händen reißen sie die Bündel vom Rücken. In ihren Lumpen, welche zu­meist aus'» Genialste zusammengeflickt find, werfen fie fich auf den schwarzkothigen Boden, auf welchen kurz zuvor ein heftiger Regenschauer niederklatschte, und küssen, küssen, küssen sie, die geweihte Erde des heiligen Laude». ... Ein alter, graubärtiger Beamter hat für diesen erhabenen Moment seine sämmtltchen Orden angebaumelt, werthlose Kreuze und Medaillen letzter Garnitur, die aber helfen müssen, die feier­liche Situation zu verklaren. . .. Da« Monocle über der dicken, mit einer Schmarre au»gestatteten Bocke in'» Auge geklemmt, näselt ein dürrer Berliner dazwischen:Ach, ah, hab' mir dieses Lumpennest Jaffa ganz anders vorgestellt viel komischer und noch eine Pferdelänge weniger schneidig!"

) Diese Schilderung zeigt, weshalb daS deutsche Kaiserpaar bei seiner bevorstehenden JerusalemFahrt nicht in Jaffa, dem Hafen für Jerusalem landet, sondern, nach dem nun aufgestellten Programm ! die beschwerliche Landreise von Haifa auS oorzieht. Die Redact.