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Dudler fragte sofort bei dem Hofmarschall der Regina montium, dem Dr. Schreiber auf Rigi-Kulm au, ob „AuS- ficht" vorhanden sei, und als die Antwort lautete: „Rigi hell", bestiegen die Königinnen in Zug den Zug und trafen gegen zwölf Uhr Mittag- tu Goldau ein. Inzwischen wurde der Bahnhof der Arth Rigi-Bahn schleunigst decorirt und lustig flatterten die Wimpel im Winde. Arth-Goldau ist bekanntlich der EmpfangSsalou der Königin der Berge für alle Diejenigen, welche die Rigi von ihrer schönsten und erhabensten, liebreizendsten und majestätischsten Seite kennen lernen wollen, und der Ausgangspunkt der herrlichsten aller Rigifahrten. Nunmehr kündigte Dr. Schreiber seiner Königin den hohen Besuch an; aber ein böseres Gesicht, als er jetzt zu schauen bekam, hat er wohl Zeit seines Lebens nicht ge» sehen. Köntgtn-Rtgt, welche sich gerade beim Anfang der Pfingsttoilette befand, war entsetzt, daß sie sich tu diesem Zustande vor der liebreizenden, jugendlichen Königin der Niederlande präsentiren sollte, weil sie bei einem Vergleich mit dieser gar zu sehr zu kurz zu kommen fürchtete, und erklärte deshalb ihrem Hofmarschall bündig und kategorisch, vor Wilhelmine wolle sie sich nur in dem vollen Glanze ihrer Schönheit zeigen; darum sei sie heute unter keinen Umständen zu sprechen. Zur Bekräftigung dessen hüllte sie sich denn auch plötzlich von Kopf bi» Fuß in dichte, undurchdringliche Nebelschleier. Die holländischen Königinnen warteten noch ein Viertelstündchen, ob die Königin der Berge sich doch nicht noch erweichen lassen würde; da diese aber, wie Jedermann weiß, ein Herz von Stein besitzt, warteten sie vergebens. Sie ließen der „Cousine" also ihr lebhaftes Be- sauer» aussprechen, versprachen jedoch in der nächsten Woche wieder zu kommen, wenn die Regina besserer Laune wäre.
* Mozart« Ohrmuschel eine Mißbildung. Diese merk- würdige Thatsache wird vom Privatdocenten Dr. P. H. Gerber-Königsberg in der „D. Med. Wochenschr." festgestellt. Unter den Erinnerungen, die zu Salzburg im Geburtöhause Mozarts, Gerretdegaffe 9, aufbewahrt werden, befindet sich ein kleines Aquarell, das weiter nichts darstellt, als zwei menschliche Ohren. Die Nummer des Catalogs sagt hierzu: „Mozarts Ohr und ein gewöhnliches Ohr." Dr. Gerber gibt eine Abbildung, die er im Mozarteum an Ort und Stelle angefertigt hat, und gehr auf die Zahl der anatomischen Abweichungen ein, die das Ohr deS Tonmeisters kennzeichnen. „ES find nicht nur Varietäten des Knorpels, welche die Ohrmuschel stellenweise verkümmert und character- loS erscheinen lassen, eS fehlte Mozart auch völlig das dem Menschenohr eigentümliche Läppchen, das nur aus einer Hautduplicatnr und Fettgewebe besteht. DaS vorhandene Rudiment erscheint nur als eine Fortsetzung des äußeren Randes der Muschel; eS trägt einen kleinen Ohrring. Daß die äußere Umrandung des Ohres statt einer continuirlichen schönen Rundung eine oder mehrere Abknickungen zeigt, kommt häufig und auch bei sonst normalen Ohren vor. Auffallender schon ist die rudimentäre Eotwickiuug des Anthelix und das Fehlen des Antitragus. Beides kommt besonders bet einer bestimmten Kategorie von Ohren vor, den sogenannten Breitohren. Anthropologisch steht das Breitohr tiefer alS daS I Langohr, denn bei den niederen Menscheuraffen (Negern) ist I der Ohrindex größer als bei der kaukasischen Raffe, und J
noch größer bei den Anthropoiden und den Affen überhaupt. Hiernach also würde MozariS Ohr auf einer tieferen Entwicklungsstufe stehen. Dazu fällt nun noch das Fehlen des Ohrläppchen- schwer ins Gewicht. Denn eben so wie die äußere Nase halten bje meisten Anthropologen auch daS Ohrläppchen für effle charakteristische Eigenthümlichkeit des menschlichen OhreS. Denn wenn sich auch eine Andeutung davon bei den Anthropoide^ findet, so ist es bei den niederen Menscheura^eu entschieden geringer entwickelt als bei den höheren. Nach alledem habm wir eS in Mozarts Ohr mit einer Mißbildung zu thvn, die nicht nur sehr unschön — nach Maßgabe der Anpaffung.unsere- ästhetischen Empfinden- au da- gegebene Normale —sondern auch auf einer tieferen EntwickelungSstuse stehen geblieben ist." Aber das innere Ohr--.
* Ibsen und die Frauenfeoze. Der Norwegische Frauenverein in Christiania veranstaltete vor Kurzem zu Ehren Dr. Henrik Ibsens im Grand Hotel ein Fest, bei dem nach der Begrüßungsrede der Frau Staatsminister Biehr ein hübsches Intermezzo folgte. Es erschienen im Saale, nachdem er Halbdunkel gemacht worden war, in langem Zuge die Jbsen'schen Frauengesialten, zusammen 27, die beim Dichter vorüberwandelten und ihm je eine Rose überreichten, wobei sie nannten, wen sie darstellten. Als dann Fräulein Gina Krog eine Rede gehalten hatte, worin sie Ibsen für das, was er durch seine Dichtungen für. die Frauen und die Frauensache gewirkt hätte, dankte, erwiderte Ibsen unter Allgemeiner Spannung Folgendes: „Ich bin nicht Mitglied des-Vereins für die Frauensache. Alles, was ich gedichtet habe, ist nicht von einer bewußten Tendenz ausgegangen. Ich war mehr Dichter, weniger Sozialphilosoph, als man im allgemeinen zu glauben geneigt scheint. Ich danke für den Toast, muß aber auf die Ehre, daß ich bewußt für die Frauensache gewirkt haben soll, verzichten. Ich bin nicht einmal im Klaren darüber, was eigentlich die Frauensache ist. Für mich gibt es nur eine Menschensache, und liest man aufmerksam meine Bücher, so wird man dies verstehen. Es ist gewiß wünschenswerth, neben den anderen Fragen auch die Frauiüfrage zu lösen, das ist aber nicht die ganze Absicht gewes en. Meine Aufgabe bildete die Menschenschilderung. Ist diese nun einigermaßen treffend, dann legt der Leser seine eigenen Empfindungen und Stimmungen hinein. Man schreibt dies dem Dichter zu; aber nein, so ist es nicht. Man dichtet es hübsch und fein um, ein Jeder nach seiner Persönlichkeit. Nicht allein Diejenigen, die schreiben, sondern auch Diejenigen, die lesen, dichten; sie sind Mitdichtende. Oft sind sie poesievoller, als der Dichter selbst. Ich will mir erlauben, mit einer Aenderung für den Toast, der an mich gerichtet war, zu danken. Denn das sehe ich ja, daß die Frauen eine große Aufgabe auf den besonderen Gebieten haben, für welche dieser Verein wirkt. Ich will dem Verein für die Frauensache einen Dankspruch ausbringen und wünsche ihm Glück und Fortgang. Ich empfand es stets als eine Aufgabe, das Land zu heben und dem Volke eine höhere Stellung zu geben. Hierbei machen sich besonders zwei Factoren geltend; es liegt den Müttern ob, durch ange- strengte und langsame Arbeit ein bewußtes Gefühl von Cultur und von Disciplin zu erwecken. Dies muß in
den Menschen hervorgerufen werben, ehe man das Volk weiter heben kann. Die Frauen müssen die Menschenfrage lösen, als Mütter müssen sie es thun, und nur als solche können sie es. Hier liegt eine große Aufgabe für die Frauen. Dank und Hoch für den Verein der Frauensache."
♦ Der Deutsche Eymnafialverein hielt am 31. Mai seine siebente Versammlung zu Stuttgart in der Aula des Karlsgymnafiums, unter Vorsitz des Geheimraths Schrader aus Halle. Die Versammlung war sehr gut besucht. Sie hörte zuerst einen höchst interessanten Vortrag von Oberlehrer Dr. Schrader aus Hannover über die Grenzen der Anwendung naturwissenschaftlicher Forschungsmethoden auf allgemeine Fragen der Erziehung und des Unterrichts, an den sich eine Besprechung schloß, die wohl geeignet war, allzu kühnstrebende Forscher und Messungsfanatiker zu äußerster Vorsicht zu mahnen. Alsdann sprach Geheimrath Jäger aus Köln über die Bedeutung des griechischen Unterrichts im Organismus des Gymnasiums. Der Vortrag, dem sehr bestimmt formulirte Thesen beigegeben wurden, rief eines unserer hervorragendsten wissenschaftlichen Häupter, den hochbetagt, aber noch in voller Frische in Stuttgart lebenden Geheimralh Eduard Zeller, den Verfasser des classischen Werkes über die Geschichte der griechischen Phllosophie, auf den Platz, der nun in seiner Rede mit unvergleichlicher Klarheit das gute Recht und die Unentbehrlichkeit des Griechischen für unsere Gymnasialjugend darlegte, die Noth- wendigkeit, mit demselben früh und nicht nach der Weise des Reformgymnasiums erst in Untersecunda zu beginnen, betonte und seine rückhaltlose Zustimmung zu den Thesen Jägers aussprach, die denn auch die einhellige Zustimmung der Versammlung fanden. Am folgenden Tage trat im Saale des Stadtgartens die Landesversammlung des württembergischen Gymnasiallehrervereins zusammen, der auch der Cultusminister v. Sarwey beiwohnte. Sie erhielt eine besondere Weihe durch den Abschied des hohen verdienten Ministerialdirectors Präsidenten Max Planck, der genau fünfzig Jahre nach dem Antritt seiner ersten öffentlichen Stellung im württembergischen Schuldienst in den Ruhestand tritt. Die Verhandlungen betrafen äußere und innere Angelegenheiten des würltem- bergifchen Schulwesens, deren Erörterung aber auch die anwesenden Gäste aus dem übrigen Deutschland und der Schweiz mit großem Interesse folgten. Bei beiden Versammlungen und dem jeder folgenden gemeinsamen Mahle trat es sehr deutlich und unter tiefer und lebhafter Begeisterung zu Tage, wie schön sich hier die besondere Landes- und Stammesart mit dem allgemein deutschen Bewußtsein vereinigte. In Württemberg ist die Idee des humanistischen Gymnasiums im besten Sinne volksthümlich und wird von der Ueberzeugung der ungeheueren Mehrheit der gebildeten Kreise getragen. Der Verlauf der beiden Tage war in dieser Hinsicht sehr ermuthigend, ja man darf sagen erhebend.
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Bekanntmachung.
Die diesjährige Graserute von den Wegen und Schneisen des Gießener Stadtwaldes soll
Samstag den 11. Juni 1898, Vormittags 11 Uhr, im Saale des alten Rathhauses öffentlich versteigert werden. Die Großh. Bürgermeistereien der umliegenden Orte werden um Veröffentlichung dieser Bekanntmachung ersucht.
Gießen, den 7. Juni 1898.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
Gnauth. 5784
Bekanntmachung.
Anmeldungen zum Bezüge der aus der Ebel-Stiftung für 1898 an arme Kinder zu verabfolgenden Kleidungsstücke sind bis zum 1. Juli d. IS. bei dem Armenamt (Zimmer Nr. 2 des Bürgermeisterei-Gebäudes) vorzubringen.
Gießen, den 3. Juni 1898. 5750
Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.
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