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M. 133 Zweites Blatt. Freitag de» 10. Juni
1808
Erscheint tägtich mit Ausnahme des Montag«.
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UetzwMm, Expedition und Druckerei: -chntfiratze Nr. 7.
schwer verbefferliche Deutschenfreffer, wie Komarow, der Herausgeber de- „Swjet", befleißigen fich einiger Mäßigung, weil fie sehen, daß mit dem Deutschenhaß kein Geschäft mehr zu machen ist. Hingegen hat die — gelinde gesagt Ab- ueiguug gegen England einen so bedenklichen Grad erreicht, daß au- den ZeituugSspalten ziemlich unverblümt der Wunsch pricht, die Regierung möchte den Engländern so bald al- möglich in Indien tüchtig aus die Finger klopfen. Diese Stimmung scheint der Regierung selbst nicht ganz unbequem zu fein, denn fie hat, entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit, der Preffe bis jetzt keinen Maulkorb vorgelegt, auch nicht, al- nach der berauSforderudeu Rede EhamberlatoS auf eine deutliche Sprache der Zeitungen wohl zu rechnen war. Man ist fest davon überzeugt, daß England zur Zeit keinen Bunde-- geoofien findet und daß seine Macht in Indien gegen die ruffischen Streitkräfte nicht aufzukommeu vermag. Darum findet auch jetzt die türkenfeiudliche Politik der Regierung allgemein Beifall, während man ihr noch zu Anfang de- vergangeueu Winter- nirgend- rechten Geschmack abzugewiuueu
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Fernsprecher Nr. 51.
Aus Serbien.
Die Wahlen in dem Lande der Dynastie Obrenowitsch find wieder einmal vorüber und haben natürlich zu eine« Siege der Regierung geführt. L- geht hier wie in anderen parlamentarisch regierten Ländern, die jeweilig am Ruder befindliche Partei fiegt gewöhnlich mtt großer Majorität, und ob auch gestern die Liberalen ein gewaltiges Uebergewtcht an Stimmen aufgewtesen hatten, so würden doch heute, wenn die Radicaleu die Zügel in Händen haben, für fie ebenso große Mehrheiten vorhanden sein. Die serbischen Regierungen haben fich anscheinend in dieser Beziehung Spanien al- Muster genommen, wo bet den Wahlen ebenfalls immer diejenige Partei fiegt, welche in dem Cabtuet vertreten ist. Auch in Serbien wird von den Unterliegenden stet- über Wahlbeein- fluffung geklagt, aber alle derartigen Beschwerden bleiben erfolglos, da selbstverständlich die Regierung nicht ge^n ihre eigenen Machenschaften eiuschreitru kann, und fo werden denn auch die-mal die in der Minderheit gebliebenen Parteien am Besten thun, die Faust iu der Tasche zu ballen und abzuwarten, bi- — fie selbst wieder am Ruder find.
Mau hatte den diesmaligen Wahlen mit größerem Jutereffe eutgegengeseheu, weil durch deren Ausfall die Entscheidung de- Königs, seinen Vater Milan dauernd wieder nach Serbien zu berufen und ihm da- Oberkommando über die Armee anzuvertrauen, sanettouirt werden würde. Bis jetzt hat mau von einer besonderen Thätigkeit Milan- noch nicht viel wahrgenommeu, er bezieht vorläufig nur sein recht hohes Gehalt und hat nur au seinem alten „Freund", den Führer der Radicaleu, Paste, sein Müthchen gekühlt, indem auf seine Veranlaffung gegen diesen die Anklage wegen Majestät-beleidiguvg erhoben worden war. Die erste Instanz hatte Pasic freilich fretgesprochev, aber iu der eingelegten Berufung erfolgte daun bekanntlich die Berurtheilung. Daß dieser Vorgang zur Erschwerung der iuuerpolttischeu Situation und zur stärkeren Bekämpfung der Dynastie beitragen wird, ist selbstverständlich, und nach der Ansicht besonnener Kreise thut Milan nicht gut daran, den Bogen zu straff auzuspanuen. Er glaubt aber, der Armee unbedingt sicher sein zu dürfen und fich daraufhin schon etwa- leisten zu köoueu. Vielleicht befindet er fich tu einem schweren Jrrthum, und eine Ent« tauschuug tritt ein, wenn Milan einmal in die Lage kommt, an da- Heer appelltreu zu müffeu.
Die Reise bei Fürsten von Montenegro, der trotz aller FreuudschaftSverficheruugen all ein Widersacher Serbiens auzusehen ist, nach London hat iu serbischen RegterungSkretsen große- Unbehagen heroorgerufeu. Seine Pläne auf dem Balkan find zu sehr in Dunkel gehüllt, als daß mau iu den übrigen Balkaustaaten nicht Mißtrauen gegen seine Abfichten hegen könnte.
Der „einzige Freund" Alexander- III. ist immerhin ein Nicht zu übersehender Factor, umsomehr al- auch der jetzige
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juni. Der Kaiser besichtigte heute früh auf dem Bornstedter Felde daS Garde-du-CorpS und das Letb'Garde'Husocell'Regiment, woran sich ein Exerciren im Feuer anschloß, zu welchem dal Füsilier-Bataillon deS ersten Garde-RegimentS, die Uuteroffizierschule uud das Lehr-Ja- fanterie-Bataillon heraogezogen wurden. Nach der Rückkehr nach Potsdam nahm der Kaiser an dem Frühstück im Eafiuo des Garde-du Corpk-Regiments Theil.
Berlin, 8. Juni. Der Kreuzer „K a i s e r i n A u g u st a" ist gestern in Nagasaki augekomme« und heute mtt dem Bice- Admiral von DtederichS nach Manila in See gefahren. Das Schiff „Arcoua" ist von Nagasaki gestern nach Ktautschou in See gegangen.
Berlin, 8. Juni. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag unter dem Vorsitz seines Bicepräsidevten, Ftnanzmtntster Dr. Miquel, zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 8. Juni. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt in osficiösem Druck: Die „Berl. Reuest. Nachr." bringen in ihrer Abendnummer vom 7. d. M. die Mittheiluug, daß die Anwesenheit del StaatlsecretärS de- Reichr-Marineamte- im Gefolge Sr. Majestät deS Kaisers bei der Stettiner Reise in Verbindung zu bringen sei mit der Entwickelung de- Reichr-MartueamteS, iu der Richtung eines Reichl- Marine- und SchifffahrtS-AmteS. Wie uns von maßgebender Stelle bekannt geworden ist, beruht diese Nachricht auf Jrrthum. ES besteht keineswegs die Absicht, Geschäfte iu das Reichlwariueamt zu übernehmen, welche in dal Rtffort anderer Reichlämter fallen uud bisher dort bearbeitet worden find. Der Einfluß der Kriegsmarine und ihrer Organe auf die weitere Entwickelung uud Vertretung der allgemeinen See-Jntereffeu ist durch die Stellung des Staatssekretär» des RetchS'MartueamteS innerhalb der RetchSregieruog uud durch seine Thetlnahme an den Berathungen des preußischen StaarSwinisterumS hinlänglich gewahrt,
— Aus St. Petersburg wird der „Tgl. Ruodsch." geschrieben: Die Stimmung gegen England ist hier in allen Kreisen so ungünstig, wie seit Jahren nicht. Die rufftsche Preff. ist jetzt von der alten, seit dem letzten russisch- türkischen Krieg immer wieder und in allen Tonarten äuge- stimmten Litanei, daß Deutschlands Diplomatie den Ruffeu überall den Knüppel zwischen die Beine werfe, ganz abge- | kommen. Mau wird der Gradheit der deutschen Politik von
Arrrlatrd.
Wien, 8. Juni. Wie daS „Neue Wiener Tageblatt" aus parlamentarischen Kreisen erfährt, will Ministerpräsident Graf Thun keineswegs die Partie aufgeben, sondern einen letzten Versuch machen, um durch Abschluß der Sprachen- Debatten und die Einsetzung eines Spracheu-AuSschuffeS eine Verständigung herbeizuführen. Das genannte Blatt bemerkt jedoch, daß nach den bisherigen Dispositionen des Präsidium» del Abgeordnetenhauses die Aussichten auf einen Erfolg dieses Versuchs sehr gering seien.
Loudon, 8. Juni. „Daily Mail" zufolge ist die Lau- düng von amerikanischen Truppen auf Porto- rico für spätere Zeit verschoben worden.
Locales and ^provinzielles.
m. Von ben Lahn, 8. Juni. SS darf auch für diese» Sommer auf den so schön gelegenen Staufenberg (eine Viertelstunde von Bahnstation Frtcdelhausen) aufmerksam ge- macht werden. Sonntags ist die Restauration in der Burg (deren Wirth recht aufmerksam die Gäste bedient und gute Speisen und Getränke bietet) von den benachbarten Dörfern aus mitunter stark occuptrt- deshalb ratheu wir den Ausflug für die Werktage an mit der Anhetmgabe, etwa vorher noch von der Haltestelle Friedelhausen aus die Altenburg zu besteigen (eine halbe Stunde weit), von wo man die beiden Universitäten Marburg uud Gießen, Amöneburg, Glei- berg sehr nett liegen sieht.
-1- Salzhausen, 8. Juni. Obgleich dar Wetter immer noch nicht beständig ist, hat fich die Zahl der Badegäste be»
Zar die Sympathien für den Fürsten der schwarzen Berge | Tag zu Tag mehr gerecht und ^lbst so grundsätzlich und g-erbt zu haben fdtetnt. Deshalb plaldiren auch all- au,.'—- ""
richtigen Vaterlandsfreuvde in Serbien für einen rückhaltlosen Anschluß an Oesterreich, bei dem die serbischen Jutereffen am besten gewahrt sind, da dieses selbst an den Zuständen jenes Landes lebhaft betheiligt ist uud ihnen infolge dessen fort- gefetzt lebhafte Aufmerksamkeit widmen muß.(xx)
Feuilleton.
Mcrgmannslod.
Von Rudolf CurtiuS.
(Nachdruck verboten.)
Ein alter Kircheugesavg beginnt mit den Worten „Mitten wir im Leben find von dem Tod umfangen". Diese Wahr- beit gilt von Jedem unter unS, denn Niemand weiß — und wohl zu seinem Glück und inneren Frieden — wie nahe ihm oft der Tod ist. Täglich melden uns die Zeitungen von nah und sern, daß blühende Menschenleben einem tückischen Zufalle oder einer jener Katastrophen zum Opfer fallen, wie fie in unserem Jahrhundert der Technik uuo Maschinenarbeit, der Eisenbahnen und der Dampfschiffe leider trotz aller BorfichtSmaßregeln immer zahlreicher werden. Niemand aber ist häufiger iu der Lage, dem Tod in» Au- geficht schauen zu wüffen, al» der Bergmann, den sein harter Beruf zwingt, in den Eingeweiden der Erde zu graben, wo stürzende Steine mu schlagende Wetter seinem Leben nur zu oft ein jähes uud fürchterliches Ende bereiten. Noch war daS entsetzliche Unglück auf der westfälischen Zeche „Carolinen- glück", da» mehr als hundert wackere Bergleute iu der Voll- kraft ihrer Jahre uud Gesundheit dahiugeragt, frisch unS im Gedächtuiß, da meldeten die Zeitungen schon wieder von ähnlichen Katastrophen.
Wen dort unten in der finsteren Tiefe daS Geschick nach einem Todeskampfe von nur wenigen Secundeu oder Minuten dahiurafft, der ist fast noch glücklich zu pressenl im Vergleich zu Denjenigen, welchen durch niedergehendes Gestein
der Ausweg versperrt wird. Ohne Speise und Trank find fie im Berge eingeschlossen; schließlich verlischt daS sorgsam aufgesparte, letzte Grubenlicht- ein fernes Pochen uud Hämmern zeigt ihnen an, daß ihre Kameraden am Werke find, ihnen zn Hilfe zu kommen, aber in der finsteren Nacht dehnen fich die Minuten zu Ewigkeiten, und in die zagende Seele zieht der bange Zweifel ein, ob die rettende Hilfe noch zur rechten Zeit kommen wird, bevor die letzten Kräfte aufgebraucht find uud der ewige Schlummer der Qual ein Ende macht.
Wer vom Leben uud Treiben des Bergmannes nichts weiter kennt, als dessen nette und adrette Sountagstracht, oder vielleicht nur der Schaulust zu Liebe, wie man fich ein Theaterstück anfieht, einmal, in schützende Ueberkleider gehüllt, in ein Salzbergwerk eiugefahren ist, um die au gewissen Tagen übliche Illumination zu besichtigen, weiß von dem harten Leben de» Bergknappen so gut wie nicht». Im vollen Betriebe de» Werktage» muß man die Schächte und Gänge, die schwitzenden, nur auf daS Notdürftigste bekleideten, geschwärzten Gestalten gesehen haben, wie sie bei dem schwachen Scheine des Grubenltchte» zusammengekauert oder liegend den Kohlenflötz bearbeiten, um eine richtige Vorstellung von ihren Mühsaleu zu gewinnen.
El find nun allerdings, wie die Statistik des preußischen Bergbaues zeigt, durchaus nicht die Explosionen schlagender Wetter, welche die Mehrzahl der Unglücksfälle verursachen. Von allen unter Tag vorkommenden Unglückssällen werden nämlich nicht weniger als 37 Procent durch niederstürzende Stein- und Kohleuwassen verursacht, welchen nur 11 Pro- cent als durch Schlagwetter hervorgerufen gegeuüberstehev.
Immerhin haben aber iu dem 24jährigen Zeiträume von 1861 bi» 1884 iu Preußen allein nicht weniger al» 437 Explofionen schlagender Wetter stattgefuvden, bet welche» Verluste an Menschenleben zu beklagen waren, und wenn auch die meisten derselben nur kleine Verlustziffern auf- weisen, und Katastrophen, wie diejenige in „Earoltnenglück", Gott sei Dank zu deu Ausnahmen gehören, so mahnen doch die immer wiederkehrendeu UnglückSfälle an die Pflicht der Allgemeinheit, Diejenigen, welche uns die unentbehrlichen schwarzen Diamanten heraufholen, nach bestem menschlichem Können vor den sie bedrohenden Gefahren zu sichern, uud eS ist nur ein schwacher Trost in dem Umstande gelegen, daß el in allen anderen Staaten in diesem Punkte noch schlimmer auSfieht als bei uns, und daß namentlich die tieferen nordböhmischen Braunkohlengruben, sowie einige Berg- werke im österreichisch -ischlesischen Kohlendtstrtct Ostrau- Karwin eine bedeutend höhere Zahl von Opfern fordern.
Begleiten wir einmal den Bergmann auf seiner Fahrt inS Reich der Gnomen uud Zwerge. ES ist ein Montag, jener Tag der Woche, an welchem erfahrungsgemäß die weiften Explofionen erfolgen, weil die Gruben über Sonntag stillstanden und fich brennbare Gase in größeren Menge» anzusammeln Gelegenheit hatten. Von allen Seiten streben die Arbeiter in früher Tagesstunde durch die noch von nächtigem Grauen bedeckte Gegend der über dem Schacht- aulgange sich wölbenden, matt erhellten Halle zu und eine Menschenlast nach der andern wird in schneller Folge durch den mächtigen Förderkorb in die Eingeweide der Erde entführt.
(Schluß folgt.)


