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10.4.1898 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 10. April

1898

Nr. 84 Erstes Blatt

Grscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Ostern.

.Er ist auferstanden!" Marc. 16, 6.

Freude waltet Nah und Fern, Freude, Freude, hohe Freud- Ob drS auferstandneu Herrn Jubeln alle Chrtstevleur'. Sieh, die bunte Gruft ist leer! Engel in dem Lichtqewand Bringen dir die fel'ge Mähr: Christ, dein Heiland, auferstand! All dein Tod ist nun dahin, Ew'geS Leben wiederbracht! Frohe Menschheit preise ihn, Der so gnädig dich bedacht!

Wieseck.

Ostern.

Der Odem GotteS sprengt die Grüfte! Wacht auf! Der Ostertag ist da!

So ruft ein deutscher Dichter die Menschen am Ostertag zur Freude auf. Sonnenschein und Lercheusang, grünender Halm und rauschender Born wollen daS müde Menschenherz neu beleben und zur Freude wecken. Manchem, der ein finnig Gemürh hat, mag in der That des Frühlings Nahen auch den flüchtigen Mißmutb, die leichte Sorge verscheuchen. Aber ernster Kummer und liefe Trauer, die bangen Fragen, die Menschenherzen bewegen, werden vom schimmernden Sonnenschein und vom lustigen Vogelsang nicht gelöst. Die Seele, die nach Leben und Hoffnung dürstet, die fich in der Kraft ihrer Persönlichkeit von allem Naturleben unterscheidet, verlangt festeren Halt für ihr Hoffen und Leben, als einen knorpenretchen schwanken Zauig.

War der Sonnenschein und der BögleinS Lied nicht zu geben vermag, daS bringt uns der Ostertag: eine gewisse Hoffnung. Mögen viele fich daran ärgern, die Ostergeschichte ist nun einmal eine Thatsache, beglaubigt tote nur eine Thatsache der Geschichte beglaubigt sein kann. Selbst deS Thomas Zweifel muß uns zur Bestätigung ihrer Wahrheit dienen. Und nun ist Gewißheit da für dir sorgenvollen, zagenden Herzen, Trost für trauernde Gemüther, Hoffnung für die, die hoffnungslos dem Tode entgegenwankten.

Wer mit Sorge und Angst ins Weltleden hinauSfieht und bang den Kampf der Weltanschauungen verfolgt, dem erhellt Ostern dar Kc-mpfgewÜhl - denn nun wird auch ihm gewiß: JesuS lebt! Ihm ist das Reich über alle Weit ge­geben! Und tn solcher Gewißheit behauptet er Leben-- freudigkeit mitten in einem Geschlecht, ba$ von Pessimismus und Materiali-muS beherrscht wird, und läßt fich seine Ideale nicht rauben.in einer Zeit, b e ben Idealen abhold ist.

Und die sonst mit grünen Kränzen zu den Gräbern der Ihrigen wallen, heut am Ostertag schauen fie mit lichtem Auge hinauf in- Himmelsblau. Ich bin die Auferstehung und das Leben! Das dringt heut mächtig durch ihre Seele und mahnt fie, die Verstorbenen nicht bei den Tobten zu suchen, sondern dort, wo daS Haupt der Gemeinde in der Herrlichkeit thront.

Und die drinnen in der Kammer alt und müde, mit gebrochenem Leibe und zagender Seele vor dem Weg durch- TodeSthal zittern, heut sehen fie ein Licht in der Ftnsterniß, und ihre durstige Seele darf fich satt trinken an dem Born. Jesus lebt! Ich bin gewiß, nicht- soll mich von Jrsu scheiten! So klingt e- al- Freudenbotschaft zu ihnen her­über aus dem Munde der feiernden Gemeinde. Nun wollen fie gern die Augen schließen. Sie haben ihren Heiland ge­sehen.

Die Ostergeschichte glaubend ins Herz nehmen, daS heißt dem Tod feine Bitterkeit raubend, Trost haben in aller Trauer und im Kampfe des Lebens seines Ziele- gewiß sein. Darum wacht auf! Der Ostertag ist da!

Französische Enthüllungen.

Da- Pariser Publikum verlangt fortgesetzt nach etwa- Neuem, Sensationellem: da- WerktaaSkleid der Preffe gefällt ihm nicht, ist ihm zu langweilig. Diesem Geschmacke suchen nun die Blätrer der französtschen Hauptstadt in weitgehendstem Sinne Rechnung zu tragen und ihren Leiern ab und zu etwa- besonders Feine- vorzulegen. Im Uebrigen hat ja die Geichichte der letzten französtschen Republik so manche außerordentliche Ereigniffe gezeitigt, daß eS wahrlich an Stoff nicht gefehlt hätte, auch wenn die Preffe nicht auf die Suche

nach Sensation llem gegangen wäre. Schon der Panama- scandal hat Stoff für mehrere Jahre gegeben und auch die Dreyfn-affaire dürfte noch lange nicht aufgehört haben, die Gemükher zu beschäftigen.

Was flüsterte man fich doch heimlich zu, al- der Copitän DreyfuS entlarvt wurde? Er habe mit dem deutschen Militärattache in Verbindung gestanden, was ja so natürlich erschien, daß Jeder, der daran zweifelte, für thöricht gehalten wurde. Und diese Anficht wurde nicht etwa nur leise auS« getauscht, nein, man sprach fie offen auS und fand allerorten gläubige Seelen. Da- lange Schweigen der deutschen Regie­rung konnte natürlich nur Schuldbewußtscin bedeuten, und mehrere Jahre hindurch hat unsere Regierung diesen Verdacht ruhig über fich ergehen laffen, ohne anzudeuten, ob er gerechtfertigt war oder nicht. So ganz zufällig hat vor einiger Zeit der Staal-seccetär v. Bülow bei einer Erörterung unserer Beziehungen zum Auslände im Reichstage erklärt, daß die deutsche BoUchaft in Paris niemals tn irgend einer Verbindung zu DreyfuS gestanden habe. Daß diese Erklä- rung in Frankreich keinen großen Eindruck machen würde, haben wir schon damals vorhergesagt- denn, wenn fich die Finanzmänner in eine Idee v-.rrannt haben, dann laffen fie fich durch die gewichtigsten Bernunftgründe nicht davon ab- bringen.

Der Esterhazy Prozeß trat in die Erscheinung und gebar den Zola Prozeß. Jo, so sagten fich die Freunde DreyfuS', die deutsche Regierung hat amUich erklärt, daß fie mit dem auf der Teufelsinsel schmachtenden Excapitän nicht in Ber- bindvog gestanden habe- aber kann nicht Esterhazy, trotzdem er freigesprochen wurde, doch d r Mann sein, welcher an Deutschland militärische Gebeimrffe an-geliefert bat? Und flug- bringt derSiöclr" Enthüllungen, wonach der deutsche Militärattache Schwartzkoppen zu Esterhazy in Brziehungen getreten sei und von diesem nicht weniger als 112 Mit­theilungen erhalten habe. An romanhaften Einzelheiten ließ eS da- genannte Blatt nicht fehlen, um die Sache noch glaubhafter zu machen, und triumphirend fragt heute ganz Frankreich:Berlin, was sagst Du nun?"

Ob unsere Regierung Überhaupt etwas sagen wird, ist sehr zweifelhaft. In verschiedenen deutschen Blättern wird ja die Anficht vertreten, daß eine categorische Etklärung von amtlicher Seite wohl am Platze sei. Aber unserer Auffaffung i nach liegt eigentlich kein Grund dazu vor, daß unsere Regie« ! rung au- ihrer vornehmen Zurückhaltung herau-trltt. Bei > einer sich darbietenden Gelegenheit wird die betreffende Stelle nicht an einer unzweideutigen Etklärung fehlen laffen, ' aber eine birectc Antwort zu geben auf dieEnthüllungen" < imS'öcle", halten wir nicht für angebracht. Was haben s nicht Pariser Bl'itter schonenthüllt"! Wenn bei allen j solchen Anlässen von amtlicher Seite eine Aufklärung gegeben \ worden wäre, bann hätte Jene Preffe nur erreicht, was fie \ bezwecken wollte. Und angenommen, der deutsche Mililär- attache hätte wirklich mit Esterhazy in Verbindung gestanden, so könnte ihm daraus nicht der mindeste Vorwurf gemacht werden, denn die Militärattaches aller Länder betrachten es alS ihre Aufgabe, sich Informationen über die HeereSein- richtungen de- Staates, bei welchem sie beglaubigt find, zu verschaffen. ES war also ein Schlag ins Wasser, den da die Franzosen gegen unS zu führen glaubten, und ohne große Mühe Haden wir denselben von un- ablenken können, xx

Ari-laird.

Pari-, 8. April. DaS Kriegsgericht, welche- Esterhazy freigesprochen hatte, trat heute Vormittag zur Prü« jung nachfolgender zwei Fragen zusammen: Soll gegen Zola eine neue Klage angestrengt werden? Soll bei dem Groß­kanzler der Ehrenlegion eine Klage gegen Zola al- Inhaber des Osfijierkrruze- der Ehrenlegion eingereicht werden? Die Verhandlung, welche mit Ausschluß der Oeffentlichkeit statt« sand, wurde nach zweistündiger Berathung auf Nachmittag- 2 Uhr vertagt. Man glaubt, baß baß Kriegsgericht, welche- Nachmittags 2 Uhr die S tzuug wieder anfnahm, fdne Entscheidung nicht veröffentlichen, sondern durch Ver­mittelung deS Generals Zurlinden dem Ministerrathe über­reichen wird. Der Ministerrath trat Nachmittag- ebenfalls zu einer Sitzung zusammen.

Paris, 8. April. Da- Kriegsgericht beschloß, einen neuen Prozeß gegen Zola zu beantragen und al- Kläger aufzutreten. Da- Kiiegsgericht gab bekannt, daß der Kriegswinister bei dem Kanzler der Ehrenlegion Klage er- hoben habe, um die Streichung Zola- au- den Listen der Ehrenlegion zu erlangen.

Paris, 8. April.Petit Parifien" wird au- Brest

gemeldet, ein auf dem DampferJoufsoh" auS Cayenne zurückgekehrter Ofizier habe ausgesagt, DreyfuS hätte fich zu erhängen versucht, sei aber noch rechtzeitig daran verhindere toorbeu.

London, 7. April. Nach Madrider Meldungen hat die Königin-Regentin auf bringenden Rath beteiligtet Factoren persönlich in die Cuba-Angelegenheit ein­gegriffen. Infolge deffen soll von Spanien ein weiteres Ent­gegenkommen brvo-stehen uab zwar in solcher Weise, daß Amerika einen Krieg nicht mehr verantworten könne.

Tomsl, 8. April. Der am 1. d. MrS., Abends 9 Uhr, auS Moskau abgegangene neue sibirische Sonder- Schnellzug ist gestern Nachmittag 5 Uhr hier eingetroffen. Zum Empfange beß Zuges waren festliche Veranstaltungen ! getroffen.

Cocalts Mttfc

Gießen, den 9, April.

Choral. Morgen, am l.Oftcrtage, wird Vormittag- 7 Uhr vom Thurme der Stadtkirche der Choral:Allein Gott <n der Höh' sei Ehr" geblasen werden.

Zn bzn Ruhestand wurde versetzt der Bremser in bet Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft EmH Gern and zu Gießen, mit Wirkung vom 1. Juni 1898 an.

Feuerwehr. Bei dem nun eingetretenen schönen Wetter wird vom 1. Osterfeiertage an jedem Sonntag Nach- < mittag- von 3 Uhr bi- Abend- 8 resp. 9 Uhr tm Thurm- t hau- am Brand der regelmäßige Feuerwehrdi-ust von : unserer Feuerwehr wieder aufgenommen.

Kunstverein. Wie bereits im Jnseratenthril ersichtlich : war, so hat die Gemälde-Ausstellung im Thurmhau- am Brand diese Woche wieder eine durchgreifende Aenderung erfahren, indem zu den kaum seit 14 Tagen neu au-gestellten wiederum 56 Gemälde hiozugekommen find. Die circa 100 ausgestellten Bilder bieten auch diesesmal wieder eine Fülle von Kunstwerken, die ihre Anziehungskraft auf unsere Kunst­freunde sicher nicht verfehlen werden. Zugleich fei noch erwähnt, daß die Ausstellung an den Feiertagen von 11 biß 3 Uhr Mittags ununterbrochen geöffnet ist.

Auszeichnung. Die mechanische Schuhfabrik von i O. & E. Kaltscher in Leipzig erhielt für ausgestellte j Damenschuhwaaren auf der Sächsischen Industrie-Au-- s stellung, Leipzig 1897, die goldene Medaille. Trotz ' einer großen Anzahl concurrirenber Bewerber war die Firma i die einzige, welcher diese höchste Auszeichnung zu Theis wurde. ! Vertreter L. Bernhard, Neuenbäue 15. [604]

Für Radfahrer. Wir verfehlen nicht, unsere rad- fahrenden Lefer nochmals auf die heutige Bekanntmachung Großh. Polizeiamt-, betr. die Bestellung der Karten und Nummerplatten, aufmerksam zu machen.

Da- Wetterhäuschen. In verfloffener Nacht wurde das Wetterhäuschen tn der Südanlage von einem bl« jetzt j noch Unbekannten erbrochen und beschädigt. DerThäter ! wurde bei der Arbeit von einem Schutzmann betroffen, ergriff : aber die Flucht und es gelang dem Schutzmann nicht, den« ' selben einzuho!en. Der Thäter war groß, trug dunklen j Ueberzieher, Schlapphut und hatte Vollbart.

* Verhaftet wurde gestern Abend ein junger Mann von hier, welcher fich an einem EinbruchSdieb stahl in Düsseldorf beteiligt haben soll.

Ein hoffnungsvoller Zunge. Ein 13 jähriger Junge wurde vorigen Samstag habet abgefaßt, als er von feiner elterlichen Wohnung auß Menschenkoth in die Küche eineß Nachbarhauses warf. ES war bieß schon mehrmals vor- gekommen, ohne daß man ahnte, wer die Rohheit verübte.

* Der Delegirteutag des Rhein-Main GastwirtheverbaubeS, welcher sämmtliche Gastwirthevereine des Grohherzogthum- Hrffen umfaßt, findet laut Beschluß de- Mainzer Gastwirthe- vereinS und mit Zustimmung beß Centralvorstande- Darm­stadt am 14. und 15. Juni in Mainz statt.

** Delegirtenueifammlung der hessischen Aerzte. Donners­tag den 21. April, Nachmittag- 5 Uhr, findet in Frank- surt a. M. eine Delegirten-Bersammlung der Aerzte beß Großherzogthum- Hessen statt, um über die Errichtung einer Unterstützung sür hilfsbedürftige Aerzte und bereu Hinter­bliebenen zu berathen.

* ZeitnvgSübttweisuug in der Reifezeit. Fortan sollen innerhalb Deutschlands auch solche ZeitungSÜberweisungen zulässig sein, die vor Beginn der BezugSzeit beantragt worden find. Wird von einem Besteller die Nachsendung einer Zeitung gleichzeitig für den Rest der laufenden und für die kommende BezugSzeit verlangt, fo ist die UeberweisnngS-