1898
Sonntag den 10. April
Drittes Blatt
Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren
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Rebactien, Expedition und Druckerei:
K4»kstr«te Nr. 7.
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Neustadt.
mentalen Fragen der StLdtehygiene, die Wasserversorgung, anlangt - jeden Fuß breit Boden erst der Privatspeculatton, die et verstanden hatte, sich in den Besitz schwer antastbarer Monopole und Privilegien zu setzen, abkämpfen mutzten, handelte es sich in dieser Beziehung in Deutschland, als die Städte die Frage in Angriff nahmen, durchweg um jungfräulichen Boden. Daß es sich hier um eine Aufgabe handle, die ausschließlich von der Stadtgemeinde gelöst werden könne, hat bei uns keinen Augenblick in Zweifel gestanden, und so sehen wir denn dieses Problem als eines der ersten in An- griff genommen.
Mit der Canalisation Hamburgs, welcher dre Danzrgs und Frankfurts, vor allem aber das Riesenwerk, welches in Berlin zu Anfana der achtziger Jahre seinen vorläufigen Abschluß fand, sich anschloffen, beginnt alsdann für die Gesundheitstechnik in Deutschland und damit für die Gesund, heitspflege eine vollkommen neue Aera. Nicht langsam und allmählich — gewiffermaßen wie mit einem Schlage entstand unter dem Hochdruck der öffentlichen Meinung die lieber* zeugung von der Nothwendigkeit selbst kostspieliger Institutionen für die Reinhaltung des Grund und Bodens, eine Stadt deeiferts sich, der anderen jeden Fortschritt nachzuahmen, und es dauerte nicht lange, so bildeten Fragen der Hygiene den Angelpunkt, um den sich die gesammte communale Ber* waltungspolitik drehte. Bon dem Gesichtspunkte der Rem- haltung des Grund und Bodens — nach den damals allge* mein anerkannten Pett en ko fer'schen Anschauungen die erste und wichtigste Bedingung für die Fernhaltung von Volksseuchen — wurden die Fragen der Befestigung der Straßen, der Straßenreinigung und der Beseitigung der Abfälle von Grund aus revidirt. Lebensmittelversorgung, Schulhausbau und Schulwesen, das ganze weite Gebiet der Anlage öffent- licher Bauten, vom Krankenhausbou bis zum Luxusbau städtischer Theater und Concerthallen rückte, das letztere namentlich im Hinblick auf Fragen der Heizung. Lüftung und Beleuchtung in den Gesichtswinkel hygienischer Betrachtung. ~ , L
Wenn er schien, als ob zur Zett, da unsere großen städtischen Wafferwerke und Canalisationranlagen entstanden, die Technik einen gewißen Höhepunkt erreicht habe und feste Grundsätze für die Ausführung derartiger Anlagen gewonnen seien, so genügt ein kurzer Blick auf die seitherige Entwickelung,
um zu zeigen, wie sehr das Gebäude noch des Ausbaues bedurfte. Hygienische Grundanschauungen, die vor zehn Jahren noch als feststehend galten, haben erneuter Prüfung nicht standgehalten; 'wir befinden uns noch heute gerade mit Bezug auf die beiden wichtigen Gebiete der Wafferversorgung und Canalisation in einem beständigen Wechsel der Meinungen über die grundlegendsten Fragen. Nachdem es lange geschienen, als ob in der Frage der Wafferversorgung das filtrirte Oberflächenwaffer den Sieg davontragen würde, sind erst ganz vor Kurzem wieder bei der Kieler Tagung des Deutschen Vereins sür öffentliche Gesundheitspflege die Gegen* sätze zwischen Oberflächenwafferversorgung und Grundwasser- versorgung so hart auf einander geplatzt, daß ein Ausgleich der Meinungen in absehbarer Zeit kaum zu erwarten steht. Und ganz ebenso verhält es sich bezüglich der Grundanschauungen über die Ausführung der Canalisation. Während noch vor zehn Jahren jeder als Ketzer verschrieen wurde, der auch nur den leisesten Zweifel an dem zum Dogma erhobenen System der einheitlichen Schwemmcanalisation mit Berieselung zu äußern wagte, sehen wir neuerdings dieser schematischen Auffaffung einen gewaltigen Stoß versetzt. Nicht nur, daß die Frage der Klärung der Abwässer heute mit einem fast fieberhaften Eifer verfolgt wird, auch die einheitliche Abfüh* rung dec Tages- und der Hauswässer gehört schon nicht mehr zu den unbedingten Forderungen selbst der Vertreter der wissenschaftlichen Hygiene, und das „Trennsystem" ist heute fast schon die allgemeine Parole, namentlich für dre kleineren Städte geworden.
Wie bezüglich der Abführung der flüssigen Jmmundrtren im Lause der Jahre die Anschauungen einem fortwährenden Wechsel unterworfen gewesen sind, so ist einem alten Schlendrian, der sich allen hygienischen Grundsätzen zum Hohn bis in die neueste Zeit hinübergerettet hatte, nun auch endlich grundsätzlich der Krieg erklärt. Der offene MMwage^ dessen unästhetischer Anblick und noch unästhetischerer Geruch zu den Requisiten gehörte, von denen sich selbst hygienisch fortgeschrittene Städte lange nicht haben trennen können, beginnt von den Straßen zu verschwinden, und sein Inhalt wandert — statt im Umkreise seiner Ablagerungsstätten wett und breit die Luft zu verpesten — in Verbrennungsöfen neuer und neuester Systeme, um, in Wärme umgesetzt, noch allerlei nützliche Verrichtungen zu übernehmen.
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Ich denke gar nicht daran, die sommersprofstge Irmgard zu heirathen!" und gekränkt setzt er hinzu: „Ich verkaufe mich doch nicht!" , ,,,
Etwas unvermittelt fragt die Ruth plötzlich: „Sage doch, Liebster, wann ist Dein Onkel eigentlich sicher anzu- treffen?"
Sellmann schaut die Braut ungläubig an. „Du wolltest doch nicht etwa selbst--"
„Mich in de» Löwen Höhle wagen?" vollendet sie etwas schnippisch, „ja allerdings, glaubst Du, ich habe Furcht vor Deinem Tyrannen!"
„Um des Himmels Willen nur das Nicht! fleht der junge Aesculap. „Er wäre im Stande, Dir die Thür zu WC^C sieht etwas hochmüthig drein. „Meinst Du? Nun, das wollen wir doch erst einmal sehen!"
Umsonst sind Sellmanns Bemühungen, die Braut von ihrem Vorhaben abzubringen. Ruth hat zuweilen einen unbeugsamen Sinn und als sie endlich den Trumpf ausspielt: „Entweder Du läßt mich gewähren, Dagobert, oder Du magst meinetwegen die Maßenbach heirathen!' fügt er sich seufzend und küßt die Hard, die schon jetzt so meisterhaft den niedlichen Pantoffel zu schwingen versteht. -
Der Ostermorgen leitet das Fest mit Wind und Regen ein. Das schöne Wetter scheint wie fortgeweht. Zargoö sttzt an seinem Schreibtisch, in den Händen ein neuerschienenes medizinisches Werk. Ec ist wieder einmal sehr schlechter Laune. Alles ärgert ihn. Aus seinem Morgenspaziergang ist nichts geworden, der Regen klatscht unbehaglich an die Scheiben, es ist kalt im Zimmer und der Ofen, dessen wärmespendende Hülfe man hat in Anspruch nehmen wollen, hat geraucht. Obendrein läßt Sellmann auf sich warten, sollte der Junge es wirklich wagen, sich gegen seinen Willen auszulehnen? Undenkbar! Und doch — diese Ruth bringt allrS fertig!
ZargoZ ist im Grunde kein Weiberfeind, aber das teere kleine schwarze Ding ist ihm in der Seele zuwider. Sie ist hübsch, pikant, das giebt er zu — er will ja gerecht fern und er hat ja auch gesunde Augen und Sinne im Kopf,
Feuilleton.
Patanella.
OsterhumoreSke von O. C z i l i n S k i.
(Nachdruck verboten.)
KO. Wie rein die Luft! Frau Sonne lacht so warm vom Himmel! Wie köstlich doch der Frieden der erwachen* den Natur nach all' den Frühlingsstürmen! Aber von all dem Zauber scheint der große Mann, der mit wuchtigen Schritten, die helle Zornröthe auf der Stirn, das Gemach durchmißt, nichts zu spüren. Ja der Herr Sanitätsrath ist in sehr übler Laune; das merkt man an der Art rote er zu feinem Neffen, dem Docenten Doctor Dagobert Sellmann, spricht.^d .$ s^e Dir," brüllt der gereizte alte Herr den verschüchtert dastehenden jungen Menschen an, „daß ich mich nicht von Dir an der Nase herumführen lasse! Du herrschest die Irmgard und nicht diese „Ruth", diese - - ©atanetta und damit basta! Allein schon der Name „Ruth", fährt er grimmig fort - ha - ha Ruth! Ich bin nun einmal nicht für das Biblische und erst gar nicht fürs Alttestamentarische! Deutsch bin ich, deutsch! Hast Du mich verstanden? Damit schlägt sich der Hüne, ein zweiter Barbarossa in feiner äußeren Erscheinung, auf die Brust, daß es schallt.
„Aber Onkel Zargoo," wagt der schüchterne junge Mann einzuwenden, „war hast Du denn eigentl ch gegen meine Braut?"
Doch wie ein gereizter Löwe fährt der Santtätsrath auf den ängstlich retirirenden Neffen los. „Braut! Braut! Wer ist Deine Braut? Die Irmgard wird es, hörst Du, sonst keine! Was ich gegen Deine „Ruth" (er legt einen unenb* lich verächtlichen Nachdruck auf den Namen), gegen Deine Ruth" habe? Wenn Du nicht ein so verstockter, verliebter Narr wärst, würdest Du diese Frage gar nicht stellen! Arm wie eine Kirchenmaus, mühsam nach Hungerleiderart durchs Studium gedarbt, willst Du ein nahezu ebenso mittelloses Mädchen heirathen, ein flatterhaftes, naseweises Ding mit
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Covrrnrrnale Ziele und Aufgaben.
(Aus dem Technischen Gemeindebtatt, Berlin).
Mit treffenden Worten hat vor zwanzig Jahren der hochverdiente Herausgeber des Berichtes über die Gemeinde* Verwaltung der Stadt Berlin in den Jahren 1861—76 die Aufgaben characterisirt, welche die wachsende Anhäufung einer großen Menschenzahl auf verhältnißmäßig kleinem Raume der Verwaltung eines Gemeinwesens stellt. „Gilt es doch", sagt er, „der enggeschaarten großstädtischen Bevölkerung die Möglichkeit des ungehinderten, raschen Verkehrs zu sichern: die schädlichen Einflüsse solcher gewaltigen Agglomeration auf die Gesundheit der Bevölkerung nach Möglichkeit abzu- wehren; dem in Armmh und körperliches Elend versunkenen | Theile derselben die nothwendige Hülfe zu gewähren; dem moralischen Verderben, das in der „Wildniß frechen Städte* lebens", unter dem „Wust verfeinerter Verbrechen" — wie ein klassisches Dichterwort die Schattenseiten großstädtischen Lebens bezeichnet — nur zu üppig wuchert, durch Einrichtungen im Schulwesen und für die Waisenpflege entgegen- zuwirken, welche — soweit es Einrichtungen vermögen — den Heranwachsenden Geschlechtern die Wege erschließen, um zu sittlicher und intellectueller Bildung zu gelangen; gilt es mit einem Worte doch, alle die inneren und äußeren Hindernisse zu bekämpfen, welche besiegt werden müssen, wenn eine Großstadt, bei allem Glanze des ReichthumS, der Wissenschaft und Künste des Ruhmes nicht entbehren soll, eine allen ihren Einwohnern die freie Bethätigung ihrer Kräfte sichernde, in den öffentlichen Einrichtungen ihr leibliches und geistiges Wohl nach Möglichkeit fördernde Culturstätte zu sein."
Diese Worte, die ein ganzes sociales Programm enthalten, gehören einer Zeit an, die eine der ruhmvollsten Epochen in der Geschichte deutschen Städtelebens darstellt. Es ist die Zeit, wo die Durchführung der großen Ausgaben der Städtehygiene zum integrirenden Inhalt städtischer Verwaltungspolitik geworden ist. Daß den deutschen Gemeindeverwaltungen der Raum zur ungehinderten Entfaltung ihrer Kräfte auf diesem aussichtsreichen Gebiete gegeben war, darf im Hinblick auf England, das uns in technischer Beziehung die Lehrmeisterin in hygienischen Fragen gewesen ist, als ein besonderer Glückrumstand betrachtet werden. Wahrend die englischen Gemeinwesen — was die erste der beiden funda-
einem Paar Zigeuneraugen und einer wahren--na,
kurz und gut, ich kann diese Satanella nicht sehen und da soll sie mir sozusagen als Schwiegertochter zugesührt werden! Mach kein so einfältiges Gesicht, Dagobert, ich denke, ich habe ja wohl Vaterrechte an Dich, wie?" und damit pflanzt sich der cholerische Alte drohend vor dem jungen Doctoc aus
„Wie?" fragte er nochmals, als Dagobert Nicht sogleich zustimmt. t,.r , ,r ,
„Jawohl! Gewiß!" kommt es endlich leise, aber etwas widerstrebend über dessen Lippen.
„Na, also! Und darum verbitte ich mir solche Dumm* beiten! Zu Ostern wolltest Du Dich mit dieser „Ruth" verloben?! Ha - ha, das ist köstlich! Nun, verloben magst Tu Dich meinethalben, aber mit Irmgard Maßenbach, das bitte ich mir aus! Je eher, desto besser!" — Damit läßt er den Unglückligen stehen. —
Satanella vulgo Ruth steht derweil in ihrem Mädchen* stübchen und drückt sich das Näschen an der Fensterscheibe platt. Wo nu ihr Dagobert bleibt? Er hat ihr doch so sicher versprochen, noch heute dem Onkel Despot seine unumstößliche Absicht kund zu thun, sich mit ihr, Ruth Nehof, morgen verloben zu wollen. Tiefer und tiefer gräbt sich die feine Unmuthsfalte zwischen die dichten Brauen. Ihr schwant so etwas von einer Fahnenflucht, sie kennt doch ihren Dagobert! O, wie sie das Ungeheuer von einem Onkel haßt! Die bellen Thränen treten ihr in die Augen, doch sie wirst das Köpfchen trotzig in den Nacken, sie wird doch etwa nicht meinen um jenen Despoten! Wenn Dagobert feige das Hasenpanier ergriffen, sie wird den Kampf mit dem Drachen schon bestehen und ganz leise stiehlt sich ein Grübchen in ihre Wange. Das Satanellachen ieat sich in ihr. Ihre Ahnungen haben sich natürlich erfüllt. Einer geknickten Lilie ähnelnd, kommt Dagobert am Abend zu der Braut und gesteht ihr, wie kläglich er Fiasko gemacht hat. Ihre Lippen schürzen sich etwas spöttisch, während sie hinwirft: „Und Du unterwirfst Dich natürlich ohne Widerrede dem Ultimatum des Herrn Sanitätsrath»!" . , .
„Aber Ruth!" vertheidigt sich der leicht einzuschüchternde Liebhaber, ,,roie kannst Du so etwas nur von mir glauben.
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a bacco, schon i.
85531.
Nr. 84
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