Nr. 58
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Erstes Blatt. Donnerstag den 10. März
1898
Weßener Anzeiger
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Bekanntmachung.
Die erledigte Stelle eine- KreisstraßenwartS mit dem Sitz in Gießen oder Wteseck soll dlS zum 1. April 1. I. wieder besetzt werden.
Bewerber haben ihre Meldungen bet dem Kreisstraßen- meister Senßfelder in Gießen bis längsten- 19. März L Js. schriftlich einzuretchen, wobei Alter, Wohnort uns seitherige Beschäftigung unter Beifügung etwaiger Zeugnisse über frühere Arbeitsleistungen ähnlicher Art anzugebeu sind.
Gießen, den 5. März 1898,
Der KreiSauSschuß des Kreise« Gießen.
v. Gagern.
Reichstag.
57. Sitzung vom Dienstag den 8. März 1898.
Ohne Debatte tritt da» Hau« in erster und zweiter Berathung dem Bunde-rath-beschluffe bet, betr. Aufnahme der Kugelschrotmühlen unter die einer besonderen Genehmigung bedürfenden Anlagen.
Hierauf wird die Berathung der Postvorlage fortgesetzt.
Abg. Mareour (Centr.) wünscht, daß die angrkündigte Herabsetzung der Postanweisungsgebühr nicht schon bei Postanweisungen bis zu 5 Mk. eintreten solle, sondern bei solchen bi- 20 oder doch mindestens 10 Mk. Größere Berücksichtigung verdiene auch das platte Land in Bezug namentlich auf Bemesiung der Bestellgebühren. Betreff- der Privat- posten schließe er sich dem vom Abgeordneten Lieber gestern Gesagten an.
Abg. Leuzmann (frs. Bp.) kann § 2 der Vorlage nicht annehmen. Warum er dies nicht kann, führt er In einer längeren Auseinandersetzung an. Sodann berührt er die Frage de- BrtefgeheimniffeS. ES sei in Prozessen fest- gestellt, daß wenigstens zur Zett des SocialtstengrsetzeS die RetchSPost gegenüber dem Ansinnen der Polizei, ihr Briefe au-zuliefern, nicht stark genug gewesen sei. Am besten würde e- sein, nur § 1 elnmüthig anzunehmen, § 2 dagegen zu streichen.
Staatssecretär v. Podbielskt erklärt, keinen Tadel gegen die Privatinstitute aussprecheu zu wollen, aber That- fache sei, daß b i eurem Institut, da- sich auflöste, 4300 unbestellte Briefe gesunden worden seien, bei einem anderen sogar 6000. Daß das Publikum durch solche Dinge geschä« dtgt würde, sei doch unverkennbar.
Abg. Förster (Aniis.) tritt grundsätzlich für volle Movopoltsirung der RrtchSpost ein- einer Entschädigung der Privatanstalten bedürfe eS unbedingt,
Geh. Rath v. D amb a ch sucht nochmal« nachzuweisen, daß die Privatanstalten kein privatrechtliches jus quaesitum hätten. Ganz irrig sei ferner die Auffaffung, alS ob tu Bezug auf die Beförderung geschloffener Briese durch exprrffe Voten irgend eine Aenderuug eintrete.
Abg. Fthr. v. Stumm (Rp) bezeichnet es al- die allerhöchste Zrit, daß betreffs der Privatanstalten Remedur eintrete, denn das Anwachsen der Großstädte und die Verarmung deS platten Lande« werde durch solche künstlichen Mittel immer mehr begünstigt. Von einer Entschädigung für entgangenen Glwinu könne gar keine Rede sein, höchsteu- für einen etwaigen direkten Eapttalverlust. „
Auf eine Anregung deS Redners ergänzt Geh. Rath v. Da mb ach seine vorherige Angabe noch dahin, der exprrffe Bereinsbote könne natürlich auch Antworten an den Verein zurückbringen, aber auch nur an diesen.
Abg. Wurm (Soc.) ist erfreut über die Zusage deS Staatssecretär« bezüglich deS Briefgehetmniffe«.
Staatssecretär v. Podbielski wiederholt, daß er da- Briefgeheimuiß pflichtgemäß wahren werde und daß die- auch fein Amt-Vorgänger gtthan habe.
Die Vorlage wird jetzt an eine besondere Commission verwiesen.
Es folgt die dritte Lesung de- Gesetze- über die Angelegenheiten freiwilliger Gerichtsbarkeit.
In zweiter Lesung waren die CowmisfiouSbeschlüffe en bloo angenommen worden. Heute liegen acht Ab Sn de» rnngSanträge Auer vor.
In der General-Debatte befürwortet Abg. Stadthagen (Soc.) diese Anträge, besonder- einen betr. Aufhebung deS Berbindung-verbot- für Vereine, sowie einen betr. obligatorische Hinzuziehung eines vereideten Dolmetscher- bet Be-
urkuudunAn, sofern ein Betheiligter erklärt, der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein.
Abg. v. CzarltnSkt (Pole) tritt gleichfalls warm für den letzteren Antrag ein- ebenso auch Abg. Szmula ((Statt.) Die Generaldebatte wird geschloffen.
Morgen 1 Uhr. Schwertustag. Anträge betr. die Be- rnfSoereine.
Schluß 5Va Uhr.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. März. Durch CabinetSordre vom 7. d. M. ist Capttän zur See, Rosendahl, unter Belaffung in der Stellung als BefelShaber an Land über die deutfchen Streitkräfte in Kiaotschau und unter Verleihung deS Titel« „Gouverneur" an die Spitze der Militär- und Civilverwaltuug im Kiaotschau-Gebiete gestellt und durch CabinetSordre von demselben Tage der bisherige Commandavt des AvisoS „Jagd", Corvettencapirän Sommerwerk, zum Commaadanten de« Avtscl „Heia" ernannt worden.
Berlin, 8. März. Die Verhandlungen mit den verbündeten Regierungen wegen der Deckungsfrage für die Flotten-Vorlage find noch nicht beendet. In BundeSrathSkreisen zweifelt man aber nicht daran, daß unter entschiedener Ablehnung de- Antrages Lieber der Resolution Hammacher dem Sinne nach zugestimmt wird. Die Budget- Commission hat deshalb die Weiterberathung der Deckungsfrage au-gesetzt und heute mit dem Marine-Etat begonnen. Die Forderungen für die Schiff-bauteu im Etat wurden gegen die Stimme de- soctalisttschen Abgeordneten Meister, welcher al- einziger Socialdemokrat der Commission beiwohnt, bewilligt. Auch die Vertreter der freisinnigen Volk-Partei und der Polen, die Abgeordneten Richter und JadzewSki, stimmten dafür, erklärten aber, daß aus ihrer Zustimmung keine Folgerung für ihre Stellungnahme zum Flottengesetz gezogen werden dürfe. Au- der weiteren Berathung der Vorlage ist noch hervorzuheben, daß die Forderung des zweiten großen Trockendocks in Kiel bewilligt wurde, nachdem Staatssecretär Tirpttz die Voraussetzung des Referenten Dr. Lieber bestätigt hatte, daß diese Forderung unter die tm Flottengesetz zu limttirenden einmaligen Ausgaben fallen. Morgen wird die Berathung fortgesetzt.
Berlin, 8. März. Der „Germania" zufolge wird die Ceutrums-Fraction des Reichstags die gestern nicht zu Ende geführte Berathung über das Flottengesetz heute Abend fortsetzen. Abstimmungen und Beschlüffe find also gestern Abend noch nicht erfolgt.
Berlin, 8. März. Nach einer telegraphischen Meldung an da» Ober - Commando der Marine find die Schiffe „De ut sch land" und „Gefto n", DivifionSchef Contreadmiral Prinz Heinrich von Preußen, am 8. dS. M. in Hongkong etagerroffen.
Kempen (Posen), 8. März. Amtlich wird gemeldet: Heute früh 9Vg Uhr überfuhr ein von Jarotschin kommender Gütrrzug daS Haltesignal und fuhr auf einen in Bewegung befindlichen Rangirzug. Der Zugführer wurde schwer, ein Bremser leicht verletzt. Beide Lokomotiven und 15 Wagen find zum Theil stark beschädigt. Der Verkehr wurde noch zwei Stunden regelrecht wieder ausgenommen.
Ansland.
Wien, 8. März. Da» Befinden der Kronprin- zessiu-Wtttwe Stefanie ist fortdauernd in Besserung begriffen.
Wie», 8. März. Die Blätter besprechen das neue Ministerium noch ziemlich zurückhaltend, aber nicht ungünstig. Fast die gesammte Presse vertritt die Ansicht, daß Graf Thun alS politischer unb Staatsmann ernst zu nehmen sei und es demselben an ehrlichem Willen, Muth, Energie unb Ausdauer nicht fehle, Ordnung tu die verworrenen österreichischen Parteiverhältniffe zu bringen. Ob aber diese- Vorhaben gelingen werde, sei noch sehr fraglich.
Rom, 8. März. Heute Mittag hat die Ueberführnng der Leiche Cavallottis zum Bahnhofe unter coloffaler Bethetligung der römischen Bevölkerung stattgefuuden. Die Menschenmenge war auf den Straße», durch die der Leichenzug sich bewegte, so enorm, daß das dazu beorderte Militär zur Spalierbildung fich kaum aufstellen konnte. Alle Geschäfte in der Nähe de» Monte Citorio waren geschloffen. Daganze Cabinet war im Leichenzuge, nur der Minister de- Aeußeru fehlte. Etwa 600 Kränze wurden dem Leichenwagen uachgefahren.
Beuedig, 8. März. Gesteru Abend fand hier eine Bolksdemouftration als Protest gegen das Duell statt. Eine große Menge begab fich vor das Rathhaus, um da« Aufhiffen einer umflorten Fahne als Trauerzetchen für den Tod Cavallottis zu verlangen. Da die Mumcipalität die- verweigerte, fo begann die Menge Verwüstungen, schlug Fenster und Laternen ein und zog dann vor die Redacttoa der „Gazzetta di Venezia". Soldaten zerstreuten die Demonstranten, mehrere Verhaftungen wurden vo. genommen.
Athen, 8. März. Die Türken habn ein Dorf bei Lariffa eingenommen. Zwei Männer wurden ermordet. Der Bürgermeister ist als Gefangener nach Larifia abgeführt worden.
Locales and j)V0vlnrlelles.
Gießen, den 9. März 1898.
** Sitzung Großh. Handelskammer vom 7. Marz 1898. Anwesend die Herren: Scheel, Balser, Heichelheim, Katz, Klingspor, Kraatz und Wortmann. Im März v. I. hat die Kammer an den Herrn Minister für öffentliche Arbeiten, Excellenz Thielen in Berlin, eine eingehend begründete Eingabe gerichtet, in der sie um Einlegung von Schnellzügen auf der Linie Gießen—Betzdorf —Hagen bat. Der Kammer wurde damals von König!. Eisenbahn- Direction Frankfurt a. M. die Mittheilung, daß dem Antrag nicht stattgegeben werden könne. Die Beweggründe für diese ablehnende Entscheidung blieben der Kammer unbekannt. Während des vergangenen Jahre- hatte die Handelskammer wiederholt Veranlaffuug, infolge an sie gertchtettr Eingaben, der fraglichen Angelegenheit näher zu treten. Die auf Einlegung von Schnellzügen auf genannter Strecke zielenden Bestrebungen fanden lebhaften Ausdruck in der Plenarversammlung deS Bezirks-Eisenbahnrath« Frankfurt a. M. am 24. November v. I. und wurden allgemein gebilligt, zumal die Bedeutung der geplanten Schnellzug-Verbindung für den Durchgangsverkehr nach dem westfälischen Industriegebiet nach Einführung beschleunigter Züge auf der Strecke Fulda Gießen ungeteilte Anerkennung sand. Da wir zur Zeit wiederum vor der Entscheidung über den Sommersahrplan für 1898 stehen, so beschloß die Kammer, eine wiederholte Eingabe an den Herrn Effenbahnminister mit dem Ersuchen um endliche Gewährung dieser dringend erforderlichen Berkehrserleichter- ung zu richten. — In gleicher Weise soll wiederholt der König!. Preußischen Eisenbahnverwaltung die Ausführung de- Bahnprojcks Weidenau (S:eg) Haiger als Vollbahn und nicht als Nebenbahn empfohlen werden. — Das Bice Consulat der Vereinigten Staaten von Brasilien übersandte der Kammer ein Exemplar der Bedingungen, unter denen durch da» Consulat Facturen über Maaren, die bei ihrem Eingang in Brasilien der Verzollung nach dem Werthe unterliegen, beglaubigt werden. Jntereffenten können hiervon im Geschäftszimmer der Kammer Kcnntniß nehmen. — Am 14. l. Mts. findet eine Plenarversammlung deS deutschen Handel«- tag es in Berlin statt. Die Kammer wird in derselben durch Herrn Geh. Commerzienrath Michel in Mainz vertreten sein. — Mit dem Sommer-Semester d. I. tritt in Leipzig im Anschluß an die Universität eine Handelsschule ms Leben, um deren Begründung die Handelskammer Leipzig fich besondere Verdienste erworben hat. Die feierliche Eröffnung findet in den letzten Tagen de« April statt, jedoch werden schon vorher Jmmatriculationen stattfinden. Die Aufnahmebedingungen können auf der Kammer eingefehen werden. — DaS Verzeichniß der Kammer von ausländischen Schwiudelftrmen hat wesenlich Erweiterung für Großbritanien und die N ederlande erfahren.
"Stadttheater. Das Wolzogen Schumann'iche Lustspiel in vier Acten „Die Kinder der Excellenz", ein prächtiges, fein ausgearbeitetes und sehr wirkungsvolle- Werk, das im hlefigen Stadttheater schon längere Zeit in Vorbereitung war, wird am Freitag den 11. er. zur Aufführung gelangen. Herr Director Helm spiel den „Major Muzell". Conrad Dreher, welcher am 13. unb 14. b. Mts. hier gasttrt, trifft am SamStag zu den Vorproben hier ein. — Am Sonntag Nachmittag findet versuchsweise eine Volks- Vorstellung zu ermäßigten Preisen statt, und es wird wahrscheinlich „Preciosa" zur Aufführung gelangen, nachdem Mitglieder oe» Bauer'schen Gesangverein- fich abermals bereit erklärt haben, in dieser Vorstellung mttzuwtrken.
•• Wüllner Loneert. Wir machen unsere Leser auf da- im Jnseratentheil der heutigen Nummer veröffentlichte Programm des Liederabends von Dr. Ludwig Wüllner tm Museumssaal zu Marburg aufmerksam. Es wird fich


