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Nr. 289 Zweites Blatt Freitag den 9. December 18S8
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Aints- und 2lnzeigeblutt für den Kreis Gieszen.
Äfbectton, -trpfbtrion und Drudern: Jch-rllrahe Ar. 7.
Emtisbeilage: Hießener Familienblätter.
Adreffe für Depeschen: Anzeiger chtctzen.
Fernsprecher Nr. 51.
Zlnrtlichev Tbeil.
Bekanntmachung.
Suf Me ra-bhru Montag den 12. d. M., Vor- »ittagS 11 Uhr, tn et ci al Garten dahier statt' stabende Hauptversammlung der Mitglieder deS landw. Verein» her Provinz Oberhessen (Gießener Anzeiger Nr. 286) beehre ich mich nochmal- aufmerksam zu machen. De Herren Bürgermeister Mollen g-fl. für Bekanntmachung im Orte sorgen. Die Mitglieder de- Bezirk-Verein- find zugleich Mitglieder de- Prov'vztalvereln-.
Gießen, den 6. December 1898.
Der Direktor de- landwirthschaftlichen Bezirk-Vereins.
____________________v. B echtold.____________________
Bekanntmachung.
Vetr r Schießübungen.
<H wird hiermit zur öffentlichen Kenntnitz Sebracht, daß das 2. Bataillon de- Infanterte- tegiments Kaiser Wilhelm am 14., 15., 16., 17., 19. und 20. December I. I im Gelände nördlich Staufenberg—Mainzlar in der allgemeinen Richtung Fortbach Haffenhaufen Schieß- Lbungen mit scharfer Munition abhalten wird und zwar täglich von 9 Uhr Vormittag- bis Uhr Nachmittag-.
Gefährdet ist das Gelände zwischen den Ortschaften Staufenberg Mainzlar—Jlschhaufen— Fortbach Haffeuhaufen Sichertshausen Staufenberg.
Die von den genannten Orten in das Schieß- gelände führenden Wege sind für den Verkehr während des Schießens gesperrt, ebenso wird das Bataillon das gefährdete Gelände durch Auf- sßcllen von Maurrseyaften absperren.
Die (5hauffee Lollar-Sichertshausen—Marburg und diejenige von Lollar—Mainzlar—Allen» >srf a. d. Lumda sind nicht gefährdet.
Gießen, am 5. December 1898.
Grotzherzogliches Kreisamt Gießen v. Bechtold.
Oietzen, den 5. December 1898, Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Meisamt Gieße« att die Großh. Bürgermeistereien von Allendorf a. d. Lumda, Daubringen, Lollar, Mainzlar, Staufenberg und Dreis a. d. Lumda.
Die vorstehende Bekanntmachung wolle« Sie
alsbald auf ortsübliche Weife veröffentliche«, ] vor dem Betrete« des abgefperrten Geländewarnen und insbesondere darauf hinweife«, daß an den betreffende« Tage« sich keine Holzarbeiter, Holzfammler oder sonstige Arbeiter in den gefährdeten Waldungen und Steinbrüchen aufhalte« dürfe«.
v. Bechtold.
Tie Eröffnung des Reichstags.
Eine neue Legislaturperiode de» Rrich-kage- hat begonnen, und damit ist gleichzeitig wieder da» politische Leben eingeleitel worden, welche» so lange ein kümmerliche» Dasein gefristet halte. Mit ganz besonderem Interesse hatte man diesmal der Thronrede entgegengesehen, da sie naturgemäß Aufklärung bringen mußte über so manche», worüber bereit- heftige Fehden in der Presse ausgefochten worden waren. Die Thronrede ist ungemein reichhaltig und infolgedessen auch sehr umfangreich. Sehr zu Herzen gehend ist der warme und dabei doch feste, wenn auch wieder maßvolle Ton, in welchem die Thronrede gehalten ist. Wir können e» un» ersparen, auf die einzelnen in der Thronrede aufgezählten Gesetzentwürfe näher einzugehen, wir wollen hier nur einige herau»greifen, an denen da» allgemeine Interesse ganz be- sonder» hastet. Schon durch die Oepnhauser Rede de» Kaiser» war bekannt geworden, daß ein Gesetzentwurf geplant sei, durch welchen Arbellswilltge vor dem Terrorismus Slrikender geschützt werden sollten. Wir wissen, wie große Erregung damals durch die Presse ging, wie die „Zuchthaus- Dorlage* bereit» zerkleinert worden tst, ehe sie überhaupt da» Licht der Welt erblickt halte. Die Thronrede sagt über den Inhalt der Vorlage nur, daß die bestehenden Strafoorschriften ergänzt werden sollen. E» bleibt also die Veröffentlichung abzuwarten, ehe ein Urihell über den Gesetzentwurf abgegeben werden kann.
Erfreulich ist der Paffu» der Thronrede, welcher von der günstigen Fortentwickelung unserer Finanzen spricht; e» steht deshalb zu hoffen, daß eine ganze Reche von Eulturaufgaben eine wesentliche Förderung erfährt und daß insbesondere auf dem Gebiete de» Verkehrswesen» mehr und wehr da» si»calische Interesse in den Hintergrund tritt.
Die Vorlage wegen der anderweitigen Festsetzung der Fried.nspcäsenzstärke de» Heere» ist bereite in der Partei- presse au»führlich behandelt worden. Unserer Anschauung nach hallen sich die Forderungen durchau» in den Grenzen de» Rolhwendigen.
Besonderen Beifall verdienen die auf den Weltfrieden bezüglichen Worte de» Kaiser» und sein Entschluß, an seinem Thclle mit beizulragen zur immer größeren Festigung de» Frieden». Dank unserer vorzüglich geleiteten auswärtigen j Politik können die Beziehungen Deutschlands zu den aus- ! wärtigen Mächten immerdar al» freundliche bezeichnet werden.
Die Thronrede berührt sodann noch die in Rom tagend« Anli.Aisarchistenconserenz sowie unsere Beziehungen zu China und streift auch die Palästinasahrl, von welcher der Kaiser hofft, daß sie Deutschland zu bleibendem Vorlhell und Segen gereichen möge.
Hoffen wir, daß der Wunsch be» Kaiser» in Erfüllung geht und daß die eben begonnene Legislaturperiode bet deutschen Reich»tage» zur geistigen und wirlhschafllichen Entwickelung de» Volke» wesentlich beitrage. Möchten doch Parteihader und persönlicher Elreil zurücktreten vor beet einen großen Ziele: „Die Wohlfahrt de» Valerlanbe» zu fördern und da» Ansehen desselben nach jeder Richtung hin zu hebend (xx)
Deutsche» Aeich.
Berlin, 7. December. Der in der Thronrede nicht erwähnte Gesetzentwurf über die PrivatverstcherungS'Unter- nehmungen wird der „Nordd. Allgem. ßtg/ zufolge dem R-tch-tage in dieser Session sehr wahrscheinlich noch nicht zuaehen. Der Entwarf wurde im »Reichs-Anzeiger* ver- öffeniltcht, nm ihn der öffentlichen Kritik zu unterbreiten. Wa» die lex Heinze, die tn der Thronrede ebenfalls nicht erwähnt worden sei, anlange, so sei zu bemerken, daß dieser Gesetz Entwurf sich bereit» in der Ausarbeitung befinde und dem Reichstage ficher zugehen werde.
Berlin, 7. December. Die ,Nordd. Allgem. ßtg/ ist zu der Erklärung ermächtigt, daß die von einem hiefigea Blatte gebrachte Meldung, Reichskanzler Fürst Hohenlohe habe der Wiener Regierung zu erkennen gegeben, daß er die jüngsten Ausweisungen österreichischer Staatsangehöriger aus Preußen nicht billige, unwahr ist.
Berlin, 7. December. Der deutsche Botschafter in Petersburg, Fürst Radoltn, der fich gegenwärtig hier aufhält und morgen auf seinen Posten zurückkehrt, wurde vom Kaiser zur FrÜhstÜckStasel geladen, nachdem er gestern in feiner Eigenschaft als Oberst Truchseß der Eröffnung de» Reichstages beigewohnt hatte.
2fa»lattö<
Budapest, 7. December. D»S Geschäft deS Juwelier» Elliugcr tn der Andrafiystraße wurde Nacht» avSgeraubt. Es iemben Schmuck achen im Werthe von 30 000 Gulden von unbekannten Thäteru gestohlen.
Loudon, 7. December. Nach einer Reuter-Meldung an» Peking überreichte der fraozöfische Gesandte tm Tsung Itz Uimen ein Ultimatum, fall» der fraozöfische, von den Setschuau-Rebelleu gefangen gehaltene Missionar nicht binnen zehn Tagen befreit sei, würden die französtscheu Truppen btt Grenze überschreiten.
Ferrilleton.
An der Wiege des Seidenbaues.
Von Paul fcoebcL (Schluß.)
Zur Nahrung bedürfen fie der frischen Blätter de» Äaulbeerbanmr», von dem ein zwanzigjährige» Exemplar 1Q| F Itter für etwa 2000 Raupen liefert. Da die künst- .ide Aufzucht tu geschloffenen Räumen vor fich gehen muß, ike Raupe aber während der vier Monate de» WachSihum» li< fünffache GewichiSmenge de» eigenen an»gewachfeoen iritper» an Blättern verzehrt, und dabei der steten Zufuhr :e3 frischer und feuchter Luft bedarf — so läßt fich denken, wldje ungeheure Menge von »ferementen fongesetzt zu be- tilgen und welche unermüdliche Sorgfalt daran zu setzen ist. um die Luit vollkommen rein und tn der nvthigen sauer, i-ffreicheu Beschaffenheit zu erhalten. Die penibelste Be- , gung zahlreicher, un» Europäern fast unverständlich scheinender Regeln tst denn auch in Lhina von jeher üblich Iteefen.
Sind die weißlich anSsehenden Thtere nach verlaus üve» Monat» au»gewachsen, so spinn-n fie fich ein, intern au» der darmarttgen ©amtnetbrflfe den Seidensast au»- oebern, der durch den Spinnrüffel anStritt und bet Berührung alt der Lust momentan erhärtet.
Die Sußenschicht be» jetzt im verlaufe von mehreren tagen gewonnenen Gewebe» bildet ein unregelmäßige» Faden- Itvirr, die al» unbrauchbar geltende sogenannte Flockseide.
Die sodann folgende Jnnenlage ergibt den mehrere tausend Meter langen, in zahllosen Windungen gezogenen Seiden- faden (der etwa 600 Meter brauchbarer Länge euthäl»), während die ganz im Innern liegende Schicht, die nächste Umhüllung der nunmehrigen Puppe, wiererum nicht zur Fabrikaiion geeignet ist.
Nach dem E ufamwelu kommt e» zunächst daraus au, die Puppe zu tagten; andernfalls würde bei der sehr großen Zahl der jedeSmal tn Bearbeitung befindlichen EoconS das Th er, da» nach vierzehn Tagen zum Schmetterling wird, mittlerweile auskriechen und die Seiden Umhüllung beschädigen.
Au» dem Grunde dörrt man die SocoaS in Ehtna an der Sonne, legt fie darauf tn heiß«» Wasser, um die die Fnbenwtudungen zusammen!.ebende Lctmsubstauz zu erweichen, entfernt die Flockseide durch Schlagen mit Reisern und haspelt nunmehr die Fäden regelrecht ab. Mehrere dieser letzteren — zusa»mengedreht — ergeben dann den für die Anfertigung der Gewebe brauchbaren einfachen Rohfeidensaden, die sogen. Gräge.
Die letztere wird In den Farben weiß unb gelb, seltener grün, in Ehina erhalten, doch scheint die erstgenannte, al» weiß b kannte Naturseide de» Bombyx mori ursprünglich eine fildergraue, auch wohl in» Gelbliche spielende Farbe gehabt zu haben, und die weißen 6ocon» find vorau»fichllich einer Abschwächung der Rasse, vnbunden mit Jahrhunderte langer sorgfältigster Zuchtwahl, znznichreiben.
In Ehtna gebührt heuizutage der Provinz Tschekiang binfichtlich der jährlichen Eocon-Errten unstreitig der erste Platz, während die Provinz Vchautvng, die msprüngliche
Heimaih de» Bombyx mori, erst an siebenter oder achter Stelle erfcheint.
Aber gerade dort find die Vorbedingungen für einen ungeheuren Aufschwung der Seidenindustrie wie geschayen, denn in den südwestlichen SnSlSuferu deS Schantung-Gebirge» sind gluau dieselben Existenzbedingungen vorhanden, wie in Japan, wo der auf der Eiche lebende Antheraea Yamamaye, ehedem au» Ehina stammend, seine werthvolleu grünlich- weißen , bezw. goldgelben EoconS erzeugt. Eine Rück- vrrpflanzuug dieser GpecieS tn da» südliche, mit Eicheubeständeu reichlich versehene Schantung würde hier geradezu eint neue Epoche der Seidentndustrte bedeuten.
D e Geschichte der letzteren aber liefert ben Beweis, daß, um den Spinner auf der Höhe seiner Kraft zu eehaltt», von Zell zu Zelt eine Kreuzung mit wilden Rassen unerläßlich ist, und gerade diese find in den ausgedehnten Waldungen der genannten Prov nz tu verschiedenen Sorten vorhanden.
Brsonder» liefert ein um ben ganzen Golf von Petichlli herum wett verbreiteter Eichev'pinner, gleichfalls der Familie Antheraea augehörend, schon in wildem Zustande eine sehr dauerhafte und leidlich brauchbare Seide, die gehaspell unter dem Namen der Tuffah Seide bekannt ist und speciell von T'chifu auS, zu pongeee verarbeittt, in größeren Mengen zur Ausfuhr gelangt. Diese wllde Antheraea- Sri würde sür den et»a eingeführten japanischen Spinner eine stete Auffrischung feiner Kraft gewährleisten.
Wenn einmal die von Deutschland gebauten Bahnen dafür die fragliche Lullnr geeigutte Gebiet tn rege Verbindung


