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Nr. 237 Erstes Blatt.
Sonntag den 9. October
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Gießen, den 8. October 1898.
Großherzogltche» Polizriamt Gießen. Muhl.
Detttfche» Aeich.
M.P.C. Berlin, 7. October. Nachdem der BundeSrath seine Plenarfitzuagen wieder ausgenommen hat, wird voraus- sichtlich auch die Ltppe'sche Erbsolgefrage bald in ein neues Stadium treten. 88 muß sich jetzt entscheiden, ob der BundeSrath stch für zuständig erklärt oder nicht, in dieser Angelegenheit ein Votum abzugeben, womit ein wichtiges Präjudiz geschaffen wüide. Die Mehrzahl der Fachgelehrten verneint die Zuständigkeit der hohen Körperschaft.
M.P.C. Berlin, 7. October. Ueber die Verhandlungen der Universität».Rectoren-Eonfereuz im Unterrichtsministerium wird in die Oeffentlichkeit einstweilen nicht» gegeben werden.
Berlin, 7. October. Die Generalcommisfion der Gewerkschaften Deutschland» Hot beschloffen, eine große Agitation gegen den augekündigten Gesetzentwurf über das LoaliriouSrechr zu entfalten. Die Vertreter der Central» verbände, die in einem sogen. GewerkschastsauSschuß vereinigt sind, nahmen außerdem eine Protestresolution an, In der die Generalcomwisfiou beauftragt wird: 1) Alle ans die Strike» bezüglichen Mater alten, besonders über die vom Unternehmer provocirtrn StrikeS und die Anwendung der Strafbesttmm- ringen gegen strikende Arbeiter zu sammeln und diese Materialien zu veröff ntl'chen. 2) Sobald die Beschränkung deS CoalitiouSrechtS greifbare Gestalt in Form einer Gesetzes- Vorlage annehmeu sollte, die stch entwickelnde Protestbewegung der Arbeiter nach Möglichkeit einheitlich zu gestalten.
— Au» Güdwestafrika liegen noch einige Berichte von Jnterrffe vor. Der Ingenieur Scheidweilrr, der <m vorigen Jahre mit einer Expedition dahin ging, um östlich vom Kaokoselde nach Mineralien zu suchen, ist zurückgekehrt, "hne daß er sein Ziel erreicht hätte, von Land- nnb Sachkennern wird aber dazu erklärt, daß damit die Frage nach freut Vorkommen edler Metalle dort nicht gelöst sei. Die Untersuchungen danach find viel zu oberflächlich gemacht worden. Wenn mau dort nicht gründlich zu Werke geht, I schadet man dem Schutzgebiete mehr.
M.P.C. Unter ben Jnvaliden-Versicherungs- ( an fialt en, welche am spätesten mit der Unterstützung de» Baue» von Arbeiterwohnungen begonnen haben — soweit sie dies überhaupt gethan — befindet stch die Anstalt für das Großherzogthurn Hessen, diese scheint aber sehr schnell nachholen zu wollen, wa» fie bisher unterlaßen hat. Bis Ende 1896 hatte fie für diesen Zweck nur 40000 Mark verwendet. Im folgenden Jahre zeigte fich erfreulicherweise eine rege Nach- frage nach den Capitalien zum Bau von Arbeiterwohnungen, sowie für Hypotheken auf schon bestehende Arbeiteiterwohn- Häuser. Der Borstand der Versicherungsanstalt stand insbesondere mit verschiedenen Großfirmen In Unterhandlung, welche für diese Zwecke Darlehen nachsuchten. Die Firmen verpflichteten sich vertragsmäßig zum Einzug der Zinsen und Tilgungsraten von ihren Arbeitern und leisteten Bürgschaft für den Eingang der Schuldigkeiten. Da jedoch die Regelung der zumeist verworrenen Besitz, und BelastungSverhältniffe bei den kleinen Hypotheken geraume Zeit in Anspruch nimmt, kamen 1897 nur 340000 Mark zur Auszahlung, bis Ende August 1898 find weitere 230000 Mark angewiesen worden und bis Ende 1898 werden weitere 300000 Mark angewiesen werden. Auf Grund von Verträgen mit Genossenschaften und Arbeitgebern werden für das Jahr 1899 1100000 Mark erforderlich sein, und da die Anstalt fich entschlossen hat, auch an einzelne Arbeiter Darlehen zu gewähren, so find für 1898 unb 1899 noch weitere 400000 Mark nothwenbig. Das finb im Ganzen 2 410000 Mark.
— Bckämsung de» AnarchiSmu». Die »Agenzia Gtesaui" veröffentlicht den Wortlaut der Note, die der italienische Minister de» Auswärtigen, Tanevaro, au die diplomatischen Vertreter Italien» bei den Machten gerichtet hat in der Angelegenheit de» Zusammentritt» einer luter- nationalen Eonferenz zur Feststellung von Maßregeln gegen die Anarchisten. Die Note lautet: Die Regierungen finden fich seit mehreren Jahren bei der Ausführung der ihnen ob- liegenden Aufgabe, für die Sicherheit des Staate» und der
Bürger zu sorgen, einer Thatsache gegenüber, deren Ernst ein ganz besonderer ist und die ihre Aufmerksamkeit und Sorge in höchstem Grade in Anspruch nimmt. In allen Ländern machen die Behörden aufmerksam auf da» Vorhandensein einer mehr oder weniger zahlreichen Klaffe von Menschen mit entarteten Grundsätzen, deren Bestrebungen und deren verbrechen, wie offen zugegeben wird, nur da» Ziel haben, die Grundlagen, auf denen die gegenwärtige Gesellschaftsordnung ruht, zu untergraben und diese Ordnung vollständig umzustürzen. Diese überspannten Menschen, die vor keinem Attentat, und sei e» noch so scheußlich und wahnwitzig, zurück- schrecken, sprechen öffentlich Principten au», die fie selbst anarchistische Principieu nennen und die fie auf ihren Wanderungen durch ganz Europa verbreiten. Sie werden bei dieser Propaganda von einer geheimen Presse unterstützt, die unaufhörlich zu jeder Gewoltthat auffordert und die die abscheulichsten verbrechen rühmt und preist al» die wirksamsten Mittel, den der ganzen Gesellschaft erklärten Krieg bi» zum Arußersten fortzuführen. Die Regierungen haben fich bisher bemüht, durch genaue Anwendung der bestehenden Gesetze und in einigen Fällen durch Ausnahmemaßregeln der Verbreitung dieser verbrecherischen Theorie so viel al» möglich Einhalt zu thnn. ES hat sich indessen gezeigt, daß diese Bemühungen, da fie nur vereinzelt geblieben find, nicht wirksam genug gewesen find, da» Uebel zu bezwingen und Herr der Schliche zu werden, mit denen die Anarchisten aller Länder fich zu verständigen, fich betzustehen unb fich zu organifiren suchen, waS ihnen zuweilen auch gelingt. Es scheint fich demnach für die Regierungen, welche fich angeficht» der ge- metusamen Gefahr solidaritch fühlen, die Norhwcndigkett zu ergeben, fich gegenseitig ständige Unterstützung zu gewähren ans der Grundlage eine» System» der gemeinsamen ver- theidigung, welche» in allen seinen Einzelheiten genau erwogen ist. Die Regierung Sr. Majestät hat sich ihrerseit» schon lange mit solchen Gedanken getragen und fich darin mehr unb mehr bestärkt gesehen. Angeficht» der langen Reihe von anarchistischen verbrechen, die, wie namentlich die Ermordung deS Präsidenten Earnot nnb der zweimalige Mord- versuch gegen unseren König, daS Entsetzen der ganzen Welt erregt haben, angeficht» der schrecklichen Frevelthat, die jetzt in Genf begangen wurde unb die einen Maßstab dafür bietet, wessen diese Elenden ohne Glauben und ohne Vaterland allein fähig find, hat die königliche Regierung beschlossen, die Initiative für einen vorläufigen Meinungsaustausch zu ergreifen, welcher auf den Abschluß internationaler Abmachungen In dem von mir angegebenen Sinne htnauSlaufeu soll. Die Aufnahme, welche dieser Schritt bisher gefunden hat, ist eine Bestätigung dafür, daß die Anschauung der königlichen Regierung t« Prtncip getheilt wird und daß als da» am meisten angezeigte Mittel zur Erreichung diese» Zwecke» der baldige Zusammentritt einer internationalen Eonferenz erscheint, ans welcher die eurpäischen Mächte nicht nur durch diplomatische Vertreter, sondern auch durch technische Delegtrte der betr. Verwaltungen der Justiz und de» Inneren vertreten sein würden, ein modus procedendi, welcher durchaus den Anfichten der Regierung entsprechen würde. Ich bitte Sie, da» vorstehende zur Kenniniß de» Minister» deS Aeußeren derjenigen Regierung zu bringen, bet der Sie accreditirt find, und ihm eine Abschrift dieser Depesche zu geben, indem Sie ihm zugleich den Vorschlag unterbreiten, daß die betreffende Regierung ihre Zustimmung zu dem Zusammentritt einer internationalen Eonferenz enheile, welche im Interesse der socialen ver- theidigung die Herbeiführung einer wirksamen, dauernden Entente zwischen den europäischen Mächten bezwecken soll, welche dazu bestimmt Ist, die Bereinigung der Anarchisten und ihrer Anhänger erfolgreich zu bekämpfen. Ich bitte Sie, mir so bald al» möglich die Entscheidung mttzutheilen, welche hinsichtlich unsere» Vorschläge» getroffen werden wird, gez. Tanevaro. — Nach einer Meldung der »Agenzia Stesant" hat die deutsche Regierung sofort ihre Bereitwillig- keit, auf den Conferenzvorschlag Italien» einzngehen, erklärt. Ebenso ist von Oesterreich Ungarn eine zusagende Note ergangen. Auch der französische Ministerrath hat fich der »Agenzia ©tefani* zufolge für die Theilnahme Frankreich» an der genannten Eonferenz ausgesprochen.
— Ein deutsche» Urth eil über die Krieg»- marinen Spanien» und der Bereinigten Staaten. Der Eommandant des Kreuzers ,®eier*, Eorvettencapiiän Jacobsen, hat über seine Wahrnehmungen ans dem spanisch- amerikanischen KriegSschauplotz einen instructiven Bericht dem Obercomwando der Marine eingesandt. In der vom Nachrichten-Bureau de» Odercommaudo» der Marine heran»- gegebenen »Marine-Rundschau" wird nun eine Skizze diese»
Berichte» veröffentlicht. Danach lobt Jacobsen die amerikanische Marine ganz außerordentlich, er sogt: »Die Panzerschiffe »Iowa", »Indiana", »Oregon", »Txa»" entsprechen allen Anforderungen, die an moderne Krieg»schiffe gestellt werden. Ihre schwere Artillerie ist eine ungewöhnlich stark«, die Mittel- und leichte Artillerie besteht au» Schnelliade- Kanoueu und ist zahlreich vertreten. Die neuen Panzerkreuzer »New Uork" und »Brooklyn" find schnelle, mächttge Schiffe und den gleichartigen Kreuzern Englands unb Frankreich» durchaus ebenbürtig. Gewiß liegt eine Schwäche bef Personal» barln, daß an Bord so viele verschiedene Nationalitäten vertteten find. Ich glaube aber, daß dieser Umstand nicht so schwer in» Gewicht sällt, der Europäer ist zu leicht geneigt, Alle» nur mit seinen Augen und seiner Gewohnhett gemäß zu beurteilen. An Bord eine» Sch ffe», wo namentlich im Kriegsfälle sehr strenge Gesetze herrschen, kann e» auch bei gemischten Nationalitäten nicht schwer sein, bte nötige Disziplin zu halten, sofern nur die Offiziere dir richtige Behandlung verstehen, und da» darf man, wie gesagt, von ben amerikanischen Seeoffizieren vorau»setzen. In den letzten Jahren haben Geschwaderübungen stattgefunden, die Ausbildung der Besatzung ist methodisch durchgeführt, nnb schließlich hat man ben Geschütz-Schießübungen diejenige Bedeutung beigeweffen, wie fie zur Erreichung de» Endzweck», Bcrnichtung de» Gegner» im Kriege, unumgänglich noihwendig ist." Bon den Spaniern sagt Torvetteucapitäu I.: »Uebungen im Geschwaderverbande kannte man nicht und die EinzelscheffSanSbildung der Offiziere und Besatzung wurde ans da» Notwendigste beschränkt. Besonder» in Bezug auf Abhaltung von Schießübungen Ist viel gesündigt worden. Mit ben Torpedobootszerstörern, die Spanien in der letzten Zeit fich beschafft hat, ist viel gesündigt worden. Die Boote waren sehr schön, an ihre Handhabung durch die öommanbauten, die taktische und Schießausbildung derselben ist nicht gedacht worden. Die drei Kreuzer »Reina Mercede»", »AlphonS XU." und »Reina Christina" hatten bet SuSbrnch de» Kriege» so schlechte Reffet, daß fie bewegungsunfähig waren und nur noch zur Bertheidigung der Häfen heran- gezogen werden konnten."
— Bezüglich der angeblichen Unruhen in Süd west- afrika wird vermuthet, daß e» fich vielleicht um die Herero handeln könne, die durch die Einführung einer Gcw hrsteurr aufgeregt feien. Andere vermuthen, daß der Tob de» Häupt- | Ung» Manaffe vielleicht damit tn Verbindung steht. Eine ' Zuschrift de» »Hamb. Eorr." bemerkt noch weiter: Im Osten ! unsere» Schutzgebiete» nach dem Ngamisee hin scheint unruhige Bewegung zu herrschen, in Rietsontein an der Grenze nach Betschnanaland hin sollen Raffern erschienen sein und fich dort festgesetzt haben. Daß noch keine Nachrichten von deutscher Seite etngetroffen find, ist nicht zu verwundern. Bon Großuamaland au» besteht ein reger Verkehr in die Lapcolonie. Dahin bringen die Leute alle Gerüchte mit, fie werden bann von ben nächsten Telegraphenfiationen, wie Steinkopf u. f. f., schnell bi» nach Europa verbreitet. Solche Berbinbungen hat natürlich ba» Gouvernement nicht, auch kann e» fich nicht auf öerbrettung bloßer Gerüchte einloffen, endlich ist e» auch sehr möglich, daß die Mittheilnngen von ben Unruhen sehr übertieben find unb infolge besten die Verwaltung darüber nur bet nächster Gelegenheit berichtet. Dieser Fall zeigt vornehmlich wieder im hellsten Lichte, wie störend eS ist, daß Sütwestafrika mit dem Mutterlande nicht in telegraphischer Verbindung steht, vor einem Jahre schon find wegen eine» Anschlüsse» von Telegraphen an diejenigen im Eaplande Unterhandlungen mit den zuständigen Stellen in Lapstabt augeknüpt worden, bi» jetzt ist aber mcht bekannt, ob sie schon zu einem Abschluffe gelangt find, so daß die ReichS-Post- unb Telegraphenverwaltung dem Reichstage in seiner bevorstehenden Tagung eine Vorlage über den 8an von Telegraphen in Südweftafrika mit dem Anschluffe nach dem Eaplande machen kann.
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Prag. 6. October. AuS der böhmischen Hauptstadt berichtet man von der plaum äßigen Ausrottung der deutschen Sprache im amtlichen Verkehr ein neue» Beispiel. Dieser Tage wurde den Beamten de» Prager Han- delSgerichleS die Verständigung von der Erhöhung ihrer Bezüge nur in tschechischer Sprache zngestellt. Schuld daran war daS PrLfibium de» Oberlandesgerichte». Diese» Verfahren geht noch weit Über die Bestimmungen der ohnehin von den Deutschen so sehr bekämpften Sprachenverordnungen hinan». Nach diesen Bestimmungen gelten die Gericht».


