Nr 237 Drittes Blatt.Sonntag den 9. October 1SOS
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Amts« und Zlnzeigeblatt für den "Kreis Giefzen.
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^HratisbeUage: Gießener FannLienblätter.
Ibrrfle für Drprfchrn: <(«•<«.
Fernsprecher Wr. II.
Atntlichev Theil.
Gießen, den 6. October 1898. Betr.: Lehrereouft'.enzen.
Die
Grotzh. Kreis-Schulcommission Gießen an die Lchnlvorstände und Bürgermeistereien des KreiseS.
Wir beauftragen Sie, die Lehrer Ihrer Gemeinden zu benachrichtigen, daß tu diesem Herbste folgende Konferenzen stanfiodeu werden:
1. Montag, den 17. October 1898, vormittag» 10 Uhr im Schulhause zu Gründer»: Loufereuz für den Bezirk Grüuberg. An die Loufereaz schließt sich ein einfache» M'ttageffeu im Hotel zum Hirsch ao.
2. Dieo»tag, den 18. Oktober 1898, vormittag» IO1/* Uhr in der Turnhalle der Knabenschule zu Gießen: Eonserenz für den Bezirk Gießen. Hierauf Mittagefsea im Lass Ebel.
8. Mittwoch, den 19. Oktober 1898, vormittag» 10 Uhr in der Turnhalle zu Hungen: Conferenz für den Bezirk Hungen—Ltch. Danach Mittagessen im Solmser Hof.
Die Herren Referenten werden gebeten, ihre Turuklafieo zur angegebenen Zeit zu bestelle«.
. v. Bechtold.
Gießen, den 6. Oktober 1898. Betr.: Die Herbstübungen der 21. Division.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gietzen
an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreises.
Insoweit Die noch mir Einsendung der Quartier« und Kourage-Bescheinigungen im Rückstände stad, werden Sie hierdurch mit einer Frist von drei Tagen hieran erinnert, d. Bechtold.
Gießen, den 6. Oktober 1898. vrtr.: Den Rundgavg der Feldgeschworeaen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir empfehlen Ihnen, die Feldgeschworeoen zu ver- Anlassen, nach § 20 der Instruction vom 23. Februar 1833 (Regierungsblatt S. 105) im Laufe diese» Monat» die Gemarkungen zu begehen, um sich von dem Zustande der Grenzen |U unterrichten und über den Befund in ihr Tagebuch ein Protokoll aufzunehmen. Wir machen dabei darauf ausmerk- am, daß zwar zu einem Steinsatze wenigsten» drei Feld- zeschworene beisammen sein wüsten, daß aber an den Ruud- längen, wenn dabei nicht zugleich Steine gesetzt werden sollen,
nur zwei Feldgeschworene theilzunehmen haben. Wegen Beseitigung der vorgesundeneu Mängel wollen Sie da» Geeignete veranlasten, wobei namentlich die Aufräumung, Ge- raderichtung und Erneuerung der Grenzsteine in» Auge zu faste« ist. An den Dreieck»-, Gemarkung»-, Flur- und Ge- wanu-Grenzsteiueu darf jedoch keine Veränderung ohne Mitwirkung eine» Geometer» 1. Klaffe vorgenommen werden. Die Wahl und Zuz'ehung desselben bleibt Ihnen überlasten,- doch wollen Sie da, wo e» sich um Grenzsteine mehrerer Gemarkungen handelt, sich unter einander deßfall» benehmen. Für die Erhaltung der Parzelleugrevzsteioe de» Gemeinde- eigenthuw» ist auf Gemeindekosten von Ihnen Sorge zu tragen Wo noch keine AnSsteinuog des Gemeindeeigenthum» stattgefuaden hat, beauftragen wir Sie, den Gemeindrrath deßfall» zu vernehmen und besten Beschluß zu vollziehen. Die an den Parzrllengrenzsteinen der Privaten Vorgefundenen Mängel find den Betheiligten zur Beseitigung zu eröffnen. Im Uebrigeu verweisen wir Sie auf da» Gesetz vom 23. October 1830 (Reg.-Bl. S. 463) und die vorgenannte Instruction vom 23. Febraar 1833 (Reg.-Bl. S. 105), wegen der Kostenverzeichntffe auf die Bekanntmachung vom 18. De- cember 1874 (Reg.-Bl. S. 784) und auf unser AuSschreiben vom 29. Januar 1885 (Anzeiger Nr. 27).
Zu Ende laufenden MouatS find un» Abschriften der in die Tagebücher der Feldgeschworenen aufgenommeneu Protokolle mit Bericht über Ihre deßfallS getroffenen Anordnungen samwt den Kostenverzrtchniffev von Ihnen vorzulegen. ____________________v. Bechtold.____________________
Gießen, den 6. Oktober 1898.
Betr.: Die Bestreitung der Kosten für die Brdürfniffe der Kirchengemeiuden in der Provinz Rhetohesiev.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
an die Kirchenvorstande des Kreises.
Wir beauftragen Sie, festzustellen, wie die kirchlichen Gebä rde (Kirchen, Glockevthürme und Pfarrhäuser) in den Grundbüchern der Gemeinde eingetragen find und uoS binnen zwei Wochen darüber zu berichten.
____________________v. Bechtold.____________________ Gießen, 6. Oktober 1898..
Betr.: SpeditiooS-, Speicheret- und Kelleret-BerufSgeooffeo- fchaft.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gietzen
an das Grotzh. Polizeiamt Gietzen und die Grotzh.
Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises.
Der Vorstand der Spedition»-, Speicheret- und Kellerei- BerufSgeuoffenschast Sektion VI. hat Herrn I. Happel tu Gießen zu« Vertrauensmann für die Provinz Oberheffru und den Herrn Heinrich Volzel, in Firma Gebr. Haustein in Gießen za desten Stellvertreter ernannt.
Wir weisen Sie an, dir Benachrichtigung über die Einleitung einer Untersuchung über die bet Mitgliedern der genannten Berus»grnoffenschost eingetretenen Unsälle an den , jeweiligen Vertrauensmann beziehungsweise diffeu Stellvertreter in Gemäßheit de» § 54 de» Unsall-verfichernngSgesetze» vom 6. Juli 1884 zu richten.
v. Bechtold.
Bekanntmachung, betr.: Die Auflösung der Schlrfischrn LrbenSverficherung»- gesellschast in Berlin.
Die Schlesische Leben»verstcherung»gesellschast in'Berlin ist nach einer Anzeige vom 16. I. Mrs. durch Beschluß der Geueralversammluug vom 26. April l. I». ausgelöst und ihr ganzes verwögen aus die LedenSverficherungSactieugefell- fchaft „Nordstern" in Berlin übertragen worden.s
Gießen, den 5. Oktober 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Wir bringen hiermit zur allgemeinen Kenntviß,^ daß durch Entschließung Großh. Ministeriums de» JnneruZ vo» 26. September d. I». der ^Allianz"'versicheruug»-Actien> gesellschaft in Berlin die Ausdehnung ihre» Geschäst»betrieb» auf die Versicherung gegen Einbruchsdiebstahl für daS^Groß- herzogthum Hessen, genehmigt worden ist.
Gießen, den 6. Oktober 1898.
Großherzogliche» KreiSamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
betr.: Die Viehmärkte zu Gießen.
Wir bringen hiermit zur Kenntniß der Intereffenten, daß von jetzt ab die in hiesiger Stadt fiattfindenden Vieh- märkte erst um 8 Uhr Vormittag» ihren Anfang nehmen. Vor dieser Stunde ist der Auftrieb von Vieh weder auf dem Viehmarkt selbst, noch in den angrenzenden Straßen gestattet.
Gießen, den 6. Oktober 1898.
Großherzogliche» Poltzeiamt Gießen.
Mu bl.
politische Wochenschars.
Nau soll ei den Anarchisten wirklich an den Kragen gehen, denn e» ist kaum daran zu zwetseln, daß die Mächte der jetzt veröffentlichten Einladung der italienischen Regierung zu einem Longreß Folge geben werden, um energische Maßregeln gegen die Gewaltmenschen zu beschließen, welche der tu Stuttgart versammelte Delegirtemag der Genoffeu und Ge- nosfinueu als unzurechnuogssähige Individuen hinzustelleu be-
Feuilleton.
/rankfurtn Lhralerdrirf.
(Originell) ericht für den »Gießener Anzeiger*.)
(Nachdruck verboten.)
L Fraueelco d'Andrade Im Openhaufe. — 2. Sie Stütze« )er Gesellschaft. — 8. Tal Werb del Claudiu,. — 4. Coucert im Opernhanfe.
Dr. M. Francesco d 'Sudrade, da» ist der feine tzortugiefilche Sänger, deffeu ,®on Juan* der vollendetste Ausdruck romanischer Galanterie heißen darf, wenn er vielleicht auch der Nüaoeirungen tu» Dämonische eatbehrt, welche Ser Leistung eine» Reickmrnu und Lulß invewohnen, deflrn ^Rigoletto" die congenialste Wiedergabe Victor Hugo'scher Bizarrerie ist, und der zugleich auch al» »Hau» Helling* Ite Töne und die Stimmung sehnsuchtserfüllter deutscher Romantik zu treffeu weiß — dieser Künster hat auf einer ßriner großen Tournsen auch wieder den Weg nach Frankfurt gefunden, wo ihn schon vor einigen Jahren die denkbar sympathischste Aufnahme begrüßte.
d'Andrade gehört zu der kleinen Schaar gefeierter Opernsänger, die fich nicht damit begnügen, in einem eng begrenzten Rolleukrri» neue Triumphe immer wieder mit den eiten Mitteln zu erringen, sondern die e» darnach verlangt, ii neue Gebiete einzudringen, fich neue Knrftformen zu eigen p machen. Au» diesem Gründe hat d'Andrade fich auch
Marschner» ,HanS Helling" zugelegt, den er zum ersten Male vor einigen Jahren in Darmstadt gesungen und jetzt auch für sein Frankfurter Gastspiel bereithielt. Der doppelten Schwierigkeit, welche ihm diese Aufgabe stelle: einmal da» Eindringen in die Schwerrnuthlstimmung, welche durch und durch deutsch, ja, „Faustisch" genannt werden muß, und sodann: die Behandlung de» gesprochenen Wortes, da» einen ziemlich breiten Raum in der »Han» Hetling*-Partie ein» nimmt und fich in dem großen Monolog de» Schlußakte» mit den Klängen de» Orchester» zur Wirkung dr» Melodram» erhebt — dieser doppelten Schwierigktit ist die Kunst de» Gaste» immer mehr und mehr Meister geworden.
Im Schauspiel hat mau aus zwei Siltendrameu zurückgegriffen, die unS dea Stand de» modernen Schauspiels vor etwa zwei Jahrzehnten veranschaulichen. ES stad die» Ibsen» »Stützen der Gesellschaft und Da- nm»’ ,D a» Weib de» ElaudtuS". In ersterem haben wir die entwickelungsfähige Keimzelle einer neuen Art, in letzterem da» tode»reife Exemplar einer Gattung, die fich schon lange überlebt hat und nur noch zu einem künstlichen Scheindasein erweckt werden kann.
Warum hat man da» Experiment dieser Galvanifirnng unternommen?
Allem Anscheine nach, nm der faSeiuirenden Kunst bc» Fräulein Triesch eine breite Operationßfläche za bitten.
Aber die nicht tu Augenblickserfolgen befangenen Größen der Schauspielkunst, müffen fich doch, trenn fie nicht kurz- sichtig Theaterstück und Lttteraturwerk durcheinandermengen,
sagen: daß fie selbst und in btm Maße ihren Namen aus die Nachwelt bringen, al» fie eS verstanden haben, fich den Adel ihrer Kunst von der echten Menschendtchtung, nicht von der Aftermuse zu holen. Noch heute, wenn wir von der Kunst einer Tchröder-Devrient sprechen, tauchen gleichzeiüg In unserer Erinnerung die Gestalten der klasfichen Dramen auf, an welchen fie sich in so vollendeter Weise bewährte und daneben verblaffen die Figuren der Alltagsstücke, die fie vielleicht noch daneben gespielt haben mag.
So wird eS dereinst der Sarah Bernhardt, ihrer Erinnerung bei der nächsten Generation zum Schaden gereichen, daß fie meist nicht über Sardou hinausgedrungen ist.
Ein auserlesene» Programm bot das erste Opernhaus- eoncert, namentlich auch In seinem instrumentalen Theil, der uns die Bekanntschaft mit einer ansprechenden Lompofition SmetavaS ,AuS Böhmen» Hain und Flur" verschaffte. Wir haben wahrlich keine Ursache die Lzechen zu lieben. Aber, Gott Lob, die Musik ist noch immer unpolitisch gewesen, und eS bedarf schon eigengeartrter französischer Ohren, um z B. au» der Loheugriu-Mufik die Annecttrnng von Elsaß und Lothringen herau»zuhörev!
Durch solche Spitzfindigkeiten wollen wir Deutsche un» den Genuß an ausländischer Kunst niemals verderben!
So sehen wir auch -im Lomponisteu Smetana nicht den S:arnme»genoffen jener Jungczechen, welche die deutsche Univerfität Prag bedrohen, sondern den Geisteloerwaudteu unseres Mozart, dem ja die alte Stadt an der Moldau einst eine zw'ite Heimath gewesen ist!


