Nr. 158 Erstes Blatt. Samstag den 9. Juli
1898
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Bekanntmachung,
betreffend: Die Ausführung des Gesetze» vom 1. Juni 1895, den Ersatz de» Wildschaden» betr.
Herr Müller Georg Keil in Grünberg ist zum Mitglied und Vorsitzenden der Sachverständigen Commission für die Abschätzung von Wildschaden im V. Bezirk de» Kreise» Gießen ernannt und als solcher verpflichtet worden.
Gießen, den 5. Juli 1898.
Großherzogliches Kreiramt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 5. Juli 1898. Betr.: Wie oben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen att die Grotzh. Bürgermeistereien Grünberg, Harbach, Lauter, Queckborn, Stockhausen, Weickartshain, Stangenrod, Lumda, Weiters- Hain, Saasen, Beltershain, Göbelnrod, Rein- hardshaiu, Lindeustruth, Loudors, Allertshausen, Keffelbach, Climbach, Odeuhauseu, Geilshausen, Rüddiugshauseu.
Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie ortsüblich veröffentlichen.
v. Gagern.
Die Polenfrage.
Wir haben erst vor Kurzem die Bestrebungen der Slaven besprochen und ihre» Haffe» gegen da» Deutschthum erwähnt, welcher bet der Palaczkyseter in Prag so offen zum Durch« druch gekommen war. Heute wollen wir un» speciell mit den Polen beschästigeu, wozu mehr al» ein Anlaß vorltegt. Wie bekannt, hatten die slavtschen Aerzte und Naturforscher die Absicht, sich in der Stadt Posen ein Stelldichein zu geben und man vermuthete, vielleicht nicht mit Unrecht, daß diese Zusammenkunft weniger wiffenschaftlichen Zwecken dienen al» der polntsch'slavtschen Propaganda gewidmet werden sollte. Diese Annahme muß nicht ganz ohne Grund gewesen sein, denn die Regierung hat angeordnet, daß au jenem Aerzte« und Naturforscher«Congreffe Ausländer nicht theiluehmen dürfen und im Falle ihre» Erscheinen» erforderlichen Fall- zwangsweise entfernt werden sollen. Daraufhin hat man bekanntlich von der Zusammenkunft in Posen überhaupt abgesehen und Krakau al» Coufereuzort gewählt.
Diese» scharfe Vorgehen der deutschen Regierung ist immerhin beachteuSwerth- man ersieht daran», daß der antideutschen Agitation von vornherein die Spitze abgebrochen werden soll, und daß man in maßgebenden Berliner Kreisen nicht Willen» ist, bei den Polen die Hoffnung aufkommeu zu lassen, die Bestrebungen derselben hätten irgend welche schonende Rücksichtnahme zu erwarten.
Seit M tte der achtziger Jahre ist e» wie eine Er« keuntntß über die deutsche öffentliche Meinung gekommen, daß in Posen und Westprenßen ganz im Stillen eine durch« greifende Veränderung de» Verhältnisse« zwischen Deutschthum und Poleuthum eiugetreten war. Man war auf deutscher Sette recht arglo» gewesen und hatte geglaubt, daß dort an der Ostgreuze da» Deutschthum vermöge seiner größeren wirthschastlichen Tüchtigkeit dem Poleuthum überlegen sei,- mit Erstaunen und Schrecken erkannte man aber mit einem Male, daß da» Poleuthum einen sehr breiten Raum ein« genommen und das Demschthum auch wtrthschaftlich mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt hatte. Es war ein polnischer Bürgerstaud entstanden, der die Garantie bot, daß da» Poleuthum festen Fuß gefaßt hatte und im Begriff war, die Deutschen ganz und gar bei Seite zu schieben. Die Polen hatten damit eine doppelte OperationSbafi» sich ge« bildet: auf dem Laude wirkte der Clerus nach wie vor auf die Bevölkerung ein, und in den Städten gewinnt jetzt da» polnische Bürgerthum immer mehr an Boden und an Einfluß. Zu jener Zeit entstanden da» Ansiedelungsgesetz und die übrigen Maßregeln zur Stärkung de» Deutschthum».
Bekanntlich kehren aber nur neue Besen gut, und al» die erste Hitze verflogen war, da griff wieder eine gewisse Lässigkeit in der Polenfrage Platz, und die Wirkung der getroffenen Maßnahmen wurde wesentlich abgeschwacht. Da» war besonder» in der Zeit der Fall, al» Herr v. KoScielSki rinen Einfluß auSzuübeu vermochte, der vielfach unterschätzt
worden ist. Seit einigen Jahren ist ja nun wieder ein Um* chwung in der Stimmung eiugetreten,- man hält gegen« Ibet den Polen die Zügel straffer, aber Bersäumntffe taffen sich nicht so leicht einholeu, und immer von Neuem ergaben sich Beweise dafür, daß die Polen nicht nur wirthschaftliche Eroberungen gemacht hatten, sondern auch auf dem besten Wege waren, eine politische Gefahr über Deutschland heraufzu« beschwören. Da» hat die Regierung erkannt und au» den letzten Sessionen de» deutschen Reich»« und de» preußischen Parlament» find noch manche erwähoen»werthe Debatten in der Erinnerung, während welcher Reichskanzler und Minister eine warnende und drohende Sprache gegen die Polen führten und scharf und deutlich in nicht mißzuverstehender Weise erklärten, eine Großpolen«Politik unter keinen Umständen dulden zu wollen.
Bekannt ist noch zur Genüge, daß besonder» erregte Verhandlungen durch da» verbot von Versammlungen, in denen man fich der polnischen Sprache bedient hatte, hervor- gerufeu worden waren. Auch au» anderen Maßnahmen der Regierung konnte man ersehen, daß aus der ganzen Linie eine energische Betonung de» StaatSgedanken» gegenüber den polnischen Bestrebungen stattfinden soll, aber immerhin bleibt die Aufgabe, welche der Regierung in dieser Beziehung obliegt, eine äußerst schwierige und delikate.
Große Hoffnung setzt mau bekanntlich auf die Erhöhung de» Fond» für AnfiedelungSzwecke, und neuerdiug» wird al» Beweisgrund dafür, daß die polnische Bewegung jetzt wieder ihren Höhepunkt überschritten habe, der Ausfall der Wahlen zum deutschen Reichstage angeführt, welcher einen Verlust von etwa 50000 polnischen Stimmen und einiger Mandate brachte.
Ob hieran» wirklich aus einen Rückgang de» PoleuthumS geschlossen werden kau», steht aber noch dahin,- e» können bei dem Ausfall der Wahlen ganz zufällige Momente mitgewirkt haben. Jedenfalls geht aus der zu Beginn dieses Bericht» erwähnten RegterungSmaßnahme hervor, daß man in Berlin die Augen offen hält und fich nicht nochmal» überrumpeln zu lassen gedenkt. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juli. Die versuche mit einer Sommer« kleidung für Postunterbeamte werden immer noch fortgesetzt. Die allgemetne Einführung der Sommerröcke ist von 1899 ab in Ausficht genommen. Welche Sorte von Röcken in Gebrauch genommen werden wird, hängt von den Ergebnissen der diesjährigen Trageversuche ab. — Wie die „Deutsche VerkehrSztg." hört, haben die Ober-Postdirectioneu Anweisung erhalten, die bisherigen Verträge wegen Lieferung von Dienstkleidern für Unterbeamte sämmiltch zu kündigen, damit bei der Neuverdingung vom 1. April 1899 ab die Beschaffung von Sommerröckeu berücksichtigt werden kann.
— Der diesjährige Deutsche Juriftentag findet, wie jetzt feststeht, in der Zeit vom 12. bis 14. September in Posen statt.
— Englische Vorbereitungen zum Handelsverträge mit Deutschland, von der „Ceutralftelle für Vorbereitung von Handelsverträgen" geht die Mittheilung au», daß fich zur Zeit handelspolitische Agenten der englischen Regierung in Deutschland aushalten. Diese, mit Empfehlungen osfizieller Persönlichkeiten versehenen Herren, meist Industrielle, HaudelSkammermitglieder u. s. w., bereisen da» Deutsche Reich, um an maßgebenden Stellen Fühlung zu gewinnen, die wirthschaftliche Lage kennen zu lernen und für freundliche Handelsbeziehungen mit England Stimmung zu wachen. An fich ist man daselbst von der für beide Theile vorliegenden Nothweudigkeit einer Erneuerung de» Handelsvertrags durchaus überzeugt, doch trug mau fich, wie die Seudlinge durchblicken lassen, ursprünglich mit der Hoffnung, von deutscher Seite Concessionen zu erlangen. Durch die neuere Wirth« schastSpolitische Action in Deutschland ist man indessen einiger« maßen in Besorgniß versetzt.
Schillingsfürst, 7. Juli. Heute früh um 10 Uhr fand ein Trauergottesdienst für die Fürstin Hohenlohe in der Friedhofscapelle in Anwesenheit des Reichs« kanzlerS, der Prinzessin Elisabeth, der Prinzen Alexander und Moritz, der Diener des Fürstenhauses und Vertreter der Gemeinde statt. Nach dem Gottesdienst sang am Grabe der Kirchenchor. Der Sarg war geschmückt mit Kränzen und die Fürstengruft mit Lorbeer mit weißen Rosen. Russische Beamte hatten einen mächtigen silbernen Kranz mit Inschrift gesandt. Der Reichskanzler Fürst von Hohenlohe spendete ! der Gemeinde Schillingsfürst 4000 Mark zu Armenzwrcken.
Der Fürst bleibt noch mehrere Tage in Schillingsfürst und reist dann nach München.
Ausland.
Brünn, 7. Juli. Beim Scheibenschießen der Cadetten« schule zu Königsfeld wurde durch die Selbstentladung eine» Revolvers ein Cadett getödtet.
Gablonz, 7. Juli. Der GlaSarbeiterstrike im Riesengebirge ist infolge Intervention der Behörden bei- gelegt.
Pari», 7. Juli. Gleichzeitig mit einem aus Odde datirten Telegramm des deutschen Kaiser» traf eine Condolenz- Depesche de» russischen BotschaftrrS Urusvff ein, welcher vorläufig in seinem eigenen Namen die Theilnahme ganz Rußlands an dem Unglück der „La Bourgogne" aus- drückte.
London, 7. Juli. Die „Central New»" melden, daß der spanische Dampfer „AlfonS XII." vor Muriel, verfolgt von drei amerikanischen Schiffen, auf Strand lief und der- b rannte.
London, 7. Juli. „Daily Mail" berichtet au» New- York: Hier ist die Bestätigung eingetroffen, daß der Kreuzer „Alfons XIII." zerstört worden ist.
Madrid, 7. Juli. Die Minister beschlossen, weitere Nachrichten über die Kämpfe bei Santiago abzuwarten, ehe fie Beschlüsse wegen Frieden»verhandluugen fassen.
Madrid, 7. Juli. General Linares, der Commaodant der Truppen von Santiago, der das Commando infolge einer leichten Verwundung abgegeben hatte, ist wieder hergestellt und hat das Commando wieder übernommen.
New-York, 7. Juli. Bei dem Untergang de» Schiffes „La Bourgogue" soll die Mannschaft mit unglaublicher Rohheit vorgegangen sein. Al» die Passagiere den Rettungsbooten zutratev, sollen fie von der Bemannung mit Rudern und Bootshaken zurückgedrängt worden sein. Italienische Zwischendeck» Passagiere haben von ihren Messern Gebrauch gemacht, um die Boote zu erreichen.
Locales nnd j)rovlnrleUes.
Gießen, 8. Juli 1898.
•• Ordensverleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, zum 1. Juli dem katholischen Pfarrer Johanne» Kumpf in Horchheim das Ritterkreuz 1. Klasse de» Verdienstordens Philipp» des Großmüthigen zu verleihen.
•• Leichenfeier. Gestern Vormittag um 11 Uhr wurde die sterbliche Hülle des Stadtverordneten Meier Homberg er vom Trauerhause Marburgerstraße zur ewigen Ruhe geleitet. Ein stattliches Gefolge erwies dem Ver- ewigten die letzte Ehre,- kostbare Blumenspenden wurden im Zuge mitgesührt. Zwei kunstvolle Blumengewinde wurden durch die beiden RathSdtener Moll und Ochs vor dem Trauerwagen einher getragen. Auf dem Friedhöfe hielt der Provinzial-Rabbiner Dr. Sander die Grabrede. Der erste Vorfitzende der israelitischen Gemeinde, Commerzieurath Heichelheim, tief am offenen Grabe dem dahingegangenen Meter Hornberger den Dank nach, für das, waS er als sein Vorgänger für die Gemeinde gethan, sein verdienst sei es, derselben eine geordnete, festgefügte Verwaltung gegeben zu haben, womit er fich ein bleibendes Denkmal geschaffen. Hierauf nahm Herr Oberbürgermeister Guanth Namens der städtischen Verwaltung daS Wort: Als die Stadtverordnetenversammlung vor sechs Wochen daS 25jährige Amtsjubiläum ihres Senior» beging, da dachte wohl Niemand daran, daß dieser nur noch einmal an den Berathungen derselben theil- nehmen würde, daß man sobald au seinem Grabe stehen würde. WaS der nun Entschlafene für da» Gemeinwohl gewirkt, es sei bei jenem Anlaß öffentlich zum Ausdruck gekommen, die städtische Verwaltung und die Collegen würden über daS Grab hinaus ihm ein treues Gedächtniß bewahren. Als letztes äußeres Zeichen der Anerkennung wolle er noch am Grabe die Kranzspenden der Stadtverordnetenversammlung und der städtischen Verwaltung niederlegen.
•» Knnstverein. Wie aus dem Jnseratentheil dieser Nummer ersichtlich, wird die Gemälde-AuSstellung im ThurmhauS am Brand vom Freitag kommender Woche, dem 15. Juli au, auf einige Wochen geschlossen. Die gegenwärtige Ausstellung ist, wie wir bereits vor Kurzem au dieser Stelle berichteten, eine sehr reichhaltige, über hundert ! Gemälde zählende.


