Ausgabe 
9.6.1898 Zweites Blatt
 
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trat 1879 der rechte schutzzöllnerische Flügel unter Führung der Süddeutschen Schauß und Völk aus und bildete eine liberale Gruppe", die aber bald wieder von der Bildfläche verschwand. Ebenso sonderten sich 1880 17 Abgeordnete des linken Flügels (Bamberger, Forckenbeck, Rickert, Stauffen- berg u. s. w.) aus und bildeten dieSecession", welche 1884 noch weiter nach links ging und sich der Fortschrittspartei anschloß. Die Fortschrittspartei oderdeutsch-freisinnige Partei" ihrerseits ging 1893 im Streit über die Heeres- Vorlage auseinander in die beiden Gruppen freisinnige Volks­partei und freisinnige Vereinigung. Auf der Rechten ist nur die Bildung verschiedener antisemitischer Fractiönchen zu ver­zeichnen. Da- Centrum kann sich rühmen, trotz aller Stürme derfeste Thurm" geblieben zu sein. Wohl hat hie und da die Ausscheidung einzelner Mitglieder stattgefunden, doch nie eine eigentl'che Spaltung. Es erhielt bei den Wahlen für die erste Legislaturperiode 1871 718 248 Stimmen, deren Zahl sich bereits nach drei Jahren auf 1 438 792 mehr als verdoppelte und mit nicht sehr großen Schwankungen ungefähr auf dieser Höhe blieb. In den 9 Legislaturperioden von 1871 bis 1893 brachten die Reichstagswahlen dem Centrum 58, 91, 93, 93, 98, 99, 98, 106, 96 Abgeordnete. Die Conser- vativen, welche in ihrer Periode der Opposition gegen den Fürsten Bismarck 1874 von 54 auf 21 Mandate herunter­gekommen waren, haben seit 1878 wieder einen bedeutenden Aufschwung erfahren. Damals war der erst 1877 gewählte Reichstag wegen seiner Ablehnung des Sozialistengesetzes aufgelöst worden. Die Zahl der Conservativen stieg bei den 1878 er Wahlen von 40 auf 59, die der Freiconservativen von 38 auf 56; dagegen gingen die Nationalliberalen, die größtentheils gegen das Sozialistengesetz gestimmt hatten, von 127 auf 98, die Fortschrittler von 35 auf 26, die Sozialdemokraten von 12 auf 9 zurück. Aehnlich große Verschiebungen brachten unter dem Eindruck der kriegdrohen­den Lage die Wahlen von 1887. In dem damaligenKartell­reichstag" wuchsen die Nationalliberalen von 50 wieder auf das Doppelte, sie erreichten noch einmal die hohe Zahl von 99 Sitzen; die deutsche Reichspartei stieg von 28 auf 41; dagegen verloren Freisinnige und Sozialdemokratie über die Hälfte ihrer Mandate, erstere kamen von 67 auf 32, letztere von 24 auf 11 herunter. Die kleine demokratische Fraction wurde ganz weggewischt. Die Conservativen haben sich seit 1884 ziemlich stabil gehalten, mit 78, 80, 73 und

72 Mandaten. Die Linke, einschließlich der Nationalliberalen, war viel stärkeren Schwankungen unterworfen. Die National* liberalen bildeten in den ganzen siebziger Jahren bei Weitem die stärkste Partei des Reichstags. Von ca. 80 Mitgliedern im Norddeutschen Reichstag stiegen sie 1871 auf 120 und erreichten 1874 den stolzen Höhepunkt mit 152 Abgeordneten, um schon nach 7 Jahren auf weniger als ein Drittel, auf 45 herabzusinken; von 1884 an weisen sie 50, 99, 42 und zu* letzt 53 Mandate auf. Wahlstimmen bekamen die National­liberalen 1874: 1394020, im Jahre 1887 sogar 1677 976, welche Zahl nur ein einziges Mal von einer Partei, und zwar 1893 von den Sozialdemokraten übertroffen worden ist. Bei den letzten Wahlen 1893 fielen auf die Nationalliberalen noch rund eine Million Stimmen. Ebenso hoch hatte es 1884 die Fortschritts, resp. freisinnige Partei gebracht, die 1890 sogar 1 159915 Stimmen erhielt. In beiden genannten Jahren erreichte sie mit 67 und 66 Mandaten ihren Höhe­punkt. Nach der Trennung in freisinnige Vereinigung und freisinnige Volkspartei ging die Stimmenzahl auf ca. 900000, die Abgeordnetenzahl auf 37 zurück. Die Welfen wurden 1887, nachdem sie in den drei vorangegangenen Legislaturperioden 10 und 11 Abgeordnete gehabt, auf 4 zurückgeworfen, die Antt-Cartellwahlen von 1890 gaben ihnen wieder 11, die von 1893: 7 Mandate. Die Elsässer Protestler incl. Cleri- calen sind von 15 auf 8 zurückgegangen, die Polen von durchschnittlich 14 auf 19 (durch Nachwahl 20) gestiegen. Die Antisemiten, welche 1887 mit einem Sitz begannen, kamen 1893 schon auf 16. Die größte Beachtung verdient das Anwachsen der Sozialdemokratie, namentlich in letzter Zeit, welches sich noch weit mehr in der für sie abgegebenen Stimmenzahl als in der Zahl ihrer Abgeordneten documentirt. Allerdings stellen sie am meisten bloße Zählcandidaten auf. 1871 war nur 1 Sozialdemokrat im Reichstag; dann 9, 12, 9, 12, 24, 11 (1887), 35, 44 (durch Nachwahlen 48). Ihre Stimmenzahl betrug 1871 nur 101927, 1874: 351670, 1877 circa eine halbe Million; dann kommt nach einigem. Schwanken wieder ein mächtiger Aufschwung; bei den drei letzten Wahlen 763128, 1427 298 und 1786738 Stimme». Würden die Mandate nach der Gesammtzahl der Stimmen vertheilt, so wäre die Sozialdemokratie bereits die bei Weitem stärkste Partei im Reichstag.

Will man kurz characterisiren, so kann man feststellen, daß 1878 im Ganzen eine starke Verschiebung nach recht«,

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar. 7.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: Die Unterhaltung der KreiSstraßeu.

E« wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Kreisstraße Gießeu-Wismar, soweit fie sich im'Bau befindet, von Donnerstag den 9. d. MtS. ab bi« auf Weitere« für nicht am Bau betheiligte Fuhrwerke ge­sperrt ist.

Gießen, den 7. Juni 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. G a a ern.

Gießen, den 7. Juni 1898.

Betr.: Die Beibringung der Cultur- und BauveranderungS- meßbriefe.

Das Großh. Steuercommiffariat Gießen

an die Großh. OrtsgerichtSvorsteher des Bezirks.

In den Ihnen am 2. l. Mrs, zugegangenen Bauver- änderungSverzetchniffrn find diejenigen Grund- bezw. Gebäude- befitzer verzeichnet, die mit Meßbriefen noch tm Rück stand find.

Wir ersuchen Sie, diese Befitzer zu möglichst rascher Beibringung der Meßbriefe, auch der auS früheren Jahren rückständigen, zu veranlaffen. Nach Ablauf der in der Ver­ordnung vom 8. December 1852 bestimmten Frist (15. Juli) müssen wir gegen die Säumigen das Strafverfahren in Ge- mäßheit de« § 4 der genannten Verordnung einletten.

Bäbr.

Die Reichstagswahlen von 18671897.

Unter diesem Titel ist kürzlich ein Werk von Dr. Fritz Specht (Berlin, Karl Heymanns Verlag) erschienen, welches reichhaltiges statistisches Material, sowie einen Ueberblick über die Parteien und ihre Programme bietet.

ES ist merkwürdig, welche Zersetzung und Wandlungen seit einem Menschenalter die Linke erfahren hat, während Rechte und Centrum viel stabiler blieben. Aus der damals noch vorwiegend freihändlerischen nationalliberalen Partei

Fenilleton.

Schußzauöer.

Von Arthur Achleitner.

(Schluß.)

Den Verfolgern flimmern die Augen- da« Wild so schön vor sich und dennoch nicht fangen können. Und war Ihut der Frechling? Er übersteigt daS letzte Wandl und grüßt höhnisch herunter, indem er sein verwittertes Hütl schwenkt.

Flori kann fich nimmer bemeiftern, rasch zieht er auf und läßt fahren. Doch die Entfernung ist viel zu weit, der Schuß zu kurz, die Kagel schlägt tief unterm BüchSler in den Felsen. Ein Jauchzer antwortet und gleich darauf der- schwindet der verwegene Schütze.

Bis die Verfolger die Grathöhe erreichen, vergeht ge­raume Zeit. Oben angekommen, sehen fie gerade noch, wie der Lump lies unten an der Zunge eines FelSbande« hockt.

Ein wilder Ruf entringt sich der Verfolger Brust. Der BüchSler kann nicht mehr weiter, er klebt fest, der nächste Schritt wirft ihn in den gähnenden Abgrund und zerschellt muß er in der Tiefe aulangen. Will er aber hinausklettern, so nehmen ihn die Jäger in Empfang- eS wird also nur auf die Geduld derselben aukommen.

Erregt starren Beide aus der Grathöhe hinunter auf ihr Wild. Der'Sler legt den GamS ab, hängt den Stutzen über den Rücken. verkürzt den Riemen, so daß die Waffe fest am Rücken anliegt. Nun rutscht er auf dem Gesäß noch ein Stückchen tiefer, erhebt fich blitzschnell und springt in die gähnende Tiefe.

Ein Doppelruf deS Entsetzens oben. Weit vorgebeugt lugen die Jäger aus, bleich vor Schrecken und Aufregung,

Der BüchSler ist prasselnd in das Geäst einer unten stehenden Fichte gefallen, die sich unter dem wuchtigen Anprall beugt. Wie mir Eisenklammern umfaßt er den Stamm und rutscht an demselben langsam, wenn auch zersetzt am ganzen Körper, hernieder. Eine rothe Spur zeichnet die Jährte.

Der Verwegene wischt fich das Blut au- dem Gesicht, sichert eine Weile über den weiteren Abstieg und wagt einen neuen Sprung auf ein kleines Felsplatt, der wieder gelingt. Daun ein Satz in da- lange Geröllfeld, das augenblicklich in Bewegung geräth und polternd niederrauscht. In Kniebeuge rutscht der BüchSler mit, bann an der Karzunge ein Satz in ein Latschen und verschwunden ist er. DaS ungeheure Wagniß ist gelungen: wo noch keine Gemse hrrunterkam, der ver- folgte BüchSler hatS gewagt, die Flucht ist gelungen. Die Wunden werden schon heilen und gebrochen ist ja nichts.

Einige Zeit war Ruhe nach diesem beispiellosen Eretgniß an der GamSkarschneid. Ruhig war eS auch im Forstamt, i wo der Ches mit einem Gesicht herumging, daß die Grhtlsen großen ResPkctSabstand hielten. Der Forstmeister ist stumm von jener Expedition heimgekehrt und hat bisher kein Wort darüber geäußert. Dafür denkt er nm so mehr über eine Aeußerung FloriS nach, die ihm nimmer au« dem Kopfe will. Der Jagdgehilfe tröstete fich nach dem Mißerfolg der BückSler- jagd mit der Bemerkung, daß nicht« zu wollen fei, der Lump habe eben einen Schußzauber und da nütze alles nichts.

Der Chef sucht seit jenem Tage in seiner Bibliothek mit einem Eifer, als wolle er einen versteckten Diamanten fiaden, und richtig gelingt e« ihm, in einem alten Schmöker einen vergilbten Zettel zu finden, den er vor vielen Jahren dort eingelegt hatte. Ein triumphirendeS Lächeln fliegt über des Forstmeister« buschige Lippen. Nun kann es doch fein, daß dec Sieg ihm zu Theil wird- der Aberglaube muß ihm helfen, den frechen BüchSler zu überlisten. Behaglich über­liest er den Inhalt de« alten Zettel-, steckt diesen ein, nimmt Gewehr und Bergstock und wandert in dieGamSstube". Auf dem besten Ansitz legt er den Zettel wie unabsichtlich hin, verwischt jegliches verdächtige- Zeichen und zieht fich ins Latschengestrüpp zur Paß zurück. Geduldig wartet er bis zum völligen Schwinden deS Büchsenlichts. Dann tritt er vorsichtig gedeckt und geräuschlos den Heimweg an.

Vor TageSgraueu aber ist der Chef wieder auf seinem gut verblendeten Posten und wartet den ganzen Tag bi« in die aufsteigende Nacht.

Dies wiederholt sich noch zwei Tage. Endlich aber erscheint der Erwartete, geschwärzt im Geficht, nur die Narben leuchten röthlich, pirschend auf GamS. Der BüchSler nimmt den Wechsel zum Avfitz und hockt fich an.

Der lauernde Forstmeister hört den eigenen Herzschlag und fürchtet, daß dieses Pochen in der Brust seine Nähe der« rathen wird.

Der Wildschütze erblickt jetzt den Zettel und hebt ihn auf, faltet ihn auseinander. DaS Jntereffe ist wachgernfen, erstaunt beginnt er zu lesen:

Gchußzauber!

Ein sichere« Mittel zur Kugelabweisung.

Die himmlischen und heiligen Posaunen, die blasen alle Kugeln von mir ab- ich fliehe unter den Baum de« Lebens, der zwölferlei Früchte trägt- ich stehe hinter dem Altar der christlichen Kirchen- ich befehle mich der hl. Dreifaltigkeit,- ich verberge mich hinter den Fronleichnam Jesu Christi, auf daß ich von keines Menschen Hand gebunden, nicht gehauen, nicht geschossen, nicht gestochen, nicht geworfen, nicht geschlagen, überhaupt nicht verwundet werden kann. DaS helfe mir Jesu Christ! So Einer dies bei fich trägt, der ist ficher vor allen Feinden!"

Der BüchSler betrachtet diesen seltsamen Zauberfegen und unwillkürlich liest er den Schlußsatz noch einmal.

Im selben Augenblick faßt eine Eifenfaust den Wilderer von hinten und reißt ihn rücklings zu Boden.

Der Stutzen kollert weg, wehrlos ist der BüchSler, auf den nun der Waldchef da« Gewehr richtet mit der Aufforderung, aufzuftehen und den Gang zum Forstamt an­zutreten.

Gehorsam befolgt der Wilderer den Befehl und seufzend gesteht er fich selber halblaut:So dumm war ich noch nie!"

Stimmt!" sagt trocken der Forstmeister und elcortirt den willig fich in daS Unvermeidliche sügende BüchSler nach dem Amte.

So hat fich der Schußzauber wahrhaftig bewährt, d. h. im Sinne deS Forstmeisters.