Wahrnehmung, bet öfterer Wiederholung Vorstellung — also Perception und Apperceptioa entsteht. Im zweiten Thetle behandelte er sodann ausführlich die drei Functionen: Ge- wöhnang, Unterricht und Zucht, die sechs verschtedeneu In- terrfseu al« Mittel, den Unterricht fruchtbringend zu gestalten und endlich die von Herbart ausgestellten vier Formalstufen, Klarheit, Association, System und Methode, sowie die voo Ztller u. Rein zugefügte fünfte Stufe: die Analyse. Auch bei Betrachtung dieses zweiten Theils ließ Referent sein oben« erwähntes Beispiel der Gehirn-Bibliothek wie einen rothen Fadeu durchlaufen und nannte, um e« nur kurz aozudeuten, die Klarheit da« Zusammeofügen der Blätter zu Bäadeu, do« System, die Regtstrtruag derselben und die Methode, die Benutzung dieser Bände. Der ganze Vortrag ließ den scharf- denkenden Gelehrten und practischen Schulmann erkennen und trug durch seine Klarheit und die geschickte Auswahl seiner Beispiele — aus dem Schullebeu entnommen — viel dazu bei, daß die Zuhörer forrab mit größerem Berstäodniß neuere pädagogische Werke studiren können. Zum Schluffe faßte Herr KreiSschuliusprcior den reichen Stoff, welchen er in bet* hältnißmäßig kurzer Zeit behandelt, nochmals zusammen und wieS darauf hin, wie man an der Zahl 1 bi« 6 da« ganze Gebiet übersehen könne, denn e-enthalte: I.Ziel, 2. Grundlagen, 3. Functionen, 4. Formalstufen, 5. Grundlehren und 6. Interessen. Nachdem der Vortrag beendet, verkündete der laute, anhaltende Applau« der Zuhörer, wie dankbar derselbe, weil intereffanr und belehrend zugleich, ausgenommen worden war. Doch eine solche Arbeit verdiente mit Recht noch mehr Anerkennung, we«halb der Vorsitzende, Herr Provinzialdirector Geheimrath v. Gageru dem Referenten auch noch in beredten Worten den Dank der Versammlung aussprach. Bei dem an die Conferrnz sich anschließenden Mittagessen brachte Herr Provinzialdireckor einen Toast auf ®e. König!. Hoheit den Großherzog, Herr Oberlehrer Hahn auf die Großherzogl. Krei«schulcommisfion Gießen und Herr Krei«schulinspector auf die Lehrerschaft aufl; auch folgten einige musikalische Borträge, welche zur Unterhaltung viel beitrugen. Al« endlich die Zeit zum Aufbruch nahte, trennte man sich mit dem Bewußtsein, heute wieder lebhafte Anregung zu neuer Thätig- keit erhalten zu-haben zum Nutzen der Schule, der Gemeinde und des Staate«.
*• Für Steuerpflichtige. Da« Großh. Ministerium Hot die Frist zur Vordringung von Reclamarionen gegen die directeu Steuern für dieses Jahr bi« zum 10. Juli verlängert.
•• MUtär-Coucert. Mittwoch den 15. d. M. wird die infolge ihrer Hervorrageoden Leistungen mit Recht überall werthgeschätzte Capelle de« Halberstädter Kürassier- Regiment« v. Seydlttz (BiSmarck Kürassiere) unter der bewährten Leitung ihres tüchtigen Dirigenten, de« König!. Mufikdirector« Herrn Ad. Damm, in Stein« Garten cou- certiren. Hat da« Regiment durch die todeSmuthige, schneidige Reiteraitake bei Viooville sich unvergleichliche Lorbeeren errungen, so leistet dessen TrowpetercorpS in friedlichem Wettstreit Ebenbürtiges. Einer weiteren Empfehlung bedürfen die wackeren Musici nicht, Liebhaber und Kenner sind ihnen sicher gleicherweise gewogen.
** cf Theater Verein. Dilettaoten-Dorstellung am 10. Juni im Gießener Festsaal. Kundige Thebaoer, da« heißt solche Kunstkenner, die etwas von der Bühne verstehen oder verstehen wollen, legen, bei ehrlichster Bewunderung hervorragender Bühnengrößen, den Hauptwerth auf da« Ensemble. Meiningen, welche« seiner Zeit, der Deutschen Bühne vorbildlich, die Wege zum Erfolge wie«, hatte die« lediglich seinem Streben nach Unterordnung de« Einzelnen der Gesammtheit gegenüber zu verdanken. Specialitäten find von Meiningen nie auSgegaugen. Tüchtige Mimen hat Meiningen erzogen, besessen und besitzt sie noch, aber Gießen ist ihm denn doch gewaltig über. Vergeblich suchen wir in dem Personalbestand Meiningen«, der die wohlklingendsten Namen aufweist, Professoren-Damen, Regierung«räthe und höhere militärische Aerzte, selbst die Meininger waren nicht so realistisch, für die Wieder» gäbe deS Prinzen Hamlet dem dänischen Hofe ihre Soniracte eiozusenden. Auch wa« das vorhin citirte Ensemble anbetrifft, schreitet Gießen an der Spitze der Eivilisation, selbst die bewährtesten auswärtigen Kunsttustitute begnügen sich mit einem kleinen Theil der Proben für die schwierigsten Dramen, die da« Gießener dem guten „Han« Huckebein" widmete. Bet solcher Gewiffenhaftigkeit find Kunstpausen, Liebäugeleien mit dem Souffleurkasten und hervorragende Mitwirkung au« demselben auSgeschloffen, vielmehr ist verbürgt ein Ensemble ohne Gleichen.
•• Zur internationalen Hundeausstellung find bi« jetzt circa 600 Hunde gemeldet, ein Resultat, auf welche« da« AuSstelluugscomitü mit Befriedigung zurückbltcken kann. Besonder« stark vertreten find die Klaffen der deutschen kurzhaarigen Vorstehhunde mit 120 Exemplaren, die langhaarigen »it 25, Pudelpoimer mit 30, die Erdhunde (Foxterrier« und Teckel) mit 120. Unter den LuxaShunden steht die Eollectivau«stellung des Club« sür rauhhaartge Terrier« mit 40Ttredales an der Spitze- ihr folgt mit 29 der besten und edelsten Doggen der Nationale Doggenclub. Auch da« Ausland ist durch erstklasfige Thiere vertreten- insbesondere find au« Böhmen und Luxemburg, sowie auS der Schweiz hochedle Vorstehhunde gemeldet. Von reuommirten Züchtern erwähnen wir: Jean Fu ß Höll er - Siegburg (Barsoi«), Gräff- Bingen (Kurzhaar) B r ö k i n g - Vorhalle (Kurzhaar), Premierlieutenant Schlotfeld Hannover (Drahthaar), Baron v. Giugins-Eronberg i. T. (Griffon«), Förster Lüthje- Albinghoff und Dr. Steffens-Lollar (Deutsch Laughaar), Haß und Groß-Gießen und Sch äs er* LaaSphe (Pudel- pointer und rauhharige Teckel), Lieutenant Jlgner Biebes- heim (Teckel). Foxterriers stellen au« die Zwinger: Rhenania, Nassovia, Mosella und Urian. Unter den LuxuShunden finden wir da« beste in Deutschland rxistirende Material in Collie«, Doggen, Bernhardinern und Pinschern :c.
i •• Hiacichtuug. Heute Morgen 6 Uhr wurde im hinteren Hofe de« Provinztal-ArrefthanseS der am 10. März d. I. Dom Schwurgericht wegen Morde« zum Tode verurtheilte, 63 Jahre alte Taglöhner Earl Konrad IV. von Rainrod durch den sächsischen LandeSscharsrichter Brand von Hohen- Itnbe hingerichket. Die Eingänge zum Justizgebäude waren schon von 3/46 Uhr ab durch Doppelposten besetzt, während tm Gesängnrghof eine starke Militärabtheilung unter Gewehr stand. An der Richtstätte waren Oberstaatsanwalt Dr. Günge- rich, Staatsanwalt Koch, Staatsanwalt Zimmermann und GerichtSaccesfist Dr. Bopp, sowie die Landgerichtßräthe Dr. Schäfer und Seeger und außerdem etwa 40 Personen versammelt. Der Delicqaent betrat in Begleitung des Herrn Pfarrer Schlaffer, zweier Gendarmen und einiger Gefängniß- beamten mit dem Glockenschlag 6 Uhr den Gesängnißhof. Staatsanwc.lt Zimmermann eröffnete dem Berurtheilten, daß, nachdem das gegen ihn ergangene Urtheil rechtskräftig geworden und der Großherzog von dem ihm zuftehenden Begnadigungsrecht abgesehen, er ihn dem Nachrichter übergeben müffe. Pfarrer Schlaffer sprach hierauf ein kurzes Gebet, während deffen Konrad beide Hände vor sein Gesicht legte und schluchzte. Der ganze Act der Hinrichtuog vom Betreten des Gefängnißhofe« seitens des Berurtheilten dauerte 41/, Minuten, vom Betreten der Treppe des Schaffots bi« zum Fallen de« Richtbeiles aber nur 35 Secunden. Die Leiche des Hingerichteten wurde in die Anatomie geschifft. Vor dem Justizgebäude hatten sich über hundert Personen au- gesammelt.
** Vom Feldberg. Zum 45. Feldbergfeste hat der zuständige Ausschuß nunmehr seinen Au fr ns an alle Turner und Turnfreunde ergehen lassen und gern schließen wir uu« demselben an, um ebenfalls unser Scherflein dazu beizutragen, daß dieses volk«thümlichste aller Feste in den weitesten Schichten unsere« Volke« Widerhall finde. Ein Turnfest und ein echtes Volk-fest ist e«, werth, daß alle Vaterland-freunde e- besuchen und fich laben an Gotte- freier Natur und dem Treiben unserer Turnjugend. Vom Feldberg flammten 1814 am 18. October die Freudenfeuer zur Feier der Schlacht bei Leipzig auf, und kein anderer, al- unser unvergeßlicher E. M. Arndt, war e-, der um die Mitteruacht-stunde bei loderndem Feuer an da- versammelte Volk seine begeisterte Rede von Deutschlands Freiheit und Einheit hielt. Das war da« erste Feldbergsest, und treu haben unsere Turner ihr Kleinod gehütet. Zu unendlichen Malen war seitdem der Feldberg da- Ziel der Wanderung von Jung und Alt. Nicht leicht war der pfadlose Aufstieg, und da, wo jetzt gastliche Häuser den müden Wanderer aufnehmen, war nicht« al« der kahle, kalte Berggipfel. Und trotzdem zogen die Turner dahin, dem turnerischen Wettkampfe obzuliegen, und al« vor 50 Jahren, 1848, wiederum von August Ravenstein-Frankfurt, M. Kuhl und K. Braubach Butzbach und Friedr. Emrntng- hauS-Wiesbaden der Ruf zum Feldberg erscholl, da waren e« auch die deutschen Schützen, die herbeieilten, um zum Feste beizutragen, getreu ihrem Wahlspruch: „Heb’ Äug' und Hand für« Vaterland!" Eln Sternschießen war e«, das damals veranstaltet wurde- ein Borschießen hatte an den bürgerlichen Schießständen am Oberforfthaus zu Frankfurt statt- gesunden. Gern würden e« die Turner sehen, wenn fich die Schützevbrüder mit ihnen nach 50 Jahren zu gemeinsamem Feste wieder vereinigten, und wenn die alten Schützen oben auf dem Gipfel des Feldberg« alte Erinnerungen wach riefen und neue mit nach Hanse nähmen. 16 Schützen wurden damals als Sieger auflgerufen: Von Homburg 2, Falkenstein 1, Butzbach 2, Darmstadt, Frankfurt, Idstein und Seulberg je 1, Friedberg 4, Oberursel, Gernsheim und Königstein je 1. Kommt zu uns, ihr Schützen vom Freiheitsjahre, zum fröhlichen Thun am Abend des 18. Juni im alten Feldberghause. — Aber auch ihr alten Turner, kommt! Sieger im Turnen 1848 waren folgende: 1. Ringen: Han« Porte- Franksurt, Paul Martel-Darmstadt, Pfaff-Königstein, Jean und Joseph Hildmann Oberhöchftadt, Lehrer Jung-Walsdorf, Karl Th. Stork-Frankfurt und Fritz Becker-Usingen. 2. Wettlauf: W. Lindenschrnidt-Mainz, Karl Braubach- Butzbach, K. Brendel-Arnoldsheim, Fritz Scheller-Homburg, Louis Bolte-Frankfurt, Franz GrooS Offenbach, Jakob Heim- Frankfurt, Philipp Henrici-Anspach. 3. Steinstoßen. Friedrich Jakobi Ufingen, Anton Kämpf und Kteser-Cronberg, Franz Denfeld und Fritz Scheller-Homburg, Schmidt-Falkenstein, Fritsch-Anspach und H:inrich Knodt Bockeoheim. An alle Turnvereine ergeht die Bitte, diese alten Kämpen zu ermitteln und fie zu uns zu schicken. Aber auch an alle anderen Anwohner des Rheins, der Lahn und des Maios ergeht der Ruf: Zum Feldberg am 19. Juni! Da, wo 1848 an 10000 Köpfe fich versammelten zum hehren Tnrn- nod Volksfest, da sollte jetzt die zehnfache Zahl fich vereinigen, des Tage« Last und Mühe abwerfen und hinan- pilgern zum Vater Fcldberg, fich freuen an den markigen Gestalten der Turner, sich freuen der herrlichen Fernsicht in die gesegneten Gefilde des deutschen Vaterlandes, alte Freunde begrüßen und ölte Erinnerungen wach zu rufen und so nach Kräften dazu beizutragen, daß das Feldbergfest unser schönstes Volksseft bleibt. Turnfahrten sollen ausgeführt werden, die Jugend soll man heran führen, um fie unserem Turnen zu Freunden zu machen, und die Alten sollen ihnen zn Führern dienen. So muß sich das Feldbergfest gestalten, dann ist sein Zweck erfüllt: Ein echtes, wahres Volksfest zu sein und zu bleiben. Gut Heil!
** Vom Deutschen Turnfest in Hamborg. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei im Anschluß an frühere Mit- theilongen ausdrücklich bemerkt, daß mit den Sonderzügen nach Hamburg auch Frauen fahren können und dann selbstverständlich alle FahrtvergÜostigungen genießen- Festkarten (zum Eintritt auf den Fefiplatz rc.) werden an Frauen nicht abgegeben. Die Kreisleitung wird sich bemühen, daß der Fest-Ausschuß in Hamburg die Bortheile, welche für Turner mit dem Besitz einer Festkarte verbunden find, auch auf die von „Turnschwestern" gelösten Dauerkarten Überträgt.
•• Auf dem 21. Deutschen Fleifcher-LeebemdStag, der am
21. und 22. Juni in Hannover abgehalten wird, dürften- folgende Punkte der Tagesordnung, welche wir der .Allgemeinen Fleischer-Zeitung" entnehmen, von allgemeinem Interesse fein: „Der Berbandstag wolle den Vorstand bei Deutschen Fleischer-VerbaodeS beauftragen, wegen der Aufhebung des Einfuhrverbotes für lebendes Schlachtvieh geeignete Schritte zu thun. Der Deutsche Fleischer-verband wolle dahin streben, daß ausländische Worstwaaren und sonstige Erzeugnisse des Fleischergewerbes tm Deutschen Reiche nur zum Verkaufe zugelassen werden, wenn die gesetzlichen Vorschriften, welche für die gleichen inländischen Fabrikate festgesetzt find, ebenso genau dabei zur Ausführung gebracht werden. Der Verband möge bei der ReichSregieruog resp. dem Bundesrath auf entsprechende, gesetzliche Besteuerung der Consumvereioe hinwirken, wie es bereits einzelne Bundesstaaten thun, womöglich auf Einführung bei Vedürsnißnach« weises Hinweisen und denselben anstreben. Eingabe an den Herrn Reichskanzler, daß eine gesetzliche Bestimmung über die Verwendung von Eonservirungsmitteln im Fleifchergewerbe erlassen werde. Herausgabe einer Zusammenstellung der Namen der einzelnen Fleischstücke in den verschiedenen Laude«- theilen durch den Verband. Der Vorstaad wolle an zuständiger Stelle dahin wirken, daß bei gerichtlichen Verhaut- langen gegen Fleischer auch praktische Sachverständige, d. h. Fleischermeister, gehört werden.
•• Für Gartenbesitzer. Die Raupe de« Ringelfpinn er« und der Gespinvstmotte machen fich in recht unangenehmer Weise wieder bemerkbar. Namentlich find e« die Pflaumenbäume, die unter dieser Plage zu leiden haben. Auch die Raupen des Apselwickler« treten in diesem Jahre in größerer Masse auf. Gartenbesitzer thun daher gut, ihre Bäume, und zwar nicht nur einmal, sondern täglich, aufmerksam zu beobachten und diesen Schädlingen energisch ent», gegen zu treten.
A Mainz. 7. Juni. Wie die „Mainzer Nachrichten" aus gurer Quelle erfahren haben wollen, soll au- Überzähligen Regimentern eia neues Armeekorps mit dem Sitze in Mainz gebildet werden. Mit dem am 1. Oktober erfolgenden Rücktritt des Gouverneur« v. Holleben werde der Posten de« Gouverneur« hier-nicht mehr erneuert unfr soll vielmehr der Commandeur de« neu zu bildenden Armee- corp« gleichzeitig die Geschäfte de« Gouverneur« Übernehmen. Al« Commandant de« neuen Armeecorp« wird der Erbprinz von Baden genannt.
Schwurgericht.
W. Gießen. 7. Juni 1898. Fortsetzung der Verhandlung gegen Heinrich Sonntag von Gießen wegen Mcmeid.
Nach Schluß der Beweisaufnahme werden den Geschworenen folgende Schuldfragen oorgelegt: 1. Ist der vorn dem Angeklagten am 25. Januar d. I. vor dem Amtsgericht Gießen geleistete Eid wissentlich falsch abgelegt? Im Fall der Verneinung der Frage wegen Meineid: 2. War dieser geleistete Eid ein fahrlässiger Falscheid? Hieraus nimmt Staatsanwalt Koch zur Begründung der Anklage da« Wort. Derselbe geht kurz die Beweisaufnahme durch und erklärt, daß durch dieselbe heute nicht erwiesen fei, daß der Angeklagte einen Meineid geleistet, wtßhald er den Antrag stelle, die Jury möge die dahin gerichtete Frage verneinen Ander« liege die Sache betreff» der zweiten Frage. Der Angeklagte fei verpflichtet gewesen, am 25. Januar Alle-, was er damals befaß, in dem beschworenen DermögenSverzeichn-ß anzugeben, e- konnte nicht seinem Ermessen Überlassen bleiben, ob bie nicht angegebenen Gegenstände mehr oder weniger von Werth waren. Er sei ausdrücklich gefragt worden, ob er feine Ausstände habe, und da hätte er mindestens diese Frage gewissenhaft prüfen und beantworten müssen. Der Angeklagte habe leichtfinnig und fahrlässig bei seiner Eidesleistung gehandelt und müsse die Eonsequenzen seines Thuns nagen. Der Staat-anwalt bittet die Geschworenen, die Frage wegen fahrlässigen Falscheides zu bejahen. — Der vertheidiger, Rechtsanwalt Grünewald, weift darauf hin, daß die Staatsbehörde schon vor der heutigen Verhandlung über dasselbe Beweismaterial verfügte, wie es eben den Geschworenen vorgesühn worden. ES habe dies Material seiner Meinung nach nicht hingereicht, um die Anklage wegen wissentlich falschen Eides zu begründen. Der vertheidiger begründet eingehend seine Anficht, daß sein Client -war objektiv Falsche« beschworen, daß ein strafrechtliches Verschulden denselben aber nicht treffe. Da« Wesen des OffendarungSeideS gehe dahin, daß der Schuldner pfändbares vermögen angeben solle- dieses habe der Angeklagte nicht gehabt. Der vertheidiger plaidirt auf Freisprechung des Angeklagten. — Die Geschworenen verneinten die Schuldfragen, worauf der Gerichtshof den Angeklagten freisprach. die Kosten deS Verfahrens einschließlich der Kosten der nothwendigen vertheidigung der Staats kaffe auferlegte und die Entlassung des Sonntag aus der Haft verfügte.
W. Gießen, 8. Juni 1898.
Heute Vormittag wurde in die Verhandlung gegen die unbestrafte, 23 Jahre ölte, unverehelichte Ellsadethe Schnabel von Hemmen wegen KindeSmord eingetreten. ES waren sieben Zeugen und als mediclvische Sachverständige Dr. Weißgerber-Lauterbach und Kreisarzt Dr. Haberkorn- Gießen geladen. Die Angeklagte war zuletzt in Uellcrshau en al« Dienstmagd und ist geständig, am 20. März d. I- »h* uneheliche« Kind In oder gleich nach der Geburt unter der Bettdecke absichtlich getödtet und die Leiche des Kindes in die Senkgrube geworfen zu haben. Die Vertheidigung führt Geh.- Justtzrath Batst, die Anklage vertritt Gerlchtsaffeffor Dr. «opp. Die Verhandlung findet unter Ausschluß der Oiffentlichkeit statt und endigte, nachdem die Geschworenen die Angeklagte unter Zubilligung mildernder Umstände für schuldig erklärt hatten, mit der verurtheilnng derselben zu 2 Jahren 6 Monaten


