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Nr 57 Zweites Blatt. Mittwoch den 9. März
1898
Grschetttt ttßNch mit Ausnahm« bei M-nia-r.
Die Omaner
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Gießener Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtliche» Theil.
Bekanntmachung.
Die erledigte Stelle eine« Kreisstraßeuwarts mit dem Sitz in Gießen oder Wieseck soll bi« zum 1. April l. I. wieder besetzt werden.
Bewerber haben ihre Meldungen bet dem Kreisstraßen- «etller venßselber in Gießen bis längsten« 19. März l. Js. schriftlich eiuzureicheu, wobei Alter, Wohnort uns seitherige Beschäftigung unter Beifügung etwaiger Zruguiffe über frühere Arbeitsleistungen ähnlicher Art avzugebeu find.
Gießen, den 5. März 1898.
Der Kret«au«schuß de» Lkreise» Gießen.
___________________d. Bagern.____________________
Bekanntmachung.
Der Ortigewerdeoereia zu Butzbach oeabsichtigt, mit der im Sommer l. I». dortselbst stattftodenden Gewerbeau«stellung für die Provinz Oberhefseu eine Berloosung von Kunstgegenständen, HauSgeräthschasten, HauShaltungSgrgenständen u. dgl. zu verbinden, um die Mittel zur Prämiirung zu gewinnen.
Großherzogliche«'.Ministerium de» Jauern hat die vach- gesuchte Erlaubniß zur Veranstaltang dieser Berloosung unter der Bedingung ertheilt, daß bi« zu 30 000 Loose zu 1 Mk. daS Stück ausgegeben werden dürfen und mindesten« 60 pCt. de« Bruttoerlöse« au« dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewiaugegenständen zu verwenden stad.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthu« gestattet worden.
Gießen, den 5. März 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen. __________________v. Gayern.
Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat Februar 1898 für den Lieferungsverband -Gießen pro 100 Kg betragen:
Hafer Mk. 16,90, Heu Mk. 7,40, Stroh Mk. 5,50.
Gießen, den 4. März 1898.
Großherzogltche« KretSamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Rüddingshausen.
In der Zeit vom 9. März 1. I. bis eiuschlietz- lich 15. März l. I liegen auf dem Amtszimmer der Großherzogltchen Bürgermeisterei Rüddiugshausen folgende Verzeichniffe zur Einsicht der Betheiligten offen:
1. das Geldausgleichungsverzeichniß über den Zuviel- oder Zuwenig-Empfang an Geländewerth,
2. das Geldausgleichungsverzeichniß über den Zuviel- oder Zuwenig-Empfang an Obstbaumwerth,
3. ein Verzeichniß über zu gewährende Vergütungen.
Einwendungen hiergegen sind bei Meldung des Aus- schluffes innerhalb oben angegebener Frist bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Rüddingshaufen schriftlich einzureichen.
Friedberg, den 3. März 1898.
Der Großherzogliche Bereinigungs Commiffär:
Dr. Göttelmann, Regierungsrath. a2<2
Die Ministerkrifis in Oesterreich.
Al« Sude November v. I«. das Cabtnet Badeni gestürzt wordeu war, da übernahm der bisherige Unterrichts- Minister Freiherr v. Gautsch die Neubildung deS Ministerium« und sührte dieselbe auch aus, so daß die mtntsterlose Zeit nicht lange dauerte und nach wenigen Tagen da« Cabinet dem Kaiser Franz Josef den Eid leisten konnte. 6« war ein gefährliches Erbe, welche« Herr v. Gautsch damals übernahm- die nationalen Gegensätze waren ausS Aeußerste angespannt- wilde Kämpfe im Parlamente gingen voran und in den Straßen Wiens verübte daS Volk Tumulte, die an Aufruhr grenzten. Weit über die Grenzen der schönen Douaustadt hinaus herrschte bange Sorge um das Geschick deS österreichischen Katserstaat«, der in allen Fugen krachte und in Stücke zu bersten drohte. Graf Badeni hatte mit seiner verfehlten Politik da« Reich an den Abgrund gebracht, und es war die höchste Zett, als da« kaiserliche Handschreiben publizirt wurde, welches den Grafen seiner Stellung enthob und den UvterrichtSmtuister Dr. v. Gautsch mit der Cabtnet«- btldung betraute.
Der neue Ministerpräsident war wohl der einzige, der sich dem Badeni'schen Treiben gegenüber ablehnend verhalten hatte und den die Deutschen aceeptiren konnten. Er war früher Director des Theresianum» tu Wi^n gewesen und galt al« etu vom Glück begünstigter Schützling hoher Kreise. Im Jahre 1885 trat er in das Cabinet Taaffe al« Unter
rtchtSmiuister ein, erwte« sich jedoch a.s ein gescrmeidtger, lavtrender Mann und verlor so ziemlich das Vertrauen aller Parteien. Mit Taaffe zog er sich im Jahre 1893 zurück, wurde aber von Badeni zwei Jahre später wieder in» Cabtnet berufen und galt in demselben al« Vertrauensmann der Deutschen, obgleich e« mit seiner Deutschfreuvdlichkeit nicht allzu wett her war. Wie schon gesagt, war die Aufgabe, welche Gautsch Ende vorigen Jahres Übernahm, riesenschwer - fie gehörte zu den schwierigsten, welche jemals einem österreichischen Minister erwachsen find. Und schon bei seiner Berufung haben wir ernste Zweifel gehegt, ob er seinen Verpflichtungen gerecht werden könnte, denn an die Stelle, welche er eivnahm, gehörte nicht etwa nur ein begabter und pfltchtgetreuer Mann, sondern eine mit außergewöhnlichen Eigenschaften aa»gestattete Persönlichkeit, welche zielbewußt, nicht nach rechts und nicht nach links schauend vorgehen mußte, energisch und stet» sofort daS Richtige treffend. Daß Freiherr v. Gautsch dieser Mann nicht war, das haben die Ereigniffe der letzten drei Monate bewiesen, daS zeigt sein Rücktritt.
An Anstrengungen, daS Bersöhuung-werk zu vollbringen und die Jntereffen der Deutschen und Czechen zu vereinigen, hat er e« nicht fehlen laffen- aber fie blieben fruchtlos, und von einer Berbefferung der Lage kann bisher keine Rede sein. Ende vorigen Jahres kam e« sogar zu offenem Aufruhr in Prag, sodaß daS Standrecht proclamtri werden mußte, wa« die nationalen Gegensätze nur noch verschlimmerte. Seitens der Prager Polizei wurde das Verbot des Farbeu- trageu« erlaffen, und hieran knüpfte fich die Bewegung an den deutschen Hochschulen, welche nicht auf Prag beschränkt blieb, sondern fich über ganz Oesterreich erstreckte. Anstatt die Verfügung der Prager Polizeibehörde sofort rückgängig zu machen, zögerte Frhr. v. Gautsch mit dieser Maßregel immer wieder, in der Befürchtung, eS ganz mit- den Czechen zu verderben, und hat damit bewirkt, daß geregelte Zustände an den Univerfitäten und Hochschulen Oesterreichs auch heute noch nicht herrschen. Freilich ist in diesen Tagen jene Polizei- Verordnung, welche da« Verbot de« Farbentragen« au«- sprach, aufgehoben worden, aber die Maßregel kam viel zu spät.
Die Hauptaufgabe Gautschs war jedoch, die Badeni'sche Spracheuverorduuugeu zu beseitigen, und eine Neuordnung der Gprachenfrage der Böhmen und Mähren vorzunehmen. Die in diesen Tagen erlassene neue Sprachenvrrordnung ist dem Wortlaute nach noch nicht bekannt, dieselbe ist auch nur
Kmilleton.
Frankfurter Theaterbrief.
(Origimübericht sür den »Gießener Anzeiger-.)
(Nachdruck verboten.)
Ewige Liebe, Schauspiel von Hermann Faber.
Dr. M. Hermann Faber ist Pseudonym für Goldschmidt, Name eine« Frankfurter Schriftsteller«, der bereit« mit einigen Dramen an die Oeffeutlichkeit getreten ist. Da er da« vierzigste Lebensjahr noch nicht erreicht hat, läßt sich von der Möglichkeit einer Weiterentwicklung mit gutem Grund reden, zumal da« in Frage kommende Schauspiel, welche» man in Frankfurt jetzt sehr oft auf dem Spielzettel fieht, nicht nur wirksame BÜHneuscenru. sondern den Ansatz zu ernsten Leben«- Problemen In fich birgt.
Der Titel „Ewige Liebe" soll die tragische Ironie aosdrücken, die darin liegt, daß der junge Mensch auf Gefühle, die er im Mai de« Lebens hegt, die Zukunft feine« Leben« g'ünden will und im ersten FrühlingSrausch der Liebe Versprechungen gibt, die er spater nicht halten kann oder nur mit innerem Widerstreben hält. Wem wäre au« seinem engeren oder weiteren SrfahrungSkreise nicht schon da« Ber- häugnißvolle der langen vrautschaften und der Studeuteu- verlobuogen zum Bewußtsein gekommen! In den seltensten Fällen führen fie zum Glück. Mit einem solchen Fall haben wir e« in dem Faber'schen Stück zu thun. Walter S ch u b a r t, von der Gattung der Stimmuvgsmenscheu und der leicht in EnthnfiaSmu» zu versetzenden Schwärmernaturen — Herr Barthel spielt die Rolle — har fich bereit« al« Student mit einem jungen Mädchen Martha Dörnach (Frl. Boch) verlobt. Al« da« Schauspiel beginnt, hat er gerade eine Anstellung al« Gymnasiallehrer in drm Städtchen Weilberg erhalten und könnte die nun heimsühren, welche auf ihn fieben lauge Jahre in Treue und Sehnsucht gewartet hat. Aber inzwischen ist ein anderer Stern an seinem Lebenshorizont
aufgegangen: Clärchen Spohr (Frl. Landori), eine angehende Biolinvirtuofin, ein frisches Künstlertemprramevt, das in seiner sprudelnden Lebhaftigkeit und künstlerischen Elasticität der etwas schwerfälligen und provinziell angehaucht-nMartha ästhetisch weit überlegen ist.
Der Musikmeister Friedrich Führ in g, ein Original erster Güte, dessen Ehrlichkeit stets in Grobheit aukartrt und der deshalb auch keine CarriZce machen konnte, vermittelt den Verkehr zwischen Schubart und Clärchen. Letztere ist seine Schülerin, die ihn durch ihr Talent und ihre Anhänglichkeit für den mangelnden Beifall der großen Welt entschädigt. Dieser Führing ist sür einen Characterdarsteller eine unbezahlbare Rolle- sie befindet fich in Frankfurt in den Händen drö Herrn Bauer.
In Walter Schubarts Seele streiten fich Vergangenheit und Gegenwart. Seitdem er die Gewißheit gewonnen, daß er von Clärchen wiedergeliebt wird, faßt er jeden Tag den Entschluß, seiner Braut abzuschreiben, verschiebt ihn aber immer wieder, bis sein Schweigen, fein Zögern, nach Weilberg abzureisen, die ©einigen mit Besorgniß erfüllen, und eine» Tages seine Braut in Begleitung ihrer verheiratheten Schwester und deren Mann bei ihm erscheinen.
Da« Ehepaar Renuinger, gegeben von Herrn Szika und Frl. Klinkhammer, trägt zur Färbung de« ganzen Bilde« wesentlich bei. Er hat fich mit der Heiligkeit der Ehe in der Weise abgefuuden, daß er nach außen hin seine Schuldigkeit als Familienoberhaupt erfüllt, fich nur dann und wann durch kleine Reisen nach Berlin von der Monotonie de» Ehestand» und de» Leben« in einer kleinen Stadt „auffrischt". Nach solchen kleinen Geschäftsreisen ist er dann immer doppelt liebenswürdig zu Hause, und seine Gattin gehört zu den klugen Frauen, die fünf gerade sein laffen und sich mit dem Gedanken trösten, daß fie in der Gesellschaft doch al« „Frau" dastehen und ihre Kinder haben. Mit ihrem Manne stimmt fie jedenfalls darin überein, daß Martha den Bräutigam, der „ausbrechen" möchte, auf keinen Fall freigeben
dürfe, sondern beim Worr hallen müsse. In der Aussprache, die zwischen Walter und Marlha stattfindet, könnte die Tragik großen Stil» einsetzrn, — aber eS kommt unhr zu einer Rührsceue, in der beide Theile eine bedauernSwerthe Rolle spielen. Wenn der wenig gewiffevhafte Rrnninger seinem Schwager in spe den Text lieft und ihm sagt: „Magst Du Dich vun in eine Andere verliebt haben obtr nicht, Deine Pflicht ist eS jedenfalls, Martha zu hetrathen und fie nicht fitzen zu laffen, die um Deinethalben ihre Jugend verwartet hat", so ist daS gar philisterhaft gesprochen, aber eS steckt doch tiefere Wahrheit darin, als man vielleicht anfangs zu- geben möchte. Je eindrucksfähiger der Mensch, desto größer die Chancen, daß ein neuer Eindruck den älteren verdunkelt und vertreibt. Wohin sollte e« thatsächlich führen, wenn ein gegebene« Versprechen vor einer neuen Neigung in alle Winde flattern müßte! ES mag ja sehr schwer sein, Begriffe wie „Pfl cht- und „freie Neigung" in Einklang miteinarder zu setzen, aber nicht nur die äußere Sitte, wie fie in Faber« Schauspiel „Renninger" vertritt, sondern auch daS höhere fittliche Bewußtsein erheischt, daß ein solcher Einklang wenigstens angestrebt'wird.
In der „Ewigen Liebe" wird am Ende die Lösung de« Conflict« durch Ciärchrn herbeigesührt, deren Natur da« Bindende in den Liebesbeziehungen al» hemmende gefiel ihrer Künstlerindividualität empfindet. Walter ist für fie schon ein Stück „Vergangenheit", welcher fie den Traum ihrer werdenden Talententfaltung, ihrer Triumphe in den Concert- Mn nicht opfern mag. „Ich glaube," sagt fie ihm, „Du hast mich furchtbar überschätzt. Ich hätte wirklich nicht so sür Dich sorgen und leben können, wie fich'« für eine gute deutsche Hausfrau ziemt. Da wüßr' ich Dir eine viel bessere I"
Der Autor läßt die Möglichkeit der Rückkehr Walter« zu Martha durchblickeu.
In Wahrheit regt da« Stück weit mehr Fragen an, al« solche die Handlung entwickelt.


