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Erstes Blatt.
Mittwoch den 9. März
1S9S
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gietzen.
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-chnkftraße Ar. 7.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter. Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Tbeil.
Bekanntmachung.
In den Voranschlag des landwirthschastlichen Bezirksvereins des Kreises Gießen sind pro 1897/98 Mittel zum Bezug von Gaatkartoffelu aus fremden Gegenden vorgesehen. Es werden die Kartoffelsorten:
Professor Märker, Brüce, angeboten zu 3 Mk. pro Centner, blaue Magnum bonum, angeboten zu 6 Mk. pro Gentner, zur Anschaffung empfohlen.
Außerdem sollen noch nachverzeichnete Kartoffelsorten: Schneeflocken, angeboten zu 3 Mk. pro Centner, Magnum bonum, angeboten zu 3 Mk. pro Centner, bei Bestellung von 200 Centner 2 Mk. 76 Pfg. pro Centner, Weltwunder, blaue Riesen, Sächsische Zwiebelkartoffel und Imperator, angeboten zu 3 Mk. pro Centner, bei Bestellung von 200 Centner zu 2 Mk. 50 Pfg. pro Centner, Früh-Rosa, angeboten zu 3 Mk. pro Centner, auf Wunsch bestellt werden.
Bestellungen auf andere Kartoffelsorten sollen jedoch auf Wunsch der Landwirthe auch, aber nur dann ausgeführt werden, wenn ein Waggon (200 Centner) Kartoffeln von den verschiedenen Landwirthen bestellt werden sollten. Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht:
1) daß Anmeldungen bis Ende dieses Monats bei dem Unterzeichneten einzureichen sind.
2) daß bei Bestellungen von Vereinsmitgliedern, welche den Betrag von 40 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Transportes der Saatkartoffeln bis zur Eisenbahnstation Gießen, Grünberg, Hungen und Lang- Göns auf die Bezirksvereinskasse übernommen werden. Bei größeren Bestellungen haben die Vereinsmitglieder die Kosten des Transports der Saatkartoffeln insoweit zu übernehmen, als die Bestellung den Betrag von 40 Mk. übersteigt. Bei Bestellung eines Waggons Kartoffeln werden sich die Kosten des Transports bis Gießen auf ca. 1 Mk. 50 Pfg. pro Malter berechnen. Da sich die Transportkosten bei Bezug einzelner Malter wesentlich höher belaufen, so können Bestellungen, welche erst entlaufen, wenn bereits zwei Waggons Kartoffeln (400 Centner) bestellt sind, nicht mehr berücksichtigt werden. Ich ersuche daher die Herren Landwirthe um möglichst baldige Einreichung ihrer Bestellungen.
3) daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mitglieder des landwirthschastlichen Beztrksvereins sind, ebenfalls ausgeführt werden. Dieselben haben aber, wenn sie nicht noch vorher Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksoereins werden und sich zu diesem Behufs bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten.
4) daß die Zahlung bei Empfang der Saatkartoffeln zu erfolgen hat, und daß für den Sack noch 30 Pfg. pro Stück zu vergüten ist.
Die Herren Bürgermeister werden hierdurch ergebenst ersucht, vorstehende Bekanntmachung veröffentlichen zu lassen, Anmeldungen entgegen zu nehmen und umgehend an den Unterzeichneten einzusenden.
Gießen, den 7. März 1898.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins.
C. Jost, Regierungsrath i. P.
Deutschem Reichstag.
56. Sitzung vom Montag den 7. März 1898.
Tagesordnung: Postoortage.
Staatssecretär v. PodbielSki begründet die Borlage. Er verweist daber auf die ungeahnten Verkehrsfortschritte seit 25 Jahren und auf die Verdienste seines Amt-Vorgänger». Die Vorlage sei keineswegs nur dazu bestimmt, daS Privat- poftwefen zu beseitigen, wie in der Presse behauptet worden sei. ES kann nicht auf einmal Alles erreicht werden- es müsse schrittweise vorgegangen werden. Die j-tzigeu Vorschläge brächten einen Ausfall, wenigstens für die erste Zeit, von über 5 Millionen Mark. Die Angaben über die Ab- fichten der Poftverwaltung in Bezug auf die Privatposten seien ungeheuerliche Entstellungen. Offen erkläre er, diese PrivatbeförderungSanstalten seien ein Pfahl im Fleische des l ReichSpoftwesenS. ES werde dadurch einTheil des Betriebes i der RetchSpost gerade in denjenigen Orten entzogen, wo der *
Verkehr am beträchtlichsten sei. Man spreche immer von den Verdiensten der Privatposten. Da müsse er auf Köln verweisen, wo die Privatpost die Vororte nicht berücksichtige, weil dos nicht lohnend sei. Die VerkehrSeiurichtungeu der Reichspost feien vorzügliche, man bedürfe demnach nicht der Privat- austalten. Man habe gesagt, die Ausdehnung des Postregals vernichte Taufende von Existenzen, 5000 Familien. Thatsäch- ltch seien in den Privatposten nur 2570 Personen beschäftigt, darunter aber auch 300 Kutscher bei der hiesigen Packetfahrt, so daß es sich nur um 2200 Angestellte handle. Hier komme also kein wohlerworbenes Recht der Privatanstalten in Betracht, also auch kein Recht auf Entschädigung. Letztere könne höchstens aus BilltgkeitSrückfichten gezahlt werden. Letzteres fei aber gefährlich wegen seiner Eansequenzen. Was die Unterbeamten anlauge, so werde die Postverwaltung bei denen, die schon eine Reihe von Jahren bei den Privatposten angestellt seien, soweit mau sie brauchen könne, die Altersgrenze nicht so genau eivhalten, sondern ihnen Gelegenheit geben, bei der ReichSpost eiuzutreten. Em Recht darauf aber hätten sie nicht. Am Schluß seiner Aussührungen betont Redner ausdrücklich, daß die Ausdehnung des Pollregals im Interesse der Allgemeinheit liege, weil dadurch eine fernere Ermäßigung der Tarife ermöglicht werde. Man könne dann auch an eine Ermäßigung der Fernsprechgebühren heran- treten.
Abg. Hasse (nl ) kann in Bezug auf die Erweiterung de» PostregaiS, bezw. die SntschäoiguugSfrage, nicht ohne Weiteres den Standpunkt der Regierung theilen. Anzuerkennen fei, daß die Privatanftalten etwas Anomale» seien. Jedenfalls hätten sie aber nicht nur ein Recht, zu erwerben, sondern sie hätten sich auch öffentlich verdient gemacht, indem sie dem Verkehr billigere Satze grwLhrUn, als die Reiche post gewähren konnte oder wollte. Er meine, es liege mindesten» ein Billigkettsauspruch auf Entschädigung seitens der Privatanftalten vor. Er bitte um Verweisung der Vorlage an eine Commission.
Abg. v. Bernstorff (Rp.) ist mit der Vorlage ein- vrrstauben und zwar in allen Punkten. Für uothwendtg aber halte er es, daß die RetchSpost die Angestellten der Privatanstalten sämmiltch übernehme, soweit sie brauchbar seien.
Abg. Rintelen (Ceutr.) erklärt für seine Person, daß er der Vorlage zwar im Uebrigen, aber nicht hinsichtlich der Ausdehnung des PoftregalS, zuftiwmen könne. Redner unter- ziehe nunmehr die Privatanstalten einer längeren Besprechung und kommt dabet zu dem Schluffe, daß die Reich-post gewiß niemals zu billigerer Beförderung sich veranlaßt gesehen haben würde, wenn nicht die Möglichkeit dazu gerade durch die Privatanftalten nachgewiestn worden wäre. Deßhalb dürfe man die Coucurrenz nicht unterbinden- mau müffe vielmehr an ihr festhalten, damit die RetchSpost geuöthigr bleibe, Leu Wünschen des Publikum» zu folgen. Er bitte daher, den ganzen Artikel II zu streichen.
Staatssecretär v. PodbielSki äußert infolge einer Bemerkung des Vorredners, daß die Absicht, das Porto für kleine PostanwetsungSbeträge herabzufetzen, ja schon tu den Motiven erwähnt sei.
Abg. Fischbeck (frs. Vp.) bekämpft Namens seiner Partei ebenfalls die Ausdehnung des PostregaiS und führt daun weiter aus, für das Bedürfuiß solcher Privatanftalten fei deren Entwickelung der beste Beweis. Durch die Aufsaugung der Privatanstalteu werde dir ReichSpost gar nicht einmal einen so großen Etnuahmezuwachs erhalten, denn viele Sachen, die bisher zu den billigen Privatportosätzen befördert worden seien, vertrügen gar nicht das höhere Reichspostporto. Werde § 2 doch angenommen, daun fei eine Entschädigung unbedingt uothwendtg.
Abg. Rettich (cous.) erklärt Namen» seiner Partei, daß dieselben für die Vorlage als Ganzes eiuträteu und er sehr bedauerten, wenn etwa wegen Streichung des § 2 die Vorlage scheitern würde. Von einem EntschädiguugSrecht köune keine Rede sein, ob eine Entschädigung auS Billigkeit zu geben sei, darüber behielten sich seine Freunde ihre Entschließung vor.
Abg. Wurm (Soe.) tritt dafür ein, daß die Brief- beförderuug nur durch eine RetchSaustalt, welche der Cou- trole de» Reichstages unterstehe, erfolgen solle. Wenn die Vorlage aber wirklich dem Gemeinwohl dienen solle, daun wüßten die, welche jetzt einen Schaden erlitten, entschädigt werden. Redner verlangt die bindende Erklärung, daß nicht etwa bet Uebernahme von Privatbeamten auf die ReichSpost erst Nachforschungen nach etwaigen politischen Agitationen der Betreffenden augestellt werden.
Abg. Lieber (Centr.) sührt auS, die Vorlage enthalt* keine Reform des Zrttuug-tartsS und verlange noch dazu den sehr hohen Preis einer Ausdehnung des Monopols Da» Ceutrum stehe in Bezug auf die EntschädtgungSfrage nicht auf dem starrjuristtschen Standpunkt der Postverwaltung. Die Rechte der Privatanstalten seien unantastbar und wohlerworben und eine Entschädigung müsse stattfindeu.
Abg. Barth (frs. Bg.) wünscht Verwerfung des § 2. Die Eutfchädigungsfroge sei schwer zu lösen- aber ohne Ent- fchädtguvg könne keinesfalls den Privatanstalten daS ihnen jetzt zustehende Recht genommen werden.
Abg. Zimm-rmann (üntis.) äußert ebenfalls lebhafte Bedenken gegen § 2.
Abg. v. Buchka (conf.) ist für die Zahlung einer Entschädigung sowohl an dre Gesellschaft, wie an die Angestellten.
Hierauf vertagt sich daS Haus auf morgen 2 Uhr. — Tagesordnung: Fortsetzung der heutigen Berathung. Freiwillige Gerichtsbarkeit tu dritter, Entschäd-gnug unschuldig Berurtheilter in zweiter Lesung
Schluß gegen 5 Uhr.
OeZstsches Reich»
Berlin, 7. März. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Die von dem deutschen Gesandten mit der chinesischen Regierung geführten Verhandlungen find zum Abschluß gelangt. Der Vertrag, welcher auch die an Deutschland in Schantung gewachten wtrrhschaftlichru Zugefiäodniffe umfaßt, ist am 6. d. MtS. von beiden Theilen unterzeichnet worden.
Berlin, 7. März. Das Abgeordnetenhaus setzte die Berathung des CultuS-Etat» fort. Derselbe wurde noch nicht erledigt, sondern steht morgen wieder ans der Tagesordnung.
Berlin, 7. März. Minister Thielen ist von seiner Erkrankung völlig wieder hergestrllt.
Berlin, 7. März. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß Staatssecretär PosadowSkh morgen tn der Commission für die Marine-Vorlage für daS Plenum eine bindende Zusage der verbündeten Regierungen im Sinne der Resolution Hammachrr in Aussicht stellen werde.
Berlin, 7. März. DaS Mitglied de» Herrenhauses Graf Wilhelm zu Stolberg-Wernigerode ist auf seinem Wohnsitz tn Alt Janoowttz, Kreis Htrschberg, g e - storbeu.
Berlin, 7. März. Dem „Berl. Tagebl." wird au» Peking telegraphirt, daß eine copitalkräftige Minen-Gesellschaft die kaiserliche Concesfion für den Süden der Provinz Ktaotschau erhielt.
Berlin, 7. März. Der Kaiser empfing heute Vormittag um 9 Uhr den Chef des CtvilcabtnetS v. Lucauu» und hierauf den commandireuden Admiral v. Knorr und den Staatssecretär des ReichS-MariueamtS TirPitz zum Vortrage.
Berlin, 7. März. Wie au» Hamburg gemeldet wird, hat der Kaiser seine Thetlnahme an der diesjährigen Regatta des Norddeutschen RegattavereiuS auf der Uuterelbe zugefagt, welcher er auch im vorigen Jahre beiwohnte.
Berlin, 7. März. An der Weltausstellung in Pari» 1900 wird sich auch das deutsche Reichö-Berfiche- rungSamt, und zwar in Gemeinschaft mit den Selbstverwaltungskörpern der Arbriterverficherung, in einer besonderen Gruppe betheiligeu. Die dortige Aufgabe wird es sein, nicht allein in statistischen Ueberfichteu, sondern auch in plastischen und bildlichen Darstellungen ein Gefammtbild der deutschen Arbeiterverficherung und ihrer Erfolge in Bezug auf Organisation, Verwaltung, Rechtsprechung, Finanz- und VolkSwirth- schäft vorzuführen. Die einleitenden Schritte dazu sind geschehen.
Berlin, 7. März. Der „Gneiseuau", Commaudaut Capitäv zur See Hofmeier, ist auf der Ueberfahrt von Keh West durch schwere Stürme aufgehalten, am 6. d. in Horta auf Loyal (Azoren) eiugetroffen und hat heute die Weiterfahrt nach Rotterdam angetreten.
Breslau, 7. März. Wie der „Bresl. Generalanzeiger" erfährt, ist es nunmehr gelungen, ein Mitglied der Falsch - wüuzerbande, die in Breslau zahlreiche falsche Ein- und Zweimark Stücke tn den Verkehr brachte, in der Person eine» Stellmachers NameuS Carl Lehnert zu verhaften.
Köln, 7. März. Von den Mannschaften de» drttten Bataillons des 70. Infanterie-Regiments au» Saarbrücken, die seit einiger Zeit in Baracken im benachbarten Wahn untergebracht find, find bi» jetzt 12 Mann an Typhus erkrankt und dem Lazareth in Deutz zugeführt worden.


