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Donnerstag den 8. December
Nr 288
Erstes Blatt.
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
Anrts- und Anzeigeblutt für den Krcif Gieizen.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter
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Feuilleton
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Felix Philippi hat sich ein sehr wirksame« Recept für seine Bühnenstücke zusammengebraut. Er greift einen Stoff heraus, den alle Welt kennt, der — um im Zeitungsstile zu reden — gerade actuell ist. Arn Krankenbette weiland Kaiser Friedrichs ft tüten sich die Aerzte herum; da schrieb Philippi seine „Wohlthäter der Menschheit". Die Aerzte können doch wahrhaftig nicht allwissend fein; es ist genug, wenn sie nach bestem Wissen und Gewissen bandeln. Die Affaire Kotze erregte in Hofkreisen mit ihrer Fluth von SchmLhbriefen das peinlichste Aufsehen; da schrieb Philippi sein Drama: ,toet war's?" Wieviel Unhell können doch solche anonyme Briefe schon in einer kleinen Gesellschaft anrichten!
Und jctzt hat Philippi seinen höchsten Trumpf In seine» letzten Werke: „Dar Erbe" ausgespielt. Noch leben die Differenzen zwischen Kaiser Wllhelm II. und dem Altreichskanzler in aller Erinnerung, und sie find durch Bismarck» Tod aufs Neue erweckt worden. Gierig greift der bühne«, sichere Dramatiker nach diesem Stoff, der die besten Effecte verspricht. Der alte Herr von Laurun, ein zweiter Krupp, dessen Werke einen Staat im Staate bilden, ist gestorben. Heinnch Sartorius, der Generaldirector, ist seine rechte Hand gewesen. Ihm legt er die Obhut über die Riesenwerke, die auf ihrer Höhe bleiben sollen, ans Herz. Baron Karl, der jetzige Inhaber, ist ein energischer, temperamentvoller Leiter. Er möchte neben sich keinen anderen Willen dulden, selbst Sartorius ist ihm zu mächtig. Er will sich nicht länger von dem Freunde de» Vater» bevormunden lassen. Ein solche» Riesenwerk darf nur ein Kopf, darf nur eine Hand leiten; alle müssen sich dem einen Willen unterordven, selbst Sartorius, der allmächtige Generaldireclor. Durch eine im Grunde unwichtige Sache entsteht der Conflict. Der neue Herr entwickelt vor dem alten Beamten seine Grundsätze, sein Pro-
nisch'« B'-'ehungen und sagt, diese Botschaft belasse EngUm» keine Jllustonen. Die Smnle eines Bündnisses wir den Vereinigten Staaten sei noch nicht grkcwwen. Es sei aber zu bemerken, daß Mac Klnletz in seiner Botschaft der eng- lifchen D plowaiie feinen Dank aasfpreche für die den ver- einigten Staaten geleisteten Dienste während des jüngste« Krieges.
LfUfi, 6. December. »Daily Telegraph" meldet ans Kairo, Marchand fei gestern in Fafaoda eingetroffcn. Er werde innerhalb fünf Tagen nach Dfchibnti aufbrechen.
England, versuche einer englisch ' russischen Verständigung. Die internationale Lage, die vor einigen Wochen viel mehr Gefahren barg, als das grobe Publikum geahnt hatte, hat stch nach einer Londoner Mittheilung der »Polit. Lorr.* in der jüngsten Zeit entschieden gebessert. Die Sp'tze der englischen Rdeglrflftungen hatte stch nicht aus- falltfclld) gegen Frankreich gekehrt, sondern mittelbar auch gegen die Rivalen in Dftaften. Dem Fafchoda-Zwüchenfall wurde absichtlich solche Bedeutung und solcher Umfang ver- liehen, um die Unzulänglichkeit der Kraft Frankreichs zu einem Kriege gegen England darzuthuu. That'achlich ist es durch den verlaus der Angelegenheit aller weit klar geworden, dab Frankreich selbst mit der Unterstützung Ruß- lands unter den heutigen Verhältnissen in einem Kampfe gegen »robbritanalen keine Aufsicht aus Erfolg haben würde. In sehr bemnkenfwerther weise wurde aber hierdurch auch die Lage auf dem asiatischen Schauplatze beleuchtet. Die Wirkung davon ist, dab heben ein neuer versuch im Zuge ist, zwischen den englischen und den russischen In- tereffen im fernen Osten einen modue vivendi herzu- stellen. Und zwar geht diesmal die Initiative voa Rußiaub aus. Der in der letzten Woche staitgehadte Besuch des Grobfürsten Sergius und feiner Gemahlin bei der Äöatgtn Vic oria tn Windsor trug zwar hauptsächlich den Lharakter eines Familienbesuchs, immerhin würbe aber der Äalab zu eine» intimen politischen Gedankenaustausch ergriffen. Man versichert, dab die Königin Lord Salisbury beauftragt habe, seine ernste Aufmerkiamkeit der Frage zu widmen, ob sich in gewissen, nichtosfteielleu Aeufcerungen des Grobfürsten eine Grundlage für eine freundliche Verständigung mit Rubland betreffs Lhlnas finden liebe. Infolge dess'U lud Lord Salis- buth den ruf fischen Botschafter, Herrn v. Staat ein, einige Tage bei ihm auf fernem Landgut tn Hatfield zuznbrtngeu. Ob die zweitäzigeu Besprechungen zwischen den beiden Staats« männern zu einer Einigung geführt haben, darüber ist noch nichts Positives bekannt; immerhin ist man in gewöhnlich gut insormirten Kreisen zu der Auvahme geneigt, fcab die Lhancen für eine Verständigung bedeutend gewachst n seien. Der a« 28. November abgehaltene M ntsterroth wird mit den ver-
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Aelir Philippi.
(3ur Kiffubrnng seines Dramas: „Tas Erde".) (Ctiflinalberfat.)
Die Bühnenstatiftik de» vorigen Jahre» ergab die keines, veas unerwartete Thalfache, dab von den jetzt lebenden Dnmiatikern keiner so oft aufgeführt wurde wie Philippi. Da» ist eine Hobe Thatsache, zahlenmäbig belegt; sie sagt in« klipp und klar: Philippi meib von den Modernen am besten den Geschmack dc» Publikum« zu treffen, seine Stücke finden in den Augen de« Publikum« die höchste Gunst. Zn dem einen Jahre ist« Philippi, in dem anderen ist e« Blumen, toi mit dem «Weißen Rößl-, der den höchsten Record erzielt. Da« Publikum ist eine vielköpfige Hydra, und fast jeder Kopf hat feinen eigenen Geschmack, sodaß e« heute für den Bühnen- schriftsteller eine noch schwierigere Arbeit ist, diesem Publikum iU Gefallen zu schreiben, al« e« einst für Herkule« war, der Hydra die Köpfe abzuhauen. Wenn darin ein kleine« Lob steckt für den Tausendsassa, der die» zu ®efle bringt, so darf doch auch die Kehrseite der Medaille nicht verschwiegen »erben.
Philippi fügt stch bewußt dem Geschmack der Menge, er »rdnet seine Dramen, die Kunstwerke sein sollten, dem All. tagsoerlangen unter, er dreht seine Fahne dem Winde zu, er lchlel sich nach der gerade vorherrschenden Rergung de» Publikum«. Dadurch sinkt er natürlich von der künstlerischen Höbe herab auf ein ziemlich tiefe» Niveau. Er legt nicht nehr Werke, die au» dem BedÜrfniß de» Künstler» heraus
Deutsche» Aelch.
Berlin, 6. Dieember. Außer dem Etat soll heute auch bie Militär.Vorlage, nachdem sie vom Bunbesrath In feiner heutigen Plenarsitzung angenommen sein wird, bau Reichstage zugehen.
Berlin, 6. December. Die Abendblätter befchästigen Jfa eingehend mit der heute vom Kaiser gehaltenen Thron- nede und heben hervor, daß dieselbe ungewöhnlich lang sei «nd keine besonderen Ueberrafanngen bringe. Die »Kreuz, ■chuag- meint, in weiten »reifen werde es lebhaft begrüßt »erden, daß die Thronrede au erster Stelle der socialpolüi- fch:n Aufgaben gedenke. — Die „Rational-geltung' hält es Al« bezeichnend für die Innere politische Lage, daß neben den Eindrücken, die der deutsche Kaiser von der Tüchtigkeit des Itutfaen Elementes im Orient erhalten hat und neben den tzreuudfchaftlichtn Beziehungen zur Türkei ausbrück ch ein Vorgang wie die Uebereignung de» oft genannten Grund- Eäcke« auf de« Berge Zion für einen katholifchen Verein tn ler Thronrede erwähnt wird. — Die „Verl. Reuest. Rachr." finden, daß die kaiferllche Begrüßung des Reichstages diesmal »ärmer gehalten ist, als gewöhnlich, wie überhaupt durch Hie erst kürzlich beendete Raiferreife ein persönlich fchwnug- »oller Zug in die sonst geschäftliche Kundgebung gekommen Ich — Die „Germania- vermißt tn der Thronrede die lex Heinze, betont jedoch, es fei 'hr verftchert worden, daß deren Einbringung zu erwarten stehe. Das Blatt findet die gemachten Vorlagen nicht nur zahlreich, sondern auch zu« großen Theil von großer Bedeutung. — Die „Bosfische Zeitung- ist Erstaunt, daß tn der E.öffnungsrede Mittheilongen über einzelne Vorgänge fehlen, die In neuerer Zett die Ö ffentlichkeit vieltzach beschäftigt haben, fo Mittheilungen über die Lippe'iche F.aze und da« Reich« Militärgericht, über eine Veränderung le» Vereinsrecht« und über ein veificheruugsrecht. — Da« „Berliner Tageblatt* verm'ßt eine Erwähnung der Dreh'us- Angelegenheit und ist der Meinung, daß der pofitive Inhalt »er Thronrede nur Bedenken an den Stellen erwecke, die fich auf die Gestaltung der Reichs-Finanzen beziehen. Die Auf- .gäbe der Volksvertr:tung werde es sein, In biefew Punkte tas, was die verbündeten Regierungen anscheinend uuvoll- ständig gelassen, durch ein sehr vorsichtiges Prüfen der checunlären Erfordernisse zu ergänzen.
Berlin, 6. December. Der Reichshaushalt für 1899 beläuft fich In Einnahme und Ausgabe auf 1664 580650 Mk. Die gesiwmteu Ausgaben übersteigen ble des Vorjahres um 112952 042 Mk., und zwar entfallen ,on de« Mehr auf die dauernden Ausgaben 69008913 Mk. inb auf bie einmaligen 63 943129 Mk. Bon dem Mehr- bedarf bt« ordentlichen E ats entfallen auf die Verwaltung \a Rrichsheeres 2091019 Mk. fortdauernd (und b,i den
einmaligen Ausgaben ein Weniger von 16 829 363 Mk ), auf die Neuorganisation de» Rrichsheeres 6 378 491 Mk. fort dauernd und 16283 267 Mk. einmalig, aut die Verwaltung der kaiserlichen Marine 6 352221 Mk. und 763850 Mk., auf die Verwaltung des Gouvernements Riautfaon 3 500000 Mk. einmalig, von den außerordentlichen Ausgab-n entfallen 44 606 689 Mk. (+ 28 736898 Mk.) auf das Reichsheer, 83879000 Mk. + (4 243000 Mk) onf bie Martne nnb 12726600 Mk. (+ 804300 Mk.) auf die Eisenbahn- Verwaltung. Die Einnahmen setzen fich solaendermaßen zusammen: Zölle uns Verbrauchssteuern 742260 960 Mk. (4- 40771500 Mk ), Reichssten'pelabßaben 61648000 Mk. (4- 806000 Mk), Pott- nnb Telegrophenverwaltung 47 065 806 Mk (4- 7294088 Mk.), Reichsbruckerei 1873 890 Mk. (4- 234 610 Mk.), Eifenbahuverwa'wng 26 588 600 SRI. (4- 262700 Mk ), Bankwesen 9789 600 Mk. (4- 3801300 Mk), verschiedene Verwaltung» E.nnahmen 14 974167 Mk. (4- 508916 4Dir) Reichs.Java'.idenfonds 27 938539 Mk. (— 708 015 Mk). B-räußeru. pen voa ehe- mal ßeuF'ftuugsgruvdstücken 1 018263 Mk. (-f- 448293Mk.), Ueberschllffe au« früheren Jahren 25521430Mk (— 3 170685 Mark), Ausgleichnügsdr riige 14 696 878 Mk. (-s- 14696878 Murk), Matrikulardeitrage 489 953828 Mk (-s- 14227260 Mark), außerordentliche Deckungsminei 91211 189 Mk. (+ 83784198 Mark), darunter Anleihe 89 921189 Mk. (-s- 34 291 198 Mk)
nutlauö.
Wien, 6. December. Der Ftuanzminister hat heute Im Abge or bnet enhause zugleich mit dem Budget pro 1899 eine Vorlage betreffend bie Bestreitung des Skaatsaofwandes tn der Zeit vom 1. Januar bis Eube März 1899 eingebracht.
Rom, 6. December. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird die Lage tn Peking al» äußerst trttifa bezeichnet, sodaß eine gemischte Occuparion Pekings durch die Truppe» der Großmächte unvermekdl ch geworden sei.
Paris, 6. December. tote verlautet, soll die Zusammen- birufung des zweiten Kriegsgerichts aus Antrag von einigen Mitgliedern des RrtegigerfaH nmgeändert werden. Ein anderes Gerücht besagt, der Laffationshvf habe beschlossen, Drlyfus auf de« Dampfer, welcher am 3 Januar Cayenne verläßt, nach Frankreich zurückkomwen zu lafltn.
London, 6. Decrmber. Einer Meldung au« Shanghai zufolge »ft die schwierige Lrge tu Nankmg uuoerändert. Der fran.öfi'che Consul droht, «ehr Bch.ffe zu requiriren. Seiten» der Chinesen werden tn demonstrativer Weise Schritte zu« W derstand getroffrn.
Lo»bon, 6 December. ,Da*'y News^ comwenttrt die Botschaft Mac Kinleys bezüglich der englifa-amertka.
entstauben finb, in die Waagschale, sondern solche, bie er nach bestimmten Formen gemodelt hat.
Noch nie und nirgend« hat aber das Publikum die ' Literatur gemacht, e« steht abseits in ganz losem Berhältniß 1 dazu, meist ohne alle intime Fühlung. Der Künstler tritt ; auf den Plan und zwingt, rin großer Zauberer, die Menge in seinen Bann; er muß das Publikum in« Schlepptau »khmen, wenn ander« er ein wahrer Künstler von Gotte« - Gnaden ist; wenn er die Pfeise ansetzt, muß die Menge, wie ' von einer souveränen Hund geleitet, ihm folgen, roie die Ratten dem Rattenfänger von Hameln. Nicht da« Publikum darf seine Dichter bestimmen, sondern der Dichter muß sein Publikum bestimmen. Darauf hat Philippi längst verzichtet. , Daß diese Forderung aber nicht aus dem Reich utopiftischer i Kritikeranschauungen stammt, mag ihn da» Beispiel Haupt- ' wann« lehren, der sich auch erst sein Publikum erziehen [ mußte, bi« daraus die Gemeinde ward, die chm heute willig durch - Dick und Dünn folgt. Bor fünf Jahren, als der »Biber- pelz" seine Bühnentaufe empfing, entstand bei dem Publikum ob dieser kecken Zeitfatire em allgemeines Schütteln de« Kopfes, während die Krilck sofort in ihrem Lobe rinmüchig war; heute kennt der Jubel desselben Publikums, da» einst da» Werk beinahe ablehnte, keine Grenzen. In dem kurzm Zeitraum eine» Luftrum» wandelt fich nicht der Gefamack der Menge, aber der Dichter hat e» verstanden, sie feinen Zwecken gefügig zu machen. Die Beispiele dafür ließen sich häufen; ja man kann im Allgemeinen sag«», daß sich wahre Kunstwerke erst spät bei dem Volke ringenist et haben, aber langsam und sicher erobern ste sich immer wettere Kreise. Darum soll der Dichter, der nach Schiller» schönem Worte auf den Höhen der RenschheÜ wandelt, fein Ideal nicht bei den Thalbewohnern verwirklicht finden. —


