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Dienstag den 8. November
Nr. 262
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Gießener Anzeiger
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Die amerikanischen November-Wahlen.
Man schreibt den „M. N. N." anSNew-Vork:
Die Berichte au» allen LandeStheilen, mit Ausnahme des fernen Westens, wo ein oder zwei Sitze gewonnen werden können, lauten in Bezug auf die Longreßwahlen für die Republikaner durchaus nicht günstig. Die localen Führer klagen darüber, daß die Versammlungen schwach besucht sind und die Beiträge zur Lampagnekasie nur spärlich fließen; unter den großen Massen der Parteigenossen macht sich eine Apathie geltend, die von übler Vorbedeutung für den Wahltag (8. November) ist, und die Leute, die sonst so gern sich „Fett herauSschmoren" lasten, d. h. zur Hergabe von Geldbeiträgen bereit sind, legen diesmal eine gewalttge Abneigung vor der republikanischen Bratpfanne an den Tag. DaS Jingogebahren der Republikaner nnd ihr Eintreten für Expansionspolitik hat nicht annähernd den Erfolg, den sie sich davon versprochen hatten. Man beginnt eben jetzt über den letzten Krieg und besten Errungen« schäften seitens der großen Wählermaste anders zu urtheilen wie während deS KriegSfieberS, und Diejenigen, die ihre Haut zu Markte getragen und glücklich genug waren, mit dem Leben davonzukommen, sind keine Apostel und Agenten deS Jingoismus. Die Demokraten erwarten bestimmt 2 bis 3 Sitze in den Neu-England-Staaten, 4 bis 6 in New-Uork, ebenso viele in Pennsylvanien, 1 bis 2 je in West-Virgtnten, Rord- Carolina, Kentucky und Birginien, 3 oder 4 in Ohio, Indiana und Illinois zu gewinnen. Die Republikaner geben Verluste in New-Uork, Pennsylvanien, Indiana und Illinois zu, erklären aber, in den übrigen Staaten ihren Besitzstand behaupten zu können. Der ruhige Beobachter aber erkennt »ach einem kurzen Studium der Lage, daß das Repräsentantenhaus nur mit sehr geringer Mehrheit einer der beiden großen Parteien zusallen wird, denn ganz ist der „Silberschrecken" »och nicht von dem Volke gewichen und wird den Republikanern manche Stimme zuführen, die sie sonst nicht erhalten würden. Die Republikaner können sich freuen, wenn sie statt der gegenwärtigen Mehrheit von 30 eine solche von 4 bis 5 Stimmen behaupten, und die Demokraten werden berechtigt sein, von einem „Erdrutsch" zu sprechen, wenn ihre Mehrheit über 10 betragen sollte. Im Staate New York liegen für die Republikaner die Verhältnisse noch ungünstiger. Den Staatsangelegenheiten wird allgemein so viel Wichtigkeit bet- gelegt, daß man Nationalfragen überhaupt in dieser Campagne seitens des Publikums nicht groß beachtet. ES ist des Canal- scandalS müde und will den neuen Canalring aufgebrochen haben, der nachweislich neun Millionen Dollars verschluckte, ohne etwas dafür zu leisten,- eS verabscheut das neue Wahl- heaufsichtigungSgesetz, das zur politischen Knebelung der Großstadt geschaffen wurde; es haßt daS Abschwören von Steuern, daS in gewiffen Kreisen von Bürgern Mode geworden, und eS verlangt nach Abschaffung der GünstlingSwirthschaft für große und reiche Corporationen seitens der republikanischen Maschine und der von dieser controllirten Legislatur. Der demokratische Gouverneurcandidat AugustuS van Wyck hat die besten Aussichten, erwählt zu werden.
Deutsches Reich.
Attedrichlruh, 6. November. Der MausolruwSbau geht seiner Vollendung entgegen. Die Beisetzung der Leiche BiSmarckS ist auf den 27. dS. festgesetzt. Die deutsche Studentenschaft entsendet Vertreter zu der Feierlichkeit. Fürst Herbert BiSmarck trifft bereits am 10. dß. hier ein.
Ausland.
Bien, 6. November. In feine» heutige» Leitartikel fordert daS „Deutsche volk»blatt", daß das in Budapest entfernte yentzi-Drnkmal in Wien ausgestellt werde, damit daS Volk und die auS ihm bestehende Armee sich auch fernerhin « den gefallenen Helden begeistern könne und Hentzi und feine Getreuen nicht umsonst den Opsertod erlitten hätten.
Budapest, 6. November. In der letzten Semeiuderath«. Sitzung wurde Ministerpräfident Bauffh wegen der Ent- seruung des Hentzi-Denkmalß zu« Ehrenbürger von Budapest ernannt.
Gmunden, 6. November. DaS Befinden der Großherzogin Maria Antoinette vo» ToSeana verschlimmert sich mit jede» Tage.
No«, 6. November, „(IfeKtto" meldet, der Krieg »- Minister werde in der Kammer eine Vorlage zu« Ausbau der Alpen-Fort- an der französischen Grenze einbringen. Die Durchführung derselben würde 15 Millionen Lire erfordern. — Der Ministerrath beschloß gestern, die Getreide-Vorräthe
in den Milttär-Magaziuen zu verstärken, um bei de« event- uellea Eintritt einer Brotvertheuerung den Communen davon abtrtten zu können.
Nom, 6. November. Fürchterliche Regengüsse richteten in Siena, Spezzia und auf Sardinien großen Schaden an. Eine Bahnlinie wurde durch Tunnel Ueber- schwemmung unterbrochen. Anf anderen Linien ist der Verkehr anßerordevtlich erschwert. In Sassari find viele Häuser durch die Flutheu weggeriffeu worden. Der Bahuverkrhr ist dort vollständig gestört.
Brußel, 6. November. Der Herzog nnd die Herzogin von Orleans find gestern Abend wieder nach Wien abgereist.
Brüssel, 6. November. Die Meldung der „Jndepeudance beige", wonach die allgemeine Wehrpflicht in Belgien eingeführt werden soll, wird jetzt auch amtlich dementirt.
Pari», 6. November. Ju politischen Kreisen befürchtet man, daß die Sammer dem Cab in et Dupuy einen Tadel ertheilen könnte wegen der Demüthigung, welche England in der Faschodafrage Frankreich zugefügt hat.
PariS, 6. November. „Steele" meldet, daß der frühere Minister Sonst aus demnächst einen der wichttgsten Bot- schafterp osten erhalten werde.
Paris, 6. November. Die Niederlage in der Faschodafrage erregt allgemttnen Zorn gegen Rußland, welches beschuldigt wird, allein den Nutzen aus dem Zwei- bnnbe ohne jede Gegenleistung zu ziehen. Der Zweibund gilt als erschüttert. Delcassä bereitet ein Rundschreiben an die Großmächte vor zur Anfrollung der ägyptischen Frage.
Pari», 6. November. Während des ganzen gestrigen Tages wurde das Gerücht, daß Picquarts Freilassung bevorstehe, abwechselnd bestätigt oder dementM. Wahr scheint zu sein, daß die Untersuchung klar ergeben hat, daß daS Petite bleu wirklich von einer Persönlichkeit geschrieben ist, die nach PtcquartS Behauptung der Absender sein sollte. DaS KriegSmtnisterium dementirt die Nachricht von der bevorstehenden Freilassung PicqaartS. ES erklärt, Freycinet habe keinen Entschluß gettoffen.
PattS, 6. November. Wie hier verlautet, wird der amerikanische Delegtrte bei den Friedens-Verhandlungen, Day, den spanischen Delrgirten im Laufe dieser Woche bezüglich der amettkanischen Bedingungen ein Ultimatum überreichen. Sollten die Bedingungen, welche Amerika stellt, nicht in vollem Umfange angenommen werden, so ist Day angewiesen, sofort die Frieden» Verhandlungen abznbrechen.
Petersburg, 6. November. Von insormirter Seite wird verfichert, daß die Regierung Befehl erthetlt habe, die sibirische Bahn bis spätestens 1904 bis Port Arthur auszubauen. Der Bau der äußerst schwierigen Baikal- Ringbahn soll 1902 in Angriff genommen werden.
totales und provinzielles.
Gieße», 7. November 1898.
— Kirchliche Dieustuachrichtm. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnäbigst geruht, am 2. November dem Pfarrverwalter Theodor Werner zu Ernsthosen die evangelische Pfarrstelle zu Nteder-Ohmeu, Decanat Grünberg, zu übertragen.
•• Zulafsu»g zur NechtSauwaltschaft. Am 21. Sep- tember wurde der GettchtSaffessor Dr. Wilhelm Bernbeck tu Fttedberg zur Rechtsanwaltschaft bei dem Amtsgericht Friedberg, — am 5. October wurde der GertchtSoffrssor Friedrich Sch weel in Darmstadt zur Rechtsanwaltschaft bei dem Landgericht der Provinz Starkenburg zngelaffen.
•• Postperfonalieu. versetzt find: Postinspeuor Gerckeu von Darmstadt nach Diedeahofen als e. Postdirector, der Post- secretär Bruns von Bromberg nach Sroßgerau, die Post- asfistenten F i s ch e r von Mainz nach Frankfurt (Main), Bier- buch von Frankfurt (Maio) uach Darmstadt. Gestorben find: der Postsecretär Freund in Darmstadt und der Postagent Sehrt in Eugelrod.
P Stadtthealer. Die gestern Abend gespielte Gesangs- poffe „Robert und Bertram- von Räder war so recht nach dem Geschmack des zahlreich erschienenen Sonntags- Publikum». Die vier Bilder, in die daS Ganze zerfällt, haben an sich so gut wie keinen Zusammenhang, sondern dienen nur dazu, den beiben abgefeimten Gaunern, uach bentn daS Stück benannt ist, Gelegenheit für ihre tollen Sttetche zu geben. Der Verfasser war so klug, die spitzbübische Frechheit anb Ausgelassenheit der beiden bis zu« Sude von Schwank zu Schwank zu steigern. Die Wirkung des ersten Theile» beruht besonders darauf, daß in vier getrennten Räumen der Bühne sich ebensoviel Handlungen glttchztttig
unabhängig von einander abspielen. I« zweiten Theil stehe« die Vagabunden noch unter de« Gebot der Nothwehr- indem fie die Landgendarmen, von denen fie verhaftet werden, sehr ergötzlich prellen. Hernach aber treiben fie den Uebermuth so weit, daß fie erst als Ehrengäste beim Feste bet reichen Bavqaiers ihre saubere Profesfiou auSüden unb bann, als Bauernweiber verkleidet, fich unter daS Volk mischen. Raine- gemäß steht oder fällt daS Stück mit der Art der Wiedergabe von beiden Hauptrollen. Unsere zwei Komiker, Herr Wilhelm! und Herr Hel«, wetteiferten förmlich mit einander, fich an Beweglichkeit, Zungenfertigkeit und sprudelnder Laune zu überbieten. Sie sicherten der Posse einen vollen Erfolg, nnd das Publikum zeigte fich äußerst dankbar. Auch mindergute Kalauer fanden noch ihre Liebhaber- die Lieder, die großenthetlS aus bekannten Opern herübergenommen find, zündeten, auch wenn einzelne Sänger fich nicht als sehr stimmbegabt auSwiesen - die vielen komischen Situationen reizten unaufhörlich zu« Lachen. ES ist nach der Anlage deS Stückes begreiflich, daß die andern Rollen nur untergeordnete Bedeutung haben. Doch verdienen die Damen Schuh«avn und Sitar di, die Herren Walter und Liebscher noch besonders genannt zu werden.
" btadttheater. Schillers „Jungfrau von Orleans" geht i« hiesigen Stadttheater am Dienstag den 8 d. M. mit vollständig neuer Ausstattung an Costümen und theil- weise neuen Dekorationen in Scene. AlS Gast hat fich für diesen Abend die Direktion bekanntlich Frau Auna Führiug aus Berlin, eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart, verschrieben.
••Pr. Lovcettverein. Zum ersten Mal in dieser Saison hatten fich gestern die Pforten deS Clubsaals für die Mit- glieder unb Freunbe deS Coacertvereins geöffnet, nnb der vollbesetzte Saal lieferte ben besten Beweis bafür, wie sehr fich die Freunde der Kunst nach diesem ersten Concert gesehnt hatten. Für die Mitwirkung waren vo« Vorstand gewonnen worben da- voca'quartett der Damen Lampe, Leithold, Braun und Krause aus Berlin und der hier nicht mehr unbekannte Cellist I. Hegar auS Frankfurt a. M. Die Clavierbegleituug hatte Herr UniverfitätSmufikbirector Trautmann freunblichst übernommen. — Um zunächst anf die Leistungen der Damen zu kommen, so erkennen wir gern an, daß dieselben in ben im BolkSton gehaltenen Gesängen recht Annehmbares boten, daß fie aber im Uebrigen nicht überall den Ansprüchen zu genügen vermochten, die ein Publikum wie das uusttge zu stellen berechtigt ist. Die Stimmen klangen, namentlich ton Ensemble, nicht unsympathisch, aber doch waren eS mit Ausnahme deS ersten Alt keine eigentlichen Concertstimmeu, die Textaukiprache war deutlich, aber nicht immer einheitlich, und bet« Ardmen war zwar ein ttchtigeS verständniß für gediegene Phrafirnng nicht zu verkennen, doch hätte ein etwas geräuschloseres Athemholen den einzelnen Liedern oft sicher zu größerer Wirkung verhalfen. Die besten Darbietungen bürste« der „Hochzeitsmarsch" von Soberwann, „Das Märchen" von Möhring unb die von Krause arrangtrten Quartette „Dort unten tu der Mühle" und „Guten Morgen- gewesen sei». — Herr Hegar hatte sich bereits t« vorigen Wiater in be» Kammermusik Concerten des SaalbauvereiuS in vortheilhaster Weife bekannt gewacht, und wenn wir unser Urtheil über seine gestrigen Leistungen kurz in die Worte fassen: Er spielte ttfliblg seines Lehrers nnb Meisters Hugo Berker, so glauben wir damit nicht zu viel zu sageu. Er ist ein berufener Künstler, der nicht nur technisch auf der Höhe der Zeit steht, sondern auch vermöge einer ausgezeichneten Begabung anb durch verstSuduißvolleS Studium feine Vorträge zu Meister- leistungen zu wachen versteht. Seine Vogenführung ist sicher unb elegant, bte Technik versagte, selbst in ben Flageolrt- tönen, nirgends, unb in ber Wahl seiner Vorträge zeigte er fich al» Musiker von gelegenem Geschmack, der dem Publikum nicht nur durch Virtuosität, sondern auch durch temperamentvolles Spiel zu tmpouireu weiß. Das letztere hätte In dem Cantabile von Cui vielleicht noch etwa» mehr zur Geltung kommen können. Säwmtlichen Vorträgen des Herrn Hegar folgte rauschender Beifall, so daß er fich zu einer Zugabe (Elegie von GoenS) bequemen mußte. — Herr Univerfität». wusikdirector Trautmann begleitete, wie immer, feinsinnig und diskret, und wußte durch Hervorhebung der einzelnen Poiuttu in der Begleitung die Cellovorträge in geeigneter Weife zu unterstützen.
** Panorama. Eine Reife nach Kopenhage», Stockholm, Ehristiania möchte schon Jeder mache». Aber Stangen» Reisebureau ist nicht billig, und jeder Sterbliche kann fich eine Tour nach Schweden und Norwegen nicht erlauben. Mit Freuden ist e» deßhalb zn begrüßen, wenn


