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8.7.1898 Erstes Blatt
 
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Freitag den 8. Juli

Nr. 157 Erstes Blatt

1898

Erscheint täglich mir Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Mamikieuötätter »erden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Siebener Anzeiger

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Amtlichem Theil.

Gießen, den 6. Juli 1898. Betreffend: Arbeiterverficherung des Deutschen Reichs. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<ub die Großh. Bürgermeistereien deS Kreise-.

Im Verlage von A. Ascher & Co., Berlin, Unter den Linden 13, ist erschienen:Leitfaden zur Arbeiterverficherung deS Deutschen Reichs", der von dem Reichsversicherungsamt zusammengestellt ist. ES erscheint wünschenSwerth, daß der Leitfaden thunlichst weite Verbreitung findet, da er den Der« sicherten selbst nicht nur die Wahrnehmung ihrer Ansprüche erleichtert, souderu ihnen auch einen Einblick in die wechsel­seitige Ergänzung der verschiedenen verficheruugSzweige unter­einander gibt.

Der Bezugspreis beträgt bei 300 Stück und mehr 10 Pfg. das Stück.

Wir machen Sie auf dies Werkcheu aufmerksam und -empfehlen Ihnen, auf Verbreitung der Leitfadens in den 6c« thetligteu Kreisen hinzuwtrken.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Juli. Ueber die Vorbereitung der Handelsverträge und die dabei betheiligteu Behörden und Instanzen laufen immer noch allerlei Jrrthümer und Verwechselungen um, so daß eS angebracht erscheint, die that- sächltcheu Berhältn'ffe kurz darzustelleu. DieTägl. Rund­schau" schreibt darüber: Die Vorbereitung der Handels­verträge steht in erster Linie auf Grund vorläufiger Verein­barung der verschiedenen ResiortS dem Retch-amt des Innern zu. Daneben ist das Reichsschatzamt insofern daran betheiligt, als ihm die Erneuerung des Zolltarifs, insbesondere die Be­arbeitung des amtlichen Waareuverzeichnifies obliegt. Die eigentlichen Verhandlungen mit dem Ausland werden f. Z. organisation-mäßig von dem Auswärtigen Amt geführt werden. Hierbei wird ohne Zweifel alles von Behörden und Jnterefienten gesammelte und bearbeitete Material Verwendung finden. Eine amtliche Stelle, welche die Vorbereitung für die Handels­verträge centralifirt, besteht nicht. Der Glaube an ihr Vor­handensein beruht augenscheinlich auf der Einsetzung deS Wirthschaftlichen Au-schufieS". Dieser setzt fich lediglich auS Sachverständigen zusammen, die da- ReichSamt des Innern gelegentlich beruft. In Action getreten ist der Ausschuß bis­her nur bet der Berathung über die practische Gestaltung der Fragebogen für die ProductionSstattstik/ die Ausarbeitung der Statistik selbst erfolgt im RuchSamt deS Innern. Der Aus­schuß ist ein Betrath für die reflortmäßtge Thätigkeit des RetchSamtes, dem bisher sachverständige Berathung fehlte. Daß daS ReichSamt fich mit den Handelsverträgen beschäftigt, gehört zu seinen amtlichen Obliegenheiten. AuS eigener Be­wegung einer großen Anzahl bedeutender industrieller Ver­bände, Gesellschasten und Firmen hat fich daneben dieDeutsche Lentralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen" ge­bildet, deren Thätigkeit nicht durch die jeweilige politische Stellungnahme der Regierung gebunden, sondern den zu lösenden Aufgaben gegenüber völlig frei ist. Ihr im Vor­jahre veröffentlichtes Programm sagt:Wir erstreben grund­sätzlich die Vervollkommnung de- System- der Handel-Verträge. Wir erblicken die Aufgabe unserer Tarif' und Verkehrspolttik darin, daß fie der vollen Entfaltung aller wirthschaftlichen Kräfte de- deutschen Volke- auf dem inneren und dem an»- ländischen Markt dienstbar gemacht wird. Wir bleiben un- Äewußt, daß die deutsche Handelspolitik stet- durch die Rück­sicht auf das Gesammtwohl des Vaterlandes bestimmt und gerechtfertigt fein soll." Die Lentralstelle steht in keinem Zu­sammenhang zur Regierung- ein solcher könnte nur entstehen, wenn die Regierung eine bestimmte, der Handelsvertrag-- Politik abgünstige politische Richtung etnschlüge. So lange dies nicht der Fall ist, werden fich die Arbeiten de- Retch-- amtes und der Lentralstelle werthvoll ergängen.

Arrslan-«

Brüssel, 6. Juli. Don Carlo- erklärte gegenüber Vertretern der Preffe: Trotzdem die endgültige spanische Niederlage niemals zweifelhaft gewesen sei, so spreche er fich doch gegen den Frieden au-, so lange Spanten noch Truppen in» Feuer führen könne.

Ro«, 6. Juli. In vatikanischen Kreisen wird verfichert, der Papst habe fich an den österreichischen Kaiser

mit der Bitte gewendet, al- erster katholischer Monarch der Welt den Katholiken Spaniens seine Unterstützung zu ge­währen. Der Kaiser habe geantwortet, daß er in Ver­bindung mit seinen beiden Allttrten bestrebt sei, den Frieden zu vermitteln.

London, 6. Juli. AuS Madrid wird gemeldet, in Spanten set die Revolution unmittelbar bevor­stehend.

Loudon, 6. Juli. Der Madrider Berichterstatter deS Telegraph" drahtet, er habe erfahren, die spanische Re­gierung werde am Mittwoch den Frieden-autrag stellen.

Madrid, 6. Juli. Entgegen den osfieielleu Kundmach­ungen verlautet, daß die Regierung erst abwarteu will, welchen Eindruck die Nachrichten auS Santiago aus die Be­völkerung tu Madrid und Spanten machen werden, dann aber eventuell mit dem Vorschläge auf Eröffnung der Waffen­stillstand-Verhandlungen hervorzutreteu beabsichtige. Mau hofft, daß dann die Mächte den Zeitpunkt zu einer Intervention für gekommen erachten werden.

Madrid, 6. Juli. Ein Telegramm au- Havanna meldet, daß die amerikanischen Kriegsschiffe den Angriff gegen TunaS wieder aufgenommeu haben und die spanischen Batterien zum Rückzug zwingen.

Washington, 6. Juli. Die Vertreter mehrerer Groß­mächte find bemüht, einen längeren Waffenstillstand behufs Einleitung von FriedenSverhandluugen zu Staude zu bringen. Wie verlautet, ist Mac Kinlth geneigt, einen Waffeustillstand zu bewilligen, wenn Spanien dtrect darum ersucht.

New York, 6. Juli. Aus Halifax wird der Zu­sammenstoß de- Dampser- ,,Lremarty Shire" mit dem transatlantischen DampferLa Bourgogne" gemeldet. Letz­terer sank mit 600 Passagieren au Bord, 200 wurden davon gerettet. Die Katastrophe ereignete fich am 4. ds. früh und zwar 60 Meilen von Sable Island.

New York, 6.Juli. Hier verlautet, General Shafter sei wegen der noch nicht erfolgten Einnahme Santiagos in Ungnade gefallen.

Ehiua. Unter den Kulturarbeiten, die Europa, nachdem da- Reich der Mitte dem europäischen Einfluß erschlossen ist, zunächst in China in Angriff nehmen wird, stehen in erster Linie die zahlreich geplanten Eis enbahnb aut en. Beider großen wirthschaftlichen Tragweite dieser Unternehmungen und in Anbetracht dessen, daß ihre AuSsühruugen zu mancherlei Verwicklungen führen dürften, ist eine Ueberficht über die ver­schiedenen Pläne intereflaut, die von der MünchenerAllgem. Zeitung" zusammengestellt wird. Wenn wir im Norden be­ginnen, haben wir eS 1) mit der russisch-fibtrischeu Eisenbahn zu thun, die durch die Mandschurei läuft und mit ihrem öst­lichen Zweig durch die Liaotung-Halbinsel Port Arthur, mit ihrem westlichen Zweig Peking erreichen wird. 2) Doch auch britische Kapitalisten haben einen Etsenbahuplan im äußersten Norden, wo Rußland sonst ausschließliche Rechte beansprucht. Die Hongkong Shaughai-Bank hat nämlich die Erlaubniß zum Bau einer Eisenbahn erhalten, die um die Liaotung- Halbinsel nach Ntutschuaug laufen soll. 3) UnS nach Peking zu wendend, treffen wir auf daS Unternehmen eine- belgischen ShudtcatS, daS eine Eisenbahnaulage südlich von Peking plant, und zwar durch Honan, wo daS anglo-italieuische Syudicat, daS bekanntlich mit britischem Gelde arbeitet, Bergbaurechte erworben hat, nach Hankau, am Yangtse-Fluß gelegen, also gerade in das Herz des britischen EtnfluhgebtetS. Nur ein geringer Theil dieser Bahn ist bis jetzt gebaut, und von der finanziell keineswegs wohlausgerüsteten belgischen Gesellschaft nimmt man in London an, daß fie einfach nur von Rußland vorgeschoben ist. 4) Wie die britische Hongkoug-Shanghat- Bank ihren Wirkungskreis in das russische Einflußgebiet in Liaotung hinein erstreckt, so hat die Rusfisch-Chtnefische Bank eine Concession für den Bau einer Bahn von Tschintiug westlich nach Tayueu-fu, der Hauptstadt von Schaufi, wo daS anglo-italieuische Syndikat ausgedehnte Bergbaurechte er- worben hat und der britische Einfluß daher domintrt. 5) Deutsche Gesellschaften, denen ein Anlagekapital von 100 bis 120 Millionen Mark zur Verfügung steht, haben Eisen- bahucoucesfioneu in der Provinz Schantung, die an die Provinz Schaufi stößt. Aus diesem kurzen Abriß ergibt fich der Widerstreit der Jutereffeu der verschiedenen Staaten. Der Souflict kommt zunächst dadurch zum Ausdruck, daß Rußland Einspruch gegen die Bauerlaubniß erhebt, die der Hongkong Shaughai-Bank auf Liaotung zur Fortsetzung der Schanhat'kuan-Bahn ertheilt ist, und eS fehlt nicht au Zeichen, daß der Tsungli-Yamen dem russischen Drucke schließlich ebenso

uachgeben wird, wie er daS bet der Anleihe that. Hier wünscht man, dem britischen Unternehmen eine Niederlage z« ersparen und möchte daher gern einen Tauschhandel machen, derart, daß die Hongkoug-Shaughai-Bank auf ihre Concession in Liaotung verzichtete, wenn die Russisch-chinesische Bank daS Gleiche mit der Tschtntiug-Tayueu-fu-Loucesfiou in Schanfi thäte. ES ist kaum auzuuehmen, daß die Ruffen fich darauf etulaffen werden, so lauge fie Aussicht haben, die chinesische Regierung zur Zurückziehung der an die Hougkong-Shanghai- Bauk ertheilten Concession zu bewegen und damit dem britischen Ansehen in China einen neuen Schlag zu versetzen. WaS die von dem belgischen Syndikat nach Haukan im Uangtsethal zn bauende Eisenbahn betrifft, so sucht man britischerseit-, da der belgischen Gesellschaft keine der Größe deS Unternehmen- entsprechenden Capitalten zur Verfügung stehen, die Bau­erlaubniß In die Hände zu bekommen, aber hier bemühen fich«. wie erwähnt, die Franzosen offenbar im russischen Ju- tereffe auch bereits, fich zu Herren der Lage zu machen. Dieser wechselseitig in die einzelnen Eiuflußgebiete eingreifende Wettbewerb uw Eisenbahubauten verspricht nach Allem ziemlich verwickelt zu werden und dürste zu einem lebhaften diplo- matischen Waffengang sühren.

Locales unS Provinzielles.

Sieben, 7. Juli 1898.

Aus dem Großh. Ministerin«. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgft geruht, am 6. Juli den Mtntstertalpräfidenten Dr. Emil Dittmar zum Minister der Justiz und den Oberbürgermeister der Stadt WorwS Wilhelm Küchler zum Präfidenten deS Ministeriums der F'varizrn zu ernennen.

Personalien. Mit Allerhöchster Ermächtigung Seiner Königlichen Hoheit des Groß Herzog» ist der Großherzog, ltche Kreisamrmann Merck zu Friedberg mit Wahrnehmung eines TheileS der Geschäfte des BereintgungScommiffärS für die Provinz Oberheffen beauftragt worden.

* Schützenfest in Gießen. Als von Landan die Nachricht zu uns kam, daß da- nächstjährige VerbandSfchteßen der drei Verbände Pfalz, Baden und Mittelrhein in unserer Stadt abgehalten werden soll, hatten die in Landau an­wesenden Mitglieder unsere- Schützenvereins auch telegraphisch unfern Lande-Herrn, sowie die Spitzen der Behörden Gießen» benachrichtigt. ES gingen darauf folgende Antwort- Depeschen an Herrn Oberschützenmetster Brück nach Landau ab:Se. König!. Hoheit der Großherzog laffen dem Schützen- veretu Gießen sür die erfreuliche Mittheilung besten» danken. Großh. Hofmarschallamt. I. V.: v. Beller»hetm". Freue mich sehr über die Wahl Gießen» zum nächstjährigen Festorte des Schützenbunde». Stadt und Behörden werden im Wetteifer suchen zum Gelingen de» Feste» betzutragen, v. Gagern." Hocherfreut von Ihrer Mittheilung danken herzlich für die Wahl Gießen» zur Feststadt, nehmen dieselbe gern au und versichern im Vorau- unseren Gästen die wärmste Ausnahme auch im Nordend Heffen». Gnauth, Oberbürgermeister." Bet der Wahl de» Festorte» kam außer Gießen noch Bingen tu Frage. Von 30 Delegirten stimmten tndeß nur 9 für Bingen.

* * Stenographisches. Wie wir vernehmen, beabsichtige« Anhänger der Gabel-berger'sche» Stenographie, einem dringenden Bedürsntß abzuhelfen, indem fie einen Corre- spondenz «Verein Gabelsberger'scher Steno- graphen für Hessen und Nassau gründen. Der zu gründende Verein will solchen GabelSberger'schen Steno- grapheu aller Stände einen Anhalt bieten, die an» Zeitmangel bi- jetzt einem schon bestehenden Verein nicht betgetreten find, und er sucht seine besondere Aufgabe darin, diese Leute der Stenographie und der stenographischen Bewegung dadurch zu erhalten, daß er ihnen brtrfliche Aussprache über stenographische Fragen ermöglicht und ihnen die Tagesliteratur aller Systeme und aller Richtungen zur Verfügung stellt. Im Uebrige« verweisen wir aus die in diesem Blatte enthaltene Anzeige.

* Für Radfahrer. Zur Vermeidung von Strafen machen wir die Interessenten auf folgende Verbote aufmerksam: Auf Grund de» § 9, Ziff. 1 und 2, der Verordnung vom 14. März 1898 ist da» Befahren de» Philofophenwaldwege» von der Ostanlage au» und umgekehrt, der Fußweg von de« Bahnhof über die Bahnüberbrückung vom Hotel Lenz nach der Frankfurterstraße und umgekehrt mit Fahrrädern ver­boten. Auch da» Schieben der Fahrräder auf Fußwegen uni Trottoir» innerhalb der Stadt ist untersagt.

Fischotter«. I« letzter Zeit hat man öfter» Spuren von Fischottern in der Lahn bemerkt. Gestern gegen