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Rr. 131 Erstes Blatt. Mittwoch de» 8. Ium
1898
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Frrnfvrecher Nr, 61.
Deutsches Reich.
Berlin 6. Juni. Auch die „Nordd. Allgem. Ztg." 6c* -kichnct jetzt die vom Pariser „Figaro" verbreitete Nachricht, wonach der Reichskanzler Fürst Hohenlohe au» Gesund» heitsrücksichteu seine Entlassung zu nehmen beabsichtige, sür jeglicher Begründung entbehrend.
Berlin. 6. Juni. Wie au» Tromsö telegraphirt wird, ist die deutsche Nordpolar-Expedition nach glücklicher Fahrt heute früh dort angekommen. Die Completirung der Ausrüstung wird dort einen Aufenthalt von zwei Tagen nothwendig wachen.
Berlin, 6. Juni. Bom 1. Januar 1899 ab wird auf den belgischen Staatsbahnen die erste Wagenklasse beseitigt, so daß sämmtliche Züge fortan nur noch zwei Wagenklaffen (II.. und III.) führen. Al» Ersatz wird die Internationale Schlafwagen-Gesellschaft nach einem mit ihr auf 30 Jahre abgeschlossenen Vertrage in alle wichtigeren Züge Salon- bezw. Speisewagen einstellen, deren Benutzung den Reisenden zweiter Klosse gegen Entrichtung eines Zuschlags von 4 Ct». für das Kilometer freisteht. Der Zuschlag fällt zur Hälfte der Gesellschaft zu. Vorbildlich ist hierbei ohne Zweifel daS Vorgehen verschiedener englischer Bahnen gewesen, die schon früher mit gutem Erfolge zur Beseitigung der ersten Wagenklaffe geschritten find. Auch für unsere Bahnen ist bekanntlich erst neuerdings von maßgebender Seite eine Beschränkung der Wagenklaffen auf zwei als da« zu erstrebende Ziel hingestellt worden.
Berlin, 6. Juni. Zur Mi lit S rstrafg erichts- ordnung verlautet: Die schwebenden Unterhandlungen -wischen Berlin und München nehmen, wie uuS verfichert wird, einen Fortgang, der die AuSficht auf einen Abschluß eröffaet und zwar im Wesentlichen auf der Grundlage der von Bayern erhobenen Forderungen und der von ihm in AuSficht gestellten Zugeständniffe. Diese bewegen sich bekanntlich in der Richtung eine» besonderen bayerischen „Senats" beim obersten ReichSmilitärgerichtShofe mit dem Sitze in München, jedoch mit der Verpflichtung, in Differenzfällen fich zu einer Plenarentscheidung in Berlin etnzufiuden. Die principielle Grundlage dieser^ Vereinbarung dürfte bereit« festgestellt sein, sodaß eS fich nur noch um die Art der Ausführung handeln würde. Auf preußischer Seite bringt man dem Standpunkt des Prinzregenten Luitpold, daß eS nicht Sache einer Regentschaft fein könne, ein bisher wenigsten» von Fürst, Regierung und Volk in Bayern als unbedingte» Reservatrecht aufgefaßtes und behandeltes Sonderrecht auf» zugeben, volle- Berständniß entgegen und ist heute weiter al» je davon entfernt, eine Beseitigung diese- wahren oder vermeintlichen Rechte« durch eine Majorifirung Bayern« im BundeSrath anzustreben. Man vertraut, daß bei einer über kurz oder lang sicheren Veränderung der Lege die Logik der Thatsachen sich stärker als die Meinung erweisen wird, daß die Aufrechthaltung jene« Reseroatrecht« unter allen Umständen geboten erscheine. Fraglich ist e«, ob die Angelegenheit schon bald in dem angedeuteten Sinne endgiltig geregelt wird oder ob nicht dafür der äußerste Termin vorgesehen wird, den der Zeitpunkt de» Inkrafttreten» des Gesetzes zuläßt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird da» Letztere der Fall sein.
— Au» Ostafrika. Im Januar ist Hauptmann Prince wieder gegen die aufrührischen W ah ehe unter dem Quawa zu Felde gezogen, da in Erfahrung gebracht war, der Quawa habe an einem bestimmten Ort daS Lager bezogen. Die Ueberrumpelung am frühen Morgen glückte zwar, viele Feinde wurden erschossen und über 100 Weiber gefangen genommen, aber der Quawa selbst war entkommen. Er rächte fich dadurch, daß er eine Anzahl Wahehe in da» Lager de» Unteroffizier» K. schickte, welcher mit zwölf Mann auf der Südseite de» Ushungwe Gebirges beschäftigt war, einen Posten zu errichten. Der Unteroffizier ahnte nicht« Böse», ließ die Leute hinein, welche de» Abend- den Wachtposten, den Unteroffizier und noch andere ASkart« nieder« schoflen. Die übrigen ASkari» schlugen fich aber durch und brachten die Nachricht zur Festung. Ein gleiche» Manöver sollte, wie Pater Ambrofiu» den „MissionS-Blättern- mit- theilt, bei Hauptmann Prince au«geführt werden. Aber Prince hatte von der Sache Wind bekommen, und al« wieder die Unterwerfung feindlicher Wahehe gemeldet wurde, ließ er die ganze Bande gefangen nehmen und an die Ketten legen. Der Quawa weiß sich dabei mit einem undurchdringlichen, geheimnißvolleu Nimbus zu umgeben. Sieben Jahre dauert der Krieg und noch hat kein Weißer den großen Sultan ge- sehen- selbst die Wahehe betrachten ihn al» eine Art Halbgott, der mit Zaubermitteln Alles machen kann. Er selbst
soll den Aberglauben haben, daß er sterben müffe, sobald er einen Weißen sehe. In dem Kriege haben nun die Quawa» Leute die Kampfisweise der Deutschen gelernt, und find keineswegs zu unterschätzende Gegner geworden. Sie greifen nie ohne fichere Deckung an, schwärmen auS, geben Salven, Schnellfeuer und wiflen wohl zu zielen. ES geht daraus die Nothwendigkeit einer befferen Verbindung mit Uhehe hervor, will man dieser fortdauernden Unruhen Herr werden, nachdem wenigsten» daS erste Glied durch die Indienststellung des Dampfers „Ulanga" auf dem Rufidji geschaffen worden ist.
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Bozen, 6. Juni. Auf dem gestrigen Hauptgautag in Bayern wurde der Tiroler Turngau aufgelöst, weil der Antrag des antisemitischen Innsbrucker Turnvereins, nur Arier aufzunehmen, bei einem Theil der Turner auf Wider- stand stieß.
Brünn, 6. Juni. Gestern fand hier eine große Versammlung aller deutschen Parteien statt, welche einhellig eine Kundgebung gegen die Errichtung einer czechischen Univerfitat in Brünn beschloß und die Errichtung einer deutschen Univerfität in Mähren verlangte. — Nach der Versammlung fand die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel an dem Hause statt, wo im Jahre 1810 Freiherr v. Stein wohnte.
vrüffel, 6. Juni. Die Provinzialrathswahlen find gestern ruhig verlaufen. Die Liberalen haben ihre Can- didaten überall durchgebracht. Die Socialdemokraten werden zahlreiche Candidaten mit Liberalen und Katholiken tu die Stichwahl bringen.
Paris, 6. Juni. Die neuen Präsidentenwahlen finden am Donnerstag statt. Dechanel wird zweifellos wieder- gewählt. Der OppofitionS-Candidat Brison soll anstatt Bourgeois Führer der Radicalen werden.
Madrid, 6. Juni. Der Ministerrath hielt gestern eine Sitzung ab, tn der man sich mit der Lage der Truppen auf den Philippinen und mit den Ausgaben für die Flotte beschäftigte. Es wurde mitgetheilt, daß die Lage der Truppen eine befriedigende sei. Der Ministerrath beschloß, die Kammer auf Portorico nicht zu eröffnen.
Madrid, 6. Juni. Der Ministerrath billigte die vom Minister de» Aeußern verlesene Note, in welcher bei den Mächten gegen die völkerrechtswidrige Kriegführung der Amerikaner protestirt wird.
Madrid, 6° Juni. Der Marineminister erklärte, die Lage des amerikanischen Geschwaders vor Manila sei ungünstig infolge einer Pockenepidemie, die unter der Besatzung herrsche.
Washington, 6. Juni. Auf Vorschlag der Blätter wird Mac Kinley in einer Botschaft an den Longreß eine nationale Belobigung der Offiziere und Matrosen des in den Grund gebohrten Schiffe» „Marrimac" veranlaffen. Da« Schiff hatte einen Werth von 350 000 Dollar. Admiral Schley unternimmt weitere Versuche, den Hafen von Santiago zu sperren, um eine Bereinigung CerveraS mit dem von Cadiz kommenden Geschwader de« Admirals Camara zu verhindern. Eine ganze Reihe unbrauchbarer Transportschiffe soll im Hafen von Santiago versenkt werden.
New-York, 6. Juni. Die letzten Nachrichten von Cap Haiti besagen, daß die vereinigten Geschwader von Sampson und Schley die Befestigungen von Santiago von Neuem beschossen haben. Die Beschießung soll fünf Stunden nach der Versenkung de« „Marrimac" begonnen haben. Diesmal sollen die Forts Morro und Gonda sehr stark beschädigt sein. Eine Bestätigung der Nachricht fehlt noch.
New-York, 6. Juni. General Mi les hat eine Truppenschau über da» Feldlager von Tampa veranstaltet. Der General äußerte seine Zufriedenheit über die regulären Truppen, nicht aber über die freiwilligen Truppen, weil die letzteren völlig ungenügend bewaffnet und bekleidet seien und außerdem nicht im Stande wären, ein ExpeditiouS-Corpö zu bilden.
Wahlbewegung.
• Die größte Zahl von Reich»tag»candidaten in hessischen Wahlkreisen hat sich der zweite Wahlkreis (Friedberg- Büdingen) gestattet. Hier sind, den Blättern zufolge, nicht weniger als sechs Candidaten aufgestellt, nämlich ein nationalliberaler, ein antisemitischer, ein christlich-socialer, ein national« socialer, ein CeutrumScandidat und ein socialdemokratischer Caudidat.
Locales und provinzielles.
Gießen, 7. Juni 1898.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Freitag den 10. Juni 1898, Nach - mittags 3*/z Uhr pünktlich: 1. OctrotverhLltniffe der Stadt Gießen- hier: da» Octroi auf Mehl und Backwaaren. 2. Gesuch de« Löb Grünewald um Ertheilung der Erlaubniß zum GaftwirthschaftSbetrieb im Hause Löwengasse 22. 3. Desgl. de» Friedrich Teigler zum Wirthschastsbetrieb im Hause Braudgaffe 8.
•* Provinzialausfchnßfitzuug. SamStag den 11. Juni 1898, Vormittag« 9 Uhr, findet in dem Regierungsgebäude zu Gießen eine öffentliche Sitzung bei Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Enteignung von Gelände zwecks Herstellung von Trottoir in der Romröder Straße zu Alsfeld. 2. Klage des OrtSarmenverbandes Vilbel gegen den Vorstand der OrtSkrankenkaffe für Groß Karben und Umgegend wegen Erstattung der Pflegekosten für Anselmu» Schmidt von EckardtSroth. 3. Degletchen wegen Erstattung der Verpflegungskosten für Johannes Edelmann von Rain- rod. 4. Klage des OrtSarmenverbande» Hanau gegen den OrtSarmenverband Haarhausen wegen Ersatz von Unterstützung für die Wittwe Margarethe Stamm, geb. Apell. 5. Antrag de« H. Küchel in Butzbach auf Enteignung von Gelände in Gemarkung Zell zu bergbaulichen Zwecken- hier: Kostenfestsetzung.
•• Nene Postkarten. Im Verlage von Ernst Balser hier erschien vor Kurzem eine Serie Gießener Ansichtspostkarten, die wir unseren Lesern zu fleißigem Gebrauch bestens empfehlen können. Die Ausführung der Karten ist derart, daß fie fich überall sehen lassen können- fie bringen GießenS äußere und innere Vorzüge voll zur Geltung. Besonders anziehend wirkt die farbige Karte vom Schiffenberg, überaus vornehm die de- Offizier-CafinoS de» Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm.
•• Durchgehendes Pferd. An der Rodheimerstraße ging gestern Nachmittag ein Pferd mit Wagen durch, überrannte auf der Lahnbrücke einen Wäschekarreu und ein mit Ziegeln beladene« Wägelchen, beide« beschädigend. An der Bahnüberführung flog ein Rad au« dem Wagen und dal Pferd stürzte, wobei eS fich an den Beinen stark verletzte.
** Einen Auflauf verursachte gestern Nachmittag in der Wallthorstraße ein betrunkene» Frauenzimmer. Dasselbe mußte tn da« Polizeigefaugoiß gebracht werden.
** Vom deutschen Xnrufest in Hamburg. Der Geschäftsführende Ausschuß für da« Deutsche Turnfest hat mittelst Rundschreiben an die Vereine der Deutschen Turnerschaft folgende Bekanntmachung erlassen: 1) Die Frist der Anmeldung mit der AuSficht auf Freiquartier ist bis zum 20. Juni verlängert. Nach dem 20. Juni wird keine Gewähr für Freiquartier übernommen. Anmeldungen ohne Einsendung deS Festbeitrags sind ungiltig. Der WohnungS-AuSschuß vermittelt bezahlte Gasthöfe und Bürger quartiere nur auf Grund der Anmeldelisten, führt aber mit den Quartier- fuchenden keine Sonderverhandlungen. 2) An Mitglieder von Turnerinnen-Abtheilungen und weibliche Angehörige von Turnern werden Festkarten nicht abgegeben, dieselben können sich in Hamburg Dauerkarten lösen. 3) Die Vereinsfahnen find in Hamburg nur gegen FeuerSgesahr, nicht gegen sonstige Besckädigungen, Diebstahl und Unfall während der Reise verfichert. Hierfür haben die Vereine selbst aufzukommen. 4) Die Vereine haben ihre VereinSschtlder (Größe 50:35 Ctm.) selbst mitzubringen, jeder Turner soll ein 9:4 Ctm. große« Vereinsband tragen. 5) Bezüglich der Sonderzüge wird nunmehr amtlich mitgetheilt, daß für dieselben und die Anschlußstrecken Rückfahrkarten mit 50 pCt. Ermäßigung aus- gegeben werden, welche für Süddeutschland einschließlich der Preußischen Eisenbahn, Directiouen Frankfurt a. M., Mainz und Saarbrücken eine 45 tägige Geltungsdauer haben. Die Hinfahrt kann einmal, die Rückfahrt mehrmals unterbrochen werden. Für UmwegSrouten werden in Hamburg beim Vorzeigen einer Sonderzug-Rückfahrkarte Umwegkarten verausgabt gegen Nachzahlung des Unterschiedpreises. Fahrpreise und Fahrkarten-AuSgabe werden durch die einzelnen Eisenbahn- Verwaltungen bekannt gemacht. Fahrprei»»Ermaßigungen für Einzelreifen oder Verlängerung der Geltungsdauer von gewöhnlichen Rückfahrkarten zur Fahrt nach Hamburg find abgelehnt, nur die Benutzung der Sonderzüge gewährt Anspruch auf Fahrpreis-Ermäßigung. Die Rückfahrt ab Hamburg kann auch mit einzelnen Schnellzügen angetreten werden - Freigepäck wird nicht gewährt- Rundreise »Fahrscheinhefte haben Geltung für die Sonderzüge. 6) Die in Altona


