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1808
Sonntag den 8. Mm
Drittes Blatt
Aintr- und Anzeigrblatt fßr den "Kreis Gieren
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Hmtlid?cr Theil
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Redaction, Expedition und Druckerei:
Schukstrahe Nr. 7.
gegenden einsammeln können und von großer Bedeutung für die Wissenschaft sein. Doch wird die Reise viel länger als diejenige des „Fram" dauern, wahrscheinlich fünf Jahre; es ist aber möglich, daß das Eis je näher zum Norden viel schneller treibt, als es der Fall bei der Reise des „Fram" war.
Nansen tritt dann den Einwendungen, die gegen eine so lange Reise in den Polargegenden gemacht werden können, entgegen. Er behauptet, daß die Gefahr der Erkrankung am Polar-Scorbut zu bannen sein werde. Er entstehe durch eine Vergiftung der schlechten Conserven, dem könne man ja aber jetzt fihr leicht abhelfen. Der Aufenthalt in den Polargegenden sei sehr gesund; es sei nicht wahr, daß die Einsamkeit Melancholie Hervorrufe, und wenn eine solche Expedition gut ausgerüstet sei, würden die damit verbundenen Gefahren nicht größer als bei vielen anderen Unternehmungen ähnlicher Art fein. Uebrigens müsse die gekennzeichnete Art der Polarforschung mit anderen Expeditionsrnethohen, besonders mit der Anwendung von Schlitten und Hunden, combinirt werden. Diese Methode fordert weniger Zeit und ist die beste und leichteste, wenn es nur geographische Untersuchungen gilt.
Betreffend die Polarforschung durch Ballon schreibt Nansen Folgendes: „Ich glaube, man könnte den Ballon in der Polarforschung am b-sten anwenden, wenn man ihn, ausgerüstet mit Schlitten, Hunden rc., gegen Norden fliegen läßt, dann müßte die Schlittenexpedition den Ballon ver- lassen und übers Eis in südlicher Richtung vordringen. Man würde es dadurch vermeiden können, dieselbe Strecke zweimal zurückzulegen, und man würde im Stande fein, die Gegenden gründlicher zu untersuchen."
Die Polarforschung der Zukunft muffe ausschließlich wissenschaftlicher Art sein, sagt Nansen, und er zeigt, wie viele wichtige Fragen auf den verschiedenen Gebieten der Lösung harren, so z. B. die Bertheilung von Land und Waffer, die Tiefe des Polarmeeres, seine Wärme in den verschiedenen Schichten, sein Salzgehalt, die Strömungen, die Eisbildung, der Erdmagnetismus, die Atmosphäre rc.
Zuletzt wirst Nansen die Frage auf, ob es von Wichtig- keit sei, den Nordpol selbst zu erreichen, und er beantwortet diese Frage bejahend. „Nicht weil dieser mathematische Punkt besonderes Jntereffe bietet oder besonderen wissen- schaftlichen Werth hat", schreibt er, „sondern weil es seit Jahrhunderten eine Ehrensache für die seefahrenden Völker gewesen ist, diesen Punkt zu erreichen und ihre Flagge dort zu hissen. So lange dies nicht geschehen ist, wird der Wettlauf nach dem Nordpol nie aufhören. „Ich meine, daß man das Ziel ohne große Schwierigkeit erreichen könnte, nicht nur, indem man ein Schiff im Eise über das Polarmeer treiben läßt, sondern auch, wenn man eine Schlittenexpedition, die von Grönland ausgeht, organifirt." Hoffen wir daher, daß dieser Punkt bald erreicht werde, schließt Nansen, wir würden sonst leicht geneigt sein, zu vergessen, daß die Forschung ausschließlich wissenschaftlicher Art sein muß." „Wenn ein menschlicher Fuß nur einmal den Nordpol betreten hat, wird Niemand stch um diesen mathematischen Punkt mehr bekümmern, und die Zeit für die wissenschaftliche Forschung wird dann gekommen sein
abreffe für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
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Kichmer Anzeiger
Hemral-Anzeiger
Bekanntmachung.
Die Maul- und Klauenseuche unter dem Rindvieh zu Bellnhausen, Holzhanseu b. Gl., Herzhause« und KriedeuSdors, Kreis Biedenkopf, ist erloschen und find die Sperrmaßregeln wieder aufgehoben woroeu.
Gießen, den 5. Mat 1898.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Nr. 107
Erscheint täglich mit Ausnahme deS
Montags.
Die Gießener Aamilte«vtLtter werben bem Anzeiger wöchentlich vierm beigelegt.
»eutfebe* Letch
Berlin, 6. Mai. J-i Gegenwart deS Kaisers ist heute früh um 9 Uhr da- Denkmal Albrecht» des Bären ia der Siege-allee ohne besondere Feier der Oeffeatlichkeit übergeben worden.
Berlin, 6. Mat. Der ReichstagS-Prästdeur Frrtherr v. Buol erhielt den Rothen Adlerorden 2. Klaffe mit dem Stern.
Berlin, 6. Mai. Der „Bolkkztg." wird au» Bre» lau relegraphtrr: Auf der Kohlengrube Kastmterz bei SoSno- wtce fiel ein riesiger Kohlenblock auf arbeitende Bergleute. Fünf Arbeiter wurden getödtet, zwei verwundet.
Berlin, 6. Mai. Wie dem „Brrl. Tagebl." aus Heffen-Naffau mitgetheilt wird, machte bei einer in Fulda abgehaltenen Versammlung der CentrumSpartei für den Re- gierungSbeztrk Gaffel der Reichstagsabgeordnete Müller Fulda
Wie kann der Nordpol erreicht werden?
In einer Kopenhagener Zeitschrift hat Fridtjof Nansen über die Frage „Wie kann der Nordpol erreicht werden?" einen Artikel veröffentlicht, der allgemeines Jntereffe beanspruchen dürfte.
Nach einer historischen Einleitung äußert der berühmte Polarsahrer, daß nach seiner Meinung die ganze Gegend um den Nordpol von einem Eismeer bedeckt sei und daß man die Gegend zwischen dem Nordpol und der Küste Sibiriens, wo unbekanntes Land kaum zu finden fei, von derjenigen zwischen dem Nordpole und der Küste Amerikas, wo unbekannte Strecken vielleicht entdeckt werden könnten, unterscheiden müffe. Er behauptet ferner, daß es die beste Neisemethode fei, sich vom Eise treiben zu lassen, so wie er mit „Fram" gethan habe. Er schreibt hierüber: „Nach meiner Auffassung soll eine solche Expedition gegen Norden durch die Beringstraße gehen und ins Eis in nordöstlicher Richtung zwischen 160 ° und 1700 westlicher Länge vordringen. Das Schiff wird dann vom Eise eingeschlossen und wahrscheinlich über das unbekannte Meer, viel nördlicher als „Fram", vielleicht gerade quer über den Nordpol, jedenfalls nicht weit von demselben entfernt, geführt werden, und es wird wieder im offenen Wasser irgendwo an der Ostküste Grönlands herauskommen. Eine solche Expedition wird eine M§nge neuer Mittheilungen über die Polar-
Feuilleton.
Aus geweihten Landen.
Von Karl Böttcher.
(Origtnalbertcht unseres Special-Correspondenten).
(Nachdruck verboten.)
XIII. Zum Sinai.
Katharinen-Kloster, 12. April.
Gequält von heradbrütcudtr Sovnengiuth, spähe ich im Hasen von Suez nach günstigem Segelwind. Ich strecke den angefruchteten Finger in die Lust- ich suche, so weit fich der Blick in den Horizont bohren läßt, auf dem lichtvollen Golf gerundrte Segel- ich werfe, wie in kindlicher Spielerei, kleine Papierstreifen empor — tdn Lüstchen tändelt daher. Regung-los das schlapp herabhängende Gezweig der Palmen.
Und doch habe ich eß satt bis über die Halsbinde, die» vielgepriesene Suez. In meinem Hotel beim Diner wohl «ächtlgtS Ttllrrgeklapper, aber auf den Tellern nichts darauf- Ut Wein eine Art flüssiger Lohengrin, den man nach „Nam' und Art" lieber nicht befragt, und im Bett empfangen mich nicht bloß Deputationen von MoßkitoS und allerhand springendem und kriechendem Gesindel, nein, gleich massenhaft besuchte Volksversammlungen. Für solches Hotelvergnügen muß ich täglich 20 Schilling blechen- mein Wirth, der glatt- rafirte Ehrenmann, will doch leben I
Am folgenden Abend gehe ich an Bord des kleinen Zweimasters „Osiris". Eine kräftige Brise stemmt fich in die Segel und fast pfeilschnell schießt er hinaus in die dunkle Fluth. Große Schiffe wollen vom Wege nach Tor, dem Hafen für Sinai-Reisevde, nichts wissen. Nur kleine Segler oder kaum ennenswerthe Dampferchen, befrachtet mit Mekka-Pilgern, richten ihren Enr» dahin.
Bier Matrosen, zwei Schiffsjungen und ein muhamedani- scher Eapitän bilden die Besatzung meines Segelbootes. Während der dreitägigen Fahrt macht dieser alte Eapitän nichts weiter als fürchterlich rauchen, kräftig auSspncken, »n- bändig Reiß essen, auf» Meer hinanSgucken und herum- commandiren zum Auf- oder Einziehen der Segel. In diese anheimelnde Gleichförmigkeit markirt er nur etwas Ab- Wechselung, wenn er den einen Schiffsjungen mit Ohrfeigen oder den andern mit Fußtritten außzeichnet.
Endlich — endlich in Tor, d?m schäbigen Lumpennest.
Hinter gürrelartigem Geklipp unheimlich lauernde Korallenfelsen - weit heraogedrängt an den Saum einer dürftigen Oase, niedrige Hütten- die Mauern au» getrocknetem Schlamm, hie und da auf den Dächern suß Erde ein früh- lingSartiger Anfall sprossender Blumen; bann ein halb ver- fallen«- Kastell, ein weiße- Kloster, eine Anzahl besserer Häuser, zu denen sich einige Palmen gesellen — die» die ganz- Pracht dieser Wüsteumetropole.
Mit Anbruch beß neuen Tage» macht fich die Earawane, welcher ich mich zur Sinaireife anschließe, marschfertig. Sie besteht auß vierzehn Kameelen, einigen Pilgern und einem halben Dutzend Beduinen. Beim Beladen stoßen die Thiere ein hohles Geschrei auß, als wollten sie gegen übermäßige Befrachtung fchiwp'end protestiren. Trotzdem — bald erheben sich auf ihren Rücken kleine Berge von Kisten, Kasten, Taschen, Wasserschläuchen — alle» Proviapt für unsere (Sara« wane und Fracht für baß Sinai-Kloster.
Weit außgreifenben Schritte» ziehen bie Romeele den rothsandtgen Strand entlang. Mein Körper geräth in eine eigenartig wiegende Bewegung. Manchmal ist mir, als müffe ich über den Kopf meines Thiere» htnabpurzeln in den Wüstensand . . . Eigenartiges Bangen durchbebt meine Seele, wie e» etwa den ungeübten Reisenden beschleicht, der s:ine erste Oceanfahrt riskirt, nur daß die» Bangen vor der Wüste daß Herz viel kräftiger packt . . .
Zehn Minuten später ist alle» Gruseln verschwunden. Bon der Höhe meine» Kameel» auß betrachtet, erscheint mir die Welt in schnuppiger Wurstigkeit. Vielleicht, weil diese erhabene Situation zu lebhaft an Sand, an Staub, an baß Nicht» erinnert. Wie ich jetzt heruntergucke auf den fchnmtzigbraunen, nach recht» und link» pendelnden Kameel- hal» und auf daß blaue, mnschelgeschmückte Halfterzeug, wie ich mich wiege im Sattel, der jetzt drei Tage lang meine Heimath bilden soll, wie die Earawane weiter und weiter zieht in der sanft aufsteigendea Sandebene — in köstliche Wallungen geräth da» Herz.
Blühende Blumen, schattende Bäume, Sperling», gezwitscher, Froschgequake, Fliegengesumme blieben längst zurück vor diesem Reich der Leblosigkeit. Die Wüste wächst und dehnt sich in» Unendliche. Tiefer tauche ich in die Pracht der Einöde, die mich mit ihren gelbrothen Sandwogen rasch gefangen nimmt. Tausend Meilen entfernt von allem
Kleinlichen, allem Schuftigen, allem Erbärmlichen, komme ich mir vor in dieser erhabenen Stille. —
Einige Stunden später . . .
Manchmal fingen unsere Beduinen ein melancholische» Liedchen. Bald sind auch sie vollständig verstummt, weil.da» Schweigen der Wüste mächtig ansteckt. Höchsten» daß mun zuweilen ein geärgerte» Kameel schreien hört. Beim Vorüber- ziehen an weitgedehnten Sandbergen rufe ich laut: „Holla- lohihi!" . . . Richt einmal ein Echo schlummert hier. Tobten- stille, Entsetzen, Grausen unb ähnliche Spießgesellen auf ihrem Triumphzug - die Einsamkeiten beß Urwaldß und d'.ß Meere» — sie verschwinden gegen diese Einsamkeit der Wüst«- dort Rauschen der Wipfel, Plätschern der Wogen — hier ewige» Schweigen.
Und wa» ist dagegen die Stille einer Jsolirzelle in Plötzensee, wie man sie zuweilen deutschen Schriftstellern und Journalisten zu kosten gibt, wenn nach Ansicht mancher Leute oa» Rankcnwerk der Gedanken allzu üppig emporwucherte — wo« ist jene Gefängnißstille gegen diese Wüsteneinsamkeii! Einr lärmende Friedrichstraße.
In dieser Schaueröde überfällt mich plötzlich Heimweh- volle» Sehnen — Sehnen nach blumenvollen Halden, nach dem Lachen lieber Freunde, nach einer kleinen, geliebten Hand, die ich jetzt doppelt festhalten möchte, -r
Nachmittag» . . •
Schwerwuchtiger stürzt die Sonnengluth herunter. W ll sie die ganze Wüste garkochen? Mir ist, al» ob ich mich auf einem schattenlosen Sandhaufen einlogirte, auf welchen die Sonne wie ein Drenngla» herabfengt. Meine Widerstand»- fähigkrit bricht etwa» zufammen. Bald aber hat sie noch mehr zu ertragen.
Halbdurchfichtiger, nebelartiger Flugsand jagt al» dünne» Gewölk daher. Rasch wird e» dichter, schwerer, wirbelnder, fegt windgepeitscht gegen die träg ausschreitenden Kameele, beißt in die Augen, knirscht in den Zähnen. Die ganze Wüste in rasender Bewegung, al» wolle sie plötzlich aus- wandern. ... E» ist schwierig, fich im Sattel zu halten. Dazu senkt sich bleischwere Müdigkeit in die Glieder. Die Beduinen spriogeu von den Kameelen. Feierlich verneigen sie sich jetzt, zur Stunde de» Gebet», in der Richtung nach Mekka, während der Flugsand weiter über ihre Burnusse dahinknirscht und am Himmel tiefhängende, schwefelgelbe Wolken jagen.


