Ausgabe 
8.4.1898 Zweites Blatt
 
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Freitag den 8. April

Nr. 83 Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Anmikienotätter werden dem Anzeiger Lv-chentlich viermal beigelegt.

Siebener Anzeiger

Merng-prew

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Amtliche» Theil» Bekanntmachung.

netto Fasel für tauglich befunden worden, al« Gemeinde- I Zuchtsttere verwendet zu werden.

Gießen, den 5. April 1898.

Großherzogltche« KreiSawt Gießen.

v. Wägern.

Bei der am 81. März d. I. zu haltenen öffentlichen Faselichau sind die

Grünberg abge- nachfolgend verzeich-

Ordn. Nr. [|

Eigenthümer.

S a

s - 1-

Be- merkungen.

Namen

Wohnort

Raffe

Alter

Farbe

Körper- beschaffen- hetl

Gesuvd- hcits- und Näbrzustand

1

Heinrich Lein

Klein-Eichen

Stmmenth.Reinzucht

15 Monat

Hellfalb

genügend

gut

aogekaust von der Gem. BerSrod

2

Derselbe

dto.

dto.

16 Monat

Falbscheck

gut

gut

8

Gebrüder Nafziger

Henriettenhof

Stmmenth. Kreuzung

15 Monat

H lllalbscheck

ziemlich gut

gut

4

Heinrich Merschrod

Zetlbach

Stmmenth.Rewzucht

16 Monat

Hellialbscheck

gut

gut

5

Pachter Waldecker

Warthof

dto.

16 Monat

Falbscheck

genügend

gut

angek. von JuliuS Zimmer in Lauter

6

Heinrich Grün II.

Niederohmen

Vogelsberger

l»/< Jahr

roth

gut

gut

7

August Theiß

Stockhansen

dto.

16 Monat

roth

genügend

gut

angek. v. d. S'adt- gem. Grünberg

8

Heinrich Kreiker

Wetterfelb

dto.

15 Monat

gelbroth

gut

gut

Der Papst als Friedensvermtttler.

Nur geringe Aussichten waren vorhanden, daß der (Son* sliet zwischen Spanien und den Bereinigten Staaten friedlich gelöst werden könnte, und allgemein gab man sich der Ueber« zeugung hin, daß die Furien deS Krieges fich entfeffeln würden, daß da« Blutvergießen in seine Rechte treten wüste und da« Schwert zwischen den beiden Nationen zu entscheiden hätte in dem Kampf um die nationalen Interessen auf Cuba. Wir haben au dieser Stelle von jeher unserer Ueberzeugung dahin Ausdruck gegeben, daß e« doch noch gelingen werde, da« Schlimmste Hintauzuhalten und eine friedliche Lösung der große» Schwierigkeiten herbeizuführen. Cs scheint so, als sollten wir trotz aller voraufgegangeuen beunruhigenden Ge­rüchte Recht behalten.

Mau muß es den Spaniern lasten, daß sie in dieser ganzen Angelegenheit eine große Ruhr bewahrt und ihr heiße« Blut in hohem Grade gezügelt haben. Sie befinden sich ja tu einer Zwangslage und hatten Ursache, über die Aufdringlichkeit der YaukeeS empört zu sein, aber schließlich

Feuilleton.

An» geweihten Landen-

Von Karl Böttcher.

fOrigtnalbericht unseres Special-Correspondenten).

(Nachdruck verboten.)

IX. Eine Jerusalemer Seele.

Jerusalem. 14. Marz.

Die Menge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch " Keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen Alles gemein.

(Apostelgeschichte IV, 32.)

Regendunstige« Abeudgedämmer. Ueber dem alters­grauen Jerusalemer Gemäuer webt finstere Schwermuth, iudeß drüben auf dem Kamm des Oelberge« eine träge, laug- gestreckte schwarze Wolkeuschtcht auSruht.

Stu wenig verdüstert, gehe ich zum DamaßkuSthor hinaus. Ha, so recht ein Wetter, um über das ernste Ringen und Kämpfen der wohl hundertfach verschiedenen, in Jerusalem zusammeugedräagteu religiösen Bekenvtniste zu Philosophien. Plötzlich fällt mir ein, daß in der Nähe eine ganz eigen­artige Gemeinde wohnt, welche man hier allgemein die Amerikaner" nennt, eine religiöse Gesellschaft, deren Zusammenleben au die Gütergemeinschaft der ersten Christen­gemeinde erinnert.

Gin alter Jeruso' :mer Graubart erzählte mir tu Bezug tut diese Amerikaner, daß ich in allen fünf Brdthetlen herum- steigen könne, nie aber eiu gleich schönes Zusammenleben finden werde, während wir von anderer Seite diese Ber- etuigung als etwa« CoofuseS, Unklare«, Halbverrückee« gr- schildert Kurde, al« ein Utopien, das wie eine Fata Morgana m der Luft hangt.

Mein Entschluß ist gefaßt: vorwärts zu den Amerikanern!

Wenige Minuten später trete ich ein in ihr große«, an der Damaskusftraße gelegenes Hau«.

härte sie doch die Erregung übermannen können Angesicht« der Provocationen der Bereinigten Staaten und der heraus­fordernden Rüstungen, welche die Washingtoner Regierung betrieb. Denn auch die nationale Bewegung in Spanien war mächtig angefacht worden, und e« wäre begreiflich ge- wesen, wenn die Leidenschaften über die ruhige Ueberlegung den Steg davon getragen hätten. Em Spiegelbild der Be­geisterung hat die vor einigen Abenden Kattgehabte Vorstel­lung im Madrider Hoftheater gegeben, wo die Spanier große Summen auf den Altar de« Vaterlandes legten, um dasselbe wehrkräftiger zu machen, gegenüber den Ansprüchen der Ber* einigten Staaten.

Bisher hieß es immer, die Großmächte würden eventl. zur Lösung des Confl crS ihre guten Dienste anbieten, jedoch ist jetzt die Meldung eiugetroffen, daß der Papst das SchtedS- richteramt übernehmen wird, und e« steht za hoffen, daß es der Weisheit und dem mächtigen Einfluß desselben auf beide Nationen gelingen wird, die Sache zu einem guten Ende zu führen. Deutschland selbst hat sich bekanntlich schon selbst in einem Streitfälle mit Spanien um die Karoliuentuseln

Schon nuten an der Treppe schallt wir herzliche« Will- kommen entgegen. Aber erst, al« ich die schmalen Stein- stufen emporgestiegen bin! Em bunter Schwarm freundlicher Gesichter umdräng" mich: muntere Ktrder, sauftlächelude Matronen, liebenswürdige Männer, fröhliche Greise, blühende Mädchen, und Alle schütteln mir, dem ihnen vollständig fremden Manne, treuherzig die Hand, als wären wir seit vielen Jahren alte liebe Bekannte.

Bald fitze ich mitten unrer der ganzen Gemeinde im mächtigen, mit Palmenwedeln, kostbaren Gemälden und grill- farbigen Teppichen traulich auSgestatteten Empfangssalon, plaudere und lache und bin vollständig zu Hause. Um mich die allerverschiedensten Gesellschasiszruppen: dort am runden Tisch im hellen Schein der buntgeschmücklen Hängelampe neigen fich schöne Mädchenköpfe über neue illustrirte Jour­nale, neigen fich heiter plaudernde verrunzelte Alte über Häkelarbeiten, am Ptanino probiren Mufikenthusiasten mit halblauter Stimme ein englisches Volkslied, drüben aus der lauschigen Erkerecke klappern die Steine deS DamenbrettS und spielende Kinder hocken auf dem weichen Teppich.

Mau verändert die Plätze. Ich werde nach einem roth. geblümten Divan gelotst. Einige wollige Lehnstühle rücken heran, die im Nu besetzt find, und einer der Wortführer mit etwa- fanatischem Gesicht fragt wich:

,@te wollen vielleicht ein wenig unsere Einrichtungen kennen lernen?"

D, wenn ich bitten darf k"

,Sehen Sie," beginnt er mit docireoder Stimme, ,tok betreiben einzig und allein ein practische« Ehrtstrurhum. Sie haben bet Ihrem deutschen Dichter Goethe einen BerS, welcher von Worten spricht, die genug gewechselt sind- wollen nun mal endlich Thatrn sehen. Gut, unsere christliche Bereinigung will nur christliche Thateu zeigen."

,»Uo zum Bei piel!"

ist unser Gott ein großer Gott, der von Slrinttch- keitSktämerei nichts wiffen will. Gewiß ist« ik« ganz gletch- gilttg, ob er am Sonntag, SamStag oder Freitag verehrt wird, auch gleichgtltig, ob Siner getauft, beschnitten oder

dem Schiedssprüche deS Oderherrn der katholischen Christen­heit gefügt, und die Chancen eine« guten Gelingens stehe» in dem jetzt vorliegenden Falle nicht geringer, wenn es auch sehr schwierig sein wird, die Bereinigten Staaten zu eine« Verzicht auf ihre weitgehendsten Forderungen zu bewegen und Spanien weiteren Coucesfiooen geneigt zu machen.

Wir wollen hier an dieser Stelle einmal ganz objectiv die Sachlage prüfen Von jeher haben wir constatirt, daß die Spanier den größten Theil der Schuld au den jetzige« Zuständen auf Cuba tragen, daß die jämmerliche Wirthschaft, welche fie auf der von der Natur so reich gesegneten Antillen- Insel betrieben, die Bewohner derselben zur Verzweiflung treiben mußte.

Der Besitz der Insel hatte für die Spanier nut b« Zweck, dieselbe gründlich auSzubeuteu, ohne die Hilfsquelle« zu erhalten; e» war mit einem Worte eine Raubwirthschast, welche fie daselbstbetrieben, die unter allen Umständen einmal eiu Ende nehmen mußte. Bei dem Einen kommt daS Ein­sehen früh, beim Anderen spät, und zu den Letzteren gehörte« die Spanier. Erst sehr spät hatten fie eingesehev, daß e« nicht so weiter gehen konnte, aber fie waren doch wenigsten« umgekehrt, um die größten Anstrengungen zur Paeificirung Kubas und zur Einführung von Reformen daselbst zu machen. Wenn ihnen die Niederwerfung des Aufstandes nicht gelang, so lag da« daran, daß der Haß der Rebellen gegen da« spanische Joch zu tief eingewurzelt war und daß bei ihnen von jeher die Hoffnung obwaltete, die Bereinigten Staaten würden einmal für fie tu die Bresche treten.

Wenn wir die Berechtigung der uordamerikanischeu Union zur Einmischung in die cubaotsche Angelegenheit prüfen wollen, so muß man erkennen, daß ein zwingender rechtlicher Grund nicht vorliegt. Man glaube ja nicht, daß eS edle Triebe der Menschenliebe sind, welche die Jingo« veranlaßt, für die Kubaner Partei zu nehmen, e« find weit «ehr eigea- nützige materielle Zwecke, die fie dabet verfolgen. Und des­halb ist auch das Bermttteluogsamt, welche« der Papst über­nommen hat, ganz besonder« schwer. Aber e« steht doch zu hoffen, daß dasselbe zu einem guten Ende geführt wird, laß auch die europäischen Großmächte dazu beitragen, Blutver­gießen zu verhindern und bald einen Zustand der Ruhe und Sicherheit wiederherzustellen. (xx)

uvgetaust in der Wrlt herumzieht, denn alle Menschen find in gleicher Weise seine Kinder. Deßhalb nehmen wir in unsere Gemeinschaft Leute jeder Religion auf Christen, Juden, Muhamedaner, ganz egal, wenn man nur unsere einzige und vornehmste Satzung erfüllt."

,Unb wie lautet diese einzige Satzung?"

Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" . . . AIS ich hier eivtrat in die Gemeinde, hatte ich nut für fünf Personen zu sorgen: für meine Frau und vier Kinder. Jetzt erstreckt sich weine Fürsorge auf anderthalb Hundert Seelen, die ich alle gleich lieb habe. So find Jedem von un« sämmtliche Mitglieder in gleicher Bruder- und Schwesterltebe ans Herz gewachsen."

Unb wie halten Sie e« mit der Aufnahme neuer Mitglieder?"

Wer bei un« etntritt, kommt mit Sack und Pack, mH Kind und Kegel und taucht, unter Preisgabe seine« Indi­viduum«, unter in der großen Allgemeinheit. Sein ganze« Vermögen, Alle« und Alle« opfert er auf dem Tisch der Gemeinde, wobei er hoch und heilig versichert, daß er Alle« gegeben und nicht- wehr besitzt. So gestaltet fich ein Leben in voller Gütergemeinschaft: eine Kaffe, ein Herz, eine Seele, ein Gott. Was wir im Hause bei gemeinsamer Arbeit durch Schneiderei, Schuhmacherei, Weberei, durch die aller­verschiedensten Handwerke verdienen es wandert in dir gemeinsame Kaffe, wie auch baß, wa« außerhalb de« Hause« errungen wird. Eine Dame ist Lehrerin ihr Gehalt fließt in die allgemeine Kaffe- eiu junger Mann beschäftigt fich mit Photographiren sein Verdienst gehört Allen- ein Anderer macht Weingeschäfte an seinem Profit ninmrt Jeder Theil."

Aber wer ist bet Ihnen der Kopf, welcher für Alle denkt, die ganze Beretntgnng leitet? Wer ist der Mann nm Steuer k"

Giebt t« nicht. Wir dtrigiren Alle geweinsam. Jede« Morgen, wenn der Geist am frischesten ist, halten wir nach einem innigen Gebet eine etnfiündtge Versammlung ab, br