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Nr. SK Zweites Blatt. Dienstag de» 8. März 0808
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Aus den Verhandlungen der Zweite« Kammer der hesfischeu Stünde.
G. Darmstadt. 5. März 1898.
Die Berathuugen bcfl Budget» werden heute mit Lapirel 90, Oberlandesgericht, sortgesrtzt und die Gr- veraldebatre über den ganzen Justizetat eröffnet.
Abg. Schmitt bespricht eine Reihe von Defiderien im Justizwesen, insbesondere über die Abhaltung der Termine und über die an die Richter gestellten Anforderungen bet der Durchführung von OrtSbesichtiguugen und auswärtigen Terminen. Bet der Ablegung des ZmgenetdcS werde von dem Richter und dem Publikum nicht mit dem nöthigen Ernst verfahren, wie el sich bei der Heiligkeit dieser Handlung gezieme. Ferner würden junge Accessisteu mit Schreiberdiensteu beschäftigt, durch welche fie sich keine Spur von Krnntnitz des Justizwesens erwerben könnte«. Er bespricht sodann noch daS Berdrecher-Album, welchem auch Unschuldige auf ewige Zeiten einverleibt würden.— Abg. Köhler- LangSdorf theilt mit, daß im hiesigen EorreetionshauS eise Schreineret ein» gerichtet fei. Eine Jodevstrma M y;r habe da» Monopol zur Lieferung von Fußtafeln für Neubauten erhalten. Er fragt die Regierung, ob fie hiervon Kenntniß habe. Eine landständische Genehmigung hierzu liege nicht vor. — Abg. Osann kann den Ausführungen des Abg. Schmitt nur voll zustimmen. Es müffe endlich einmal gesagt werden, daß im Richterstande eine Reihe von Herren seien, welche dem Publikum uad den Rechtsanwälten gegenüber nicht immer die richtige Buffaffung von ihrem Amt hätten. Die jungen Juristen würden sehr oft zu Schreibereien benützt, welche für ihre ArSbildnng nicht förderlich sei. Zu solchen Arbeiten möge mau sich der Schreibmaschine bedienen. Sehr viele Urthetle würden nicht von den Richtern, sondern von den HilsS- AerichtSschreiberu ausgefertigt. DaS fei sehr bedenklich. Er bespricht die im Jahre 1900 staitfindeude Einführung deS bürgerlichen Gesetzbuchs, und empfiehlt der Regierung, dahtn zu wirken, daß den Richtern über die wichtigsten Theile desselben besondere Vorlesungen gehalten werden. WünschrnSwerih sei eS auch, von der Regierung zu erfahren, wie weit die große Frage der Notariats Ordnung u. A. mehr gediehen fei. Man wiffe hier von gar nichts, und in den Kreisen der Rechtsanwälte stehe man völlig rathloS da. Hier müffe die Regierung aus
Feuilleton.
Die Demsskirung.
Humoreske von S. Halm.
(Schluß.)
Daß Local der „Teutonia" erstrahlte im hellsten Kerzen- glanz. Schon waren die Säle überfüllt. MarquiL Posa fdrttt mit Madame Gaus (Sene durch die Räume- eine Zigeunerin hing sich an den Arm eines Lieutenant-. Mephistopheles suchte ein Gretchen- ein weiblicher Pfau neckte einen würdigen Mönch, indem fie thm mit einer Pfauenfeder hold von hinten herum, bald von vorne oder von der Seite die Nase zu ktzeln suchte. Loheugriu stand tu einer Nische und trank Ehampagner- Sappho rhat sich an einer Portton Eie gütlich, wobei ihr ein König Philipp verliebt zusah.
Und to daS Gewoge der tanzenden, lachenden, schäkernden, wandelnden Paare hinein sprang plötzlich Hand tu Hand ein verspätetes Pärchen: Pierrot und Pierrette.
„Parbleu, eine reizende Kleine!" „Hat Temperament, sehen Sie nur, wie fie ranzt !" bewunderten ein paar Herren.
Beider Anzüge waren aus weißem Cachemir, Gewand und PierrotSmützen mit halbblauen PomponS garniri. Sie trug blaue Schlttfchen auf der Schulter- er hatte ein blaues Herz auf drr linken Brustseite geheftet.
DaS Paar erregte durch fttnä Au-gelaffenheit und seine anmurhtge Komik die allgemeine Aufmerkiamkett. BrsouderS ein H:rr, der in der Tracht wohl den Lord Bolingbroke ver- sinnbildlichen wollte, stch leider aber mit feiner etwas hageren laugen Gestalt wenig mit dem Scribe'schen Lord deckte, dieser Herr also schien ein ganz besonderes Wohlgefallen au der reizenden Pierrette zu finden. Er lächelte wohlgefällig unter seiner Maske und wandte keinen Blick von dem anmuthigru jungen Geschöpf. ,
„Sephi, beffjte um des Himmels Willen daran, Deine Sttmme zu verstellen und kurz vor zwölf finden wir uns vor der Garderobe zusammen. ES ist brffer, wir verschwinden vor der DemaSktruvg," rannte Heinz seiner Tänzerin zu.
ihrem AmtSgeheimniß herauStreten und völlige Klarheit schaff?«. Er be-pricht ferner den Stand der Hilfsgericht»- fchrriber, für die noch nicht in dem Maße, wie man es ihnen versprochen habe, gesorgt worden sei. Nach oben sei in auS- reichrndrm Maße gesorgt worden. Sobald aber eine Auf- befferung nach unten eintreten solle, sei kein Geld da. Mit 1200 Mk. könne ein Mann, der im Dienst ergraut sei, doch nicht auskommen. Mit den eingestellten 4000 Mk. zur Aufbesserung der Gehalte der HiisSgerichtSschreiber sei in keiner Weise etwas auzufauge», des trage Jedem noch keine 150 Mk. Ministerialrath Dittmar erwidert, daß die Angaben de» Abg. Köhler dahin richtig feien, daß eine jüdische Firma die Herstellung der Fußtafeln übervommen habe, da fie die Meistbietende gewesen fei. Conseffiouelle Rücksichten feien für die Zuiheiluug deS Zuschlag- bei der Regierung nicht maßgebend gewesen. Die Ausstellungen der Abgg. Osann und Schmitt bezüglich deS langsamen Fortgangs und der Geheimhaltung der Maßnahmen für Einführung deS bürgerlichen Gesetzbuches feien nicht richtig. Diese Maßnahmen feien in Vorbereitung und von der Großh. Regierung vorerst als interne Angelegenheit behandelt worden. ES fei schwer, hierüber jetzt schon etwa- zu sagen. DaS könne er aber sagen, daß hie Regierung die Aushebung deS Code civil beabsichtige, n. A. wehr. Bezüglich der HilsSgerichtSschreiber hege die Regierung dieselben Ansichten, wie fie vom Abg. Osann vertreten werden. Der Finanzausschuß habe aber die vom Justizministerium vorgesehenen Ausbefferungen als znm Beamtengefetz gehörig, vorerst abgelehnt. Die Anficht und Sorge für eine möglichst feierliche Eidesleistung theile er mit dem Abgeordneten Schmitt, allein reglementäre Bestimmungen ließen sich hier doch wohl nicht gut einführen. Auch der Auficht, die GerichtSgebäude in würdiger Weise herzustellen und auSzustatten, trete er voll und ganz bet. Bezüglich des Verhaltens einzelner Richter den Rechtsanwälten und dem Publikum gegenüber könne er vorerst nichts thun- ihm sei hiervon nichts bekannt und ohne Beweise könne er nicht Vorgehen. — Abg. Metz-Gießen betont, daß auch er manche Beschwerde dem Justizministerium unterbreiten müffe. Er frage, warum die Gerichtskosten auf dem Wege der Verwaltungsbehörden erhoben würden und wünscht eine Trennung deS Examen» für den BerwaltungS- und juristischen Dienst. Die Dtenftausficht bei den Landgerichten dürfe seiner Anficht nach etwa» schärfer gehandhabt werden und Bifitationeu öfters
„Sei ohne Sorge, mich soll keiner erwischen,- gab fie übermüthig zurück, und dann fich beim raschen Tanze wohliger in ihres Tänzer» Arm schmiegend: „Ach Hein-, wie glücklich ich bin, daS kann ich Dir gar nicht sagen! Mag daS ganze Leden auch ein Aschermittwoch sein, am heutigen Fastnachts- Dienstag will ich leben, und ich lebe wie im Himmel. Schade, daß wir so früh schon fort müssen!"
Auch Heinz seufzte. Lord Bolingbroke aber dachte im gleichen Augenblick: Schade, daß iS eS nicht wagen darf, die DemaSkirnng abzuwarteu — ich möchte doch zu gerne wiffrn, wie die reizende Pierrette da auSfieht. Ich denke mir, es ist ein süßer, kleiner Käser. Fast erinnert fie mich an ein gewiffrS keine» Fräulein- Figur und Hautfarbe ist dieselbe — aber natürlich so graziös ist fie beileibe nicht. Ob ich e» wage, mich ihr zu nähern? A bah, meine Alte liegt sicher daheim in den Federn und e» ist ja Marken- fteiheit. Wozu wäre ich denn auch hergekommen?"
So näherte er stch der besagten reizenden Kleinen und redete fie mit versttllcer Stimme an:
„Nun, reizendste aller Schönen, darf mau auch da» Vergnügen haben, Deine süße Nähe zu genießen?"
Heinz, der dabeistand, furchte die Stirn. Sephi aber sagte schnell, den Dialect der Mutter nachahmend, mit hoch- geschraubter Stimme:
„DöS darf fich schon a Jeder heut erlauben."
Reizend! dachte der Lord. Gerade al» wenn ich meine Alte al» überwüthigen Backfisch höre. — „Darf ich Dich um einen Tanz bitten, Schönste, wenn Du mich denn nicht zu bitten kommst?"
„Warum denn nöt, Mylord. I tanz goar z'grru, selbst wenn» mit an oaltes Mannerl ist!"
„Ei, ei, haft Du aber eine scharfe Zunge."
„Moinst?"
„Ei gewiß! Aber ich denke, Du kannst auch ander» flöten."
„Da täusch Di nöt, Mylord! I plausch allweil nur daher, wie mir der Schnabel gewachsen ist!"
vorgenommen werden. Bezüglich deS Entgegenkommen» btt Richter habe er in Oberhesftn nur gute Erfahrungen gemacht. Bei den Btfittationen möge man ältere Richter verwenden und den dienstausfichtführenden Richtern eine Localzulage gewähren. — Mnttsterialrath Dietmar sichert die Berückfichtignng der Wünsche deS Abg. Metz zu. — Abg. Schmitt tritt nochmals für Aufbesserung der Gehalte der HilfSgerichtSschreiber ein und ersucht die Regierung, hier eine entschiedene Besserung herbeizuführen. Hieraus werden die Verhandlungen um 1 Uhr abgebrochen. Fortsetzung der Be- rathungeu Dienstag Vormittag 10 Ubr.
2lu»lanö.
Wie«, 5. März. Nachdem aus Grund der neuen Studien-Ordnung für Frauen an österreichischen Universitäten bereit» mehrere Frauen und Mädchen da» medi- cinische Doctorat erwarben, legte nun von der Wiener Universität die erste Orsterreicherin die Lehramtsprüfung für Gymnafialsächer ab. Die Dame heißt Josephine Kämmerling. Sie bestand da» Examen mit bestem Erfolge und beabsichtigt an einer Lehrinnen-BtldnngSavstalt Stellung zu nehmen.
Rom, 5. März. Da» italienische Verfassung»' Jubelfest hat einen überau» würdigen verlauf genommen» Den Glanzpunkt bildete die Feier auf dem Eopitol, wohin fich da» KöuigSpaar und der Kronprinz nach Beendigung der Parade, von der Volksmenge überall begeistert begrüßt, begeben hatte. Im großen Saale des Lapitol» verlasen die Präsidenten de» Senat» und der Kammer die Äbreffe an den König, worauf biefer in längerer Rede antwortete. Er sprach zunächst seinen Dank au» für die ihm dar- gebrachten Huldigungen und wies auf die alte Größe Italien» hin, w^che ein Product der Gewalt gewesen sei. Die neue Größe sei aber ein Ausdruck des Rechtes und wie alles Recht, so sei auch daS italienische Rom unverletzlich. DaS Volk hege Vertrauen zu seinem Königshause und zu dem festen Willen deS Königs, daS Glück de» Lande» zu verwirklichen. Die Rede de» Köaig» wurde mit nicht endenwollendem Jubel aufgenommen.
Pari», 5. März. Im Duell zwischen dem Obersten Picquart und Henry wurde letzterer zweimal am Hand- gelenk verwundet.
„Nun, ich liebe die reine Natur am Mevschrn, wo ich fie immer finde."
Heinz war den Beiden gefolgt. Er wünschte den Pseudo- lord iuS Pfefferlaud. Sephi aber war bald wieder an seiner Seite.
„Hab ich recht gewacht, Heinz? Weißt Du, den bin ich für» Erste loS- ich habe ihm eben zu verstehen gegeben, daß mir nicht» an so einem alten „Schlanken", wie er ist, liegt."
Heinz lachte fröhlich. Sephi aber hatte fich in ihrer Voraussetzung doch geirrt. Immer wieder trat ihr der hagere Lord in den Weg. Er wich ihr kaum von der Seite. Heinz schäumte heimlich vor Wuih, wagte aber nicht, grob zu werden. Wer mag daS Gespenst nur sein? fragte er fich vergeben». Die Mitternachtsstunde nahte.
„Sephi, wir müffen fort," mahnte Heinz.
„Wie schade!" seufzte fie.
Bor der Garderobe trafen fie sich wieder- aber noch Jemand fand fich dort ein: Lord Bolingbroke. „Sie auch?" fragten alle drei wie au» einem Munde und alle blickten fich verlegen lachend an. Der Lord aber meinte: „Wie schade, nicht wahr, daß wir fort müssen. Aber könnten nicht wir wenigsten» un» voreinander dema»kiren?"
Sephi sah Heinz fragend an, den packte der Uebermuth. Er hätte den Lord doch gar zu gern demaSkirt gesehen.
„Bon!“ sagte er. „Aber ehrlich Spiel und Jeder gibt feto Ehrenwort, wer wir auch immer feien — unverbrüchlichstes Schweigen!"
Dann zählte Heinz: „Ein», zwei — drei!" und von zögernder Hand fielen die Masken. Ein dreifacher Ausruf des Schreckens folgte. Heinz und Sephi starrten wie entgeistert in da» Antlitz de» Herrn Oberlehrers Pieifchke- biefer aber stand wie zur Salzfäule geworben, regnuglo-, — Tableau!
Schon am nächsten Tage, am Aschermittwoch, feierte das junge Paar Verlobung. Herr Pietschke aber wurde ein sehr zahmer Schwiegerpapa--au» guten Gründen.


