Ausgabe 
8.1.1898 Zweites Blatt
 
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Samstag den 8. Januar

1898

Zweites Blatt.

Mr. 6

Meßmer Anzeiger

Heneral-Anzeiger

Anrts- und Zlnzeigeblutt fnv den ^itveis Greszen.

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. ierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr.

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen de- In« und Auslände« nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger -nfgtgen.

scheint ISgNch mit Ausnahme des MonlagS.

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Die Gießener Iamiklenvkätter »erde« bun Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlich«»' Thell.

Ausschreiben.

Gießen, den 4. Januar 1898. vetr.: Wahl eines BertrauenSmanne« der Müllerei BerusS- genoffenschast.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

au die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir benachrichtigen Tie hiermit, daß für den Bezirk des Kreises Gießen Hrrr Mühlendefitzer G. K. Zimmer ttt Grüuderg als BrrtcauenSmann und Herr Mühlen- besitzet Daniel Christ in Lollar als dessen Stellvertreter für die Zett vom 1. October d. I. bis dahin 1899 gewählt worden find, und daß der Geschäftsführer der rubr. Berufs- geuosienschaft, Herr Val. Feldmann in Frankfurt a. M., Moselstraße 29, als Beauftragter gemäß des § 82 des Un- fallverficherunoSgesrtzeS vom 6. Juli 1884 für den Lczirk der Section XI. bestellt worden ist.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es ist wiederholt vorgekommen, daß die bestehenden Reichs Telegraphenanlagen wegen Mangel an der nölhigen Vorsicht bet der Fällung von Bäumen, bet der AuSästung von Baumpflanzuugen, durch unvorsichtige« Anfahren, sowie in Folge Zertrümmerung der in den Telegrapheultniev be­findlichen Porzellan-Isolatoren durch Steinwürfe rc. derart beschädigt worden find, daß Störungen und Unterbrechungen des TelegraphenbetriebeS eintreten.

Da die Beschädigung, bezw. Gefährdung der zu öffent­lichen Zwecken dienenden Telegraphenaulagen gemäß der §§. 817 und 318 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich strafbar ist, werden im Nachstehenden d e bezeichneten Paragraphen zur Nachachtung und Warnung hiermit in Er­innerung gebracht.

§. 817.

Wer vorsätzlich und rechtswidrig den Betrieb einer zu öffentlichen Zw cken dienenden Telegraphenavlage dadurch verhinden oder gefährdet, daß er Thetle oder Zubehörungen

derselben beschädigt oder Veränderungen daran vorntmmt, wird mit Gefänglich von einem Monat bis zu drei Jahren bestraft.

§. 318.

Wer fahrlässigerweise durch eine der vorbezeichneten Handlungen den Betrieb einer zu öffentlichen Zwecken dienen­den Telegrapheuanlage verhindert ober gefährdet, wird mit Gesäugniß bis zu einem Jahre oder mit Geldstrafe bis zu neunhundert Mark bestraft.

Gleiche Strafe trifft die zur Beaufsichtigung und Be­dienung der Trlegraphenaniagen und Zubehörungen ange- stellten Personen, wenn sie durch Vernachlässigung der ihnen obliegenden Pflichten den Betrieb verhindern oder gefährden.

§. 818 a.

Die Vorschriften in den §§. 317 und 318 finden gleich­mäßig Anwendung auf die Verhinderung des Betriebs der zu öffentlichen Zwecken dienenden Rohrpostanlagen.

Unter Telegraphenaulagen im Sinne der §§. 317 und 318 find Fernsprechanlagen mitbegr ffen.

Gießen, den 5. Januar 1898.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Ga gern.

Bekanntmachung.

Betr.: BaumwärtercurfuS pro 1898.

Der Obstbau Lurfu« für Baumwärter zu Friedberg be- ginnt am 14. März d. I. und dauert zehn Wochen, und zwar fieben Wochen im Frühjahr, zwei Wochen im Sommer und eine Woche im Herbst. Die Theilnehmer müffen ein Alter von mindestens 16 Jahren besitzen.

Theoretischer Unterricht von 10 bis 12 Uhr- Uebungeu im Obstbau und praktischen Arbeiten finden statt von 7 bis 10 Uhr und 2 bis 6 Uhr täglich.

Honorar 20 Mk. sür Private und Nichthesseu- Schüler auS Hessen, welche von landwirthschaftlichen BezirkSvereinen, Gememdeu rc. geschickt werden, find honorarfrei. Zur Sub- ventionirung von jungen Leuten, welche an diesem Obstbau- EursuS Thetl nehmen, sind Mittel in dem Voranschläge deS landwirthschaftlichen BezirkSvereinS vorgesehen. JmLoncurrenz- salle werden die Gesuche der bedürftigeren jungen Leute berücksichtigt. Vorgesehen find je 100 Mk. Subvention für einen Schüler.

Gesuche nm Bewilligung der Subvention find an die Großh. Bürgermeistereien bis 1. März l. I. einzureichen. Die Großh. Bürgermeistereien werden ergebens! ersucht, diese Gesuche mit einer Aeußerung über daS Alter, die Vermögens- Verhältnisse der Nachsuchenden alsbald an den Unterzeichneten einzusenden.

Gesuche von jungen Leuten auS Orten der Sparkaffe­bezirks Grünberg sind an die Direktion der Spar- und Leih- kaffe zu Grüuberg dtrect eirzusendeu.

Gießen, den 5. Januar 1898.

Der Director des landwirthschaftlichen BezirkSvereinS.

C. Jost, RegierungSrath i. P.

Bekanntmachung,

betreffend: Die polizeilich-technische Revision der Maße und Gewichte.

Zar regelmäßigen Abwicklung der Vorprüfung der Maße und Gewichte wird den Interessenten empfohlen, die in ihrem Gewerbebetriebe zur Benutzung kommenden Maße und Ge- wtchre dem Atchmetfter, deffen Aichtage von jetzt bis zum 1. April I I. außer Freitag auch Montags und Mitt­wochs stattfinden werden, bezirksweise in nachstehender Reihenfolge zur Vorprüfung zu überbringen:

1. In der Zeit vom 10. bis 22. Januar l I.: Kreuzplatz, SelterSweg, Maigaffe, Plockstratze, TeufelSlustgärtchen.

2. In der Zeit vom 22. Januar bis 7. Feb­ruar I. I.: Marktplatz, MäuSdurg, Ktrchenplatz, Lindenplatz, Schulstraße, Schloßgafie, Kaplaneigaffe, Wageogaffe, Wetiergaffe, lUrchstraße, Burggrabeo.

3. In der Zeit vom 7. bis 20. Februar I. I : Mu^k.strotze, Rtltergaffr. Neustadt, Mühlgaffe, West­aulage, Hammftraße, Lahnstraße, Rodhetwerstraße, Krofdorferstraße, Hardt.

4. In der Zeit vom 20. Febr bis 5. März l. I : Bahnhofstraße, Ttefenweg, KaplauSgaffe, Karharinea- gaffe, Löwengaffe, Wolkeugaffe, Schanzeuftraße, Franksurterstraße, Altcestraße, Wtlhelmstraße, Llebtg- straße, Leihgesternerweg, Ricgelpfad, Au den Bahnhöfen.

5. In der Zeit vom 5. bis 18. März l. I.:

Feuilleton.

Flirt.

Novellette von M. C. Carpenter-Meyer.

(Schluß.)

Lydia erwachte früh nach einem unruhigen, fieberhaften Schlaf, schnell erhob sie sich, denn sie mußte entschlossen handeln.

Ihr Blick fiel auf den blitzenden Ring an ihrer linken Hand.

Erich Herder, dem sie, nachdem er fie zuerst geküßt, um die ganze Welt gefolgt wäre, mußte weichen, vergessen werden, denn er war arm, ein junger, talentvoller Künstler, deffen Werke noch wenig bekannt und wenig gekauft waren, ihr Entschluß stand fest, fie mußte handeln. Wie sollte sie ihn benachrichtigen? Ein Bote? Wen? Ein Tele­gramm ? Wohin? Nein, fie mußte daS Opfer bringen, selbst zu gehen, ja, e» war daS Beste so, und schnell, aber äußerst sorgsam, machte sie Toilette, um gegen 9 Uhr, sehr zur Verwunderung der Zose, bereits zu einem kleinen Morgenspaziergange daS HauS zu verlassen, eS war daS einzig Richtige. Bor 11 Uhr war Tante Rosa nach einer Ballvacht niemals zu sprechen, vorher konnte auch HauS Kühne nicht kommen, und lächelnd ging fie die Straße entlang bi« zum Tattersall, wo fie in den dort harrenden Wagen einstieg.

Au der Ecke folgte ihr Erich Herder, der ernst und überwacht außsah und ihr liebevoll forschend in die Augen blickte und fie küßte.

Sie schwiegen nach einigen ausgetauschten Redensarten Beide, ein Jedes von ihnen war bewegt, wenn auch aus so verschiedenen Gründen- endlich sagte sie:

.Erich, hast Du auch alle Papiere und die BtlletS, und ahnt auch Niemand etwa«? Ach Gott, Erich, liebst Du mich auch wirklich genug, um mir Deine Freiheit zu opseru und Dir die Sorge für eine Frau aufzubürden, Du weißt, ich hin arm"

Erich Herder fah fie fragend au.

Lyddie, wie kommst Du fitzt ans diese Frage? Du hattest nie früher Sorge darum. Genügt mein Talent nicht, um uns Beiden eine einfache, aber schöne Zukunft zu sichern, ich werde arbeiten für Dich, Lyddte, arbeiten, schaffen, und Du wirst meine Muse fein, dte mich begeistert und anspornt."

Lydia begann zu verzweifeln - wie thöricht die Männer doch find.

Ja, Erich," begann fie von Neuem, zärtlich flch au ihu schmiegend.DaS Leben ist so hart, und wenn er Deine Kunst lähmte, der Kampf umS tägliche Brod, Du giebst alles auf"

Der Mann fah ihr ernst in die Augen.

Lydia," sagte er,was hat Dich geändert seit gestern? Noch vor vierundzwanzig Stunden war Dir meine Liebe daS Höchste in der Welt, und jetzt, Lyddte, warum zweifelst Du au meiner Liebe, an meinem Wollen und Können?"

Lydia senkte den schönen Kops.

Erich," sagte sie endlich leise, zögernd,gieb mich frei, es ist das Beste so, ich könnte nicht in Armuth und Entsagung leben und auch Du würdest zu Grunde gehen*

Wer ist es?"

TouloS fast klingt feine Stimme.

Erich, so leicht gibst Du mich auf?"

Schluchzend ringt e« sich von ihren Lippen.

Ich gäbe Dich auf? Nein, Lydia, Du gabst mich auf, Du hast mich seit gestern aufgegeben. Du mich Um wen?"

Sie kämpfte sichtlich, endlich sagte fie leise: »HanS Kühne."

Er lachte schrill und hart.

Ah, deS Hamburger ActienkönigS Sohn, der enragierte Amerikaner, und Lydia, Du glaubst, daß der, der so vielen Mädchen vor Dir Liebe geschworen und Treue ge- brochen, eS im Ernst meinte, Dich zu hetratheu, Dich, ein armes Mädchen? Er wird auch Dich betrügen, wie jene."

Ein wilder Triumph leuchtet in Lydia« Auge, fie zieht den Handschuh ab und auf den funkelnden, gleißenden Ring deutend, fagt fie:

Dn irrst, die« ist sein VerlobungSring."

Weib! Lydia, und mit dem Ring eines Anderen am Finger, mit dem Kuß eines Anderen auf den lügnerischen Lippen kommst Du zu mir?"

Furchtsam duckce fie sich in die Ecke deS Wagen«, seine Augen funkelten so unheimlich - wie schwer die Männer alles nehmen I

Sie versuchte ihre Hand auf seinen Arm zu legen, und ihm fich nähernd, sagte fie:

Erich, verzeih wir doch, glaube mir, es ist daS Beste so, ich könnte nicht in Einfachheit leben, ich werde HanS Kühne heiralhen, aber glaube, ich liebe nur Dich allein."

Flehend find ihre Augen auf ihn gerichtet, in diesem Moment glaubt fie selbst felsenfest an daS, was fie sagt.

Lydia, geh, geh, ich vergesse, daß Du ein Weib! Steig auS!" sagte er gebieterisch und gibt dem Kutscher ein Zeichen zum Halten.

Erich," fleht fie noch einmal und legt alle«, was ihre egoistische Natur an Liebe besaß, in ihre Stimme,verzeih mir, ich will nicht so von Dir gehen, küsse mi« noch einmal, zum letzten Male!"

Sie bietet ihm ihre rosigen Lippen.

Elende, geh, mich hast Du um ihu verrathen, ich will Dir nicht helfen, ihn um mich zu verrathen, geh!"

Wild rollen seine Augen, Leichenblässe bedeckt sein Gesicht.

Lydia steigt au«, der Wagen fährt langsam weiter. Erich Herder ist dem Wahnsinn nahe. Und er sieht ihr nach, wie fie dahin geht, elegant, leicht lächelnd, als fei nichts geschehen. Bor einem Schaufenster bleibt fie stehen und ordnet die ver­schobenen Stirnlöckchen, dann hebt fie kokett da- Kleid, er meint da« Rauschen der Seidenröcke zu vernehmen, meint den heißen Blick zu sehen, den sie der beiden vorübergehenden, sie ehrfurchtsvoll grüßenden Offizieren zuwirft.

Eine der Rosen, die er ihr gebracht und die fie zwischen die Knöpfe ihre- Sealjackett« geschoben, fällt zu Boden, achtlos tritt ihr Fuß darauf-- seine Rose und sein

Herz--und heiße Thränen entquellen seinen brennenden

Augen--

Dieses salsche, herzlose Weib, o wie habe ich eS ge­liebt und liebe es noch!"