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8.1.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 6 Erstes Blatt Samstag den 8. Januar

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Fernsprecher Nr. 51.

Deutscher Erfolg in China.

Schneller, als man erwarten durste, ist die deutsch- chinefische Angelegenheit geregelt worden. Die hierauf be­zügliche Mittheilung des ReichSanzeigerS kam völlig über­raschend, da Niemand glauben konnte, daß die Affaire bereits ihre Erledigung finden würde, ehe das unter dem Befehl des Prinzen Heinrich nach Ostafien unterwegs befindliche Geschwader vor Ktao-Tschau Anker geworfen hätte, umsomehr alS der Gang der Verhandlungen mit der chinesischen Regier­ung sich von jeher als ein äußerst schleppender erwiesen hat, und es immer schwierig gewesen ist, von China Zugeständ- niste zu erlangen. Unsere Regierung muß der festen Ueber- zeugung von vornherein gewesen sein, daß die Angelegenheit ohne jede Complication mit anderen Mächten sich regeln lasten würde, denn sonst hätte fic sich kaum so kühl den Anzapfungen von englischer Seite gegenüber verhalten, welche uns allerlei Gefahren an die Wand malte, die unser Vor­gehen in Ostafien mit sich führen würde.

Wie wir wiffen, ist die deutsche Expedition von dem weitaus größten Thetle des Volke« freudig begrüßt worden - nach dem Bekanntwerden deS Vorhabens machte sich sofort ein frischer nationaler Zug bemerkbar, der in einer lebhaften Autheiluahme deS Volks an dem Unternehmen seinen Aus­druck fand. Deutschland muß seinen Platz unter den Völkern bewahren, daS ist die Ansicht aller nationalgefinnten Kreise, eS muß die seinen Landsleuten in fernen Gebieten zugefügten Beleidigungen rächen und unserem Handel und unserer In­dustrie neue Wege öffnen und neue Märkte erschließen. Daß dies heute bei der scharfen Coucorrenz, welche die Mächte sich gegenseitig machen, äußerst schwierig ist, liegt auf Hand denn fast überall, wo wir noch anklopfen konnten, heißt es besetzt". Das große, bisher noch so wenig erschlossene chinesische Reich bot noch solch' einen Punkt, auf den wir unsere Hände legen durften, denn China ist unS noch immer die Zahlung der Rechnung schuldig geblieben, die wir ihm für unsere wirksame Unterstützung bet dem Frieden von Shimonesek übersandt haben. Alle übrigen dabet bethetligten Länder hatten bereits Eorschädigung erhalten, Rußland im Norden, Frankreich im Süden, nur Deutschland war noch leer auSgegangen.W«r beanspruchen ebenfalls unfern Platz in der Sonne, ohne Jemanden verdrängen zu wollen-, so sagte StaatSsecretär v. Bülow im Reichstage in se ner Jungfernrede, als er wegen der Expedition interpelllrt wurde. Aber er führte schon damals aus, daß wir mit China in einem freundschaftlichen Verhältniffe leben, welches voraus­sichtlich durch daS Vorgehen Deutschlands nicht gestört werden würde. Und er hat Recht gehabt- streng nach den Be­stimmungen deS Völkerrechts haben ro t unsere neuen Be­ziehungen zu China durch einen Vertrag geregelt, der von großer Vorsicht und Umsicht zeugt, Deutschland große Vor- theile gewährt und dabet doch dar Ansehen Chinas in keiner Weise herabwürdigt. Mag auch baß WortPachtvertrag" nut formell gebraucht worden sein, und die ganze Angelegen­heit thatsächlich auf eine wirkliche Erwerbung der Kiao-Tschau- bucht hinauSlaufeu, so ist gegen den Vertrag doch von keiner Seite eine Einwendung zu machen, er geht nur Deutschland und China an- England wird jeder Vorwand genommen, sich benachtheiligt zu sehen, ebenso hat Japan keinen Grund, unserem Vorgehen irgendwie Mißtrauen entgegenzusetzen. Der Abschluß deS Vertrages bedeutet unzweifelhaft einen Sieg der deutschen Politik gegenüber der englischen, denn England hat Alles aufgeboten, die Schritte Deutschlands zu Lurchkreuzeu.

Auf friedlichem Wege haben wir also eine Errungen­schaft gemacht. Ohne prahlerische Vorbereitungen haben wir mit festem Entschluß uns eine Interessensphäre in Ostafien gesichert, die unserem Handel eine Basis schaffen soll, auf welcher er sich au-dehuen und entwickeln kann. Nicht auf einen Läudererwerb ist eS abgesehen, sondern, wie es im Vertrage ausdrücklich heißt, auf Erlangung eines Stützpunktes für Handel und Sch fffahrt- und die Berechtigung dieses Wunsches wird von China besonders anerkannt.

Wir haben schon mehrfach Gelegenheit gehabt, auf die feste, zielbewußte Polst ' hinzuweisen, welche augenscheinlich wieder von deutscher Seite betrieben wird- der Erfolg in Ziiao-Tschau ist ein Zeichen derselben. Mit froher Zuversicht können wir in die Zukunft blicken, da ersichtlich unsere Re­gierung nicht geneigt ist, fich auf eine Abenteuerpolitik ein- zulaffen, sondern bei allen Gelegenheiten umsichtig und mit Vorbedacht vorzugehen. Diese Erkenntniß wird auch da» Ausland erlangt haben und dazu beitragen, unser Ansehen im Rathe der Völker zu heben, unfern Credit zu steigern

und unserem Handel und unserer Industrie neue Wege zu ebnen im Jntereffe der Gesammtheit des deutschen Volke», (xx)

Deutsches Reich.

Berlin. 6. Januar. Der Kaiser hörte heute Vor­mittag den Vortrag deS Chefs de» Militär-CabinetS, Gene­rals v. Hahnke.

Berlin. 6. Januar. Prinz Heinrich setzte nach der für seine Ausreise festgesetzten Segelordre bereits heute mit derDeutschland" von Port Said aus die Reise durch den Suezcaval fort. Da» nächste Reiseziel ist Aden, da» am 12. d. MtS. erreicht wird. Nach eintägigem Aufenthalt da­selbst geht Prinz Heinrich alsdann nach dem indischen Ocean in See.

Berlin, 6. Januar. DaS Befinden de» Fürsten Bis­marck ist neuerdings, wie derLocalanzeiger" aus Fried­richsruhe meldet, befriedigend. Die Schmerzen In den Füßen haben nachgelaffen und auch daS Gesammtbkfinden hat fich gehoben.

Berlin, 6. Januar. Auch in diesem Jahre scheint eine Zusammenkunft deS Deutschen Kaisers mit dem Zaren in AuSficht genommen zu feto. Wie derLocal- anzetger" aus Kopenhagen meldet, wird da» rusfische Kaiser­paar anläßlich deS 80. Geburtstage» de» König» lm April d. IS. dort anwesend sein und voraussichtlich mit dem Deutschen Kaiser zusammentreffen.

Berlin, 6. Januar. DaS StaatSwinisterium trat heute Nachmittag 2 Uhr in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen. Es handelte fich um die Durch- berathung von dem Landtage zu unterbreitenden Vorlagen. Die Nachricht, daß Finanzminister v. Miquel dem Kaiser über eine Novelle zum VereinSgesktz Vortrag gehalten habe, wird von einer Berliner Correspondenz insofern bestätigt, als thatsächlich im Ministerium de» Innern eine solche Novelle ausgearbeitet worden sei.

Berlin, 6. Januar. Wie verlautet, ist die bekannte Ein­gabe der Berliner UniverfitätSprofefforen an den akademischen Senat um Verwendung zur Herbeiführung einer staatlichen Unterstützung für Errichtung volkSthümlicher Hochschul- curse abschlägig beschieden worden. Der Gedanke soll jetzt in anderer Form Gestalt gewinnen.

Berlin, 6. Januar. Zu dem Gerücht über eine geplante Novelle zum Vereinsgesetz schreibt diePost": Nach unseren Informationen darf eS als vollständig ausgeschloffen erachtet werden, daß die Frage, ob eine Novelle zum Bereins- gesetz abermals dem Landtage vorzulegen ist oder nicht, über­haupt an maßgebender Stelle noch zur Erörterung steht. Wir würden begreift ch finden, wenn nach der Ablehnung der vorjährigen Vorlage daß Sraatöministerium fich bei seinem Wiederzusammentritt nach den Gommerferien nochmals mit der Frage beschäftigen würde, ob eine neue Novelle vorzu­bereiten wäre oder nicht. Ader nach dem, waS wir erfahren haben, scheint eine Entscheidung darüber und zwar in ver­neinendem Sinne schon vor längerer Zeit gefallen zu fein. Die Erklärung, die der Herr Reichskanzler In der Reichstags- fitzung vom 11. December zur Vereinsgesetzfrage abgegeben hat, dürfte als eine Bestätigung dessen anzusehen sein.

Berlin, 4. Januar. Ueber die Pariser Welt-Au»- stellnng und die dort beabflchtigten Einrichtungen machte der ReichScommissar in einer in Berlin abgehaltenen Ver­sammlung von Vertretern deS deutschen Jngenieurberuf» einige nähere Mittheilungen, die von derDeutschen Bauztg." wiedergegeben werden. ES sollen in der Ausstellung 18 Fach­gruppen gebildet werden, für deren jede ein befondere» Ge­bäude bestimmt ist- doch find die Gebäude mehrerer Gruppen zufammengezogcn worden- die deutsche Ausstellung erscheint oarnach an 15 bi» 16 Stellen deS AusstellungS-GebieteS. Letzteres erreicht bei 109 Hectar Größe noch nicht die Hälfte der Größe der Chicagoer Ausstellung. Man hat auch die Enge der Ausstellung in Paris lebhaft empfunden und Er- weiterungSpläne in Betracht gezogen, für die aber da» Ge­biet weit außerhalb der Stadt gesucht werden muß- e» ist sogar an die Verlegung eine» Stücke» der Ausstellung nach Versailles gedacht worden. Aber es scheint wenig AuSficht für ErweiternngSpläne vorhanden zu fein. Die Haupt- fchwierigkeit geht von der Stadt Paris aus, die für das Ausstellungswerk 20 Mill. Fr», hergibt, daran aber die Er­wartung eine» entsprechenden Nutzens knüpft, den sie ge­schmälert steht, wenn Thetle der Ausstellung nach außerhalb verlegt werden. Dte räumliche Trennung der Gruppen bringt neben dem Vorzüge der leichten Ueberficht über ein bestimmtes

Gebiet mehrere Nachtheile für die Aussteller mit sich. Neben dem breiten Raum, den Frankreich belegt, werden die engen Plätze der fremden Nationen in ihrer Wirkung sehr herab­gedrückt. Die Schaffung großer wirk'amer Gesammtbilder ist erschwert- e» werden vorwiegend Einzelbilder entstehen, mit welchen keine großen Eindrücke zu erzielen find und die trotzdem kostspielig werden- es ist auch möglich, daß bei dem Hineinpreffen großer und kleiner Ausstellungsstücke in den­selben engen Raum recht ungünstig wirkende Ausnutzungen desselben entstehen. Hierbei ist insbesondere daran zu denken, daß- mit Ausnahme der Motoren gewiffer Arten keine Zusammenfassung der Maschinen zu einer gemeinsamen Aus­stellung stattfindet, vielmehr alle Specialmaschinen In den be­treffenden Gruppen mit zur Ausstellung kommen. Der Reichs- commiffar warnt davor,breit" auszustellen- die auf Local- AuSstellungen sehr begründete Breite gehöre auf Welt-AnS- stellungen nicht. Auf diesen sollte nur daS zur Schau ge­bracht werden, was für Besucher anS dem AuSlande Jntereffe erregt und zur Förderung des Verkehrs mit dem AuSlande dienen kann, wogegen Alle», was nur auf den engeren heimischen Kreis berechnet ist, fern bleiben muß. ES müffe bei der Auswahl unserer Ausstellungsstücke ferner die Eifer­sucht beachtet werden, mit der besonders seitens Frankretch» und England» die deutsche industrielle Entwickelung Über­wacht wird. Minderwerthe Ausstellungsstücke würden ge­radezu schädigend wirken- jede» englische und französische Winkelblättchen würde davon Anlaß nehmen, die Leistungs­fähigkeit Deutschland» herabzusetzen.

Straßburg i. S., 6. Januar. Heute Nachmittag um 4Vs Uhr stürzte ein vierstöckiger Neubau am alten Weinmarkt, der lediglich auS Eisen und Hausteinen aufgeführt war, in sich zusammen. Die Ursache deS Unfalls tst unbekannt. Zwei Tobte, drei Schwerverwundete und sechs Leichtverwundete sind geborgen, einige Personen werden noch vermißt. Die Feuerwehr besorgt mit großer Aufopferung die im höchsten Grade gefährlichen Rettungsarbeiten. Der Einsturz der stehengebliebenen Theile wird jeden Augenblick erwartet. Der kaiserliche Statthalter Fürst zu Hohenlohe- Langenburg begab fich sofort an die UnglückSstelle.

Tiedenhofe», 6. Januar. Gestern stürzte in der Friedenshütte in Knenttlingeu der Schornstein eine» Hochofens ein. Bisher wurden sechs Todtt und drei schwer Verletzte unter den Trümmern hervorgezogen.

München, 6. Januar, von der au» Rom gemeldeten angeblich bevorstehenden Verlobung de» Grafem von Turin mit einer bayerischen Prinzessin ist hier in unterrichteten Kreisen nichts bekannt.

Mannheim, 6. Januar. Amtlich wird gemeldet: Heute Vormittag 91/* Uhr entgleisten fünf Wagen vom Schluß de» Zuge» 562 bei der Ausfahrt auS der Station Gerns­heim an einer Weiche. Beide Fahrgeleise waren gesperrt, daS östliche Nachmittags um 1 Uhr wieder fahrbar. Die Reifenden mußten umsteigen. Die Personenzüge erlitten zwei Stunden Verspätung. Personen wurden nicht verletzt. Da» östliche Geleise wurde durch die umgefallenen Wagen auf 50 Meter lang zerrissen. x

Arislaud.

Prag,6. Januar. Die Führer der Jungtschechen find für morgen Vormittag zur Conferenz mit dem Minister- Präsidenten Gautsch nach Wien eingeladen worden.

Rom, 6. Januar. Wie die Blätter melden, herrscht unter der unter italienischer Herrschaft stehenden Bevölkerung in Erithrea die größte Unzufriedenheit. Die Bevölkerung droht, fich zu erheben.

Benedig, 6. Januar. Auf dem adriatischen Meere herrscht großer Sturm. Man befürchtet Schiffbrüche. Ein Lloyd- dampser ist mit fieben Stunden Verspätung eingetroffen.

Paris, 6. Januar. Der bekannte Historiker Senator Hamel ist gestorben.

London, 6. Januar. In einem Artikel Über die Kiao- Tschau-Angelegenheit sagt dieTime»":Wir dürfen annehmen, daß Deutschland die Pachtung von Kiao-Tschan, waS alle practischen Zwecke anlangt, al» endgiltige Abtretung in voller Souveränetät betrachtet, und die Chinesen im Grunde ihre» Herzen» derselben Meinung find."

Belgrad, 6. Januar. Wie amtlich gemeldet wird, ist Exkönig Milan zum Commandanten des activen Heere» ernannt worden.

Athen, 6. Januar. Der Kriegsminister verbot nochmals auf da» Strengste die Betheiligung der Offiziere an geheimen Gesellschaften.