Ausgabe 
7.12.1898 Erstes Blatt
 
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General-^lnzeiger

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Tkveis Gieren.

Auslund»

No«, 6. Decewbrr. Ja vaticauischeu Kreisen verlautet, daß Don Carlo« da» vo« Papste unterstützte Anerbieten der Königin Regentin von Spanten, durch eine Heirath seine» Sohne» mit der Jnsautin von »starten eine Versöhnung der beiden Dynastien herbeizusühren, abgelehot habe.

No«, 5. Dfctmber. Wie gemeldet wird, soll fich die Anarchisten - Conserevz gegen die gegenseitige Ver­pflichtung zur Au»lieseroag ausländischer Anarchisten au»- gesprochen Haden. Dagegen sollen scharfe Maßregeln gegen die anarchistische Prefie accrptirt worden sein.

Pari», 5. Decemder. In der Umgebung Frryc!vet» wird verfichert, oas Kriegsgericht werde freiwillig die Vertagung de» P'equart'Proeesse» beichließeo.

Pari», 6. December. Die Pi cquart-Frage hält da» politische Pari» fortgesetzt in Athem. Am Samstag sand eine große Versammlung unter Vorsitz von Durlaux vom Institut oe France zu seinen Gunsten statt. Alle Redner, unter denen fich Allemane, der Professor der Medizin Laugloi», Aaatole France, Paul Reclu», Buiffon und Reinach defaodeu, verlangten die Abschaffung des kriegsgerichtlichen Verfahren». Die Versammlung sprach Pttq mit ihre Be­wunderung an». Nach Schluß zogen mehrere Tausend Theil- uehmer vor da» G däude der »13 bte Parole" und brachte« dort Hochrufe auf Picqiart au». Eine Anzahl Gegner der Revision de» Drehfus Prozr ffes antwortete mit Gegenrufeu, u d e» kam zu Raufereien. Die Polizei trieb die Schaaren auseinander. Neuerdings Hai Picquart an den Eaffations- hof eia G iuch, betreffend die Zuständigkeit der Gerichte ein- gereicht. Jedevfall» wird der CuffationShof über da» Gesuch Picqrart» entscheideu müffln, weshalb die Be'tagnug de» Prozesse» wahrscheinlich ,st. Der sociaiist'sche Deputirte Paschal Grouffet kündigt eine Jnterprllation an über die verbrecherischen Beziehungen ehemaliger und gegenwärtiger Beamten de» Kriegsmtatstertum» zu etoem Royalisteoblatte, welch:» mittel» eine» gefälschten Briefe» zuerst Kaiser Wilhelm H, bann die russische Botschaft und endlich die österreichisch ungarische Botschaft in die Dreyfussache hinein- gezogen habe.

Londe«, 5. Dccember. »Daily News" melden au» Rom: Der Papst habe einen Brief an deo Pater Martin gesandt, «e ch:r augenblicklich in Spanien einen großen Einfluß auf da» Volk ausübt und ihm anempfohlen, dem Volke die BeobaLtung de» Frieden» zu predigen.

Lendo«, 5 Drcrmber. Der Berliner Correspondeut de» »©tanbaib" lenkt die Aufmerksamem auf die Commeutare der demscheu Blätter bezüglich der Besetzung Aegypten» durch England. Dir «eisten deutschen Blätter seien darüber einig, daß diese Besetzung ungerecht sei. Sie erklären, daß England so lauge nicht au» Aegypten verdrängt werde« könne, al» e» die Beherrscherin auf dem Mittilweere sei. E» sei daher nöthig, daß fich die europäischen Mächte zu- sammenihuv, um diese« Zustande ein Ende zu wachen.

Konstutttiopel, 5 December. Nach einer Vlä'termelduug wurden vte Ao, stäubt scheu in bei Provinz Neman von türk.scheu Trnpp-.n vollstäubig geschlagen. Die befestigte« P ätze Schafil und Fafcch würben eingenommen.

Ein großer Plan zur Englischmachuug der wiedereroberteu Subaoprootuzen ,st unter ber Aegibe Lord Sitchener», be» so sehr gefeierten Hrlceu von Ombur- mau, der O'ffentlichkett unterbreitet worden. E» soll i« Khartum, wie bereit» gemeldet, unter dem Namen »Borbou Meworial College" eine Lehranstalt errichtet werden, a« welcher zunächst die Kiuoer der befferev Familien, allmählich aber weitere Kreise der herauwachsrudeu Geschlechter, und zwar vorerst unentgeltlich, später gegen mäßige» Schulgeld

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Gnüisdeiülgk: Gießener JFamtlitnblätttr. |SSK"*

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Deutsche» Reich.

M.P.C. Berit«, 6. Drcrmber. Die Frage kann bi» zu einem gew'ffen Grade auch jetzt noch al» eine offene betrachtet werde«, ob r» räthlicher sei, einen besseren Schutz ber Arbett»«illigeu auf be« Wege ber Grwerbeorbnuug oder ber allgemeinen Strafgeirtzgebung herbeizusühren. Sollte die letztere Anffaffaog znm Siege gelangen, wo» nach Lage der verhältniffc augenblicklich nicht sehr wahrscheinlich ist, so würbe eine Ergänzung ber Bestimmungen übet die verbrechen nab vergehen wider bie persönliche Freiheit in Frage kommen. I« anderen Falle stände die Lösung der vielbesprochenen Aufgabe mittelst der Erweiterung de» § 163 der Gewerbe- ibnune in erwarten.

M.P.C. Berit«, 6. December. Bekanntlich wurde unlängst eine aus Mitgliedern verschiedener preußischer Ministerien zusawmengeirtzte Cammisfiou nach Oesterreich-Ungarn entsandt, um die Biehmarktsverhältnisse namentlich in den beiden Reichshauptstädten ber österreichisch-ungartschen Doppel- Monarchie za stnbiren. Ja Wien und in Pest ist man vor wie nach geneigt, fich ber Hoffnung hinzugeben, im Zusammen- Hang mit dieser Jnfolmattonsreise werbe eine Eeleichtetung ber vieheinsuhr nach Deutschland sehr bald Platz greifen, wir glpudeu gut unterrichtet zu sein, wenn wir der Meinung Ausdruck geben, daß eine solche Hoffnung sehr schwach be­gründet sei. Es fehlt in Oesterretch-Uvgarn nicht ttwa an dem guten Willen der oberen Instanzen, die hhgiinische vteh- «ntersuchung auf einen defferen Stand zu bringen; indessen gebricht es durchaus an den Hilfskräften und Ausfübrung»' organen, die im Stande wären, dem guten Willen der Oberen zur richtigen Nachachtung zu verhelfen.

Berlt», 5. December. Nachdem in der deutschen Marine eine neue Chargenbezeichunug etngeführt worden ist, indem an Stelle ber vor mehreren Jahren geschaffenen Bezeichnung »Corvetteucapttän mit Oberstlieutenanlsrong" bie Bezeichnung »Fregattencaptläa- tritt, haben wir in bet Marine jetzt solgenbe Chargen: Unterlteuteoant zur See (Srconbe- Ueutenaut) Lieutenant zur See (Premierlteutenart), Capttän- lieutenant (Hauptmann), Corvettenecpitän (Major), Fregatten- eapttän (Oberstlieutenant) und Eapilän zur See (Oberst), Eontreadwttal (Generalmajor), Vizeadmiral (Generallieutenant) und commnnbUenber Admiral.

M.P.C. Berlin, 5. December. Auf brm Gebiete ber Beleuchtuugstechntk ist ein großer Wetteifer rege, nm bie beste Spiritusglüdlichtlampe zu coustrutren. Einst- weile« aber bildet die Höhe des Spirttuspretses ein Hinder- «, um die Verwendung des Spiritus an Stelle von Breun- »len augezeizt erscheinen zu laffeo. D e Laodwirthschast ist natürlich mir den hohen Spirituspreisen ganz zufrieden.

M P C. Berlin, 5. December. Die vom Minister für Handel und Gewerbe nnici« 20. September d. I. erlaffene Verfügung wegen Auflösung dezw Schließung kleiner Juuuugen wird voraussichtlich bald zurückgenommeu «erden, virß dürfte wefevtlich zurückzuführen fein auf das energische Vorgehen des Vorstandes vom Central Ausschüsse der ver- einigten JuuungSverbände Deutschlands, welcher io einer Vorstellung au den Minister auf die folgenschweren Wirkungen des Erlaffes hinzuweisen fich verpflichtet erachtete. Die auf vrranlaffung der Provinz^aldehörden Seitens vieler Ausfichts- behördeu an eine große Anzahl von Innungen erlaffearn Verfügungen, biouru eiurr bestimmteu Frist fich über ihre Auflösung schlüsfig zu machen, dürften demnach schon in aller­nächster Zett als gegenstandslos zurückgezogen werden und damit die den Innungen gesetzlich gewährleistete Fr,st dis zu« 1. April 1899 zu ihrer Umgestaltung nach den Sn- forderungen des Handwerkergesrtzes vom 26. Juli 1897 gewahrt bleiben.

Berlin, 5, December. Coloniale», von der für coloniale Aufgaben bestimmten Wohlfahrtslotterie, deren erste Zlehnog vor wenigen Tagen staltgesunden hat, find dem vernehmen nach 250 000 Mk. für die Expedition des Pre- mierlieutenauts Schloiier bewilligt worden, der bekanntlich den Dampfer »Hedwig v. W ffmann" über den Sombefi, Schirr und Nyaffa nach dem Tanganjika bringt. Es ist vo» in Erinnerung, daß der Beginn der Expedition nach Fertigstellung des Dampfer» wiederholt h,nau»geschoben »erden wußte, weil das gesammelte Kapital bei Weite« richt für den Transport ausreichte. Dte Expedition ging -erst an die Ausführung des llnterneh«eos, al» die Abhaltung )tr Lotterie beschlossen und gesichert war. Somtt trat hier derselbe Fall ein wie 1892, als der Major von W'ffmann Seinen Dampfer nach dem Nyaffa zu bringen im Begr-ffe staub. Damals fand bie sogenannte Autisklaverei Lotterie

statt, nnb bas bezügliche Eomitee besteitt dir sämmtlichen Kosten bes Dampferunternehmeu»; diese betrugen 873116 Mark ohne die 280000 Mark aus früheren Sammlungen. Da das Schloifersche Unternehmen noch 400 Kilometer weiter geht, so wird r» mindestens auf dieselben Kosten kommen.

Deutsche Rationalfeste. Am 4. Decewbrr fand in Berlin eine Stznug des Vorstandes vom Reichs- ausschuß für die deutschen Natioualfeste iw Reichstagsgebäabe statt. Es berichteten Oberbürgerweister Beutler - Dresden, ReichStagSabgeordueter Proseffor Dr. Haffe - Leipzig und Bürgermeister Heyne - Görlitz. Rach längerer Erörterung wurde eine vollständige Uedereinstimmung herbeigeführt. Da­nach soll eine schärfere Organisation tu einem deutschen Verein für vaterländische Festspiele geschaffen werden, der fich tu Ortsveretae und nach Befinden in Provinzial- und Landes« vereine gliedert. Darauf berichtete der vorfitzende über das verhältoih zur deutschen Turnerschaft, und e» wurde eine Beschließuog einstimmig angenommen, wonach man eine Ver­ständigung mit der deutschen Tnrnerschnft für erwünscht hält.

verkrhrstruppen. Die weitere Ausaestaltuug des Heere», wie fie io der Heere»organtsatton für 1899 vor­gesehen ist, wird de« deutschen Heer eine bt» bahin noch nicht vorgenornmene Zusawwensaffuug eine» Theil» ber technischen Truppen bringen, für welche bie zeitgewähe Bezeichnung ver- kehr»truppeo angenommen worden ist. An die Spitze der­selben toirb ein Jnsptcieur gestellt, ber ben Rang eine» Divifion» Commandeur» erhalten wird, da ihm bie Eisenbahn» brigabe nnb bie Trlegraphentruppen unterstellt sein werben. Die Annahme, baß bie lttztereu bem Ingenieur- unb Pionier- corp» zugetheilt werden, bürste nicht zutreff.u, vielmehr liegt e» in ber Abficht, sämmtliche verkehrStrdppeu bem General- stab aazugliedern. Dabet soll gleichzeitig bie L-lstsch ffer- adtheiluag von ber Eiseubahabrigade losgelöst und ben Tele- grapheotruppen überwielev «erben, ba ihre Thätigkett mehr in ba» Fach des Rrchrichtendtenstes al» in da» der Eisenbahn- besördernug gehört. Die Neuanfftellung einer Eisenbahn- betriebsabtheiloug hat fich al» nothwenbig h-rauSgestellt, weil ber Betrieb der Milttäreiseubahu durch wechselnde Comwando» au» den drei Regimentern der Sisenbahnbrigabe al» süe die sachgemäße Au»bildung der letzteren unzweckmäßig fich heran»- gestellt hat. Die Militärtelegraphenschnle in ihrer jetzigen Zusammensetzung wird nicht bestehen bleiben nnb bie Cavallerie- celegraphenschule basür an ihre Stelle treten, welche auch fernerhin nöthig bleibt, um die Reiterei in ber verweobuug ber Cavallerietelegraphie auszubilbev. Dagegen scheint die Einrichtung ber Festnogstelegraphie nicht mit auf die Tele- graphenttvppen übernommen werden zu sollen, weil diese mit der Feldarmee iu keinerlei Beziehung steht, wie dies auch mit dem Militärbriestaubeuwesrn ber Fall ist, welche betbeu Dienst- zweige also auch iu Zukunft bem Jngenteureöip» erhalten bleiben werben. Uebrtgen» find bie ausgestellten Neuformationru der Telegrapheutroppeu so an»reicheud bemtffen, daß sie für die Aufstellung ber Telegrapheoabtheiluugen im Krieg mit Rückfichc auf ben vereinfachten Leltungöbau vollständig ans- reichen, wobei zu berücksichtigen ist, daß auch Boyern, Sachsen und öüittemberg ihre besonderen Telegropheoformattoven er­halten. Aus dieser Gestaltung der verhältaiffe eine Ber- äuderung io der Organisation be» Ingenieur- unb Pionier, corp» herlelteu zu wolleu, erscheint um so weniger zutreffend, al» eine solche Aevderung in dem kleinen Rahmen diese» technischen Corp» nicht einmal angezeigt erscheint.

Zu den Bi »m ar ck'scheu Erinn er uv geu schreibt die »Magdb. Z'g." in einer vergleichenden Betrachtung: »Weich' ein Schriftsteller ist dieser Manu! Fast sämmtUche politischen ober militärischen Männer der höchsten Klaffe in der neueren Zett find sehr federmächtig gewesen: Gustav Adolf, der große Preußeoköaig, Napoleon I, in der jetzt dahingegangeneu deutschen Generation Mottke und Bismarck. ES liegt nahe, die beiden letzteren miteinander zu vergleichen; fie beide führen Federn ersten Range», aber übrigens find fie gründlich verschieden. Der große Mar'chall ist ein Schrift- stiller von klasfischer Klarhelr und Reinheit des Sttls, äußerst wirksam in seiner genialen Nüchternheit und eben deshalb In den seltenen Momenten des fich meldenden Gefühles un­widerstehlich fortreißeud. VSlllg anders ber große Kanzler. Er ist wie ein ausgezeichneter Feutllctonist neben einem großen Historiker: an Leichtigkeit, Relchthum nnb Schärfe des WtzeS unvergleichlich, ein touristischer Darsteller nnb vor Allem ein humorlstischer SrMer ersten Ranges, mtt einer an die Amerikaner erinnernbell trockenen Bitterkeit und brastischea Wirkung. Dann wieber bie ge- wattige Wucht seiner Staatsjchrtfteu, von dem »Pachtbericht"

ber Frankfurter BuudestagSzeit bis zu jenen mächtigen Roten aus bem Reichskanzler Palais ber Berliner «»lhelmsstraße. Es ist etwas Vulkanisches in dieser Schreibweise; wie ein ; Lavastrom bringt diese Darstellung vornäets, gewaltsam in Leidenschaft, Zorn, Diatride und Spott, enttprecheud ungleich­mäßig und hier und da bei einem Anstoß stockend. Weben bem großen Generalstabschef steht Fürst Bismarck als Schrift- strller wie ein Romantiker neben einer antiken Gestalt. Wenn «an wollte, könnte man bas auch in ber physischen Sprech­weise ber beiben Reichstagsredner wlederfiaven: dort eine bis in das 91. Lebensjahr kraftvolle, klare und tiefe Stimme, hier ein Heller, hoher unb scharfer Ton, der gelegentlich halb­versagend in ein Murmeln verfallen konnte, um bann wieber gewaltig in bas athemlo» lauschende Auditorium hiueinz«- schmettern."