Ausgabe 
7.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 235 Zweites Blatt

Freitag den 7. October

1998

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblcrtt füv den Tiveis Gicszen

pfjH6*prci» viettkljährlich

eetiltd) 76 Vfg. M vri»ßkrl»h».

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Die Gießener Anmikiea d kälter »erden dem Anzeiger »öchenrlich viermal beigelegt.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Nedartion. Lrpediticrn wub Dntdaa:

Kchnkßrnt« Vr. 7.

Amtlicher Theil.

Gießen, de« 6. Oetober 1868. Betr.: Den Wiesengang.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.

Nach Art. 7 der Wiesenpoltzetorduung ist in diese» Monat der Wiesengang von den Wtesenvorständen unter Zu­ziehung der Feldschützen und Wlesenwättet vorzunehmen.

Wir beauftragen Sie deßhalb, dieselben hierzu baldigst aufzusorderu und aal die über den Wiesengang aufzunehmeuden Protokolle bis längstens 15. November d. I. vorzulegen.

Ja diesen Protokollen haben die Wtesenvorstände, was Sie denselben noch besonder! eröffnen wollen, hauptsächlich folgende Paukte aufzuuehwen:

1) ob die Anordnungen, welche fie bei dem letzten Wlesen- gang getroffen haben, befolgt worden find und welche nicht;

2) welche Anordnungen von den Wleseovorstäodrn zur Beseitigung der bet dem diesmaligen Wiesengaog Vor­gefundenen Mängel von ihnen getroffen worden find oder vorgeschlageo werden; hierbei wird den Wteseovorständen besonders enpsohlen, ihr Augenmerk namentlich auch auf die Reinigung der Wiesen von Gestrüpp, Gesträuch, Mool rc., auf die Gntteruung der Herbstzeitlosen, des Grdauswurfs aus den Be- und Entwässerungsgräben, auf die Verebenung der Maulwurfshügel u. dergl. und auf die Unterhaltung der Be- und EntwässerungS- gräbeu zu richten und hierbei nach den bestehenden Be­stimmungen zu verfahren;

ö) Verbesserung-Vorschläge io Bezug auf größere Wiefeu- fluren, namentlich solche, zu deren Ausführung die Bildung von Waffergenoffenschaften nach dem Gesetze vom 80. Juli 1887 über die Bäche und nicht ständig fließen­den Gewäffer (Regierungsblatt S. 159) erforderlich ist.

Zu Nr. 2 erläutern wir, daß Tie tu der Regel, insofern kein besonderer Anstand vorltegt, jedem der betreffenden

Wtesenbefitzer speetell eröffaev wollen, welche Mängel der Wlesenvorftaod vorgrfuuden hat und daß diese Mängel binnen der vom Wteseuvorstaod zu bestimmenden Frist so gewiß zu besriiigru wären, als sonst die nöthigev Herstellungen auf kosten der Säumigen aogeordvet würden. Nach fruchtlosem Ablauf der gesetzten Frist wollen Sie nach Anhörung des Wtesenvorstaodes wettere Anträge stellen. Jedenfalls find die von Ihnen getroffenen Anordnungen in den von Ihnen etvzusendeudeu Protokollen eiostwellen zu erwähnen.

Das Protokoll über den Rundgang ist von allen Thetl- oehmern zu uoterzeichuen. War ein Mitglied des Wiesen- Vorstandes verhindert, am Rundgange Lhetl zu nehmen, so ist dieses am Schluß des Protokolle« zu bemerken.

Sollte der Wtesenvorstand, der außer dem Großherzog- ltcheu Bürgermeister oder Beigeordneten, mindestens noch aus zwei Ortseinwohneru, welche Wiesen besitzen oder solche zu benntzen oder zu verwalten haben, bestehen soll, nicht mehr vollständig sein, so wollen Sie den Gemeiuderath wegen Er- gänzung des Wtesenvorstände» vernehmen und ans dte Anträge des Gemetnderathes tn besonderer Verhandlung vorlegen.

v. Bechtold.

Deutsches Reich.

Berlin. 5. October. Der Kaiser empfiig heute vor­mittag tu Gegenwart de» StaatSseeretärs v. Bülow den Gesandten der südafrikanischen Republik, Dr. Lehds, tu Audienz.

Berlin, 5. Oetober. DemBerliner Tageblatt* wird auS Parts telegraphirt, eS scheint jetzt adiolut sicher, daß der Rapport des General-ProcuratorS am LaffationShofe, Man au, in entschiedenster Form dte Revision be« Drryfus- Proceffes verlangt. Manau erklärt e« für zweifellos, daß dte Fälschung Henry» das für dte Revtfion noihweodtge neue Factum bilde. Gr ist fest davon'überzeugt, daß der Saffatioas- Hof sich seiner Meinung anschließeu werde. Sollte wider Erwarten der GaffationShof die Revision ablehoen, so dürfte dte Auoulltruog etntretev, aber nicht auf Grund des illegalen

Abtkfse für Vrptschrn: Anzeiger Gtegetu Fernsprecher Nr. 51.

vorgehens des ehemaligen Kriegsminister- Mercier, sondern auf Grund der Thatsache, daß Drehfus nicht «ehr sür den Autor des Bordereau« gelten kann. Manau soll übrigens bet der Durchsicht der Acten eine Reihe von Dokumenten gefunden haben, dte ihm mehr al« verdächtig erfchetneu. Gr glaubt, daS ganze Verfahren werde sehr schnell zu Gude geführt werden.

Waffevgebrauch bet Unruhen und Auf- läufeo. Die ,8. B.-Ztg.* will wissen, daß der vielbe­sprochene Erlaß des Ministers v. d. Recke gar nicht ver­traulich war. Sonach hat deröormärtt* unrecht gehabt, da« Aktenstück als etu vertrauliche« zu bezeichnen, was sicher nur darum geschah, um der Indiskretion den Eharacter einer sensationellen That zu verleihen. Damit würbe auch der einzige Vorwurf, den man au den Erlaß allenfalls knüpfen konnte, hinfällig fein. Sehr richtig ist übrigen«, was ein alter Off'zier in den8. N. N* schreibt: Dte Erfahrungen, welche man io den dreißiger und vierziger Jahren gemacht hat, beweisen stet«, daß ein schwächlicher W^ffengebrauch den Tumu't steigerte. Mit Ausnahme der Gendarmen führt unsere Polizei übrigens keine Schußwaffen. Gs würde sich beim Etohauen mit flacher Klinge in vielen Fällen eine Prügelet entwickeln tn der dte schwache Polizeimanoschaft to Nachlhetl käme, denn ein ordentlicher Stock ist eben so viel werth, wie eine flache Klinge. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch der Schußwaffe. Dte Lumultnaolen unter- scheiden e« sehr wohl, ob hoch angeschlagen wird, und würden dann nur mir Hohn warten und mit neuen Gewaltthätig- ketten antworten. Bürgert sich ein solches Jndieluftschießen ein, pafftrt es auch nur einige Male, so würde sich eine fort­währende Verlängerung der Tumulte ergeben. Zudem finden Tumulte doch io der Regel tn Städten statt Ein solches humane- Jndieluftschießen* würde wahrscheinlich mehr un­schuldige Opier erfordern, als ein Zielen auf die Tumultuanten, denn dte Schüffe würden in dte Häuser schlagen, deren Fenster gewöhnlich in solchen Fällen voll neugieriger Menschen find.

Feuilleton.

$>a$ Leöen.

Novellette von O. Halwig.

(Schluß.)

»Ich war auch in Sictlten, wiederholt sogar/ sogt er.

»E» ist sehr schva dort nicht wahr?* forscht fie begierig.

»Ich ich weiß es nicht. Ich habe zu viel gesehen ta «eine« Leben.*

»Kann man denn das überhaupt?* staunt fie. »Ich kenne anch ein gnt Stück von der Welt die Schweiz, Aegypten, Ostafrtka aber dennoch freue ich «ich ans diese Reise, als wärs meint erste.*

Er verzieht den Mund in der ihm eigenen blafirteu Art.

»Reisen Sie stets allein?" wirst er hin.

»Ich? Aber nicht doch das würde fich mit «einen Pflichten schlecht vertragen.*

Ah! Also eine Person in abhängiger Stellung. Da fie brustkrank ist, hat fie fich als Reisebegleiterin verdingt, statt fich hier im Lande ihr Brod zu verdienen, denke er.

»Ich bin keineswegs so krank, wie Sie vielleicht meinen,* fährt fie fort.Do» kleine Hebel stammt aus neuester Zeit Folgen eines JnflueozaanfalleS und fast überwunden. Wenn ich ans Palermo zurückkehre, hoffe ich wieder kräftig genug zu sein, um*

Sie verschluckte den Rest des Satzes.

Sr möchte gern wiffen, wozu fie dann wieder kräftig zu sein hofft, aber er darf doch nicht fo tndilcret fein, zu fragen.

Beide versinken in Schweigen. Dte Lichter einer Station flregen vorüber, dann noch eine nnb bann ist er an em Ziel. Warum er fich eigentlich diesen Ort gerade gewählt, um es zur Ausführung zu bringen? Line Laune! Wie fast Alle», was er tn feine» Leben gelhau, aus Laune veschah. Gr hatte dort vor Jahren zuweilen einen Freund sc ne« Vaters besncht, mein Gott, der rnhte nun auch schon lange dem er einmal einen großen Verdruß be­reitet noch heute klingt ihm die Strafpredigt in den Ohren, die er ihm wegen jener Geschichte gehalten.

Rennen Sie R.....?* fragt er plötzlich seine

Retsegesährtin.

Sie richtet fich au« ihrer Versunkenheit auf und nickt.

Recht gut sogar. Ich war vor fieben Jahren mehrere Wochen dort, nm eine Dame zu pflegen nnb* ihr Ge­sicht verfinstert fich.Ich habe damals einen so abscheulichen Eindruck gehabt, daß mir der ganze Oct verleibet wurde," fügt fie hinzu.

Und worin bestaub ber, wenn ich fragen barf?*

Ach etwa« so Wiberwärtiges! E« war am Neu- jahrsadenb, meine Kranke hatte ben Tag über phautafirt nnb wir fürchteten bas Schlimmste, da endlich, ganz spät, sank fie in einen erquickenben Schlummer. G« wäre bie Krifis, meinte ber Arzt, nnb wenn sie tüchtig lauge schliefe, so möchte bie Gefahr vorüber fein. Da benten Sie Schlag zwölf fängts vom nahen ktrchlhurm an zu blasen ein Stück nach ben andern, lauter Gassenhauer. Natürlich fuhr meine Kranke aus ihre« Schlaf auf sie verfiel in Delirien und wir glaubten sicher, eS ginge zu Ende. Ach, wie schreck­lich das war diese frivole «ttternächtliche Musik vo« geweihten Ort und dazu die arme Fran, die mit dem Tode rang! Sie ist, de« Himmel sei Dank, nicht gestorben es wäre auch zu traurig geweseu dte vielen kleinen Studer und ihr Mann, der fie so liebte aber einen Rückfall hats ihr doch zngezogen. Spater hörten wir, wer der Urheber be« Frevel« war. Ein junger Offizier, ber für viel Gelb bie Musikanten dazu angestiftet. Ich sah ihn übrigens, wie er am Faß ber Kirche stanb und ben Tact schlug und lachte. Die Leute im Städtchen waren alle so wütheub über ihn.*

Sie doch auch?*

Ich? Nein er thae mir zu leid.*

»Leid? Gr?*

Ja. Denken Sie doch nur, welch ein elendes Leben solch Gtnem bevorsteht! Er hat nie gelernt, zu achten, «aS Anderen heilig ist, er kennt keine harmlose Lust, denn da» da« war doch kein überwüthiger Jugendstreich, sondern eine Blasphemie, geboren an« Sensattoo«sucht, Uebersätttgung und Menschenverachtung. Für solche wie er liegt tn der Zu­kunft der Wahnsinn oder Selbstmord.*

Sie zieht die Schuttern höher, al» ob sie'» fröstelte.

Plötzlich fühlt sie einen heißen Athen an ihrer Wange.

Der Mann ihr gegenüber hat fich vorgebeugt und starrt fie mit brennenden Augen an:Jener da» war ich,* hört fie ihn sagen.

Bei der Bewegung hat fich au» seiner Brusttasche ein kleine», blinkende» Etwa» hervorgedrängt. Er schiebt e» rasch znrück, ob fie e» wohl bemerkt? In ihrem Gesicht läßt fich nicht lesen, e» ist rnhig nvd still, aber ihre Augen diese ttefgrüadtgen, forschenden Augen fie scheinen ihn durch and dnrch zu sehen. Er wendet die seinen ab, et kann den Blick nicht ertragen.

von wannen kommt Ihnen diese Mevschenkenntniß?" murmelt er.

Ich war lauge Zeit barmherzige Schwester, bis ich an» Gesundheitsrücksichten meinen Beruf aufgeben mußte,* ent­gegnete fie sanft.Da sieht nnb hört man Mancherlei.*

Und haben sich doch dteseZfreude am Dasein bewahrt?* Sie lächelt leise.

Meinen Sie nicht, daß man nm so mehr Empfänglichkeit für eine Sache gewinnt, je bester man fie kennen lernt ?*

Ich kenne da» Leben,* kommt e» bitter von seinen Lippen.

Sie V

Gr horcht auf bei dem Ton. Er hat plötzlich da» Ge­fühl, al» ob er tn der nächsten Minute Worte hören soll, die er nie vergeffev wird. Nie? Wa» bedeutet da» für ihn? Morgen lebt et ja nicht »ehr.

Sie?* wiederholte fie.Ach, glauben Sie da» doch nicht. Wa» Sie kennen, ist nur ein ganz, ganz kleiner Aus­schnitt vo« Leben. Da» Leben heißt: Kampf, Arbeit, Haß und Liebe. Die npper ten thousand machen einen geringen Bruchtheil bet Menschheit an» nnb unter ihnen finbS auch wieder nur wenige, die auf be« Rennplatz, am Spieltisch, im Ballsaal und Boudoir ben Inhalt be» Daseins suchen. Die übrigen von ihnen arbeiten um ba» aber zu thun, wüsten fie wiffen, warum tmb für wen, wüsten fie bie Mensch­heit mit ihren Bedürfutsten verstehen lernen. Dann erst werben fie sehenb. Sie aber, ber Sie blind burch» Leben gehen, Sie ach, gehen Sie und lernen Sie'S kennen mein Wort batanf, baß Sie e» bann auch lieben werden.*

vernahm et all da» heute znm ersten M^le? Ach nein, nur war e» ihm leerer Schall gewesen heute zuerst ward