Ausgabe 
7.10.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 235 Erstes Blatt.

Freitag den 7. October

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Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

bett.: Die viehmSrkte zu Gießen.

Wir bringen hiermit zur Kenntniß der Interessenten, daß von jetzt ab die in hiesiger Stadt stattfindenden Vieh- «Sekte erst um 8 Uhr vormittag« ihren Anfang nehmen. Bor dieser Stunde ist der Auftrieb vou Bteh weder auf dem viehmarkt selbst, noch in den angrenzenden Straßen gestattet.

Gießen, den 6. Oktober 1898.

Großherzogliche» Polizeiamt Gießen. Muhl.

Deutsche» Reich.

vttlin, 5. October. Die Reise de« Kaiserpaare« nach de« Orient zerfällt in zwei Thetle: Der erste um» fafet Konstantinopel, Palästina und Syrien, der zweite Aegypten. Für den Aufenthalt in Konstantinopel find 5, für Palästina 17 und für Syrien 7 Tage in Außficht genommen. Ja Aegypten gedenkt da« Kaiserpaar etwa drei Wochen zu ver» weilen. Hierzu kommen noch die tagelangen Seefahrten, so daß die gesammte Reise zwei Monate in Anspruch nehmen wird. Im Vordergründe de« Juterefie« steht natür­lich der Aufenthalt in Palästina. Am 25. October Mittag« betritt da« deutsche Kaiserpaar zu Haifa den Bodeu de« heiligen Lande« und begiebt sich am folgenden Tage in neun­stündiger Wagenfahrt an der Küste entlang südlich nach area. Ja gleicher Richtung geht e« am 27. in zehn­stündiger Wagenfahrt weiter nach Jaffa. Dort wi'd Quartier im Hotel du Pare bezogen. Am 28. d. M führt eia sechs» stündiger Ritt die Herrschaften nach Latruu (Zeltlager). Be­deutsam wird der 29 October sein, an welchem vormittag« die Reise in sechsstündigem Ritt nach Jerusalem fortgesetzt wird. Um 1 Uhr nehmen die kaiserlichen Herrschaften tm Zeltlager vor der Stadt das Frühstück ein. Um 3»/, Uhr Nachmittag« brechen sie zu Pferde vom Lager auf und ziehen mit glänzendem Gefolge in die festlich geschmückte Stadt. Der erste Besuch gilt der GrabeSktrche, nach der sich da« Kaiserpaar vom Jaffathor au« zu Fuß begiebt. Sodann werden die türkischen Behörden das ConsularcorpS und die Archimaudriteu auf dem kaiserlichen Consulat empfangen. Am 30. October ist Gottesdienst in Bethlehem. Nach dem Besuch der GeburtSkirche werben im neuen Waisenhause auf dem Weinberge eine gute Viertelstunde von Bethlehem Abordnungen des Jerusalem-Vereins, der Johanniter, der deutschen K rchenbehörden empfangen. Den Rückweg zum Zeltlager nehmen die Herrschaften durch die deutsche Eolouie. Für den Sonntag Nachmittag ist eine gottesdienstliche Feier auf dem Oelberge beabsichtigt. Montag, deu 31. October, vormittags halb 10 Uhr folgt die feierliche Einweihung der Erlöserktrche. Zu Beginn des Nachmittags wird eine Wagen« fahrt nach Jericho unternommen und da« Zeltlager am Fuße de« Dschebel Karamel aufgeschlagen. Am Morgen deS 1. November geht e« nach dem Tobten Meer und von da zum Jordau- vielleicht begiebt man sich auch noch zu Pferde nach der Jordanfurth. Da« Frühstück wird entweder an der Laufstelle oder au der Brücke eingenommen- dann erfolgt die Rückkehr nach Jericho- möglicherweise wird auch noch die Kapelle der Versuchung in der von russischen Mönchen be­wohnten FelShöhle des Berge« «arantel besucht. Sm 2. No» dember fahren die kaiserlichen Herrschaften nach Jerusalem zurück- der Nachmittag ist für Befichtigungeu daselbst be- stimmt, die auch am 3. November noch fortgesetzt «erden. Nachmittag« wird eine Wagenfahrt nach A n Karin unter­nommen und weiter da« syrische Watsenhau« besucht. Am 4. November folgt der Ritt nach dem in einer Einöde ge­legenen griechischen Mönchskloster Mar Saba. Die Kaiserin, welche diesem AuSfluge fernbleiben muß, wird dafür zu Wagen nach den Salomonischen Teichen und vielleicht auch weiter nach Bet Dschaba fahren. Die Abfahrt von Jerusa- Um erfolgt am 5. November vormittag« 9 Uhr mti der Dahn nach Jaffa. Dort besteigen die Herrschaften da« Schiff nach Haifa. Nur wenn dort die Einschiffung gerade unrnög» lich sein sollte, würde die Reise zu Lande ausgeführt werden. Die folgenden drei Tage find Ausflügen, theils zu Wagen, theilS zu Pferde gewidmet, und zwar nach Nazareth, Berg Tabor, nach Tiberias und den wichtigsten Platzen am Sali» lLsichen Meer. Am 10. November, spätesten« am 11., geht da« Kafferpaar zu Haifa an Bord uud begiebt sich nordwärt« nach Beirut om Fuße des Libanon. Am 12. November wird in einem Sonderzuge die Reise durch Syrien nach

Damaskus fortgesetzt. Der 18. November gilt der Besich­tigung der alten Hauptstadt deS Syrerlandes, vou hier fiud Wagenreisen nach Muallaka und Baalbeck geplant. Bon Muallaka aus geht es mit der Bahn zurück nach Beirut. Bon dort wird am 16. u M. das Schiff die kaiserlichen Herrschaften südwestlich nach Aegypten führen. Am vor­mittag deS 17. November betritt daS deutsche Kaiserpaar zu Alexandrien den Boden des alten PharaoneulaudeS.

vttlin, 5. October. Ueber da« geplante Gesetz zum Schutze Arbeitswilliger gegen Gewaltthätigkeiteu schreibt dieNordd. Allg. Ztg.":Was den geplanten Gesetzentwurf betrifft, so ist un« nicht bekannt, ob derselbe, wie dieser Tage derKölnischen volkSztg." und der MünchenerAllgemeinen Zeitung" aus Berlin gemeldet wurde, nicht in einer Aeu- berung der in erster L nie nur das verhältuiß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer regelnden Gewerbe Ordnung, sondern in einer Verschärfung deS Strafgesetzes zum Schutz der persvnlicheu Freiheit überall, wo dieselbe bedroht to erben könnte, bestehen soll. Wir wissen nur baS Eine, baß nicht mehr und nicht weniger geplant ist, als bessere gesetzliche Abwehrmaßregeln gegen ben auf Revolution abzieleudeu socialdemokratischen TerroriSmuS, unter welchem die Arbeiter­schaft furchtbar zu leiden hat und von welchem sie befreit werden muß, wenn anders daS Deutsche Reich nicht aufhören soll, ein Rechtsstaat za sein. N cht der Kaiser und die Bundesregierungen, sondern die gewerbsmäßigen socialistischen Hetzer bedrohen die EoalitionSfieiheit und die Freiheit der Arbeiterschaft überhaupt." In derselben Angelegenheit schreibt dieM. P. K.":Die Richtigkeit unserer kürzlichen Meldung, daß die bestandene Absicht, einen verstärkten Schutz Arbeitswilliger auf dem Wege der Erweiterung des § 153 der Gewerbeordnung herbeizusühreu, bei mehreren Bundes­staaten auf Schwierigkeiten gestoßen fei, bestätigt sich durch­aus. Wie eS scheint, gehört zu den betreffeudeu Bundes- floaten auch Preußen. Denn eS verlautet zuverlässig, daß der Hntrag, den gewollten Zweck nicht auf dem Wege der Gewerbeordnung, fonbern durch Erweiterung gewisser Be­stimmungen deS Strafgesetzbuches zu erreichen, von Preußen auSgehe.

Ueber die beiden dieser Tage aus Sachsen auS- gewieseneu socialdemokratischeu Schriftsteller weiß dieDeutsche Wacht- in Dresden folgendes zu er» zählen:Ja beiden Fällen handelt e« sich um russisch-polnische Juden, welche in der sächsischen Socialdemokratie seit Jahr und Tag die einflußreichste Rolle spielten, ohne freilich daS eigene Ich zu riskiren. Die Bearbeitung der Massen draußen blieb anderen überlassen. Socialdemokratische Redner und Vortragende trugen unter ihrer Verantwortung hinaus, waS ihnen von diesen Hintermännern eingeimpft war- Sitzredac« teure mußten die Töne büßen, die diese ausländischen Juden in der Presse anschluzen. Diese beiden Helden hinter der Loulisse waren Dr. Helphant und Dr. Marchlewsky, die nun» mehr die AuSweisungSordre aus dem Königreich Sachsen er­halten haben. Zwei der breiten Masse ziemlich fremde Namen! Den meftenGenoffeo", sogar unter den Setzern der Sächsischen Arbeiter-Zeitung", war eS unbekannt, daß dieser Dr. Helphant kein anderer, als der vielgenannteParvua" ist, der den größten Preßlärm innerhalb der socialdewokra- tischen Presse vollführte und von oben herab als Geheim- spitze die Beschlüsse der Parteitage und daS Verhalten der ReichstagSfraction abkanzelte. Neben ihm «ar eS der pol­nische Jude Dr. Marchlewsky (seine Beiträge waren mit my gezeichnet), der den Inhalt derSächsischen arbeitet» Zeitung" auf Jenen verhetzenden, rüden Ton stimmte. Seit zwei Jahren führte Dr. Helphant (Parma) insgeheim die Ehefredaction derSächsischen arbeiter-Zeitung", während alsverantwortlich" Leute zeichueten, die ihren BefähigungS» Nachweis für diese» Amt anscheinend nur de« Umstande ver» dankten, daß sie ergebuißloS auSgepsäudet werden konnten. Der Bortheil liegt auf der Hand: klagte einer wegen Privat» beleidigung gegen dieSächsische Arbeiter-Zeitung", so hatte er obendrein noch die Kosten zu bezahlen, weil vom Be- klagten nichts zu holen war! Doch dies nur nebenbei! Wir legen hier Werth darauf, zu zeigen, welche Leute die wirk­lichen Macher und Leiter der sächstlcheu Arbeiterbewegung find."

Ja Bezug auf die Ernennung deS Gouverneurs von Sawerun, I. v. Puttkamer, zum Seneralconsnl für den Eongoftaat schreibt «au derSchics. Zig."': Die Ernennung deS Herrn v. Puttkamer ist eine Folge seiner eigenen Vorschläge. AIS er i« August 1897 einen Besuch bei dem General Gouverneur in Borna uud eine Fahrt auf ber Anfangsstrecke der Cougobahu gemacht hatte, brachte n

die Ueberzeugung mit, daß das Deutsche Reich in dem jetzt einer raschen Eutw ckrluug entgegen gehenden Eongostaate einer konsularischen Vertretung bedürfe; er machte den Vor­schlag, daß in der Hauptstadt des Landes, al« welche Leopold- Ville am Stanley-Pool in Aussicht genommen ist, ein deutsche« BerufSconsulai errichtet würde. Der Antrag ist nun in der Art gemacht worden, daß der Gouverneur von Kamerun mit diesen Functionen betraut wurde. Ob diese neue Er­nennung des Gouverneurs nicht nur ein UebergangSstadium sein wird, ist eine andere Frage. Es wird sich vielleicht bald das Bedürfniß Herausstellen, einen Berufsbeamteu in die Hauptstadt deS Staates selbst zu setzen und ihm die Befug­nisse als Consul für den französischen Tonga auch zu er* theilen. Mit der letzteren Eolonie stehen wir durch den Tanga in unmittelbarster Beziehung. Herr o. Putrkamn war schon einmal 1888 al« kaiserlicher Gouverneur in Togo auch mit den Functionen als E?nsul für Lagos betraut- er führte als solcher die Untersuchung In der Hönigsberger'schen Angelegenheit.

M.P.C. In parlamentarischen Kreisen neigt man der Annahme zu, daß gerade in der ersten Session der Legislatur­periode des Reichstages es sich verhältnihmäßig leichter, al« in späteren darstellen werde, scharfe Maßregeln gegen den Mißbrauch der Loalition«freiheit durchzu­bringen. Welcher Art die betreffenden Vorschläge sein dürften, ist zur Zeit noch immer nicht feststehend, e« bildet die« noch den Gegenstand fortgesetzter Erwägungen.

Berlin, 5. October. Für die Verhandlung de« Pro- cesses Grünenthal find zwei S'tzungstage, der 21. und 22. d. Mt«., am Schwurgericht des Landgericht« Berlin I offen gelassen. Da verhältnißmäßig wenige Zeugen zu ver­nehmen find, Grünenthal auch tm Großen und Ganzen ge­ständig ist, wird die Verhandlung wahrscheinlich in eine« Tage zu Ende geführt werden können. Die Praxi«, bei der Verhandlung von Anklagen wegen Münzverbrechen« die Oeffent- lichkeit auszuschliehen, dürfte in diesem Falle nicht Platz greifen, da die Art, tote Grünenthal in den Besitz der Taufendmark-Scheine gekommen ist und sie gefälscht hat, schon eingehend in ber Orffentlichkeit behandelt worden ist. Die Bertheidigung des Grünenthal hat neuerdings neben Rechts­anwalt Henschel Herr Justizrath Dr Sello übernommen - die Bertheidigung der Angeklagten Golz führt Rechtsanwalt Dr. Schwtndt.

Magdeburg. 4. Oktober. (Elfte Generalversamm­lung de« Evangelischen Bundes.) Bormittogs fand eine Eonfereuz der Diaspora Anstalten, sowie Sitzung de« GeiammtvorstandeS unter dem Vorsitze Professor Dr. Witte« (Psorta) statt. Nachmittag« versammelten sich die Theilnehmer tm Rathhause, wo Bürgermeister Fischer Namen« der Stadt deu Bund herzlich begrüßte. Redner wie« auf die Kämpfe Magdeburg- zur Zeit der Reformation hin und betonte die Nothwendigkeit eines engeren Zusammenschlusses aller evan­gelischen Ehristen unter Führung des Bunde«. (Lebhafter Beifall.) Stadtsuperintendent Trümpelmaun begrüßte die Versammlung Namens der Magdeburger Geistlichkeit. Namen« de« Bundes dankte Professor Witte. Hierauf begaben sich die Theilnehmer in feierlichem Zuge zum FestgotteSdienste, bei welchem Generalsuperintendent Döbltu (Danzig) die Fest­rede hielt. Abends fand große öffentliche Versammlung tm lHofjäger" statt.

Stuttgart, 4. Oktober. In der heutigen Sitzung des socialdemokratischeu Parteitag« berichtete zunächst Hermann (Stuttgart) über die Mandatsprüfungen. Nach seinen Mittheilnugeu fiud 215 Delegiere anwesend, die in«» gelammt 246 Mandate an« 196 Wahlkreisen vertreten. Eine lebhafte Debatte gab e« bei ber Prüfung ber Mandate ber Braunschweiger Delegieren. Ju ber gestrigen Nachmittags- fitzung, die bi« halb 8 Uhr Abeub« dauerte, wurde noch lange über die Frage der Betonung der Endziele der Partei ge­stritten. Bebel, Stadthagen, Kiesel und Andere wandten fich gegen Heine und PSuS, die gegen das fortwährende Betonen der Endziele sprachen. Schönlank bezeichnete eS als noth» wendig, keine vogelstranß- und Opportunitätspolitik zu treiben. Er wolle nicht Setzerrichterei treiben, aber es fei sehr nöthig, über die Taktik der Partei Klarheit zu schaffen. Fräulein Luxemburg (Dresden) bemerkte, die Partei dürfe niemals aufhören, eine revolutionäre Partei, die Partei des Klassenkampfe« zu fein, die die politische Macht ttobern und dtt Liquidator beim Zusammenbruch du heutigen Gesellschaft fein wolle. Bebel erklärte, die Socialdemokratie könne fich allerding« auf ein( Denilmalerei de« Zukunft«- staute« nicht einlaffen, da fie nicht wissen könne, wie fich die Dinge im Einzelnen gestalten werden - man dürfe aber darum