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Nr. 2ttS Zweites Blatt.
Mittwoch den 7. September
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Die •»ferner SleeHiteirattet •erben bee Injdger Wöchentlich viermal bäideyt.
Amts- und Anzeigeblatt füv den Kreis Gieszen.
Gratisbeilage: Gießener Familienbliitter
WebectWe, tpebitien nb threirrti:
Bekanntmachung.
Me Abstattung einer AezirKststierschau
»brefle für Depeschen: fttjie.
Fernsprecher Nr. bl.
Bekanntmachung, betreffend: Faselschau zu Grünberg.
Bei der am 25. August d. I. zu Grün berg abge- halteuen Faselschau wurden die nachstehend verzeichneten Zuchtstiere für tauglich befunden, al» Gemrindezuchtstiere verwendet zu werden.
Gießen, deu 8. September 1898.
Grobherzogliche» Kret»amt Gießen.
v. Bechtold.
Jasolge Beurlaubung des Sroßh District» Einnehmers Rendanten Wacker zu Gießen ist durch veesügung Großh. Ministeriums des Innern, Abtheilnog sür Struerwesen, vom 25. v. Mt»., der Großh. Finanzaspirant Schäfer zu Gießen mit der interimistischen Verwaltung der Großh. DistrietS- Eiunrhmerei Gießen I beauftragt worden, WaS zur öffentlichen Kenotniß gebracht wird.
Gießen, den 8. September 1898.
GroßherzoglicheS KreiSamt Gieheo.
v. Bechtold.
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Gigeuthümer.
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Gesund- heits- unb Nährzustand
Be- m nEungen.
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Gemeinde
KaSpar Göbel «we.
JohS. Müller
Heinr. Leih
Joh». Kerle
Harbach
JlSdors
Atzenhain Klein-Eichen Zetlbach
Vogelsberger Simmmth. Kreuzung dto. Simmenth.Retnzucht dto.
IG Monat
16 Monat
17 Monat
16 Monat
16 Monat
dunkelroth
Hellfalbscheck
Falbscheck Hrüsalbscheck Gelbrothscheck
gut
gut
ziemlich gut genügend gut
gut
gut
gut gut gut
stammt auS dem Kreise Wetzlar.
würbe von ber Gemeinbe GeilS- hausmangekaust.
Bekanntmachung.
Nach Ausführung der Bezirksthierschau für Simsen- Haler Vieh, Schweine unb Ziegen, wirb
Montag den 19, September 1898, Nachmittags 3 Uhr, |i Hungen, im Gasthofe zur Traube, eine Heneras-Fersammttmg bed laudwirthschaftlichen Bezirksvereins Giessen aigehalten werben.
Zu btefer Versammlung werben alle Mttglieber des Vereins und der landwirthschaftlichen Localvereine und Zucht- e ereinr, sowie alle Freunde der auf Hebung der Laudwirth- schäft gerichteten Bestrebungen hierdurch freundlichst ein- 1 tlabtn.
Die Herren Bürgermeister werden ergebeost ersucht, deu la ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenotniß zu geben und auf recht zahlreichen Besuch der Versammlung hmzmvirken.
TageS-Ordnung:
1. Wahl eines SecretärS des laudwirthschaftlichen Bezirksvereins an Stelle des von hier versetzten Herrn RegiernngSrathS Dr. Wallau.
2. Wahl des AuSschufleS des landw. Bezirksvereins (18 Mitglieder).
3. Vorlage der Rechnung deS landw. BezirkSvereinS pro 1897/98.
4. Vorlage de» Voranschlags des landw. BezirkSvereinS -pro 1898/99.
5. Subvention der Gemeinden, welche Bullen reiner Raffe (Vogelsberger oder Simmenthaler Raffe) anschaffen.
6. Vortrag des Herrn Dr. v. Peter von Friedberg über Schweinezucht.
Gieben, den 26. August 1898.
Der Director des laudwirthschastlichen BezirkSvereinS.
E. Jost, RechtSanwalt.
in Kungen.
Au die Grossherzoglicheu Bürgermeistereieu deS Kreises Gießen.
Auf Wunsch deS Herrn Borfitzenden bei Comitüs, de» Herr« Pachtern. Oven zu Hungen, ersuche ich Sie ergebeost, die Bekanntmachung beffelben vom 4. August l. I. (in Anzeige- blatt vom 4. September I. I., 8. Blatt Nr. 207) auf ort»- übliche Weife zur öffentlichen Seuutniß bringen zu lassen unb die Züchter von pretSwürbtgem Vieh (Simmeuthaler Rasse, Schweinen unb Ziegen) zur Ausstellung unb alsbaldigen An- Meldung ihrer Thtere bei Herrn v. Oven zu veranlassen, da dir Anmeldungen bis spätestens 9. September erfolgen sollen.
Gießen, den 5. September 1898.
Der Direktor des laudwirthschaftlichen BezirkSvereinS Gießen. Carl Jost.
Der russische Abrüstungsvorschlag.
Unter der Spitzmarke »Die Gefahr der rusfischen Ab- rüstongSvorschläge" schreiben die »Wiener Pol. Nachr." au» besonderer Quelle: Die Einladung deS Grafen Murawiew au die Mächte, zu einer AbrüstungScovferenz in Petersburg zusawmenzutrrten, wird von allen Seiten als das bedeutsamste politische Ereigniß der jüngsten Zeit gewürdigt. Der Jubel aber, mit welchem die russische Anregung ausgenommen wurde, scheint uns durchaus verfrüht zu sein, und ganz besonder» hat Deutschland zu begeisterten ZusttmmnngSveran- staltuugeu vorderhand ganz und gar keinen Grund. Denn die vom Kaiser von Rußland gewiß in hochherzigster Abficht betriebene FriedeoScooserenz kann ebenso leicht zu einer unmittelbaren Kriegsgefahr werden, wie zu einer dauernden Entlastung der Völker von den jetzigen KriegSrüstuugen.
Die Einladung Rußlands an die Mächte erfolgte am Nachabend des DepeschenauStauscheS zwischen dem Präsidenten der französischen Republik und dem Kaiser von Rußland au» Anlaß des Jahrestages des Besuches des Ezaren au Bord des französischen Kriegsschiffes »Pothnau". Der Ezar hat in seiner Aowortdrprsche an Herrn Faure bekräftigt, daß da» russisch-französische Büoduiß weiterbestehev bleibt, und daß feine politischen Wünsche tu erster Reihe der France amie gelten. Frankreich seinerseits aber hat das unter jedem anderen Gesichtspunkte unnatürliche Büuduiß mit Rußland nur in der Hoffnung und zu dem kaum verhüllten Zwecke geschloffen, mit Hülfe Rußlands zu gelegener Zett und zwar thuultchst bald den Frankfurter Vertrag zerreißen unb Elsaß-
Feuilleton.
Aayrende ööstmische Wuttkanlen in Thüringen.
vor mehreren Wochen erregten in ElgerSbnrg fünf imitirte böhmische Musikanten Aufsehen, akademisch zablldete Berliner Herren, die diese Verkleidung gewählt retten, um auf diese Weise auf einer »Sünstlersahrt durch tjflringcn* für den BrahmS-DenkmalSfondS etwa» ^ranSzuschlagen. Siner derselben, der Lillist Heinr. Boyer- t;arlottenburg, beschreibt jetzt die Fahrt im „8nl. Local- Lizeiger". Herr Bayer schreibt: »(Sine famose Idee!* rt:ftn wir übrigen Vier, als uns unser Freund Max eines S»end» im Sass den Vorschlag wachte, eine Reise durch daS LSoe Thüringen als »fahrende böhmische Musikanten- zu rechen und den Ueberschuh dem BrahmS-DeukmalSsoodS zu- ^weisen. Bald waren wir möglichst »jünftig* eostüwirr j-b binnm kurzer Zett hatten wir ein Repertotte von über 5C1 Nummern »auf der Walze". Beethoven, Mozart, Haydn, Shubert, Mendelssohn, BrahmS, Gounod, Strauß, Koschat, Jsanoöici und — last not least — »DaS Bienenhaus".
»Bitte fünf BilletS Vierter nach Eisenach!" bat ich den Shatterbeamten auf dem Anhalter Bahnhof. — »Alles ein- irigin!" rief der Schaffner einige Minuten später, und all- iwiael Erstaunen, al» wir fünf struppige Kerle uns von verwandten unb Freunden, die de» SonttasteS wegen i« loRsten Wichs erschienen waren, verabschiedeten. Kaum war let Zug in Bewegung, so packten wir unsere Instrumente ni» und spielten die lustigsten Tanzweisen, waS sechs hübsche psze Mädchen, die sich im Nebenabtheil befanden, sofott i mlockte. In kurzer Zett herrschte im ganzen Wagen dir siS)lichste Stimmung, und schließlich tanzte Alles, alte Männer, I
junge Frauen, selbst die Schaffner. Auf jeder Station er- hielten wir aus allen Wageuklaffen Besuch, deu dieses lustige Treiben anzog.
Glücklich tu Eisenach angelangt, fanden wir bald ein billiges Nachtquartier. Doch ach, da nahte der Wirth mtt dem Frrmdrnbuch. Kurz entschloffen faßte Freund Mop die Feder und schrieb: »Vitalis Smetana aus Znaim." Seinem Beispiele folgend, schrieb der Zweite: „KaSpar TomaSczeck", der Dritte »Anton Aodryczeck" und ich »Joseph StraoSky". Nur unser Elatturttist schrieb: »Ferdinand Oberhoser auS Bayreuth". Sm nächsten Morgen vor allen Dingen also ans die Wartburg. An der großen Frettreppe am Fuße deS Wartburgberges stoßen wir aus acht bei der Arbeit befindliche Steinmetzen. »Grüß Gott!" — »Morgen!" — Ra, spielt doch mal einen aus, Kinder!" — »WaS wollt Ihr geben, Kinder?" — »Zwanzig Pfennig der Mann."
Kurze Berathung und wir packten anS, setzten nnS ans die am Wege zerstreut liegenden Steine und spielten den Leuten zur Arbeit, die ihrerseits den Tact zu unserem Spiel hämmern. — Run gehtS Wetter, und wir kommen zur »Villa Daheim". Ohne Erlaubniß setzten wir unS in die Laube. Bei unserem Spiele erscheinen an jedem Fenster durch zwei Etagen vier bis fünf Mädchevköpfe. Wir find also in einem Pevfiovat. Dieser Umstand gibt uuS neue Kraft, und wir spielen mit aller unS zu Gebote steheudru Innigkeit und Leidenschaft. Der Lohn bleibt nicht auS. Man wirft uuS Rosen herunter, schickt uuS Bier, schließlich bringt uuS eine junge Dame, in das Ende einer Spitzeodüte gewickelt, das Ergrbniß einer Sammlung. Wir sagen unseren Dank und gehen weiter. — »Fraiude," ruft plötzlich Andrhezeck, »ist hier wetter klainer Mädchenpeufionat." Ohne Erlaubniß schwirren wir auch hier hinrin, doch da schleudert nnS die Vorsteherin ein energisches »Veto- entgegen. Ans unser Bitten und Betteln, daß wir »arme» Musikant auS Böhmen"
seien, wird unS gestattet, zu spielen. Durch unsere Mufik hingerissen, singt sogar schließlich die Vorsteherin einige Lieder mtt.
Nachdem wir »goldenen" Lohn empfangen, ziehen wir Wetter zur Wartburg hinauf, von Zeit zu Zeit unS an dem Anblick schöner Waldpartten ergötzend. Wie wundervoll, wenn ttefschwarze Tannen mit Eichen und Buchen abwechseln, wieder eine Wiese voll in den schönsten Farben blühender Blumen — und dann dir Stimmung, in der wir Fünf nnl befanden: so ganz frei, ganz enthoben aller conventiooellen Pflichten, nicht an Zeit und Ort gebunden. Herrlich! Welche Poefie im Lumpenlrben!
Oben angekomwen, entschließen wir uuS zu einem Rund- gange durch die Wattburg, um jene Stätten zu sehen, en denen fich schon ftüher unsere Eollegen musikalisch Lovcurreoz gemacht und die so viele große Männer gesehen haben. Unser Aussehen erregt auch hier allgemeines Erstaunen unb Kops- schütteln. Dem herumsühreoden Lestrllan brücken wir am Schluß bi, zum Trinkgeld auSgestreckte Hand mit einem »Donke schön! Grüß Gott, lieber Fraind!"
Nun gehtS bergab unb bnrch bi, überwältigend schöne unb romantische Drachenschlucht, welche an manchen Stellen so eng ist, daß wir beiden Eellisten kaum mit unseren Instrumentell hiodurchkommen. — Inzwischen wird eS Abend und wir ziehen nach Eisenach, vm sür 80 Pfg. im »Fröhlichen Mann" zu überuochtrn. Am nächsten Tage suchten wir den nnS bekaunteu General L. aus, bei dem wir eine köstliche ErkennullgS.Scene erlebten, vordem hatte man un» aufgefordert, iw letztgenannten Pensionat Nachmittags nochmal» »zum Kaffee" zu spielen. Wtt sagten natürlich zu, und dort pasfirre e», daß unserem lieben Smetana bei dem allzu »lebhaften" vorttag einer Mazurka die UunauSsprech- licheu zerrissen. Hier, wie bei dem General, wieder »goldener" Lohn.


