Sonntag den 7. 'August
1898
Erstes Blatt
Nr. 183
Meßmer Anzeiger
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Rumänien und Rußland.
Unter dem Eindrücke des Todes du Altreichskanzlers Fürsten Bismarck sind einzelne Ereignisse, welche wohl verth waren, größere Beachtung zu sinden, nicht genügend gewürdigt worden. So ist z. B der Besuch, den der König und der Thronfolger von Rumänien am Zarenhofe gemacht haben, fast unbemerkt vorüber gegangen. Und doch ist die Zusammenkunft, welche in den letzten Tagen in Peterhof statlgefunden hat, nicht ohne politische Bedeutung, ja sie wird vielfach als ein hervorragendes politisches Ereigniß angesehen. Unter dem jetzigen Zaren hat sich bekanntlich die Stellung des offiziellen Rußlands zu mehreren Staaten in bemerkenswerther Weise geändert. Wir brauchen nur daran zu erinnern, daß unter Alexander III. die Beziehungen Rußlands zu uns sehr kühle waren und an Frostigkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Dasselbe war in Bezug auf Rußland und Oesterreich der Fall; auch gegen dieses hatte Alexander III. entschieden eine Aversion. Und gar zwischen Rußland und Rumänien war da» Verhältniß nicht» weniger als glänzend; man hielt den rumänischen König für einen verkappten Preußen, für einen geheimen Älliirten des Dreibundes und hatte zu ihm wenig Vertrauen. Das Alles ist anders geworden, seitdem Rico* laus II. den Thron Rußlands inne hat. Er kam Deutschland berzlich entgegen, knüpfte mit Oesterreich intimere Beziehungen an und zeigte auch Rumänien viel mehr Wohlwollen, als es fein Vater gethan hatte. Und wenn wir einen Rückblick werfen auf den Verlauf der Anwesenheit König Karls in Petersburg, so müssen wir constatiren, daß sie einen großen Erfolg für das junge Königreich Rumänien bedeuten, daß sie eine wettere Anerkennung dafür sind, daß der Staat Rumänien von den Großmächten ernst genommen wird, daß er keineswegs so bedeutungslos ist wie andere Balkanstaaten und daß er innerhalb der internationalen Politik immerhin einen Factor bildet, mit dem gerechnet werden muß.
Rumänien ist rin junges Staatswesen; auch es verdankt feine Unabhängigkeit dem letzten russisch türkischen Kriege, in welchem seine Truppen bekanntlich unter Führung de» damaligen Fürsten Carol manche Erfolge errangen und nicht unwesentlich zum Ausgange des Krieges beitrugen. Vielleicht hat Rußland erwartet daß sich ihm Rumämen enger an« schließen würde, nachdem es unabhängig geworden war. Wer König Karl sah weder nach rechts noch nach links, '»ndern verfolgte seinen eigenen Weg, und wie wohl er daran zethan hat, sieht man an seiner ureigenen Schöpfung, dem heutigen Rumänien, da» in den letzten Decennien ganz ungeahnte culturelle Fortschritte gemacht hat und dessen Freund« schuft heute von großen, mächtigen Staaten gesucht wird.
Daß die Beziehungen zwischen Rumänien und Oesterreich seit langer Zeit die herzlichsten sind, ist bekannt. Die Anwesenheit des Kaisers Franz Josef in Bukarest »ar ein Beleg dafür, wie groß die Werthschätzung dieses Monarchen für den aufstrebenden Donaustaat ist, und es darf wohl als sicher angenommen werden, daß Rumänien bei einer europäischen Verwickelung auf der Seite seiner westlichen Nachbarn zu sinden sein wird. Eine Aenderung bl der rumänischen Politik dürste schwerlich aus der Mo« narchenzusammenkunft in Petersburg hervorgehen, und wenn Rußland etwa geglaubt hat, durch einen besonders glanz« vollen Empfang des Königs eine Schwenkung in der Politik seiner Regierung fördern zu können, so hat es sich jedenfalls in einem schwelen Jrrthum befunden. Aber es ist auch für Rumänien viel werth, zu Rußland wieder in einem freundnachbarlichen Verhältnisse zu stehen, die guten Beziehungen zvifchen dem Zaren und dem König können nur dazu dienen, das Ansehen Rumäniens im Rathe der Völker zu stärken.
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•* Der Jahresbericht der Großh. tza«deUka»mer Gietzen für 1897 ist erschienen. Derselbe enthält außer den gewohnten Mtttheilungen über die durch die Kammer während de» Be« richt»jahreS behandelten Fragen einen Rückblick aus dir 25jährige Thattgkeit der Kammer, er kann sonach al» eine Art Jubiläumsbericht betrachtet werden. Wir kommen auf den Inhalt des Bericht» noch zurück, und theilen vorläufig die zunächst allgemeine» Interesse beanspruchende Einleitung mit. In derselben heißt e» . Der wirtschaftliche Aufschwung, welchen wir im Jahre 1896 mit Befriedigung constatiren konnten, hat im Berichtsjahr im Allgemeinen keine Beeinträchtigung erlitten. Die Besserung der Lage war vielmehr in fast allen Zweigen unserer Industrie, theilweise auch de» Handel», eine zunehmende. Eine» besonderen Aufschwung» durften sich unsere Maschineufabrikation und Metallwaaren-Gießerei, der- Kunden mit Installation von Bade-Einrichtungen rc. erfreuen. Leider ist jedoch in dem für unseren Bezirk wichtigsten Industriezweige, der Cigarreu-Jndustrie, eine Wendung zu« Besseren im verflossenen Jahre nicht eingetreten. Die Ursachen für die mißliche Lage dieser Brauche find tu den Spezial« berichten derselben geschildert, auf welche wir de»halb Hinweisen. In absehbarer Zett dürfte wohl eine Besserung in den derzeitigen Verhältmssen nicht zu erwarten sein. Der Kleinhandel leidet mit wenigen Ausnahmen nach wie vor unter der drückenden Soucurrevz von Eonsum-Beretneu, Versandt« und Bazar-Geschäften. Grundsätzliche Gegner von Eonsum- und Privat-Eiukauf-veretnen, fiod wir stet», wir ramevtlick auch au» unserem Vorjährtgen Berichte zu ersehen ist, für die Anwendung geeigneter und gesetzlich zuläsfiger Maßnahmen brhuf» deren Einschränkung eingetreten. Die Beeinträchtigung durch Bersandt-Geschäfte ist von nist zu unterschätzender Bedeutung, kann jedoch durch die Gesetzgebung nicht beseitigt werden. Dagegen wollen wir nicht unterlassen, an dieser Stelle — wir e» schon früher von un» geschehen — mit Bedauern auf die Beobachtung htnznweiseo, daß vorzugsweise solche Kreise, welche dem Geschäft»leden beruflich ferner stehen, m>t Borlirbe die in geschickter Form und Ausstattung erscheinenden Cataloge jener Geschäfte stu- dtren und gern Anlaß nehmen, dorthin ihr baare» Geld wandern zu lassen, für welche» sie in den weitaus meisten Fällen mit größerer Sicherheit (durch gebotene Prüfung der Waare) fich zum Mindesten gleich vortheilhaft bet« heimischen Kaufmann versorgen könnten. Der Detailhandel verspricht fich eine Besserung seiner Lage durch die jüngst ringelelleteu Erhebungen, welche in eingehendster Weise die seinem Niedergang zu Grund liegenden Ursachen erforschen sollen, um daraufhin etu staatliches Eingreifen zu ermöglichen. Wenn wir auch bezweifelten, daß durch diese EnquZte ein zuver« lässiges Resultat geschaffen werden könne, so waren wir doch bereit, unsere Dienste dieser Angelegenheit zu widmen, indem wir unS bei den einleitenden Berhandlungeu der Mitwirkung de» htefigeu Detatllisten-Vereivs versicherten, welcher unS wiederholt in Fragen, welche den Kleinhandel berühren, ein bereitwilliger Mitberather gewesen ist. Die Ausführung der Erhebung für da» Gebiet des GroßherzogthumS Heffen läßt Groß« herzogliche StaatSrezierung durch ihre KreiSämter vornehmen. Mit großer Gruugthuung begrüßen wir die Thatsache, daß bereits jetzt — fünf Jahre vor dem Ablauf der Handel»« Verträge — die Deutsche ReichSregieruug fich ein möglichst klares Bild von der wirihschaftlichen Lage des Reiche» nud seiner Haudelsinterrffen zu machen sucht, indem sie zu diesem Zwecke hervorragende Fachmänner au» allen Gebieten de» wirthschastlicheu Leben» zum Zwecke der Vorbereitung künftiger Handelsverträge in einem „Wirihschaftlichen Ausschuß" vereint hat. Sonach dürfen wir unS der Hoffnung hivgebeu, daß unsere RetchSregieruug unbeirrt aus dem Wege der Handel»- verrragSpolttik sortschreitru und eS ihr gelingen wird, deu Abschluß möglichst langfristiger Verträge zu erwirken, unter deren Schutz der Deutsche Handel und Verkehr fich weiter zum Segen des ganzen Vaterlandes entwickeln wöge.
••r Ständchen. Gestern Abend brachte der Gießener Mänuergesavgvereiu seinem Präfideuten, Herrn Emil Kalbfleisch, ein Ständchen zur Feier seines 25jährigeu Jnblläum» als Mitglied der freiwilligen Satl'schen Feuerwehr. Die vor- träge unter der vortrefflichen Leitung des Herrn Mufikdireetor Krauße wurden exact und flott zu Gehör gebracht. Wir wünschen dem rührigen Verein, welcher heute, SamStag, Abend, bereits wieder einen Ausflug nach TextorS Terraffe geplant hat, etu ferneres Wachsen, Blühen und Gedeihen.
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Mtirei nach n°nen äwedei zu ret , . 77Qi ^baudes^ietze^ Ar-unden tö-il-st Mung der Am Stelle Nr. 16 fr.
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Geschädei 10 u- 20 Pfg.
Deutscher Reich.
Berlin. 6. August. Gegenüber der Beschuldigung eine» Berliner Blattes, daß Ungarn au» Bequemlichkeit fich nicht za Gunsten der Deutschen in Oesterreich verwende, bemerkt der officiöse „Nemzet", daß Ungarn trotz aller Sympathie und aufrichtiger Liebe für die Deutschen dir» nicht thuu könne, einfach weil daS Gesetz dies verbiete.
Berlin, 5. August. Der „Local-Anzeiger" meldet aus FriedrtchSruh: Die Zusendungen von Kranzspenden dauern fort. Von den heutigen Eingängen sei eine Spende der deutschen Kolonie in Antwerpen und deS Bi»marck-Eomit6» in Effeu erwähnevSwerth. Die Familie be» Fürsten bleibt entgegen der ursprünglichen DiSpofitiouen noch eine Woche hier verfawwelt. — Der württembergische Gesandte in Berlin ist hier eingetroffm. — Die Seydlitz Kürassiere
Arrrtarrd
Ln-rru, 5. August. Gestern Nachmittag stürzten van der Ostseite be» StauzerhornS die Touristen Moritz Guggenheim au» Baden im Aargau und Emil Bloch au» Bruck im Aargau ab. Ersterer ist tobt, letzterer wurde gerettet.
Rom, 5. August. Dem „Eoreiere" zufolge fürchtet mau im vattcau, der amerikanische Corgreß werde die Au»- Weisung der Jesuiten au» der Union beschließen.
Madrid, 5. August. Mittelst Regierung»decret» wurden die Befestigungsarbeiten in den Hafeustädteu eingestellt.
Madrid, 6. August. Offiziell wird bekannt gegeben, daß Amerika nur so lange die Stadt uvd Bay von Manilla besetzt halten wird, bi» die Frage der zukünftigen Regierung»« form auf den Philippinen geregelt ist.
Peter Holm.
Karlsruhe, 5. August. Der evangelische Oberktrcheurath hat den Geistlichen empfohlen, beim nächsten Sonntag»- Gottesdienst der Verdienste de» Fürsten Bismarck um das Vaterland ehrend zu gedenken und deu Wüascheu der Gemeindeu betreffs besonderer Trauerfeieru thuoltchst entgegeuzukommeu.
Mi ~,Cerouttey
Local«, und Provinzielle».
Gieße», deu 6. August 1898.
•• Tas gestrige Coucert der ungarischen Capelle in dem Restaurant Kmsergarten batte fich eines recht zahlreichen Besuche» zu erfreuen und fanden die Vorträge allseitig größten Beifall. Ohne Noten wurden die schwierigsten Paffagen wiedergegeden- vornehmlich die Geigensoli de» LapellmeisterS Herrn Dombh Karoly ernteten reichen Beifall. Ein solche» Feuer und eine derartige Wärme vermögen nur Ungarn ihrem Spiele zu verleihen. Der Besuch der heute und morgen Abend in Röhrle» Bierhalle statlfindenden weiteren Concerte, sowie der Sonntag» MatinLe im Kaisergarten sei daher Musik- freunden fctften» empfohlen. w
• • Fürst Bttzmarck war Dollar aller Facultateu. Die Ehrenernennungen hatten folgende» Datum: 1. Dr. philo- soxlriLS zu Halle, 21. Juni 1867. 2. Dr.juris zu Göttingen, 18. März 1885. 3. Dr. juris zu Erlangen, 1. April 1885. 4. Dr. acient. polit. zu Tübingen, 1. April 1885. 5. Dr. theoL zu Gießen, 10. November 1888. 6. Dr. medicinae zu Jena, 16. Juli 1896.
• • Bürgermeister-Versammluug. Zur Ergänzung de» Be- richt» in Nr. 181 d. Bl. über die letzthin stattgehabte Lou- ferenz der Bürgermeister au» den Landgemeinden wird un» »itgetheilt, daß der in der Notiz n.cht genannte Senior der Bürgermeister de» Kreise» Gießen, Herr Schwarz zu (Sorben« reich ist. — Die Versammlung fand übrigen» nicht in Langsdorf, sondern auf dem Schiffeuberg statt. .
• • Sehr entgegenkommend zeigte sich die Eisenbahn- Direction Frankfurt a. M., indem sie dem Ersuchen de» Kaufmännischen Vereins, der morgen, Sonntag den 7. d. Mr»., einen Aukflug nach Badenburg unternimmt, stattgegeben
Hamburg, 6. August. Der Senat verfügte die Aus- lieferung de» verhafteten dänischen SocialistenführerS
thrf'ücint täfifirf) mit Ausnahme des Montag».
Dir Gietzener A-smiliendtttter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigrlrgt.
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und die Hälfte des Jnfanterie-EommandoS haben heute Frted- richSruh verlassen. Der Rest bleibt hier bi» auf Widerruf. — Die Republik Venezuela legte durch eine Ham- burger Firma einen Kranz von größter Pracht im Werthe von 3000 Mk. nieder. — Förster Sp örke, welcher Sonntag Nacht die beiden Photographen unberechtigt ins Schloß eingelassen batte, wurde ohne Pension entlassen.
Berlin, 6. August. Aus London meldet der Local-Avz.. Nach einer Meldung aus Washington habe der Präsident beschlossen, den Pag ozag o - Hafen in Samoa, welcher der Union im Jahre 1878 cedirt wurde, zur Errichtung einer voll ausgerüsteten Flotten- und Kohlnistatiou zu benutzen. Diese Handlung stoße ClevelandS Politik um und zeige Deutschland au, daß Amerika keiueswegS seine Rechte in der Südsee aufzugeben beabsichtige. Die Regierung halte es in Anbetracht möglicher Verwickelungen wegen der Philippinen für geboten, so gerüstet zu fein. Große Kohlen- vorräthe seien zur Versendung bereit.
Hamburg, 6. August. Gestern erfolgte hier die Eon- stituiruog des Comitä» für daS BiSmarck-Denkmal. Ein von tanseud Hamburger Bürgern unterzeichueier Aufruf
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