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7.8.1898 Drittes Blatt
 
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1898

Sonntag dm 7. August

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

Grutisbeiluge: Gießmrr Familimblütter

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Llle Anzeigen-BermittlungSftellm M In- unb ftaftoBtat nehmen ÄnyigtP Rr den Liehener Anzeiger errtGW«

nach dem unglücklichen auswärtigen Kampfe verschont bleiben werde.

leeabmt een Anzeigen zu der Nachmittage für den Mgenben Lag erscheinenden Nummer bii Berni. 10 llhr.

Adreffe für Depeschen: *(<!<«

Fernsprecher Nr. 61.

Locales unb provinzielles.

Sieben. 6. August 1898.

Milbe bliftuugeu. Der Groh Herzog hat eine größere Anzahl Schenkungen unb Vermächtnisse bestätigt, welche in den Monaten April, Mai und Juni gemacht wurden und welche tn-gesammt die Höhe von 66,674 Mk. erreichen. Hiervon entfallen auf die katholische Kirche 33,255 Mk., auf die evangelische Kirche 24,476 Mk., aus die Gemeinden 3800 Mk., auf die israelitischen Religions- gemeinden 2500 Mk., auf WohlthätigkeitSanstalteu 1648 Mk. und auf die Universität 1000 Mk.

Entscheidung. Eine für jeden Bierbrauer, Flascheubierhändler und Wirth ioteresiaute Ent­scheidung hat am 18. Juli bl. II. die Ferievkammer sür Strafsachen tu Altona gefällt. Augeklagt war der Ber- Händler M. wegen Vergehen »ach § 14 del Gesetze! vom 12. Mat 1894. M. soll nämlich im März dl. Jahres Bier tn Flaschen vertrieben haben, welche eine einem Dritten ge­hörige Bezeichnung tragen. Der Angeklagte machte geltend, dal sei nicht wahr, seit Februar dl. Jahres habe er keine fremden Flaschen mehr veibraucht. Die Beweisaufnahme vor Gericht ergab jedoch daS Gegentheil. Der Staatsanwalt beantragte hierauf eine Geldstrafe von 100 Mk. DaS Ge- r!cht ging jedoch über dieses Strafmaß hinaus und erkannte auf 150 Mk. Geldstrafe sowie Einziehung der Flaschen mit einer fremden Bezeichnung und Publikation des UrtheilS auf Kosten des Berurtheilten tu mehrrrcu Zeitungen.

Für Brennereien. Die Neuvemeffuog des Ge- sammtcontiogevts der Brennereien nach Maßgabe der Artikel I und II deS Gesetzes vom 4. April 1898 tritt, nachdem die königlich bayerische, die königlich württembergische und die großherzoglich badische Regierung der im Artikel II enthaltenen Aenderung des §47 des Branntweinsteuergesetzes vom 24. Juni 1887/16. Juni 1895 zugestimmt haben, mü­dem 1. October 1898 tu Kraft.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. August. Der Kaiser erhielt zum Ableben del Fürsten BtSwarck vou dem Prtozregevten von Bayern ein herzliches Beileidstelegramm. vou fremden Regenten sandten au den Kaiser Beileidstelegramme: der Kaiser von Oesterreich, der König von Italien, der Sultan, der König vou Portugal uud die Präsidenten der südafrtka- vlscheu Republik uud des Oranje-Freistaates. AuS Mexico find zwei Trauer-Kundgebuogeu hier eiugetroffeu.

Berlin, 5. August. Das Kaiserpaar wird sich am 13. October tu Venedig etuschtffen und nach Coustautiuopel jähren, vou dort Ist ein Ausflug nach Bukarest geplant. Lm 22. erfolgt die Abreise und am Abend deS 25. soll Haifa erreicht werden. Dort wollen Ihre Majestäten am 26. an Land gehen uud die Reise über Eäsarea uud Jaffa zu» rücklegen. Der Kaiser erscheint auf dem ganzen Wege von Haifa nach Jerusalem als einfacher Tourist und tn Livtl- kleidung- erst bet seinem Ltuzuge tn Jerusalem wtrd er Uniform tragen.

Berlin, 5. August. DerRetchSanzeiger" meldet, daß der Kaiser gestern vormittag nach der Trauerfeter tu der Vorhalle der Katser-Wilhelm-Gedächtnißkirche den Reichs­kanzler uud die Minister zu einer Besprechung um sich versammelte.

Berlin, 5. August. DieBerl. Pol. Nachr." haben uamittilbar nach der Veröffentlichung deS demLocal-Aoz" von Moritz Busch mitgethetlten Rücktrittsgesuch es deS Fürsten Bismarck erklärt, daß sie nicht vollständig ist, zugleich aber die Frage aufgeworfen, ob der veröffentlichte Text ganz oder theilweise echt ist, oder ob er überhaupt nur aus freier Erfindung beruht. Es wtrd jetzt bestätigt, daß der von Moritz Busch mitgetheilte War,laut nicht mit dem deS dem Kaiser überreichten Schreibens üdereiost'mwt, namentlich in seiner zweiten Hälfte weist er mehrfache Abweichungen auf. Die von Moritz Busch genommene Copie dürfte that- sachlich, wie bereits vou dea »Berl. N. Nachr." augedeutet worden ist, nur die deS Entwurfs gewesen sein, der später bet der Abschrift noch Abäuderuogen erfahren bat, die der Entwurf nicht erkenuen läßt. Diese find iudeffen nicht so riaschneidender Natur, daß der Werth der Veröffentlichung

Diesen Gedanken von der Spärlichkeit menschlichen Glücks, der in einem bekannten deutschru Gedichte*) aulgesührt ist, sprach der gewaltige Mann aus, deffen Hioschetdeu jetzt das deutsche Volk betrauert, als einmal der Berfaffer daS Glück hatte, den Helden in seinem Altfitz Frtedrtchsruh von An- gesicht zu Angesicht zu sehen uud an seinem gastlichen Tische Stunden zu verleben, die zur schönsten Erinnerung seines Lebens gehören.

Es war am 24. Februar 1895, als ich wich in Fried- rtchsruh befand, um eine Audienz bet dem Altreichskanzler vachzusuchev, in welcher ich demselbeu daS dreißigtauseudste, dal letzte unverkaufte Exemplar der ersten Ausgabe meines BuchesFürst Btlmarck" überreichen und ihn bitten wollte, die Widmung der zur damals nahen Feier bei 80. Geburtl- tages beS Fürsten vorbereiteten groheu Jubiläum».Aulgabe anzuoehmen.

Ich war auf gut Glück zum Sachseuwalde gefahren uud hatte mein Gesuch um Empfang erst dort an Ort und Stelle eingereicht. Der Fürst war leidend gewesen unb hatte seit Monaten keinen Besuch angenommen, meine Aussicht war also sehr gering. Im Gasthause traf ich mit vier Herren zusammen, bte aul Leipzig gekommen unb mit mir in gleicher Lage waren. Als Schicksallgenoffen wurden wir schnell mit« einander vertraut. El waren Vorstandsmitglieder des vater­ländischen Vereins in Leipzig, welche vom Fürsten die Er- laubuiß zu einer Huldigungsfahrt ihres Vereins erbitten wollten. Unsere Erwartung wurde aufs Höchste gespannt, als ein Diener aus de« Herreuhause kam und nach uns fragte. Er brachte die Einladung del Fürsten zur Frühstücks- täfel. Ein Jubelruf vou Aller Lippen!

Mit pochenden Herzen machten wir uns zur angegebenen Zeit auf den Weg in! Herrenhaus. Die Freude über unser Glück, den großen Manu von Angesicht zu Angesicht zu sehen, strahlte aul unseren Augen. Der Fürst empfing uns tu leutseligster Weise, hörte stehend und tn frischer Rüstigkeit unsere Anliegen an uud gewährte sie. Dann lud er zur Tafel ein. _ ..

Der Fürst sah außerordentlich frisch aus. Er trug die einfache bürgerliche Kleidung, schwarzen Gehrock uud weiße

) Laver Seidl. DaS Glöcklein bei GlückS.

Ät. 183 Drittes Blatt

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Bei 2 Mark 60 BfS* OKrteltAH«

Feuilleton.

Aürst Wsmarck und das Hlück.

Line persönliche Erinnerung an den Heimgegangenen Fürsten. Von Hermann Jahnke.

(Nachdruck verboten.)

Ein junger König hatte den Thron seiner Väter bestiegen. Verheißungsvoll lag die Zukunft vor ihm, die Aufgabe, ein schölle-, weites Reich zu beherrschen und ein mächtige« Volk fei regieren, schwellte sein edle» Herz. In dem Bewußtsein, durch sein Thun und Wirken die Millionen seiner Unterthaneu |i beglücken, hoffte er ein hohes, ungetrübtes Glück zu finden. Qr ließ im Hochgefühl dieses Gedankens in der Kuppel seines Fürstenschloffel ein Glöcklein aubringen, da» sollte jedesmal geläutet werden, wenn der edle Röntg sich recht von Herzen glücklich fühlte. Doch seine Hoffnung ersüllte sich nicht. Der hochherzige König sollte die Wahrheit erfahren, daß die, welche auf der Menschheit Höhen wandeln, am wenigsten Gelegenheit haben, ein wahre- Erdevglück zu empfinden. Die Sorge um das Wohl seine- Volke- ließ den König nicht zim Genuffe des GlückeS kommen- Widerspruch, Verkennung seiner edelsten Bestrebungen, Untreue, verrath selbst, bereiteten t!>m Kummer und Schmerz und machten die Zeit seiner Re- gierung zu einer Kette vou Unglück und Leid. Er kam nicht dazu, das Glöcklein des Glück» läuten zu laffcn. Frühzeitig ward seine Lebenskraft erschöpft, die er im Dienste seines Solls und de» Vaterlandes aufgerieben- er sank aufs Kranken- taget, fein Todtenbett. Da erkannte sein Volk, war ihm der edle König gewesen, und io Schaareu zog es zum Schlöffe, um seinem Wohlthäter die Liebe, den Dank zu beweisen, den ei ihm bisher versagt. Die Klagen, daS Weh der Menge über den bevorstehenden Verlust, drang zum Lager de» kranken König». Die Erkenutniß, vou seinem Volke dennoch geliebt und verehrt zu werden, verklärte seine letzten Augenblicke. In seiner Sterbestunde ließ er zum ersten Male da» Glöcklein des GlückS läuten.

Nach Eimern zählt das Unglück, Nach Tropfen zählt das Glück; Don taufend Eimern gibt es Drei Tropfen kaum zurück."

frfteint H6M Bit Ausnahme bei

MonlagS.

Die Siegln er »a«ikte,ir»1ter »erben dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

Lravatte- ein Flor um den Arm erinnerte an den schmerz- lichen Verlust, den er im Herbst zuvor durch den Tod feiner Johanna erlitten hatte. Trotz der alten Geflcht»fch«erzen, die ihn zuweilen Nörten, zeigte er sich während der ganzen nun beginnenden Unterhaltung von einer erstaunlichen Frische de» Geiste» und äußerst lebhaft und heiter. Sein Gedächtntß erwie» sich so treu und dienstbar, sein Urtheil so scharf und besonnen, sein Gemüth so tief und warm, daß man einen rüstigen Sechziger statt eineß Achtzigers vor sich zu haben glaubte. Auf seinem Antlitz, in seinen Augen lag ein freund- licher, milder Glanz, sodaß von dem ernsten, strengen AuS- drucke deS gewaltigen, eisernen Kanzlers kaum noch eine Spur zu merken war. So verlebten wir zwei unvergeßliche Stunden mit Bismarck, und was der Fürst während dieser Zeit sprach, gehört zu dem Schönsten und Jatereffantesten, was er jemals gesagt hat.

Angesichts der heiteren Stimmung und des in rüstiger Frische erglänzenden Antlitze« des greisen Helden sagte einer von uns zu ihm:Durchlaucht find doch ein glücklicher Mann."

Glücklich?" erwiderte der Fürst nachdenklich.Meine Herren, was nennen Sie glücklich? ®tn glücklicher Mann bin ich selten gewesen. Wenn ich die spärlichen Minuten wahren Glück» zusammen- zähle, so kommen nicht mehr als vierundzwanztg Stunden im Ganzen heraus."

Welch ein Ausspruch ans dem Munde eine» Mannes, der Ersolge seine» Wirken» und Schaffen» ohne gleichen errungen, deffen staatlmännische»@lüdM geradezu sprich­wörtlich geworden ist! Wir ließen da» Wort des Fürsten darum auch nicht unwidersprochen, und e» war im höchsten Grade feffelnd zu hören, wie der Gewaltige, btr Jahrzehnte lang auf den Höhen der Menschheit gewandelt, au»führte, wa» er unter Glück verstehe. Er sagte:

Die Glück»empfiuduog dauert immer nur Augenblicke, Minuten höchsten», dann ist sie verrauscht, abgeschalt. So besinne ich mich, auf Augenblicke glücklich gewesen zu sein, wie ich al» Junge meinen ersten Hasen schoß, dann ferner, als ich von meiner Johanna das Jawort erhielt, oder wenn ich al» Land- und Forstwirth meine Rieselwiesen und meine

Ausland.

London, 5. August. Der Socialtst Aveling, deffen Gefährtin Eleonora Marx jüngst Selbstmord verübte, ist am Dienstag hier gestorben.

Nach halbamtlicher Pariser Meldung ist die französische Regierung sorgfältig darauf bedacht, jede etwaige Unterstützung carlistischer Unternehmungen von fran- zöstschem Boden au» zu verhindern, unb die Grenzbehörden find bereit» seit einiger Zeit im Besitze der Anweisungen, durch welche ihnen eine besondere Wachsamkeit in dieser Rich­tung auferlegt wtrd. Madrider Nachrichten besagen übrigens, daß man in den dortigen maßgebenden Kreisen den AuSbruch einer ernsteren carlistischen Bewegung nicht besorge. E» dürfte, wie man meint, vielleicht zu kleinen Putschversuchen kommen, die Kraft zur Veranstaltung eines umfaffenden Auf- standes scheine jedoch den Larlisten derzeit allen Anzeichen nach zu fehlen. Dem Auftauchen einer carlistischen Bande bei Seo de Urgel werde daher keine Bedeutung beigelegt. Die spanische Regierung verfüge an allen Punkten, wo derartige Anschläge unternommen werden könnten, über eine mehr als ausreichende bewaffnete Gewalt zur Unter» drückung von Aufruhr. Ein Zuzug für die Larltsten aus französischem Gebiete könne, da die Pyrenäengreuze von beiden Seiten so strenge überwacht wtrd, als auSgeschloffen gelten. Man gebe sich daher tn Madrid der zuversichtlichen Hoffnung I hin, daß Spanien von Erschütterungen deS inneren Friedens

von Moritz Busch tu der Weise In Frage gestellt werden . könnte, wje es bteBerl. Poltt. Nachr." gethau haben. | Uebrigens bürste auch das in die Hände des Kaisers gelegte Schriftstück tn absehbarer Zeit veröffentlicht werden. An maßgebender Stelle ist man dem Gedanken der veröffent» lichung bereits näher getreten, um auf diese Weise jeder Legendenbtldung den Boden zu eutztehen. Ob diese, wie ver- sichert wird, schon in zehn bis vierzehn Tagen oder erst später erfolgt, bleibt abzuwarten. Maßgebend für die Hinaus­schiebung der amtlichen Publicatioo scheint der Wunsch zu sein, daß nicht, sozusagen über dem Sarge des Fürsten Bilmarck, eine neue Erörterung über diese Angelegenheit Platz greift.