Rr. 130 Erstes Blatt.
Dienstag dm 7. Juni
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politische Wochenschau.
Ganz so glatt dürfte die Verständigung der beiden frei- ! finnigen Parteien bei den Wahlen doch nicht von statten gchen, umsomehr als die Vorbereitungen der freifinnigen Bolk-partei und der Vereinigung bereits sehr weit gediehen waren und die Aufstellung der Candidaten überall ihre Erledigung gefunden hatte. Es gehört nunmehr natürlich viel Überwindung für den einen oder anderen Theil dazu, frei- willig zurückzutretev, und nicht überall wird die Entsagung zur Thatsache werden. Dar Urtheil darüber, welche der beiden Parteien in einzelnen Wahlkreisen die meisten Chancen hat, ist aber sehr schwer zu fällen.
Noch immer vollzieht sich der Wahlkampf in verhältnis- mäßiger Ruhe. Die Leidenschaftlichkeit, welche bei früheren Wahlen zu Tage trat, ist stark abgedämpft, trotzdem doch gerade die nächste Reichstagssession in wirthschaftlicher Be- ziehung eine große Bedeutung zu erlangen verspricht. Wohl wird agitirt und werden Versammlungen abgehalten, aber bisher hat sich in dieser Hinsicht noch keine besondere Erregung geltend gemacht.
Eigentlich könnten wir ganz froh sein, daß wir über unsere iunerpolitische Situation so wenig zu berichten haben, denn von allen denjenigen Ländern, die wir einer eingehenden
Besprechung unterziehen müsien, liegen Meldungen erfreulicher Art nicht vor. DaS zeigt sich schon bei unseren Nachbarn an der Donau. In Oesterreich haben am Mittwoch bte ReichSrathsverhandluugen wieder begonnen, die erste Satzung eröffnete jedoch bereits eine sehr trübe Perspective auf den Fortgang der Berathungen und läßt jede Hoffnung auf eine Gesundung der inner-politischen Verhältntffe schwinden. Oer Nationalitätenhader und die eigentümliche Haltung,
wckche die österreichische Regierung den Deutschen gegenüber einnimmt, wirken insbesondere auf die Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn zurück, und eS läßt sich schon jetzt übersehen, daß diese im laufenden Jahre nicht zum Abschluß gelangen io erden. Ungarn soll in der Qtotensrage jetzt einige Nach- giebigkeit zeigen und einen Antheil an den gemeinsamen Ausgaben im Betrage von 36 Procent zugestehen wollen, um den Ausgleich zu ermöglichen. Was hat dies aber für einen Zweck, wena in Orsterreich die Obstruction von Neuem ein* setzt und die Verhandlungen im Abgeotdnetenhause unmög
lich macht?
MarquiS di Rudini hat sein Ministerium doch zu .tonbe bringen können und die sich geltend machenden Schwierigkeiten zu überwinden vermocht. Freilich ist wohl Niemand da, der dem Cabinet eine lange Lebensdauer prognosticirt, denn zu der bisherigen Opposition in der Kammer treten ann auch wieder sämmtliche Anhänger Zanardellis, die, solange ihr Herr und Meister im Cabinet saß, die Bekämpfung der Regierung nicht mit aller Schärfe betreiben durften. Nun haben sie. keinen Grund mehr, Zurückhaltung zu üben, und werden das Versäumte jedenfalls gründlich nachzuholen
versuchen.
Auch Frankreich hat seinen inneren Conflict durch- zumachen, der diesmal ernsterer Natur zu fein scheint. Die Vorgänge bei der Wahl der Präsidenten in der Kammer haben gezeigt, daß die Position der Regierung eine sehr schwache ist, daß sie von Zufälligkeiten abhängig ist, die jeden Tag eintreten können. Jedenfalls beruht die Majorität de» Cabinet» in der Kammer auf einer wenig zuverlässigen
Koalition, die in jedem Augenblick auseinander gesprengt werden kann. Immer mehr kommt man zu der Ueberzeugung, daß die letzten Wahlen dem Ministerium Mvline doch eine Niederlage gebracht haben, insbesondere wenn in Erwägung gezogen wird, mit welchem Hochdruck die RegierungSmaschiue bei den Wahlen gearbeitet hat. Der Wahlgang in der Kammer liefert den Beweis, daß die Parteiverwirrung noch erheblich gesteigert worden ist, daß eine feste Majoritätsbildung nach der einen oder der anderen Seite eine bedeutende Erschwerung erfahren hat.
Die Ereigniffe auf dem Kriegsschauplätze in Westindien dürfen wir natür.lch nicht unerwähnt lassen, wenn auch noch keine Entscheidung erfolgt ist. Der moralische Erfolg, den die Spanier am Dienstag bei Santiago errungen haben, wird seine Wirkung nicht verfehlen und den Muth und die Zuversicht derselben erheblich anzufeuern geeignet sein. In der Flotte besteht Amerikas Hauptmacht, denn auf daß zusammengelesene Gesindel, auS dem sich das Gros feines jetzigen „Heeres" zusammensetzt, kann im Ernstfälle wohl kaum ge- rechnet werden. Ist aber die Flotte machtlos, wo soll dann der Erfolg Herkommen? Wo bleiben jetzt Diejenigen, welche für daS Mil'tzheer schwärmen und in ihm auch daS Heil für Deutschland erblicken, angesichts der Erfahrungen, welche heute
die Vereinigten Staaten mit den angeworbenen Vaterlands- vertheidigern machen, die keine DiSciplin kennen und sich in eine solche auch wohl schwerlich werden hineinzwängen lassen wollen! (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juni. Der Kaiser machte gestern, wie auS Swinemünde gemeldet wird, aq Bord der Lustyacht „Iduna", die von der Luflyacht „Meteor" begleitet war, eine Segeltour, die sich bil zur Höhe der StackelbergeS erstreckte. Um 8 Uhr Abends traf der Kaiser wieder in Swinemünde ein.
Berlin, 5.Juni. Der Kaiser hat den Geschichtsmaler William Pape beauftragt, die kürzlich stattgehabte Coufir- mation des Kronprinzen und de- Prinzen Eitel Friedrich bildlich darzustellen.
Berlin, 4. Juni. Der Finauzminister Dr. v. Miquel konnte heute zum ersten Male fett seiner Rückkehr au» Posen wieder die Bureauräume seines Ministeriums aufsuchen. Mitte diese» Monats gedenkt der Minister sich nach Em» zu begeben.
— Regelung des Bernsteinregals. In Königsberg findet zwischen dem 6. und 9. d. M. die Abschluß- berathung zwischen der königl. Staatsregierung und dem Geh. Commerzienrath Becker betreffs üvkauss der Palmicker Bernsteinwerke durch den Staat statt, die vorauSfichtlich zu einem günstigen Ergebniß führen wird. Jedoch dürfte die Ucbernahme der Werke durch den Staat erst am 1. Juli 1899 stattfinden.
— Angeblicher Zwischenfall an der deutsch- franzö fischen Grenze. Der von französtschen Blättern gemeldete Grenzzwischenfall vom 29. Mai beschränkt sich darauf, daß mehrere Soldaten des sächsischen Fuß-Artillerie- Regiment» in Metz am ersten Pfingstfeiertage, in der Nähe von Mars-la-Tour die hier sehr schwer kenntliche Grenze versehentlich überschritten und von sranzöfischen Zollwächtern zurückgewiesen wurden, wobei es zu einem Wortwechsel kam, da beide Parteien sich nur schwer verständlich machen konnten,* zu Thätlichkeiten ist e» nicht gekommen. Die Soldaten zogen sich über die Grenze zurück.
— Im Befinden des Königs Otto von Bayern ist, wie au» zuverlässiger Quelle verlautet, wiederum eine kleine Verschlimmerung etngetreten, da sich neuerdings Blutungen zeigen. Die Thatsache einer fortschreitenden Nierenerkrankung wird nach den neuesten Beobachtungen seiner Umgebung kaum mehr geleugnet werden können. Einer persönlichen Untersuchung des hohen Kranken setzt dieser den alten Widerstand entgegen, und Gewalt darf den Vorschriften gemäß durchau» nicht angewendet werden.
Anslsvd
Wien, 4. Juni. Die Regierung wird die Interpellation über die Grazer Vorgänge am Montag, spätesten» Dienstag, beantworten. Die außerhalb wohnenden Abgeordneten der Rechten wurden dieserhalb mittelst Circular» aufgefordert, am Montag vollzählig im Abgeordnetenhause zu erscheinen. Die Socialisten werden in der nächsten Woche den Antrag auf Herabsetzung de» Getreidezolles erneuern.
Wien, 5. Juni. Der Reichsrath hat gestern die Antwort auf die Anfrage wegen der Grazer Vorgänge festgestellt, die morgen abgegeben werden soll. Die Antwort dürfte dem Vernehmen nach die Linke unbefriedigt laffen.
Brünn, 4. Juul. Der Herausgeber und Redacteur de» hiesigen Socialisten-BlaiteS „VolkSfreund", Schloßnikl wurde wegen Veröffentlichung eines gegen die Bibel gerichteten Artikels zu drei Monaten Kerker verurtheilt.
Brussel, 5. Juni. Die Internationale Zucker- confer en z tritt am Dienstag im belgischen Auswärtigen Amt zusammen. Deutschland, England, Frankreich, Oester- reich-Ungaro, Belgien, Portugal, Rußland und Schweden sind vertreten. ES ist Geheimhaltung der Berathungen beschlossen worden.
Pari», 4. Juni. Hier tritt mit Bestimmtheit da» Gerücht auf, daß Möliue entschlossen sei, den Krieg-minister Billot durch den General Saussier zu ersetzen.
— Wie eS den Franzosen mit der Herübernahme der Institution der Einjährig-Freiwilligen nicht recht hat glücken wollen, so geht e» ihnen fast noch schlechter mit der Pflege der Turnerei. Die französtschen Turnvereine sind auf die Zahl von 863 mit im Ganzen etwa 30000 Mitgliedern zu- sammengeschmolzen, während die deutschen auf 6249 mit ungefähr 600000 Mitgliedern gestiegen und noch im vollen
Fortschreiten begriffen sind. Der Ausschuß deS Gesammt* Vorstandes der französtschen Vereine hat nunmehr ein dringendes Ansuchen in Form eine» offenen Briefe« an den Krieg»- Minister Billot gerichtet, um ihn um Unterstützung und Hilfe zu ersuchen, wenn die Vereine nicht in kurzer Zeit ganz ein« gehen oder, wie der militärische Mitarbeiter de» „Journal des DebatS", Charles Mulo, eS nennt, an Bleichsucht sterben sollen — ein passender Tod für Turnvereine! „Trotz wiederholter Aufrufe," heißt eS in der Petition, „trotz unermüdlicher Arbeit nehmen unsere Bestände nicht mehr zu, und die neuen Vereine, die wir mit immer größerer Mühe ins Leben rufen, decken nicht den Ausfall der eingegangeuen vereine." So zeigt eS sich nach den verschiedensten Richtungen hin, daß sich das französische Volk auS dem Verfalle, in den eS etn- getreten ist, nicht wieder emporzuraffen vermag. Wie die eigene Anregung mangelt, wird auch eine Beihilfe de» Krieg«» ^Ministers keinen Erfolg verbürgen.
Belgrad, 5. Juni. Da» Wahlresultat ist vollständig regierungsfreundlich ausgefallen. Zwei Drittel der Mandate fallen an RegierungScandidaten. Drei bedeutende radtcale Führer find durchgefallen.
Belgrad, 4. Juni. Die Skuptschina-Wahlen find bisher ruhig verlaufen. ES wurden lediglich die bet allen Wahlen üblichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Der Sieg der RegierungScandidaten ist gesichert.
London, 4. Juni. Osficiell wird aus Washington gemeldet: Die Flotte SampsouS habe sich mit dem Geschwader SchleyS vereinigt. DaS Marineamtsei In beständiger Verbindung mtt Sampson.
London, 4. Juni. Nach Meldungen au« Cuba haben die Cubaner einen stürmischen Angriff auf Santiago gemacht und den Spaniern eine Schlacht geliefert, die jedoch noch unentschiedern ist. Die Insurgenten haben jetzt ihr Lager außerhalb der Stadt aufgeschlagen.
Madrid, 4. Juni. Regierungsdepeschen au« Havanna bestätigen, daß die Amerikaner gestern vor Santiago eine empfindliche Niederlage erlitten haben. Außer dem in den Grund gebohrten Schiffe erlitten zwei amerikanische Panzer schwere Havarie.
Petersburg, 5. Juni. DaS hessische Großherzog, paar und da» italienische Kronprinzenpaar treffen zum Besuche de» russischen Hofe» Mitte Juli hier ein. Die übliche Reise de» russischen Kaiserpaare» nach Darmstadt unterbleibt in diesem Jahre.
New-York, 5. Juni. An« Port au Prince wird gemeldet, daß bte Amerikaner am Freitag Abend Santiago de Cuba abermals etwa eine Stunde lang bombardirt haben. Die Batterien der Forts sollen stark beschädigt sein.
New-York, 5. Juni. Die Meldung der „World", daß daS Kabel zwischen Cuba und Spanien zerschnitten sei, ist unbegründet.
Nrw-York, 5. Juni. Die erste Division der für Cuba beftlmmten Truppen ist nunmehr eingeschifft und abgegangen.
New-York, 5. Juni. Nach einer Meldung au« Havanna hat General Bianco einen Theil seiner Truppen nach Santiago abgesandt, um jede Landung der Amerikaner zu verhindern.
Havanna, 6. Juni. Bisher haben die Amerikaner keine weiteren Angriffe auf Santiago unternommen. — Marschall Bianco verständigte die auswärtigen Consulate, daß auf Cuba eingeführte Lebensmittel unbedingte Zollfreiheit genössen.
New-York, 4. Juni. Mac Kinley ließ die Regierung von Uruguay auffordern, ein spanisches Torpedoboot, welche» sich in Montevideo befindet, auszuweisen oder dessen Abfahrt zu verhindern.
Locales unb provinzielles.
' Gießen, 6. Juni 1898.
•• Militarperfonalnachrichten. Der Unterarzt Dr. Fischer vom 3. Großh. Jnf.-Regt. (Letb-Regt.) Nr. 117, unter Versetzung zum Füs.-Regt. von GerSdorff (Hess.) Nr. 80, zum Asfist.-Arzt, die Asfist.-Aerzte der Res. Dr. Keller vom Landw.-Bezirk Gießen, Dr. Braden vom Landw.-Bezirk Mainz, Dr. Büchner vom Landw.-Bezirk Gießen, Dr. Kißner vom Landw.-Bezirk Gießen, zu Oberärzten, die Unterärzte der Res. Dr. Mühsam vom Landw.-Bezirk Mainz, Naab vom Landw.-Bezirk WormS, zu Asstst.-Aerzten befördert. Dr. Bachert, Oberarzt vorn Großh. Feldart.-Regt. Nr. 25 (Großh. Art.-Corp») mit Pension der Abschied bewilligt.
•• Theater-Verein. Dilettanten-Vorstellung am 10. Juni im Gießener Festsaal. Wir befinden un» in einer


