Nr. 106 Erstes Blati. Samstag den 7. Mai
1898
Erscheint lägtich nm Ansnahmc deS MonlagS.
Die Gießener
Mamikienvtätter werden dem Anzeiger w-chentlich viermal beigelegt.
Keßener Anzeiger
Bezugspreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Keneral-Mnzeiger
Alle Anzeigen.PermittlungSstellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für ven Gießener Anzeiger entgegen.
2lsnts- und Zlnzeigebl^tt fiw den lireis Gieszen.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schutfiraße Zlr. 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Aintücher» Tyeil
Gießen, den 6. Mai 1898.
Sets.: Die Vertilgung der Maikäfer.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
«m dir SNrtzh. Vür^ermristereie« des Kreises.
Nach unserem Au»schreiben vom 12. v. Mts. haben Sie, im Falle in Ihrer Gemarkung oder einem Theile derselben ein Hauptmatkäferflug eintritt, sofort die in § 1 der Polizei- Verordnung vom 11. April 1894 vorgeschrtebrneu Anordnungen zu treffen und dtrS un» al-bald berichtlich anzuzeigeu. Trotzdem tu diesem Jahre wohl tu allen Gemarkungen des Kreises ein Hauptmaikäferflug zu beobachten ist, find noch die meisten Bürgermeistereien mit der Erstattung der Anzeige im Rückstand, daß die vorgeschriebenen Anordnungen getroffen find. Wir erwarten solche innerhalb 8 Tagen. ______________________v. Gaqern.______________
Bekanntmachung.
Der Obstbautechniker des Obe, hessischen Obstbauverein-, Herr Metz aut Friedberg, beabsichtigt die nachfolgend verzeichneten Orte des Kreise» Gießen an den bezeichneten Tagen zu besuchen, um an Obstbäumen practische Unterweisungen zu ertheileu und Borträge über Obstbau zu halten.
DienStag, 17. Mai in Heuchelheim, Versammlung Abend» 8 Uhr.
Mittwoch, 18. Mai in Avendorf a. Lahn, Versammlung Abend» 8 Uhr.
Donnerstag. 19. Mai in Klein-Linden, Versammlung Nachmittag» 3 Uhr.
Freitag, 20. Mai in Gießen, Vormittags 8 bi» 11 Uhr, Nachmittags 3 bi» 6 Uhr practische Unterweisung. Zusammenkunft an dem Garten de» Herrn Amts- gerichtSrath» Gebhardt.
Samstag, 21. Mar in Watzenborn-Steinberg, Versammlung Abends 8 Uhr.
Sonntag, 22. Mai in Steinbach, Versammlung Nachmittag» 3 Uhr.
Montag, 23. Mai in Albach, Versammlung Abend» 8 Uhr. DienStag, 24. Mai in Annerod, Versammlung Abend» 8 Uhr.
Mittwoch, 25. Mai in Wieseck, Versammlung Abends 8 Uhr.
Die practischen Unterweisungen finden an Werktagen am gleichen Tage Nachmittags von 3 Uhr ab, in Klein- Linden und Steinbach am folgenden Tage Vormittag» von 8 Uhr ab statt. Rege Betheiligung an den Versammlungen, vornehmlich aber an den practischen Unterweisungen an Obst- bäumeu, al» anerkannt wichtig für die Entwickelung de» Obstbaues .ist erwünscht. Den Herren Obmännern der Ortsgruppen gehen besondere M'.tthetlnugen zu.
Gießen, den 6. Mat 1898.
Der Vorsitzende des BereinSbezirkS Gießen des Oberhesfischen Obstbauverein-.
Dr. Wallau, RegierungSrath.
Schluß des Reichstags.
Fünf Jahre find eine gute Spanne Zeit im Leben de» Einzelnen und der Gesammtheit, eine unendliche Fülle von Glück und Unglück, von Erfahrungen, Erfolgen und Enttäuschungen können fie einschließen und auf das Geschick de» einzelnen Judivtdium» und der Völker von entscheitender Be deutuug sein. Wenn wir auf die letzte, nunmehr hinter un» liegende Legislaturperiode des Reichstag» zurückblickru, so finden wir die Wahrheit des oben Gesagten vollauf bestätigt, umsomehr, als e» eine der bedeutsamsten Reihen von Sessionen war, die jetzt ihren Abschluß gesunden hat.
Der gewesene Reichstag ist bekanntlich im Jahre 1893 gewählt worden, nachdem eine Auflösung seine» Vorgänger» vor der Zeit stattgefunden hatte. Die Regierung wollte die HeereSverstärkung * irchsetzen, die aber jener Reichstag nicht bewilligen zu können glaubte. E» ist noch in frischer Erinnerung, wie heftig sich damals der Wahlkampf gestaltete, wie auf beiden Seiten die gewaltigsten Anstrengungen gemacht wurden, um den Steg zu erringen. Und trotzdem man der Regierung eine Niederlage prophezeit hatte, ging sie doch sieg- reich au» dem Kampfe hervor. Dazu trug wohl vor allen Dingen die Ueberzeugung bei, daß die verbündeten Regierungen eutschloffen seien, den Kampf um die HeereSverstärkung bis zum Aeußersteu fortzuführen, daß Nicht» fie davon würde abbringen können, für de» Reiche» Wohl Alle» daranzusrtzrn.
Und diese Ueberzeugung ist e» jedenfalls während der letzten Session gewesen, welche die Erfolge der Regierung gezeitigt hat.
Wa» nun die Thätigkeit de» gegenwärtigen Reichstag» anbelangt, so ist au» den früheren Sessionen die Verstärkung der HeereSmacht und die damit verbundene Einführung der zweijährigen Dienstzeit, sowie die Durchberothung de» Bürgerlichen Gesetzbücher ganz besonder» hervorzuheben. An Vorlagen, die nicht die Billigung der Volksvertretung gefunden haben, ist eS vor Allem die sog. Umsturzvorlage und das Tabakfteurrgesetz, welche daS Inten sie in Anspruch nahmen und die lange Zeit hindurch die Parole zu Angriffen gegen die Regierung bildeten. Daneben find noch eine Reihe von Anträgen aus dem Hause selbst zu erwähnen, denen die Regierung keine Folge gegeben hat: wir meinen den Antrag auf Aufhebung dr» JesuitrngesetzeS, auf Gewährung von Diäten an die ReichStagsobgeordmten und auf reichSgesetz- liche Regelung des VerrinSgesetze».
In der letzten Session bilden da» Flottengesetz und die Militärstrafgerichtsordnung das Hauptergebniß. Für beide Vorlagen waren die Aussichten nicht allzu günstig, nachdem im vorigen Jahr fast alle von der Regierung geforderten SchiffSneubaureu rundweg adgelehnt worden waren und bezüglich des Militärstrafprozeffe» die Forderungen der Oppo- fitionSpartrien einen großen Umfang angenommen hatten. Beide Gesetzentwürfe find unter Dach und Fach gebracht worden.
Noch eine Reihe weiterer Gesetzentwürfe ist erledigt, auf die wir noch zurückkommen werden. In die Augen springend ist b*t Thatsache, daß die Regierung zum Schluß der Legislaturperiode neu gestärkt dasteht und sich im Laufe der letzten Session die Anerkennung weiter Kreise bi» in die Opposition hinein zu verschaffen gewußt hat. (xx)
X>eutfd?ex 2Uid?»tag.
84. Sitzung vom Donnerstag den 5. Mai 1898.
Tagesordnung: Zunächst dritte Lesung der Civil- proceßordnung.
Das Gesetz wird nach unwesentlicher Debatte en bloc angenommen.
ES folgt die Interpellation Auer (Soc.): Beabsichtigen die verbündeten Regierungen Angesichts der ungewöhnlich hohen Getretdepreise eine zeitweilige Aufhebung der Getreioezölle herbeizuführen?
Abg. Schippel (Soc.) begründet die Interpellation, dabei auf da» allmählige Steigen der Getretdepreise seit Ende 1897 und auf das rapide Steigen in den letzten Wochen im Zusammenhang mit dem spantich-amerikanischen Kriege hinweisend. E» handle sich augenscheinlich nicht um etwa» Vorübergehendes, vielmehr um ein Aadauern der Steigerung bis zur nächsten Ernte. Gegenwärtig seien tu Deutschland schon richtige Thkuerungs-, Nothstandepreise. (Rufe: Sehr richtig!) Verschlimmert sei die Lage in Deutschland durch die starke Ausfuhr im ersten Quartal de» Jahres im Zusammenhang mit der Aufhebung des Identitätsnachweise». Redner gedenkt weiter auch der gegenwärtigen hohen Fleisch-, Spiritus- und Zucker-Preise und betont, daß, wenn seine Partei gegen die Brotzölle ankämpfe, so kämpfe sie nicht nur für deu Arbeiter, den Unterbeamten, den Mittelstand, sondern auch für die ganze deutsche Industrie. Fragen aber müffe er, wo seien heute die Vertreter der Industrie? Caprivi und Marschall seien gegangen, ehe der Hahn dreimal gekräht habe. (Heiterkeit.) Jetzt seien nun Parteien mit politischen Jämmerlingen an der Spitze. Man werde ja sehen, was die Regierung thun werde.
Gtaatssecretär v. Thielmann erklärt Namen» de» Reich« kanzler», daß e» nicht in seiner Absicht liege, dir Herabsetzung oder Aufhebung der Getreidezölle in Anregung zu bringen. Bereits 1891 und im Jahre zuvor hätten ähnliche Zustände zu ähnlichen Erwägungen geführt. Bet den hohen Getreidepreisen handle eS sich durchaus nicht um dauernde, sondern nur um vorübergehende Umstände. Nichts deute heute hin auf einen schweren Nothstand. Wegen eines vorübergehenden hohen Preise- könne die Regierung nicht den Zoll aufheben oder herabsetzen. Da» würde die Landwirth- schaft schwer schädigen. Und für eine solche Schädigung der Landwirthschaft sei der Reichskanzler nicht geneigt, die Verantwortung zu übernehmen. Sollten noch wesentliche Veränderungen eintreten, so werde die Regierung nicht versehleu, in eine erneute Prüfung einzutrelen. Redner fügt noch hinzu, er bestreite durchaus, daß ein absoluter Mangel an Getreide bestehe- e» bestehe nur ein Mangel infolge de» amerikanisch spanischen Kriege». Und nach den neuesten
Meldungen vom Kriegsschauplatz werde man zugeben, daß diese Gefahr nicht lange anhalten werde. (Beifall rechts.)
Auf Antrag des Abg. Rickert (frf. Bg.) erfolgt Besprechung der Interpellation.
Abg. Graf Kanitz (cons.) erklärt NawenS feiner Freunde, dieselben hätten principirll gegen eine Ermäßigung des Zolle» nicht» einzuwendeu, vorausgesetzt, daß der Preis eine übermäßige Höhe erreiche. Die jetzige PretShöhe sei zum Theil eine Folge der Speculattou in anderen Ländern wegen de» amerikanisch-spanischen Kriege». Eine gegenwärtige Aufhebung oder Herabsetzung de» Zolle» würde nur den Handelsstand beunruhigen, insoweit derselbe mit theuereu Borrätheu versehen sei. Er bitte die Regierung dringend, sich Action»- freihett zu verschaffen, die Hände frei zu machen gegenüber den unglückseligen Handel-Verträgen. Die gegenwärtigen Getreidepreise seien jeoensallS iolche, welche die Landwirthschaft haben müffe, um bestehen zu können. (Stürmisches Gelächter links.)
Abg. Richter (frf. Vp.) polemifirt gegen den Schatz- fecretär v. Thielmann und fodann gegen den Abg. Grafen Kanitz. Er führt des Weiteren au», die jetzige Nothlage fei verschärft worden durch die neuerlichen niedrigen Ausnahmetarife für den Getreidetransport in der Richtung nach Böhmen. Das, wa» Herr Graf Kanitz offen und ehrlich gesagt: „Die Preise, wie sie jetzt find, müssen und wollen wir haben!" sei Paffeno für die Wahlen. Wir werden, so schließt Redner, dem Volke sagen: „Die» kleine und theuere Brod, wie e» jetzt ist, da» ist da» klaffische Abbild deffen, wa» der Antrag Kanitz will." (Lebhafter Beifall links.)
Abg. Lieber (Crntr.) erklärt, seine Partei stehe genau auf dem Standpunkte, wie ihn die Regierungen bezw. der Reichskanzler al» den ihrigen bezeichnet hätten. Eine Su- sprnsion der Getreidezölle fei jetzt nicht begründet.
Abg. Paasche (al.) stimmt dem Vorredner zu.
Abg. Barth (frs. Bg.) meint, au- dem verlaufe der Discnffiou sei zu ersehen, daß auch bei sehr hohen Preisen eine Aufhebung be» Zolle» nicht erfolgen werde. Die eigentliche Ursache der Preissteigerung werde man darin suchen müffeu, daß sich der Handel angesichts des spanisch-amerikanischen Kriege» darüber klar geworden fei, daß die Getreide- vorräthe viel kleiner feien, als man birher angenommen habe. Nachdem Redner noch gegen den Abg. Grafen Kanitz polemistrt, bemerkt
Abg. v. Kardorff (Rp.), er für seine Person habe nicht» gegen Suspension de» WrizenzolleS bis zum 1. Juli. Für richtig halte er andererseits auch ein Getreideeinfuhrverbot bei sehr niedrigen Getreidepreiseu.
Nach einer kurzen Bemerkung de» Abg. Bebel (Soc.) wird ein Schlußantrag angenommen.
In dritter Lesung werden alsdann der Nachtragsetat, sowie das Gesetz über die künstlichen Süßstoffe definitiv angenommen.
ES werden noch einige Petitionen erledigt, worauf
Staatsfecretär Graf Pofadowsky die Botschaft wegen Schließung der Seffton Freitag 10 Uhr im Weißen Saale verliest.
Präsident Frhr. v. Buol schließt alsdann die Sitzung mit einem Hoch auf den Kaiser.
Schluß 4 Uhr.
Deutsche» Ääd?»
Berlin, 5. Mai. Eine neue Zusammenkunft de» Kaisers mit dem Zaren wird von den „Letpz. Reuest. Nachr." signalifirt. Nach einer Meldung derselben wird nämlich da» russische Kaiserpaar im Spätsommer dieses Jahre» dem Darmstädter Hose einen längeren Besuch abstatten. Bet dieser Gelegenheit ist, wie da» genannte Blatt hinzufügt, wiederum ein Zusammentreffen Kaiser Wilhelm» mit dem Zaren Ntkolau» in Aussicht genommen worden.
Berlin, 5. Mai. Der morgen vormittag im Weißen Saale des Königlichen Schlaffes stattfindenden Reichstags- Schließung werden auf Befehl des Kaiser» die in Berlin anwesenden activen Generale, sowie die Obersten und Regi- went-commandeure nebst den gleichen Chargen der Marine beiwohnen.
Berlin, 5. Mai. Die „Post" veröffentlicht heute den Wahlaufruf der deutschen Reichspartei.
Berlin, 5. Mai. Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht da» Gesetz vom 20. April 1898 betreffs Abänderung be» Gesetze» vom 26. April 1886 (Gesetz-Samml. S. 181), be- treffend die Beförderung deutscher Ansiedelungen in den Provinzen Westpreußen und Posen.


