Ausgabe 
7.1.1898 Zweites Blatt
 
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m. 5 Zweites Blatt.

Freitag den 7. Januar

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 6. Januar^1898. Betreffend: Register über Zu- und Wegzüge.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir sehen der Einsendung der Verzeichniffe über die Zu« und Wegzüge, oder Bescheinigungen, daß Einträge in diese Register im Jahr 1897 nicht zu machen waren, bis zum 20. d. Mts. entgegen. Die Bescheinigungen sind nach dem Muster, welches auf der letzten Seite des Formulars vorgedruckt ist, aufzunehmcn

Da» Formular zu dm Zu- und Wegzügen ist von der Großh. Centralstelle für die Landesstatistik in Darmstadt zu beziehen.

__________________v Gaqern.__

Die deutschen Kriegsschiffe in Port au Pririce.

DieBerliner Post" veröffentlicht ein vom 9. December au» Port-au-Prince datirteS Schreiben, in dem die Vor- gänge aus Anlaß der von der Regierung Haitis wegen des Falles Lüders an Deutschland gewährten Genugthuung ge­schildert werden.

Al» Samrtag, den 4. December, das Gerücht entstand, unsere Kriegsschiffe seien in Sicht, flohen alle Bewohner der Stadt in die Berge oder verkrochen sich in den Häusern.

Am selben Tage erhielt unsere Gesandtschaft eine. Depesche vom Grafen Schwerin, daß er Montag früh um 6 Uhr präcise in Port-au-Prince einlaufen würde. Von St. Thomas hatte man es so eingerichtet, daß Sonntag, den 5. December, Morgens, zwei Steamer der Hamburg-Amerika-Linie, die Slavonia" undGalizin", im hiesigen Hafen einlaufen konnten, um die zahlreichen Deutschen mit ihren Familien an Bord zu nehmen. Am Sonntag Nachmittag hatte sich bereits auf Ordre der Legation der größte Theil der Deut­schen eingeschifft. Die Aufregung in der Stadt war furcht­bar. Jeder Bürger lief bis an die Zähne bewaffnet in den Straßen herum; an Ausgehen war für uns Deutsche nicht zu denken. Die Regierung hatte Samstag Nachmittag eine Proklamation an das Volk erlassen, die von Tapferkeit und Freiheit strotzte, in der es aber zum Schluß hieß, daß bei Ankunft der deutschen Kriegsschiffe die Regierung nur für die Mitglieder der neutralen Mächte verantwortlich sei, wir Deutsche wurden also für vogelfrei erklärt. Montag präcise um 6 Uhr erschienen vollkommen gefecht-klar mit abgenom­menen Top» und geöffneten KanonenlukenCharlotte" und Stein" und fuhren langsam in stets gleichem Abstande in den Hafen. Es war ein herrlicher Anblick, und Tausende von Haitianern betrachteten lautlos dieses Schauspiel. In der Mitte des Hafen» angelangt, legten sie vor Anker. Die vier haitianischen Kriegsschiffe, von denen zwei ganz verlassen waren, hatten sich in die Ecke des im Hafen liegenden Forts, der Insel Seiet, gelegt. Es herrschte an Bord dieser kleinen Kanonenboote ein reget Leben. Gegen 9 Uhr stießen von derCharlotte" vier Boote ab, jedes mit einem Maxim-

Fernlleton.

Flirt.

Rovellette von M. C. Carpenter-Meyer.

(Fortsetzung.) =*

Wir sorgfältig die Dame stet» verschleiert war, nie lüftete sie die dichten Spitzr-r auch nur tnt geringsten, den Kuchen berührte fie niemals,- wer fie wohl sein mag?.

Lydia löst sich aus seinem Arme und wehrt seinen zärt­lichen Liebkosungen, mit denen er fie überschüttet, al» endlich da» Mädchen hinauSgegangen.

Ich muß eilen heut, Erich, hast Du alle» vorbereitet.? Wird cS gelingen? Wie häßlich e» hier ist!"

Ja, Lydia," sagte er zärtlich,es ist alle» bereit, und morgen wird meine süße kleine Lydia mein Weid, und ich brauche nickt «ehr, um auf ihre rosigen Lippen einen Kuß drücken zu können, in eine kleine häßliche Vorstadt-Conditorei zu gehen, und nie mehr werden diese häßlichen Spitzen mir Dein«' entzückende Schönheit verbargen--mein herrliches

Lieb wird mein!

Sie nickte leickt.

Also morgen? Wann?"

W rst Du um neun Uhr bereit sein können? Ein Wagen wird Deiner warten vor dem Tattersall, steige ein, und an der nächsten Eckr werde ich Dir folgen; um halb zehn Uhr geht der Eilzug «ach, Hamburg, dann die kurze Dampferfahrt, und noch ehe die Sonne finkt, find wir Mann und Frau."

Der kleine verstaubte Regulator an der Wand hebt zu schlagen an 8 Uhr.

Ich muß gehen, Erich," sagte Lydia, fich au» seiner Umarmung befreiend,Tonte wird mich sonst vermissen- wirst Dn auch heute Abend auf dem L'.ubdall sein?"

Er runzelte ein wenig die Stirn.

Nein Lydia, und ick wünschte, Du gingest auch nicht, gerade heut nicht den Abend vor Deiner Hochzeit!"

Er'ch, sei n«cht kindisch l" ES klang sehr gereizt.Wie sollte ich meiner Tante gegenüber meine Abwesenheit durch­setzen ? Vielleicht mit Kopfweh oder Migräne, nachdem ich eben mit Frau Dr. Bach quatre mains zu spielen vorgegeben?"

Verzeih, Lydia, ich will Dir nicht weh thun, denk ein wenig heute Abend an mich, ich wrrde dasselbe thun und darüber finnen, wie .ch am besten Dir ein guter Ehemann sein werde."

Er küßte sie zärtlich und ließ fie dann wie immer eine Minute vorher da» Zimmer verlassen, ehe er ihr folgte.

Wieder stand Lydia v. Wartenburg vor dem Spiegel und betrachtete fich aufmerksam.

Wahrlich, sie war schön genug, daß selbst da» alte, ver­tragene, unmoderne Kleidchen mit den engen Aermeln und

der Babyiaille ihren R izen keinen Abbruch that, noch leuch­tender uud Üppiger erschienen Hal» und Arme, blendender noch die formvollendeten Schultern.

Lydia lächelte leickt und selbstgefällig, und doch zog ein kühler Schauer durch ihren Leib, al» fie daran dachte, mit welch verwunderten und mokanten Blicken man fie im Ballsaale mustern würde, wenn e» ihr gelingen würde, Tante Rosa» kritischen, aber kurzfichttgeu Blicken fich vorher zu entziehen.

Fester noch zog fie den Mantel um fich und erwartete die Taute Im falten, halbduuklrn Eßzimmer. Frau von Löwenderg war außer fich, al» sie Lydia, die heute auffallend schnell mit ihrer Toilette fertig geworden, vor fich mit auberen jungen Damen in den -callsaal treten sah, fie rief, doch Lydia schien taub.

Später sah fie dieselbe beim Tanz mit einem jungen, ihr fremden Herrn, der, wie e» schien, sehr interesfirt war in seine schöne Partnerin.

Al» fie fich an einen ihr befreundeten Hauptmann a. D. seinetwegen wandte, sagte ihr dieser mit leichter Ironie: Der junge Herr, o, e» ist Herr Han» Kühne, man nennt seinen Vater in Hamburg den Actienkönig. Der Herr, der ein wenig wild gelebt, ward von dem Alten auf ein paar Jahre nachdrüben" geschickt, man sagt freilich, daß er dort ebenfalls al» der rolle Haue bekannt gewesen, aber das sowohl, wie auch seine etwas stark zur Schau getragenen Ltzlf-maäv-mau-Mauieren verzeiht man ja gern einem Erben so vieler Millionen."

Frau v. Löwenberg nickte befriedigt.

Lydia war 25 Jahre alt, und mit der Zeit wird e» peinlich, selbst eine so schöne Nichte zu bemuttern. Und wenn er keine Manieren besaß nun, Lydia war die Person, die ihm daS Vernachlässigte wieder in» Gedächtniß zurückzurufen im Stande war.

Und Lydia selbst fie vergaß da»morgen" voll­kommen, ihr ganze» Interesse war dem Erfolge von heute geweiht.

Es war Tanzpause, und Hau» Kühne, der in einer qroßmüthigen Laune das schöne, aber so fimprl gekleidete Mädchen zum Tanz engagirt hatte, führte Lydia in den Winter­garten ,- mit Hochgenuß sah er die bewundernden Blicke der Männer auf seiner Tänzerin haften.

Wer mochte diese» schöne Mädchen sein?

Lydia hatte fich in eine halb verzweifelte Stimmung hineingetanzt, fichtlich erschöpft lehnte fie gegen da» röche Sammetpolster de» Sopha», auf dem fie saßen, hörte den banalen Sckmeicheleien Han» Kühne» zu und lächelte, aprds neue la deluge stand in ihren Augen, lag auf ihren Zügen.

Wie schön Sie find, Miß Lydia!" Er nannte fie bei ihrem Vornamen, Lydia schien e» nicht zu bemerken.

Er fuhr fort mit einem nicht mißzuverstehendeu Blick ans ihre Robe:

gefchütz am Steven, vorne einer weißen Flagge und hinten am Heck der Kriegsflagge Deutschlands. Wie die Pfeile sausien die Boote über das Wasser. Am Port angekommen, entstiegen dem ersten Boot ein Lieutenant und einige Sol­daten. Vorweg trug man die Parlamentärfahne; bann folgte der Lieutenant und die Matrosen mit aufgepflanzten Bajonetten. Der Lieutenant trug ein großes Schreiben, welches er dem Hafencommandanten mit den Worten über­reichte:Voilä l'ultimatum pour le remettre tout de suite au president dHaiti. Donner moi un reju, monsieur! Vous avez du temps jusqu-ä, une heure. Jai mainte- nant 9 heures u Dieser Lapidarstyl warf den Hafer- commandanten bereits platt auf den Boden und stotternd bat er, daß ihn der Lieutenant zum Präsidenten begleiten möchte.Cenest pas necessaire, antwortete dieser, sprach» und wandte den Rücken Alsbald sausten die Boote zurück in den Hafen. Gleichzeitig waren Schreiben an sämmtliche Consulate in der Stadt ergangen, in denen das Ultimatum enthalten war mit der Bemerkung, daß die deutschen Handels­schiffe bereit wären, sämmtliche Fremde an Bord zu nehmen und daß man die Consulatifahnen möglichst hoch hissen möchte. Der früh Morgens in Folge einer Depesche herein­gekommene Dampfer der französischen Compagnie Trans- atlant:que erhielt ein Schreiben des Commandanten Thiede derCharlotte", es lautete:

Lieber Capitän! Um 1 llhr versenke ich die haitianische Flotte. Ich bitte Sie, Ihre» Dampfer möglichst weit aus der Schußlinie zu entfernen. Thiede, Commandant der deut­schen Streitkräfte in den haitianischen Gewässern."

Miß Lydia, Sie find schön genug, einen Thron zu schmücken, alle Herrlichkeiten der Wrlt scheinen gemacht, Ihnen zu Füßen gelegt zu werden, wahrlick, ich sah nie ein schöneres Mädcken."

In Lydias Augen zvckte ein triuwphirendeS Leuchten, doch schnell senkte fie die Lider, die plumpe dreiste Schmeichelei tönt ihren aristokratischen Ohren Mufik e» war ein Millionär, der so sprach---und er konnte ein Freier

werden.

Sie rührte kein Glied, nur al» er, kühn gemacht durch ihre Willenlofigkeit, seine Lippen auf ihren weißen Arm preßte, begann fie zu schluchzen und barg ihr Gefickt hinter dem Fächer.

Han» Kühne war sprach- und rathlo».

Mein Herr, wie grausam Sie find gegen ein arme», schutzlose» Mädchen, bitte, führen Sie mich in den Saal."

E» war unmöglich, da» weinende Mädchen durfte jetzt nicht in den Saal zurück, und mit sanften Worten begann er ihr zuzureden, fich zu entschuldigen.

Ein Blick so voller Entsetzen und Empörung traf ihn, er begriff, ohne recht den Grund derselben zu ahnen, daß er hier zum ersten Male Frauenthränen gegenüber stand, die keineblauen Scheine" oderblitzenden Steine" zu trocknen vermochten.

Leuchtend hob fich ihr weißer Hal» ab von dem tief- rothen Plü ch, uud hilflo» flehend sahen ihre schönen Augen zu ihm auf durch Han» Kühne» Adern begann eS heiß zu rinnen, die ganze leidenschaftliche Begehrlichkeit seiner fian- lieben Natur, die gewohnt, fich keinen Wunsch zu versagen, war erwacht uud nahm ihn gefangen, diese» schöne Weib, er mußte e» besitzen um jeden Prei».

Und er neigte fich über fie und abermals ertönte an ihrem Ohr daS kleine, süße WortLiede" und ein anderer heißer Mund preßte fich in fieberndem, verlangendem Kuß auf den ihren.

Lydia, mein Lieb, laß mich Deine Thränen trocknen, laß mich Dich schmücken, mein süßtS Lied!"

Lydia erhob sich, jäh dachte fie an da»morgen".

O, Herr Kühne, morgen, Sie werden ander» denken, kam zu schnell," fie dachte nur an ihre eigene Suche für morgen.

El aber glaubte, daß fie seine Vergangenheit fürchtete, daß e» ihm leid sein könne morgen und er ward dringender in seinem Begehr um Antwort, ihn reizte da» Weib, ta», augenscheinlich arm, nicht mit beiden Händen nach seinen Millionen griff, sondern ihm Bedenkzeit aoempsahl---

Al» er fie in den Ballsaal und zu Tante Rosa zurücksührte, mit der fie sofort da» Fest verließ, funkelte ein kostbarer Ring, den er vorher getragen, an Lydia» Hand, die fie indeß sorgsam vor Frau v. Löwenberg» Blicken verbarg.

(Schluß folgt.)