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6.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 261 Zweites Blatt Sonntag den 6. November

1898

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Aintr- uitt* Anzeigeblatt für beit "Kreta Gieszen

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| Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Utzrrfie für Drpkschrn: >»|ti<lt t!<«». Fansprecha Nr. 61.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

Helreffmd: Feldbereinigung in der Gemarkung Ringelshausen.

Jo der Zeit vom 7. November d. I 61» einschließlich 20 November d. I. liegen auf dem Amtszimmer der Groß« herzoglichen Bürgermeisterei Rabertshausen die Arbeiten de» ersten Abschnitte» rubricirter Feldberetnignng, nämlich:

1. der allgemeine Meliorationsplan,

2. Erläuterungsbericht und Plüfungs-Protoeoll zu demselben,

zur Einsicht der Betheiligten offen.

Lagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hier- Gegen findet statt:

Montag den LI. November 1898, vormittags 10 bis /,» Uhr, auf dem Amtszimmer Großh. Bürgermeisterei Roberts- Hansen, wozu ich die Betheilizten unter dem Anfügen ein- lade, daß die Ntchtrrscheinenden mit Einwendungen auS- geschloffen find.

Einwendungen find schriftlich abzufaffen, zu begründen und auf Papier in Actmgrvße (mindesten» Vi Bogen) einzu­reichen.

Friedberg, deu 2. November 1898.

Der Grohh. veretnigungscommiffLr: Merck, Kreisamtmann.

Welchen Zweck verfolgt die landwirth« schaftliche Winterschule.

Die Ansprüche, welche in der Gegenwart an da» Wissen und Können der Landwirthe gestellt werden, find viel größer und mannigfaltiger, al« die» früher der Fall war. Noch vor wenigen Jahrzehnten genügten Fleiß, Ausdauer und frischer Muth, um den bäuerlichen Besitz gewinnbringend fortsühren zu können. Mit einem Ertrage von 6 bis 8 Ctr. an Körnern pio Morgen (V* ha) konnte bei den höheren Preisen der ßanbmann noch bestehen.

In demselben Maße aber wie die BevölkerungSjahl gewachsen ist, die Bedürfniffe de» Einzelnen, die Kosten für

die (Seroinnung von thierischm und pflanzlichen Erzeugniffen, f die Arbeitslöhne, der Bodenwerth, die Pacht, bie Steuern um bat Mehrfache gestiegen sinb, genügen die früheren Erträge

nicht mehr, sie müffen durch eine intensivere, zeitgemäßere Wirthscha'ttroeise um da» Dreifache gesteigert und die Producte entsprechend veredelt werden, wenn der heutige Betrieb einen angemessenen Reingewinn abroerfen soll.

Zur Erzeugung von Moffenerträgen in bester Beschaffen­heit reicht abcr die bloße Kennlniß der vielen Einzelheiten, wie sie täglich in der Praxis vorkommen, da» sorgfältige Zurathehalten aller sichtbaren Werthgegenstände nicht au«, c» ist hierzu »och eine zweckmäßige Benutzung der vielen Hilfs­quellen, Verbefferungen und Entdeckungen, insbesondere eine tiefere Einsicht in die Kräfte der Natur und in die wirth- schastlichen Betriebs- und Verkehrsmittel erforderlich.

Um diesen Ansorderungen gewachsen zu sein, den ver­änderten Verhältnissen Rechnung tragen zu können, die Situation zu beherrschen und sich nicht von ihr niederbrücken zu lassen, ist es erforderlich, daß der Landwirth gleich den übrigen Erwerbsständen, sich umfangreichere Kenntnisse erwirbt, eine umfassende allgemeine 23or bilbung unb außer- bem eine grünbliche AuSbilbung für feinen speziellen Beruf sich aneigne. Hierin unterstützen brr Staat, bie Provinz, ber Kreis, bie Vereine ben Landmann in ausgiebigster entgegenkommendster Weise und verschaffen ihm so Einsicht in die Mittel unb Wege, sein Gewerbe immer nutzbringenber zu gestalten: denn man ist sich heute mehr al» je bewußt, baß auch in ber Lanbwirthschaft Wissen eine Macht ist und dem eigenen Können vorausgehen muß, wenn mit Erfolg ber bäuerliche Betrieb zeilgeuäß verbessert ober um« gestaltet werben soll.

Hierauf bezügliche Vorträge in ben Vereinen ober Be­lehrungen in landroirthfchaftlichen Fachschriften können nur bann verstauben werben unb nutzbringend wirken, wenn der praktische Landwirth ein Urtheil hierüber hat, d. h. befähigt ist, für feine besonderen Verhältn sse, für feinen Boden, fein Klima, feine Betriebsmittel, feinen Absatz k. das Vorgetragene ober Gelesene zu verwerthen. Der Landmann, ber nur an wissenschaftliche Mittheilungen glaubt, sich ängstlich an Futter- unb Düngungsrezepte anklammert, wirb halb Mißerfolge zu verzeichnen haben, für die er oft Andere verantwortlich machen möchte. Er muß selbst urtheilen, selbst beobachten unb selbst | versuchen lernen, wenn er bauemben Nutzen au« allen Neuerungen im Landbau ziehen will. Rathschläge ohne selb­ständige Prüfung hoben keinen Werth. Die wichtigsie aller Eigenschaften emt6 praktischen Landwirths ist deshalb ohne Zweifel, sich ein selbständige« Urtheil zu bilden, fei e« in der exakten Naturbeobachtung bei Feld- unb Fütterungsversuchen,

in wirthschaftlichen Fragen rc. Ist dcr'Landwirth geschul unb befähigt, bie Natur zu beobachten unb ihre Kräfte zu leiten, kennt er bie wirthschaftliche Seite bc« Betrieb.« auf rechnerischer Grundlage, bann wird er dieDüngeri. hre* bc« berüchtigtenChemikers" Hensel unb sein Steinmehl auch ohne Versuche zu beurteilen in der Lage sein; er wirb bie Taschen verschlossen halten vor reclamehaften Anpreisungen, er wirb sich schützen können vor Wucher, vor Uebervortheil- ungtn ber mannigfaltigsten Art.

Die gerabc bei uns so wichtige Flur- unb Wegeregu- lirung, bie Meliorationen, ba« Genossenschaftswesen, bie Ver­sicherungen, bie Crebitivstitute unb sonstige öffentliche Ein­richtungen können in ihrer hohen Bebrütung bem Lanbmanne schwerlich burch einen Vortrag oder eine Flugschrift so ver­ständlich gemacht werden, daß davon bald ein allgemeiner nutzbringender Gebrauch zu erwarten stünde.

Die zweckmäßige Einrichtung der Dungstätten, die Vor­beugung gegen Thierseuchen werden nur wenig gefördert durch polizeiliche Vorschriften ober Prämien, wenn ber Bauersmann nicht im Stande ist, sich die letzen Gründe feine« Thun« klar zu machen.

Hieraus ist leicht zu folgern, daß die Hebung des Bauern­standes Hand in Hand gehen muß mit der Hebung feine« Wissens, feiner Intelligenz. Unb beshalb ist man berechtigt, als Grundübel aller liebel bie mangelhafte Fachbllbung biefe« Stanbe« anzusehen, ohne welche ein Fortschritt in der Ver­besserung unb Vervollkommnung de« bäuerlichen Betriebe« ausgeschlossen erscheint.

Kommt es dahin, daß durch eine gründliche allgemeine unb berufliche Bildung die Bauernschaft mehr Einsicht in die Errungenschaften ber mobernen Lanbwirthschaft erhält unb ihren persönlichen Eigenschaften hoher Einfachheit, aufopfernden Fleißes, vernünftiger Sparsamkeit treu bleibt, bann wirb sich bie Überlegenheit ihrer Güter in Erzielung höherer Rein­erträge dem Großgrundbesitzer gegenüber noch deutlicher bemerkbar machen, denn dieser ist nicht im Stande, wie ber Kleinbesitzer mit solcher Leichtigkeit seinen Betrieb zu über­sehen unb sich bie vielen kleinen Vortheile anzueignen, welche in bem sorgsamen Zusammenhalten aller Betriebsmittel be­ruhen. Ohne grünbliche Schulung, ohne Aneignung einer : besseren Einsicht in das heutige Erwerbsliben wird anderseits : ber Kleinbesitzer bem Großkapital unterliegen und verschwinden, i rote uns England ein so trauriges Beispiel giebt.

Als geeignetes Mittel, ben Kleinbesitzer über eine zeit­gemäße Wirtschaftsführung aufzuklären unb bie Erreichung

Feuillets«.

Z>ie drei Hrajien.

Humoreske nach dem Französischen.

Bon Wilhelm Thal.

(Nachdruck verboten.)

Jeden Morgen Punkt 9 Uhr, wenn ich «eine Wohnung in der Rue la tour dAuvergne verließ, um mich in» Bureau zu begeben, gingen an meiner HauSthÜre drei junge Mädchen vorüber, die ich die drei Grazien genannt hatte.

Sie waren Schwestern. D!e eine war groß, die zweite mittel, die dritte klein; die eine braun, bie andere rothdlond unb die dritte blond wie eine reife «ehre.

Sie gingen stet» nebeneinander und trugen dieselben LostÜme und Hüte, die mit gleichen Bändern garnirt waren; am Arme hatten olle drei gleiche Taschen, die wohl dieselben Gegenstände enthalten mußten; sie gingen ziemlich rasch unb unterhielten sich halblaut von Dingen, die fie äußerst heiter Ammen mußten, deun jeden Augenblick ließen fie ein laute» Lachen ertönen.

N e schenkten sie meiner Person bie geringste Aufmerk- samkeit, dagegen tnteresstrten fie mich sehr, und ich folgte ihnen mit meinen Blicken so weit ich konnte. Heirathßgebanken überkamen mich bet ihrem Anblick, wobei ich allerding» be­merken muß, daß mir meine Mutter schon seit einiger Zeit beständig wiederholte: »Alfred, Du bist letzt schon ge­schlagene 26 Jahre'. Denkst Du noch nicht daran, mit dem Junggesellenleben zu brechen? Ist da» eine Existenz, in die Koeipen zu laufen und zu unglaublichen Stunden »ach Hause zu kommen? Und dann kann ich auch sterben; wa» sollte au» Dir werden ohne einen Menschen, der für Dich sorgt?*

Diese immer wiederkehrende Rede verfehlte fchließlich ihre Wirkung nicht, und ich dachte ernsthaft daran, »mich zu verheirathen*. Ersten», weil ich de» Junggefellenleben» über«

drüsfig war, und dann weil die drei Grazien mir aus­nehmend gefielen.

Nachdem fie meine Neugier unb meine Sympathie erregt, hatten fie sich in mein Herz geschlängelt, ohne sich den Weg dazu zu erzwingen, unb ich kann es nicht leugnen: ich liebte sie alle drei.

Zu meiner Bequemlichkeit und nm fie nicht zu ver­wechseln, nannte ich, ba mir ihre Namen nicht bekannt waren, bie Blovbe Octavia, die Brünette Eharlotte und die Röthliche Leontine.

Welche sollte ich nun wählen?

Octavia lockte mich in erster Linie. Ich habe stets eine besondere Borliebe für die Blondinen gehabt. Sie find sanfter, zärtlicher, liebevoller als die anderen. O, ich bin kein Tyrann und würde von meiner Frau nie verlangen, daß fie sich stricte meinem willen unterwirft und nur ich in der Häuslichkeit etwas zu sagen habe.

Mich ihr bemerkbar machen, fie von meinen Wünschen unterrichten, ihre Antwort in einem Blicke lesen, das war jetzt meine Hauptausgabe.

Es war unmöglich, fie auf der Straße mit dem Hut in der Hand anzusprechen; fie und ihre Schwestern hätten mich für schlecht erzogen gehalten, unb ich wäre in ihren Augen verurtheilt gewesen.

Ich wußte, daß ich ihr nur zu folgen brauchte, um mir die Adresse ihrer Familie zu verschaffen. Diese hätte ich dann meiner Mutter mit dem Auftrage zngeschickt, nm bie Hand Octavios für mi± anzuhalten.

Einem anständigen Mädchen jedoch folgen, unter welchem Borwande eS auch sei, auf bie Gefahr hin, es zu com- promittireo, das erschien mir als ber Gipfel ber Ungezogenheit.

Ich suchte ein Mittel, meine Heirathsiotereffen mit ber Achtung vor der Schicklichkeit zu vereinigen, al» ich eines Morgens, ba ich bie Rue Drouot entlang kam, vor einigen Hochzeitswagen auSweichen mußte, die zur Mairie de» neunten Bezirk» fuhren.

Und wen bemerkte ich io dem ersten Wagen? Meine Oc:av<a in einer weißseidenen Robe, mit bem Orangeokranze und strahlend vor Glück!

Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, daß im zweiten Wagen der Bräutigam folgte, schwarz Akleidet, mit weißer Eravatte und weißen Handschuhen, und mit einem Scheitel, ber seine powadifirten Haare symmetrisch theilte. Auch aul seinem Seficht sprach Glück und Freude.

Erst acht Tage später sah ich die beiden Grazien, die noch übrig geblieben waren, wieder. Ich hatte mich bereits entschlossen: Leontine foD-e nun meine Fran werden.

war ich ein leichtfertiges, flatterige» Gemüth?

Nein, denn meine Gefühle entfernten fich ja nicht an» dem Krei» der Familie.

Unb warum hatte ich mich besonders für Octavia in- tereffirr? weil fie blond war. Daß die Röthlichen auch nicht zu verachten find, hatte ich jetzt bereit» herauSgefunden. Ganz gut ober ganz schlecht, sagt man von Jemandem, der leuchtende Haare hat. Gewiß war Leontine herzensgut. Die Güte sprach aul ihren Augen, stand auf ihren Lippen und beim Lachen zeigte sich auf ber Wange da« reizendste Gtübchtn. Außerdem hatte fie eine Sammethaut.

Ich erzählte bas Abenteuer meiner Mutter.

Ist mir Octavia auch genommen, so bleibt mir doch noch Leonttne," setzte ich hinzu. ,Uub ich verlasse mich ans Dich, daß die mir nicht entgeht . . /

E» traf fich, daß die Mutter Jemand kannte, der in Beziehung zu einer Person stand, die Berbindungen mit einer dritten hotte, welche mit Leontines Eltern verkehrte.

Bold erfuhr denn auch die Mutter, baß Leontine» Eltern taxm hundert Schritt von uns wohnten.

»Noch heute/ sagte fie,werbe ich die Sache bei Deiner zukünftigen Schwiegermutter einleiten/

Die Angelegenheit war hiermit abgemacht.

Da e» mir nicht möglich war, in diesem Zustande im