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6.2.1898 Erstes Blatt
 
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Sonntag den 6. Februar

1898

Erstes Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts- unb Anzeigeblcrtt für den Kreis Gieren.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter

3mtiid?t Theil.

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Schutftratze Ar. 7.

zu können. Wie weit jene Befürchtung begründet ist, läßt fich heute noch nicht übersehen- jedenfalls aber thuu die Mächte gut daran, ihre Aufmerksamkeit fortgesetzt der orien­talischen Lage zu widmen. ES steht zu wünschen, daß die kretenfische Äouverveurfrage bald gelöst wird, da der jetzige Zustand unerträglich ist und immer neue Nahrung zur Be­unruhigung giebt.

Die chtnestsche Anleihe ist noch immer nicht vergeben- China kann fich nicht entschließen, fich einem der beiden Be­werber, England oder Rußland, in die Arme zu werfen. Vielleicht bekommt es auf diese Weise gar kein Geld, und tu London befürchtet man schon vielfach, daß Deutschland der tertius gaudens sein könnte. Im Uebrigen scheint die Weiterentwicklung oer Dinge in Ost asten zum Stillstand gekommen zu sein, da zwischen England und Rußland in gewtfiem Sinne eine Einigung erzielt worden ist. Die au- dem fernen Osten einlaufenden Nachrichten lauten aber meist so widersprechend, daß man gut thut, vorläufig keine Schlüffe zu ziehen.

Der Feldzug Englands in Indien ist bisher resultat- loS verlaufen, was die Engländer nun auch selbst zugestrhen müffen. Im Frühjahr sollen die Operationen von Neuem beginnen- daher scheint die Meldung, daß die Afridi- zur Unterwerfung geneigt seien, fich nicht zu bestätigen. DaS Prestige dcS britischen Reiche- in Indien wird dadurch schwer erschüttert, waS vielleicht von unabsehbaren Folgen ist und dem rulfischen Einfluß daselbst Tbür und Thor öffnet, (xx)

Adresse für Depeschen: Anzeiger Kiehe«.

Fernsprecher Nr. 51.

Gefunden: 1 Anhängsel (gold. Herzchen), 2 Porte- «onnaies mit Inhalt, 1 Zwicker, 1 Loupe, 1 Manschetten­knopf, 1 ShlipS, 2 Taschentücher, 2 Handschuhe, 2 Bücher (Medicin), 1 Notizbuch, 1 Milchkanne, 1 Haarbesen, 1 Garten­bank und 1 Fuß-Kratzeisen.

Gießen, am 5 Februar 1898.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

Fast schien es so, al- hätten die Berathungen der ReichS- tagS'Commisfion für die Militärftrafpr o c r ef o rm mit der bekannten Erklärung des KriegSministerS v. Goßler über den persönlichen Antheil deS Kaisers an der Reform und über besten Anschauungen betreffs der Auslegung einzelner Bestimmungen über die Orffentlichkeit des BersahrrnS eine dem Zustandekommen der Reform günstige Wendung ge­nommen. Aber die Hoffnung, daß etwas Brauchbare- au- den Berathungen hervorgeht, ist nur sehr gering, denn da-, wa- die Commisfiou bisher fertig stellte, hat die Regierung zum großen Theil für unannehmbar erklärt. Im Uebrigen kann man dem KriegSmiutster für feine Ausführungen nur dankbar fein, da damit alle Ausstreuungen, als sei man an Allerhöchster Stelle irgend welchen Reformen abgeneigt, widerlegt werden. Es wäre gut, wenn auch bet anderen Gelegenheiten die Orffentlichkeit in gleich bündiger Weise auf­geklärt würde.

Der in dieser Woche in Dresden abgehaltene conservative Parteitag bat daS Interesse weiter Kreise in Anspruch ge- nommev. Ob eine Kräftigung der Partei erzielt worden ist, wird die Erfahrung lehren, jedenfalls ist ihm Stellung zu den anderen Parteien klar gelegt und präctstrt worden. Als Hauptmoment tritt aus den Verhandlungen hervor, daß die Coufrrvattven fich die Bekämpfung der Sozialdemokratie biS aufö Meffer zur Lebensaufgabe gemacht haben und daß fie der Regierung zur Erreichung dieses Ziele- unbedingte Heere-- folge leisten wollen.

Die Vorbereitungen für die im Laufe dieses Jahre- stattfiudenden Neuwahlen werden bereits von allen Parteien eifrig betrieben- der Wahlkampf dürfte ein äußerst heftiger sein, bei dem besonder- die Gegensätze auf wirtschaftlichem Gebiete stark zum Ausdruck kommen werden. Wenn auch der nächste Reichstag noch nichts mit der Durchberathung der künftigen Handelsverträge zu thun haben wird, da die jetzt bestehenden erst mit dem Jahre 1904 ablaufrn, so ist die Handelsvertragspolitik doch schon jetzt ein Theil der Wahl­parole, wenigstens zwischen den sonst denselben politischen Standpunkt einnehmenden Parteien.

Die von der Regierung etngebrachte Privatdozenten. Vorlage stößt vielfach auf heftigen Widerstand der Nächst- betheiltgten. Unter Anderen hat jetzt eine Anzahl Berliner Profefforen gegen den Entwurf Stellung genommen, bet deffen Berathung e- im preußischen Abgeordnetenhause zu lebhaften Kämpfen kommen dürfte.

Da- Verbot deS Farbentragens, welche- die Prager Polizeibehörde erlösten, hat die Lage in Oester­reich nur noch verschlimmert. Die deutschen Studenten de- ganzen Lande- haben fich mit ihren Prager Commilitonen solidarisch erklärt. Leider begehen fie aber allerlei Ungesetz­lichkeiten und verhindern durch Radaumachen die Abhaltung von Vorlesungen. Wären sie den letzteren einfach fern ge­blieben, bis den Prager Studenten da- Farbentragen wieder erlaubt wurde, so hätte ein Unbefangener ein solches Vor­gehen wohl entschuldigt, daß aber Gewaltthätigkeiten nicht geduldet werden können, ist selbstverständlich. Die Maßregel der UniverfitätSbehördeu und derjenigen des PoiytechnikumS tn Wien, wonach die Vorlesungen zeitweise fistirt worden find, kann nur gutgeheißen werden. Immer heißer ent­brennt in unserem Nachbarreiche der Natiovalitätenstreit - wohin das führen soll, mögen die Götter wiffen. Daß die Zustände nicht so blöden können, leuchtet Jedermann ein; aber wer wird eine Besserung der Berhäliniffe herbeiführen können, wenn nicht auf beiden Seiten zugleich uachge- geben wird?

Ein gewiffe- Aufsehen machten dieser Tage die Schilde­rungen eines rheinischen Blattes über die Lage im Orient. Daraus ging hervor, daß fich dort eine neue Gefahr für den europäischen Frieden vorbereite und daß Rußland nur deshalb auf eine Zuspitzung der Situation verzichte, um seine ganze Aufmerksamkeit den Dingen auf dem Balkan zuweuden

Der-tsche» Reich«

Berlin. 4. Februar. Der Reichskanzler Fürst Hohen­lohe übersandte dem Reichstage die vom Reichsmarmeamt gesammelten statistischen Notizen über die Ausgaben für Flotte und Landheer, sowie deren Stellung im Hau-« halte der wichtigsten Großstaaten als Material für dir Be- rathungen des Gesetzentwurfs betr. die deutsche Flotte.

Berlin, 4. Februar. Die Freiconserv attve« meldeten im Abgeordnetenhause eine Interpellation an, ob die Regierung bereit sei, mitzutheileo, ob die in der Thronrede verheißene Vorlage betr. die Neuregelung und Ver­besserung deS DiensteinkommenS der Geistlichen beider Coufesfionen nächstens zu erwarten sei, gegebenenfalls, weshalb die Einbringung der Vorlage sich verzögere.

Berlin, 4. Februar. DerReichSanzeiger" theilt jetzt mit: Die Einfuhr lebender Pflanzen und f,rischer Pflanzenabfälle aus den Bereinigten Staaten ist gänzlich, die Einfuhr von Obst und Odstabfällen unter der Voraussetzung verboten, daß bei der an der Ein­gangsstelle vorgeuommenen Untersuchung der Sendung daS Vorhandensein der San Joiö-SchildlauS festgestellr wird. DerReichsanzeiger" begründet das Einfuhrverbot ausführlich und theilt mit, daß in in Hamburg eingetroffenem calt- fornifchen Obste San JosL Schildläuse gefunden worden find. DaS Blatt legt im Weiteren die Gefährlichkeit diese- Schäd­ling- dar. DerReichSanzriger" veröffentlicht die vom BundeSrath am 30. Januar l. IS. beschlossenen Bestimm­ungen, betreffend die Ertheiluug amtlicher Auskünfte in Zolltarif-Angelegenheiten, welche am 1. April l. I. in Kraft treten.

Berlin, 4. Februar. Die Reich-tagS-Commtsfion für die Centrum-vorlage gegen die Unsittlichkeit (lex Heintze) nahm einstimmig den § 181 in abgeänderter Fassung an, wonach die Zuhälter mit Gefängniß von nicht unter einem Monat zu bestrafen find, wonach ferner der Verlust

rüber auS, daß in diesem Etat eine Gehaltserhöhung für die Postunterbeamten und Landbriesträger noch nicht enthalten sei. Der Commisfionsresolution betr. Annahme und Bestellung von Paketen an Sonntagen nur noch Bormittag- bi- 12 Uhr stimme er zu. Dringend nöthig sei eine Erweiterung der Paketannahmestellen in Berlin- ferner empfehle eS fich, den Schluß der Annahmezeit für Pakete ein paar Stunden früher anzusetzen. Auch in Bezug auf das Urlaub-wesen seien die unteren Beamten bester zu stellen als bisher. Ungenügend sei ferner die Sonntagsruhe für die Unterbeamten. Ueber- Haupt müffe eine Maximalarbeitszeit für die Unterbeamten festgestellt werden, wenn nicht für den Tag, fo doch für die Woche. Redner wünscht schließlich noch, daß der Staat-- secretär Abhülfe schaffen werde diesbezüglich, daß den Mit­gliedern de« AsfisteutrnverbaudeS nicht mehr Schwierigkeiten gemacht würden.

Staat-secretär v. PodbielSki weist auf seine Er­klärung in der Commission hin, daß er den Sonntag Nach« mittag den Beamten frei geben wolle durch Verlegung deS Schalterdienstes auf die Mittagsstunde. Auch der Bestell­dienst am Sonntag werde eingeschränkt werden. Die Unzu- träglichkeiten bet der Paketannahme gebe er zu. Er habe bei den Handelskammern zunächst angefragt, wie abzuhelfen sei. DaS ganze Remunerat« onSweseu habe etwas Unangenehme-, aber es sei ganz ohne dasselbe nicht auszukommen. Ein Recht auf Urlaub könne man nicht geben, aber ein wohl- wollender Vorgesetzter werde immer sür seine Beamten sorgen. Betreffs der Maßregelungen der Aifistenten erklärt Redner, er schaffe keine Märtyrer. Nur wenn der Verband hemmend in den Postbetrieb etngreifen würde, würde er (Redner) ein­schreiten - sonst gehe ihn der Verband an sich gar nicht- an. In Deutschland lebe man nun einmal in der Zett der Verein-, meieret. (Heiterkeit.)

Abg. Lenz mann (frs. Vp.) unterzieht die Ausführungen des Staat-secretär- einer eingehenden Kritik, wobei er u. A. betont, ihm scheine überhaupt, daß die Cavallerie nicht der richtige Platz fei, um solche Sachkenntnisse zu sammeln. Er wolle fich aber mit dem alttn Wahrheitssatz trösten: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand. Die Beseitigung der Privatposten gefalle ihm (dem Redner) nicht. In weiten Volkskreisen betrachte man die Privatpoften al» eine Nolhwendigkeit. Der freie Sonntag dürfe unter keinen Umständen erkauft werden durch eine vorgängige Nachtarbeit, denn dann habe der Beamte NlchrS von seinem freien Sonn­tag. Zu wünschen wäre noch, daß auch die Briefträger rc. zu Vereinen fich zusammenschlöffen, und daß die Assistenten zu höheren Stellen zugelaffen würden bei Nachweis der nöthigen Kcnntniffe durch Examen. Wa- die Gehaltserhöhung für den StaatSsecretär anlange, so müffe fie so lange ge­sperrt werden, bi- auch die Gehaltserhöhung für die Unter-

Deutscher Reichstag.

82. Eitznng vom Donnerstag den 4. Februar 1898.

Tages Ordnung: Fortsetzung der EtatSberath- , Postetat. Titel Staut-fecretär.

Abg. Singer (Soz.) drückt feine Verwunderung da-

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beamten und Landbriefträger erreicht werde. Demgemäß stimmten feine Freunde für die von der Commisfiou vor­geschlagene Resolution Lieber. (Nachtrag-etat zu Gunsten jener beiden Beamtenklaffen.)

StaatSsecretär v. PodbielSki führt auS, durch die Verfügung vom Januar betr. Anstellung der HUssunter- beamten schon nach 8 Jahren, statt bisher nach 12 Jahren, sei die Zahl der betreffenden festangestellten Beamten sofort von noch nicht 9000 auf 17000 gestiegen. Das kennzeichne die Bedeutung dieser Verfügung.

Abg. v. Levetzow (cons.) ist für Bewilligung der Er­höhung deS Gehalt- des Sraat-fecretärS.

Abg. Lingen - (Ctr.) verbreitet fich über die Sonntags­ruhe, die noch gleichmäßiger ausgestaltet werden müffe.

StaatSsecretär v. PodbielSki entgegnet, die Postver- waltuug sei fortdauernd bestrebt, die Sonntagsruhe und Sonntagsheiligung immer mehr auszugestalten. Aber könne nicht Alles auf einmal gemacht werden.

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Avtif.) spricht fein Erstaunen au- über den Hinweis des Abg. Lenzmann auf die cavallerifttsche Vorbildung des Staat-secretär-. Diese sei doch keinesfalls ein Hinderniß für gute Leistungen i« Postfach. Redner wünscht den Telegramwverkehr an Sonn­tagen eingestellt zu sehen, ferner einheitliche Regelung der UrlaubSsrage. Sodann beschwert er fich über N chtbeförde- rung antisemitischer Ansichtspostkarten und erklärt, daß er für Streichung der 6000 Mk. stimmen werde.

Staat-secretär v. PodbielSki constatirt, eS seien über die betreffenden in Frankfurt a. M. aufgegebenen Postkarten schon lange Beschwerden eingegangen, deshalb sei deren Be­förderung fistirt worden.

Abg. Müller Fulda (Ctr.) erklärt, für seine Freunde würde nur maßgebend sein, waS der StaatSsecretär leisten werde, nicht was derselbe bisher für eine Stellung einge­nommen habe. D e Postreformen wünscht Redner schneller erledigt zu sehen.

Dir Debatte wird geschloffen. Dem Anträge der Budgetcommiffion entsprechend wird die Gehaltserhöhung für den StaatSsecretär von 6000 Mk. abgelehnt und die von der Commiffion vorgeschlagrue Resolution, betreffend Packeibeförderung an Sonntagen nur bis 12 Uhr, ange­nommen.

Nächste Sitzung Sam-tag 12 Uhr. Tages Ordnung: Handelsvertrag mit dem Oranjefreistaat, Aufhebung der AmtScamionen, Spiritu-steuernovelle, ConcurSordnungsnovelle.

Schlun 6 Uhr.

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