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6.2.1898 Drittes Blatt
 
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1898

Somit»» den 6. Februar

M. St Drittes Blatt

-rfcheint täglich mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

Aamitieuvkätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Siebener Anzeiger

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Die Postdampfervorlage.

Dem Reichstage ist die in der Thronrede bereits an- gekündigte Novelle zu den Gesetzen, durch welche dem Nord- deutschen Lloyd eine ReichSsuboention für Unterhaltung be- stimmter Postdampssch'fflinien mit überseeischen Staaten ge währt wird, nunmehr zugegongrn.

GS handelt sich bekanntlich diesmal um eine Erhöhung deS ReichSzuschuffeS um V/2 Mill. Mk. für die Einrichtung einer vierzehntägigen Verbindung mit China auf die Dauer von vorläufig 15 Jahren. Eine bestimmte Mindest-Fahr« prschwindigkeit ist festgesetzt worden, welche der Unternehmer bei neuzuerbaueuden SL-ffen eventl. zu erhöhen verpflichtet ist. Die Leitung der Linien ist so gedacht, daß die Dampfer der Hauptltnien von Hongkong aus ihr Fahrt abwechselnd einmal nach Shangbai und daS andere Mal nach Japan fort­fetzen. Im Aufchluß an den nach Japan gehenden Dampfer wird die Verbindung zwischen Shanghai und Hongkong alle vier Wochen durch einen Zweigdampfer hergestellt- auf diese Weife erhalten wir mit Hongkong einen bürtettn vierzehn- tägigen Verkehr, mit Shanghai ebenfalls einen vierzehn- tägigen, freilich ein um da- andere Mal mit Umladung in Hongkong.

Die Regierung hat der Novelle eine sehr eingehende Be- gründung betgegeben, aus welcher hervorgeht, daß der Ver­kehr fich fett der Einrichtung der Postdampfrrlinieo sehr be­deutend gehoben hat, und daß der jetzige Umfang der Ver­bindungen dem Bedürfnifie nicht mehr entspricht. So hat fich der Waarenverkehr etwa verdreifacht und dem Werthe nach verdoppelt, seitdem der Postdawpfeiverkehr eingerichtet worden ist. ES besteht die Gefahr, daß der Verkehr den deutschen Linien, wenn fie nicht concurrenzsähtg erhalten werden, entzogen wird und auf Unternehmungen deS Aus­lands übergeht. Denn alle Nationen machen große An­strengungen in dieser Hinficht, ihr Wettbewerb ist immer größer geworden und droht, den deutschen Verkehr zu über-

flügelu. Dazu find fie um so mehr fähig, als die Regie­rungen der anderen in Betracht kommenden Staaten ihre Postdampferliuien viel bedeutender unterstützen als wir dies thuu. Besonders sür den Verkehr mit Ostasien wenden fie erhebliche Summen auf in der richtigen Erkenntniß der Wichtigkeit dieses Marktes, der erst zum geringsten Thetle dem europäischen Handel und Verkehr erschloffen ist. Ganz besonder» ist es Frankreich, welches den Postdampferverkehr unterstützt, es überflügelt sogar Eogland um beinahe so viel, wie wir im Ganzen unserem Seepostdtenste opfern- daß wir bei unseren bisherigen beschränkten E nrichtungen noch solchen großen Erfolg zu verzeichnen haben, liegt daran, daß man im Allgemeinen den Deutschen in Ostafien mehr Vertrauen eutgegenbriugt, als anderen Nattoueu.

Selbst Länder, deren Antheil am ostafiatischeu Verkehr wett geringer ist, al» der deutsche, haben größere Summen für den Postdampferdtenst auSgeworfen. Jedenfalls hat Deutschland alle Ursache, eS an Anstrengungen nicht fehlen zu laffen, um der Concurrenz wirksam entgegeozutreten.

ES ist nicht gut anzunehmen, daß der Gesetzentwurf im Reichstage auf Schwierigkeiten stößt, da die Begründung der geforderten Summe durchaus überzeugend ist. Und dabet ist zu berückfichtigen, daß damals, als diele Novelle auSgearbettet wurde, die Stellung, welche wie sitzt in China durch die Er­werbung des Ktao-Tschaugeb'etS etumhwen, noch gar nicht in Betracht gezogen werden konnte. Jetzt ist das Bedürfuiß nach einer Vermehrung der Verbindungen mit Ostafien noch viel dringender geworden, da wir ja nun in dem fernen Osten einen festen Stützpunkt besitzen, von dem aus wir unseren Handel systematisch auSdehnen wollen.

ES ist daher eine möglichst häufige Verbindung heute umsomehr geboten, als es für uns theilweise auch gilt, bereit» von anderen Nationen besetzte HandelSgebtete zu gewinnen, und zu dem Zwecke ist es uothwendtg, daß wir dem chtaefischen Händler Gelegenheit geben, häufiger, al» dies bisher geschehen körnte, seine Waarenbestände zu ergänzen.

Feuilleton.

Mrntje Kremmsersch Nkporterlsafdshn.

Erzählt von Carl Geißler.

Mit em kräfdige (Seroirrer Donnerkeil haro äich gestern d<S Wocheblatt aus de Hand gelegt unn habb mich verheiße »AN verfchroorn. äich dhet so bald nett widder eneigucke. Waß regt dich dann so uff? hatt mei Fraa dann gesacht, nachdem äich mei Lektir in so kräsdiger Weis beendigt hatt. Nix, sacht äich, es is mer eroroe e Laus immer die Seroroer grlaafe. Von dere Antwort amer mt im Geringste befriddigt, fing mei Fraa widder ze frage aa unn da habb' äich err dann Folgendes erroibbert:

Aeich ärjem mich blos, weil in Gieffe aroroer aach gar nix bassiren will. En biefe Friebe scheint immer be ganze Stabt ze ruhe; bäi Stubdente scheine gar kaa Boffe unn Lompestraich mehr ze mache menigstens liest mer nix devo, kaa Unglicker unn kaa Eibrich bassirn aacy nett, dmchbrenne bhut aach Kaaner unn brenne bhuts nor heechst selbe, korz unn gut, da kann mer ausrufe: Nix Neues unner bt Sonn, aroroer aach gar Nix!

Unn äich bin doch en große Freund von Neuigkeide, emefo roäi mei Fraa, die aach gar ze gern heert, roaffes Neues im Ort gibbt

Seit e paar Woche bin äich nämlich Sammler von Zeidungsausschnitt geroorde unn da äich dorch des Coupon- atschneide nett be ganze Dag in Anspruch genomme bin, wich sonst bie Arwett aach nett brickt unn bie Langweil aiower grab e Brechmittel fer mich is, so leg äich merr bie Zeibungsnobize, bie fer mich Jnbreffe hawwe, in en Schnbb- kaste, um merr so nach unn nach gewissermaße e Chronik Mn Gieffe aazelege, bie mit wenig Unkoste verknippt is. Mei Kra i is in bem Punkt zwar nett ganz in Jrowereinftimmung mit merr unn säht als, äich soll was GescheibereS breiroe, aroer nixbestoroeniger unr^rstitzt se mich boch in meim Bestrewe, bie Neuigkeibe von Giefie uffzesuche. Merr muß aroroer aach merklich ze Zroaat sei, roammer waß Neues von Giesse in Erfahrung bringe will, unn äich begreife gar nett, warum bie verschobene Localreporter so außerorbentlich zerickhaltenb ntit ehre Neuigkeibe sinn; sie hawwes boch gar nett neebig! hmt sacht äich zu meiner Fraa: Waaßte waß, Lowise, wenn äich nett schont im vorgcschribbene Alber mich besinne bhet, so wirb äichs noch emol riskirn, mei Febber in be Dienst der Presse ze stelle. Aroroer da fern äich schee an!

Waß! sächt mei Lowise, du willst dich unner Mensche begeroroe, die neulich vom Graf Rantzau in FriedrichSruh so abscheulich gebrandmarkt morde sinn! Unn hast des vielleicht net gelese, daß se erscht vor Kurzem be Trojan vom Klabbera- bätsch uff zmaa Monat uff bie Festung geschickt Hamme? Em Mensch von obbentlichem Lebenswanbel kann so maß garnet bassirn.

Ja! Hamm äich gesacht, bas iS mei innerscht Jwwer- zeugung, bann äich habb von biesem Stanb e solch Hoch­achtung, baß äich im Stanb bin, unn hahlbe jeben Local­reporter fer so e Art heeheres Wese! Du aroroer, Fraa, hast aroroer kaa Veraalassung so geringschätzig immer bie Leub von be Febber ze schroätze, benn du kannst ohne Zeidung noch roeniger existirn als ärch, weil des Bedirfniß nach Neuigkeide bei dir bebeubenb entwickelter is, als bei mir.

Uff e solch Verbheibigung mar awwer mei Fraa Ge­mahlin nett gefaßt, weshalb fe merr, zum erfchte Mal in unferm Ehestanb, bie Antwort fchulbig gebliewroe is.

Da gabs e klaa Verlegeheitspaus unn roäi äich roibber uff be liedensroerbige Graf Rantzau zerikkomme will fchluppt mei Fraa be Dhir enaus unn läßt mich mit meine Kennt­nisse hibfch sitze.

No, bacht äich, aach rächt!

Merr soll sich mit Frauenzimmer iwwerhaapt nett ze viel eilasse, fe kenne ahm des Läroe sauer genug mache.

Unn mit solcherlei Gebanke im Kopp harow äich mein Hut unn Stecke genomme unn Hamme mich uff bie Baa gemacht, en cme bunfele Drang nach Awenbheuer folgenb, bin äich um bie vier Schoorn gange unn bann be Weg nach'm Filesoferoalb, vergaß aroroer net bebei, merr e obbent- lich Bleistift innzestecke, um etmaige Vorkommnisse sofort meim neue Nobizbuch aazevertraue unn womöglich am felroe Dag noch in bie Zeibung ze bringe.

Unnerroeg« is merr nett viel uffgestoße, was roirbig geroefe wer nobirt unn von meiner Febber bearroeit ze roerrn, weshalb äich mei Schritt noch weiter ze lenke unn net eher heimzegeh beschloß, bis äich was merklich Sensatio­nelles uffgespürt hält.

Aich kam be Grimmbergerschossee erunner unn will mich borch bie Neuebäu in be« Gentrum ber Stabt begeroroe, ba kloppts uff a mol a ere Erkerscheib in em Wirthshaus aha! benk äich, jetz gibbt® was! unn trete ei. Hält äich ahne kenne, rvaß sich bahaam bei mir Schauerliches zubrage bhet, kaa zehn Gäul hätte mich gehahle, äich hält Laufschritt gemacht unn wer Haarn, so aroer bacht mei Herz a nix

Wie gesagt, gegen bie Vorlage können von keiner Seite Einwendungen gemacht werden, und der Ruf de» Norddeut­schen Lloyd bürgt dafür, daß das Capital in gute Hände gelegt wird, daß unsere Interessen eine ausgezeichnete Der- tretung finden werden. (xx)

Vermischtes.

Siu Bubenstück schlimmster An ist am SamStag auf der Westerwaldbahn versucht worden. Der Abends kurz vor 8 Uhr in Hadamar abgehende Zug hielt kurz hinter unserer Station nach Niederzeugheim plötzl'ch still. Da» Zugpersonal suchte sofort die Strecke ab und fand etwa 20 Meter hinter dem Zug eine schwere, vom Zug zur Seite geschleuderte Holzschwelle, außerdem einige schwere Eisenstücke. Der Strecke entlang fanden fich Trümmer, anscheinend von zerschlagenen Isolatoren. Dem ganzen Perso al war sofort klar, daß hier offenkundig ein Bubenstück vorlag, weiter aber auch, daß höchst wahrscheinlich der vom Westerwalde kommende Zug gleichfalls schon über Hindernisse gefahren war, da die zertrümmerten Isolatoren (oder ähnliche Stücke) der Strecke entlang lagen. Der Vorfall wurde sofort nach Hadamar gemeldet. Durch den Streich hätte bei der steilen Böschung, wo der Unfall Pasfirte, namenloses Unglück entstehen können. E» ist unbegreiflich, wie Jemand zu einer solchen That kommen kann. Rache kann doch hier nicht vorliegrn, also höchstens ein gew ssenlofer Bubenstreich. Da» Zugpersonal will tat Fahren zwei Personen im Gestrüpp gesehen haben.

CiUratu» Mit» «wwßt.

Im Verlag derNeuen Europäischen Modenzeitung-, Dresden, erschien vor Kurzem: Neuer Leitfade« für moderne Da«t<«fchaeiderei, 1. Auflage. Das überaus werthoolle Buch biingt nur in der Praxis wirklich Erprobtes; die gegebenen An­leitungen sind präcis, fachgemäß und praktisch. Das Werk tone als sicherer Wegweiser und zuoei lässiger Rathgeber gelten und wird Alle, die e8 erwerben, gewiß zufrtedenstellen. -n.

Beeses um blos an sensationelle Localnobize unn äich setze mich hi zu meine Freunbe, bäi ba zu eine gemibhliche Frihschoppe versammelt warn unn bleiroe sitze.

Mei Fraa Gemahlin hatt sich also heut Morjenb schee immer mich geärgert unn roäi äich bann aach noch iroroersch Mibdagesse ausgebliwroe bin, bo marsch ferbig bei err. Sie wollt sich scheibe losse von mer, aroer sofort unn uff grabe« Weg!

Bei näherer Jwwerlegung scheint err bie Scheibung boch nett so glatt borchsihrbar geroefe ze sein, weshalb se ehrm gepreßte Herz uff e anner Art unn Weis Luft ze mache sich vornahm. Unn so mußte bann mei mihsam aus'« Blatt geschnittene Nobize, bäi äich schon zu ere Chronik anroachse sah in Gebanke, braa glaaroe unn roannerte in'6 Feuer, um hier en heechst unroirbige Dob ze sinne.

Unser Frischoppe hatt sich inzwische zu em Dämmer- schoppe entwickelt unn allmählich begaroe mer uns All unn zwar mit sehr gemischte Gefihle, bäi sich ja nach jeher beefe Dhat eistelle uff be Haamroeg.

Des Licht halt schont gebrennt, roäi äich be Stubb erinkam unn ber Lichtschein gab bem Gesichtsausbruck von meiner Fraa etwas Geisterhaftes, fast Ferchterliches.

Außer Gunaroenb war äich nett vermeegenb, maß ze sage. Bei ihr warsch bes gleiche.

De Aazeiger lag schont uff'm Disch; äich guck eninx unn sinne e paar inbressante Nobize, bie äich sofort mit be Scheer auszeschncibe anfange will. Mit em Finger bhat se uff be Ofe beute unn sacht:

Gebb bir nor gar ka Mih mehr, schneib nix mehr au» unn verbrech ber bein Kopp nett!

Ich bhuns barbu nett leibe, baß en Mann roie bu, ber Börjer unn Rentje is, sich uff bie ZeibungSschreiwerei ver­legt, äich habb an beim heubige erfchte Ausgang als Reporter aroroer vollstänbig genuch tritt. Schäm dich fer so en ahle Kerl!

Waß wollt äich mache?

Verspreche mußt äichs err, ehrm Wille nachzelewe unn habb zem Anbenke an mei einbägig Reporterlaasbahn mei neu Nobizbuch fammtm Bleistift in meine Schabull -wische be Werbhbabiern unn mei Daafschei uffgehoroe.

Awwer uffgehoroe is mitunner blos uffge» fchowe unn beshalb roerr äich, aach ohne Vorwisse von meine Fraa, als emol etwas von mer Heern lasse.