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Nr. 4 Erstes BlM Donnerstag den 6. Januar
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Die Gießener AamiktcuV tatter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelcgt.
Weßener Anzeiger
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Aintliche* Theil
Gießen, den 3. Januar 1898.
Getr.: Erlaß einer Polizei-Verordnung für den Kreis Gießen, betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Unter Bezugnahme auf den Schlußsatz unsere- AuS- schreiben- vom 29. December 1893 (Gießener Anzeiger Nc. 2 von 1894) sehen wir binnen fünf Tagen der Vorlage eine- BerzetchnlffeS der in der Zeit vom 1. Juli bi- 31. De- cember 1897 stattgehabten und in Ihren Registern gewahrten Ab» und Zugänge von Fahrradbrsttzern mit den zugehörigen Nummern entgegen.
_______________* v. Gaqern.___________________
Bekanntmachung.
Betreffend: Die Maul- und Klauenseuche zu Wieseck.
Die Maul- und Klauenseuche zu Wieseck ist erloschen und werden die verfügten Sperrmaßregeln hiermit aufgehoben.
Gießen, den 4. Januar 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. G a gern.
Zur Lage in Oesterreich-Ungarn.
In unserer JahreSüberficht konnten wir den Verhält- uiffen im AuSlande naturgemäß einen beschränkten Raum widmen. Da aber heute mehr und mehr die Grenzen fallen, wenigsten- auf wirthschaftlichem Gebiete, und die Zustände in dem einen Staate mehr oder weniger auf die Situation de- anderen eiowirken, so ist e8 nicht mehr al- gerechtfertigt, wenn wir auch dem Au-iande unsere volle Aufmerksamkeit widmen, we-halb wir im Lause der Zeit uns ausführlicher mit der politischen und wirthschaftlichen Lage in einzelnen uns besonder- interesfirenden Ländern beschäftigen wollen. Mag e- auch nach den ausführlichen Berichten, dir wir an dieser Grelle bet jeder gebotenen Gelegenheit gegeben haben, über» flüssig erscheinen, so find wir doch der Anficht, daß ein Rückblick am Schluffe de- Jahres immer willkommen sein wird. Denn die Zett fliegt schnell dahin, die Ereigntffe kommen und verschwinden, wie au- weiter Ferne dringt zu un- die Erinnerung au Begebenheiten, die vielleicht einen unermeßlichen Eivstuß auf die Verbältviffe eines Landes oder gar auf die- jentgeu der Welt auSgeübk haben.
So hat z B. da- verfloffene Jahr unserem Nachbarstaate Oesterdeich eine sehr verhängn,ßvolle Wendung gebracht. War schon seit der Aera Taaffe baii Berhältniß der Deutschen in dem vielsprachigen Staate ein recht schwieriges ge- woroeu, so sollte e- unter dem Cabinet Baden! noch eine Verschlimmerung erfahren, wie sie kaum geahnt werden konnte. Nach einer neuen Wahlordnung kam zu Beginn deS Jahres ein Parlament zu Stande, in welchem die Deutschen in erheblich vermtnderer Zahl vertreten waren und die Slaven den Bortheil davon getragen hatten. Die Einigkeit der Deutschen war gestört, ihre Partei zersplittert- den Einfluß, welchen sie bisher auf die innerpolitischen Verhältnisse ausgeübt hatten, konnten sie nicht mehr geltend wachen. Die Regierung mußte den Au-gleich mit Ungarn erledigen, was diesmal besonders schwierig war, weil über die Quote, d. h. über da- Beitrag-verhaltntß beider Staaten zu den gemein» tarnen Ausgaben keine Einigung erzielt werden konnte. Bon österreichischer Seite wurde geltend gemacht, daß Ungarn entsprechend der Steigerung seiner Bedeutung in politischer und wtrihschaftltcher Beziehung künftig mit einem höheren Beitrag herangezogen werden müsse, worauf daS Königreich jenseit- der Leitha nicht eingeheu zu können glaubte. In seiner Der* legenhett, eine Mehrheit iw österreichischen Abgeordnetenhause zu erhalten, warb Graf Baden! dringender um die Gunst der Ezechen und erlk j jene Sprachenverordnungen, welche einen so furchtbaren Sturm entfachten und Oesterreich an eine Krise brachten, welche die Monarchie in ihren Grundfesten zu erschüttern drohte.
Die Regierung suchte die Erregung der Deutschen gewaltsam zu ersticken, worauf der nationale Kampf den Eharacter de- Bürgerkriegs anuahm und blutige Exceffe in Böhmen folgten, die zu Ende de- verfloffeuen Jahre- die Verhängung des Standrecht- über Prag und Umgebung veranlaßten. Nach
den Vorgängen in Eger kamen die Scenen in Asch, in Pilsen und Prag. Immer mehr stieg die Nothlage des CabinktS Badeni, welcher unbegreiflicher Weise mitten in der nationalen Bewegung das Parlament etnberief und dadurch jene Vorgänge im Abgeordnetenhause möglich machte, welche für alle Zetten eine Schmach für den Parlamentarismus bilden.
Erst der offene Aufruhr in Wien veranlaßte den Kaiser Franz Josef, dem Cabinet Badeni ein Ende zu machen und dem bisherigen UnterrichtSminister Fretherrn v. Gautsch die Bildung eine- Ministerium- zu übertragen. Dessen Bemühungen, einen Au-gleich zwischen den Parteien herbeizuführen, find bisher erfolglos geblieben. Das Abgeordneten- hau-, welche- zuerst vertagt word-n war, ist geschlossen worden, womit die einzige Möglichkeit gegeben war, die Präfidiums- und Geschäftsordnungsfrage zu lösen.
Der Ausgleich mit Ungarn ist nicht zu Stande gekommen, der Dualismus infolgedessen sehr gefährdet. Man behilft fich mit Nothverordnungen, die doch aber immer nur ein Nothbehelf bleiben. Ob da- Cabinet Gautsch der Schwierigkeiten Herr werden wird, erscheint immer zweifelhafter, und mit banger Sorge fiehi man der weiteren Entwickelung der Dinge entgegen. Die Erbitterung zwischen den Deutschen und Czechen in Böhmen ist unvermindert, und kampfbereit stehen sich die beiden Nationen gegenüber; ferner als je liegt die Möglichkeit eines Ausgleich« der nationalen Gegensätze, und die Begehrlichkeit der slavischen Stämme ist nur noch gestiegen. Aber die Deutschen haben ihre Kraft gestählt und erprobt und sehen den Kämpfen hoffnungSfrcud<g entgegen, um so mehr, als die einzelnen deutschen Parteien fich wieder einander genähert haben unb künftig geeinter als je auf- treten dürften. (XX)
Deutscher Reich.
Darmstadt, 4. Januar. Gestern Nachmittag 6 Uhr fand im Weihen Saale des Großherzoglichen RcfidenzschloffeS die NeujahrS-Galatafel statt, woran Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog uvd die Großherzogin, Se. Großh Hoheit Prinz Wilhelm, Durch!, der Prinz und Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Ludwig von Battenberg thetlnahmen. DaS diplomatische CorpS war durch den königlich bayerischen Gesandten Freiherr» von der Pfordten, den königlich württewbergischen Gesandten Freiherrn d. Soden, sowie die hier domictlircnden Mitglieder desselben vertreten. Im Ganzen waren 81 Gedecke auf* gelegt. Die Capelle deS 1. Großherzoglichen Infanterie- (Letbgarde')RegimentS Nr. 115 coucertirte während der Tafel.
Berlin, 4. Januar. Der Kaiser empfing heute Vormittag den Fmanzrnintster v. Miquel und bm Chef des MilitärcabinetS v. Hahnke zum Vortrag und nahm später an der FrühstückStafel beim OifiziercorpS deS Lehr-Infanterie- Bataillons Theil.
Berlin, 4. Januar. Durch kaiserliche CabtnetSordre ist Capitän zur See RosendH al zum Befehlshaber an Bord über die deutschen Streitkräfte in Ktoau-Tschau ernannt worden.
Berlin, 4. Januar. Wie die „Nordd. Allgem. Ztg." hört, ist im Reichstage der Entwurf eines Gesetze«, betreffend die auderweite Festsetzung de« GesamwtcontingentS der Brennereien, zugegangen. x
Berlin, 4 Januar. Im RctchSamt deS Innern ist heute Vormittag 10 1-hr die angekündigte Conferenz zur Be- rathu-'g, bezw. Begutachtung der Grundzüge de« geplanten RetchSversicherungsgesetzeS zusammengetreten.
Berlin, 4. Januar. Dcr Kreuzer „Geier" ist gestern in Sanct Thomas angtEommen und wird morgen nach Port au Prince in See gehen.
Berlin, 3. Januar. Die Beschlüsse, die in Düsseldorf \ von der die Großetsen- und Stahlindustrie Rheinland- und j Westfalen- umfassenden „Nordwestlichen Gruppe de- Veretn- I deutscher Eisen- und Srahlindustrieller" und drm „Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirthschastltchen Interessen in I Rheinland und Westfalen" gefaßt worden sind, lauten: Der [ Vorstand der Nordwestlichen Gruppe usw. stellt fest, daß die j niederrhetntsch-westfäiische Großeisen* und Stahlindustrie bezüglich der Frage einer Vermehrung der Flotte auf dem Standpunkte der Regierungsvorlage steht und die Annahme der letzteren im wtrthschastlichen Gesammlintereffe k unseres Vaterlandes auf- Wärmste befürwortet. Zugleich > empfiehlt der Vorstand der Gruppe seinen Mitgliedern j dringend die Theilnahme an der auf den 13. Januar, Nach- ' mittag- 2 Uhr, nach Berlin (Kaiserhof) einberufenen Ver
sammlung. — Der Ausschuß de- Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirthschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen hält einstimmig die Verstärkung und Ausgestaltung unserer Kriegsflotte in dem durch die Regierungsvorlage geforderten Umfange für eine wirthfchaftliche Nothwendigkeit und empfiehlt den Vereinsmitgliedern dringend, an der auf den 13. Januar nach Berlin einberufeuen Verfammlung theil- zunehmen.
— StaatSminister Herrfurth hat den Zeitpunkt der Neuwahl deS Reichstag- und des preußischen Abgeordnetenhauses in der Deutschen Juristenzettung einer eingehenden Erörterung unterzogen. Er kommt dabet zu dem Schlüsse, daß 1. die Legislaturperiode des Reich-tag- mit dem Tage seine- ersten Zusammentreten-, nicht aber mit dem Tage seiner Wahl, beim jetzigen Reichstage also mit dem 3. Juli, nicht mit dem 14. Juni 1893, beginnt; 2. die Anordnung und Vornahme der Neuwahl noch vor Ablauf der fünfjährigen Legislaturperiode an fich gesetzlich zulässig, jedoch für die Regel als unzweckmäßig zu erachten ist; 3. daß es dem Geiste der Reichsverfassung und der Stellung des Reichstag- im Organismus de« deutschen Reiches entspricht, daß die Neuwahl thunlichst bald nach Ablauf der Legislatur- Periode erfolgt. Eine Verletzung der Vorschrtitea der Reich-- Verfassung werde jedoch durch eine längere Verzögerung nur in dem Falle angenommen werden können, wenn dadurch die alljährliche Berufung deS Reich-tag- oder die rechtzeitige Feststellung des ReichShauShalts durch ein Reich-gefetz vor Beginn deS Etatsjahres unmöglich gemacht werden sollte.
— Die Hamburger Handelskammer schreibt über die Handel-Verträge: „Heber die Wirkungen der seit 1892 in Kraft getretenen wichtigen Handelsverträge ist demnächst eine objektive Darstellung zu erwarten in einer Denkschrift, welche die Reichsregierung auf Wunsch deS Reich-tag- hierüber auszuarbeiten zugesagt hat. Such wir find in dieser Veranlassung aufgefordert worden, Über diese Frage, so weit Hamburg in Betracht kommt, zu berichten. Die auf unsere Rundfrage eingegangenen zahlreichen Antworten haben uniert Ansicht, daß die damals etngeschlagene Politik als eine außerordentlich segensreiche empfunden werde, durchaus bestätigt." In ähnlichem Sinnt spricht fich auch die Kieler Handelskammer au«: „ES ist nichts weniger als Überflüssig, solche Stimmen sachverständiger Körperschaften hervorzuheben, da sonst die Gefahr entsteht, daß die Klagen der Agrarier über die „unheilvollen" Verträge in weiteren Kreisen als feststehende Wahrheit aufgefaßt werden. Man braucht durchaus nicht mit allen Einzelheiten der Verträge einverstanden zu sein, und man kann die Hoffnung haben, daß in zukünftigen Verträgen Manche- ander- unb besser werden wird; man müßte aber blind sein, wenn man nicht anerkennen wollte, daß fie eine sehr segensreiche Wirkung gehabt haben. Der große wtrthschaftltche Aufschwung ist ja allerdings nicht auf fie allein zurückzuführen, aber fie haben an ihm doch ihren Antheil. Auch die dem Kaufmann gebotene Möglichkeit, auf längere Zeit hinaus Anordnungen zu treffen und wett aus- schauende Unternehmungen einzuleiten, hat den Gang des Handels auf« Bortheilhaftcste beeinflußt, und e- ist eine ruhige Stetigkeit in unsere Handelsbeziehungen gekommen, die mehr werth ist, als kleine Tarifvortheile bei einzelnen Punkten. Daß schließlich bie Handelsverträge unserer allgemeinen politischen Stellung nicht geschadet haben, wird heute auch der wildeste Agrarier nicht in Abrede stellen können."
Marburg, 4. Januar. Die hiesige antisemitische Partei hat al- Candidaten für die nächste Reich-tag-wahl den Landwirth Wiegand aus Friedrichsdorf beiHofgei-mar aufgestellt. Der seitherige Reichstagsabgeordnete Dr. Böcke! kommt demnach für den hiesigen Wahlkreis nicht mehr in Betracht. Die anderen hiesigen Parteien haben noch keinen Candidaten nominirt.
Hamburg, 4. Januar. Die „Hamb. Nachr." schreiben: „FriedrichSruh, 2. Januar 1898. Zum Jahreswechsel find mir in Form von Telegrammen, Karten und Briefen so viele Begrüßungen ^gegangen, daß ich bei meiner leidenden Gesundheit nicht im Stande bin, fie einzeln zu fceanttoortee. Ich bitte deßhalb meine Freunde, meinen herzlichen Dank für ihr freundliches Gedenken und meine guten Wünsche für da- ncue Jahr hierdurch entgegenzunehmen, v. Biömarck."
Wien, 4. Januar. Die Verhandlungen zwischen dem Ministerpräfidenten Baron Gautsch unb den deutsch- böhmischen Abgeordneten find zur beiderseitigen Zufriedenheit beendet. Die deutschen Abgeordneten werden


