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Nr. 260 Erstes Blatt.
Samstag den 5. November
1808
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Fernsprecher Nr. 6L
Deutsches Reich.
Berlin, 8. November. Die „SZorbb. Allge«. ßtg/ bezeichnet die Meldung, der Director ber Lolontal-Abthetlung des Ausmärtigen Amtes, Dr. v. Buchka, sei amtsmüde, aus Grund dtreet eiogezogeoer Erkundigung für blanke Erfindung. Herr v. Buchka denke nicht daran, stch amtsmüde zu stellen. Ebenso fallch sei es, daß der Gouverneur von Deut'ch-Ostafrika, Generalmajor v. Lieb ert, zum Nachfolger des Herrn v. Buchka ansersehen sei. Herr v. Liebert werde vtelwebr auf feinen Posten nach Ostafrtka znrückkehren.
Berlin, 3. November. Dem ,Local»Auzeiger" wird aus Petersburg telegraphirt: Die ruffische Regierung sei sehr unzufrieden mit der Haltung des rnsfischen Botschafters Sinowtew in Konstantionvpel, da da» ruffische Prestige neuer» ding» bedeutende Einbutze erlitten habe. Stnowiew ist deswegen nach Livadia zu« Zaren berufen worden. Er hat feinen Abschied erhalten. Dies wird offictell bet der Rückkehr des Zaren bekannt gemacht werden. Tinowiew wird zum Mitglied des Reichsraths ernannt werden. Seine Stelle in Konstantinopel wird J-wolski, der jetzige Gesandte tu München üvernrhmen. In Petersburger Regierungskreisen «acht die bevorstehende Abberufung des rnffischen Botschafters tu Konstantinopel viel Aufsehen.
Berlin, 3. November. Der Zusammentritt der internationalen Anarchtsten.Eouferenz wird, wie die „Post" meldet, am 24. November in Rom erfolgen.
Berlin, 8. November. Der hiesige nordamerikanische General Sonsul Julius Goldschmidt ist gestern Abend 9 U)r an den Folgen eines Herzleiden» gestorben.
Berlin, 8. November. Die Frage der Errichtung eines Haudelsmuseums in Berlin bildet, wie verlautet, im vrrnhifchen Handelsministerium gegenwärtig den Gegenstand eingehenden Studiums. Ja den nächsten Tagen wird stch in Vertretung des Handelsministers der Vortragende Rath und Geheime Regierungsrath Lüsens ky nach Wien begeben, um die dort bestehenden ähnlichen Einrichtungen näher kennen zu lernen. Die ganze Angelegenheit befindet fich noch im Borstadium der Erledigung. Es steht beispielsweise noch nicht fest, ob überhaupt ein Handelsmuseum für Deutschland zu Staude kommen wird, wenn sich auch von vornherein annehwen lätzt, daß dasselbe eine mannigfache Förderung der Industrie und des Handels, besonder» auch de» Export», herbetführrn werde. Die Havptschwierigkett der ganzen Frage liegt in der Ent- scheiduug über die Form de» Unternehmens, ob es als Reichsanstalt oder als Privatanstalt mit staatlicher Subventton oder was sonst geführt werden soll. Die erstere Form erscheint vorläufig wenig ausfichtsvoll. Es wird im Wesentlichen von den Wünschen der interesfirten Kreise abhäugen, ob und in welcher Weise die auf die Errichtung eines deutschen Handels» «useuws hinztelenden Absichten der Regierung ihre Ber» w rkuchung finden.
Berlin, 3. November. Die Erstrebung eines Reich». wohnung»gesetzes. E» ist al» ein äutzerst bedeutsame» Zeichen der Zeit zu betrachten, datz fich dieser Tage in Frank- furt a. M. ein Verein gebildet hat unter dem einfachen Forderungsworte: Retch»wohnung»gesrtz! Kritik und Reform- arbeit liegt in dieser Parole zugleich angedeutet. Es stad auf dem Felde der Wohnungsrefor« schon so viele radikale wie praktisch gemäßigte Rathschläge und Entwürfe genehmigt worden — und wir find doch noch auf dem alten Punkte de» Dlsentirens. Es herrscht theilweise eine Scheu, energisch vorzugehrn, theilweise eine Läsfigkeit, die fich mit der bloßen Kenntnißnahme der Nothstäude beruhigt und t« Uebrigeu «unter weiter wurstelt. Hier Wandel zu schaffen, neben dem Bewußtsein der Mißstände auch das Gewiffeu für die ver- pflichtung zur Abhilfe zu wecken und mittels einer großen Organisation über ganz Deutschland selbst Reformen ins Werk zu setzen und auf gesetzgeberische Maßnahmen In dieser R.chmng zu dringen, dazu hat fich der Verein .Reichs» wohvungsgefrtz" gegründet. Der § 1 seiner Satzungen giebt den Zweck seiner Bestrebungen noch näher an und verweist auf die in einer Broschüre genauer entwickelten Reformvor- schlüge, die kurz lauten: Wohnungsinsprerion und Zonen- evteignung für bebautes Gelände, moderne Reformbauordnungen und Bebauungspläne, Beschaffung billigen Baulandes durch Neuerungen im Enteigvuugsrecht, sowie Reform de» Mteeh»recht» und MiethSprozeffe» und der Zwangsvollstreckung, weiter erstrebt der Verein die planmäßige Schaffung kleiner Wohnungen durch Baugenoffenschaften mit billige« öffentlich« Tredit, und zum Schluß allgemeine Anregungen nach den verschiedensten Richtungen, z. B. Reform« ün Vorortverkehr. All' diese Bestrrbnngen sollen in eine« Punkte zusammen» laufen, der fie tu praktische Maßnahmen umsetzt. Als solcher
ist gedacht ein Reichswohaungsamt, welche« auch de« Laien- publiku« ehrenamtlich berufene wohnungsräthe angehören sollen. Bisher hat dies Alles natürlich noch keine feste Gestalt^ «an «acht nur Vorschläge, an dir die Dtseusfion ansetzen kann, man sordert Gutachten ein, uw dann später tu einer Sachverständigenconferenz das gesammelte Material zur Grundlage der Organisation zu benutzen. Viel U.iterstützung erhofft man von den über das Reich wett und breit verstreuten zahlreichen Miethvereiuen, Baugenoffenschaften, gewerkschaftlichen Affoeiationen und Arbeitervereinen aller politischen Parteien. Eine Agitation großen Sttles soll eine achtunggebietende Macht zusammeubringeu, die die leitenden staatlichen Organe zu den nöthigen Schritten zu veranlaffen im Stande sei.
— Da» preußische Abgeordnetenhaus, so schreibt man au» nationalliberalen Kreisen, wird Vorau»» sichtlich folgendermaßen zusammengesetzt sein: gesummte Rechte etwa 207 (zuletzt 215), Nationalliberal etwa 80 (zuletzt 84), Freifinnige Bereinigung etwa 11 (zuletzt 6), Freisinnige BolkSpartei etwa 22 (zuletzt 14), Nationalsociale etwa 1 (zuletzt —), Zentrum etwa 98 (zuletzt 95), Polen etwa 12 (zuletzt 17), Dänen etwa 2 (zuletzt 2). Die Gefahr einer conservativeu Mehrheit ist also erledigt. Auch läßt ein Blick auf die Etuzelergebniffe erkennen, daß diese Gefahr für die Zukunft überhaupt nicht mehr besteht. Die conservativeu Parteien haben t« Osten den höchsten Höhepunkt ihrer Machtstellung überschritten. Da» Hervortreten der Socialdewokratie läßt bereit» die ganz andere Gefahr der Zukunft erkennen, daß nämlich diese revolutionäre Partei auf der ganzen Linie zur Activität auch bet den Laudtag»wahleu übergeht. Dann find die Sonservativen in vielen Kreisen des Osten» derart in dir Defenfive gedrängt, daß fie sogar dort mit der liberalen Mittelpartei auf der Grundlage anderroettrr Mandatsver- theiluug fich verständigen müssen, um wenigsten» nicht allzuviel vom bi»herigen Besitz an den Radicali»mu» und die Socialdemokratie zu nrrltexen. Dir Setahr der evnservativen Mehrheit wird also nicht so leicht wiederkehren, und die Be deutung der nattoualltberalen Fractiou al» Zünglein an der Waage wird so leicht nicht zu erschüttern sein.
— Gouverneur Generalmajor Liebert hat bekanntlich wegen de» vor fünf Wochen tu Berlin erfolgten Ableben» seiner Gemahlin Dar»e»»Salaam verlassen, ist nach kurze« Aufenthalt in Aegypten vergangene Woche in Italien gelandet und wird schon in den nächsten Tagen tu Berlin erwartet. In sonst sehr gut unterrichteten Kreisen tritt hnmtr bestimmter da» Gerücht auf, General Liebert verspüre keine Neigung «ehr, länger in dem Lolonialdienst zu bleib«. Schon der frühere Gouverneur Frhr. v. Scheie hatte fich wiederholt bitter darüber beschwert, daß er bei seinem aner» kannten Bestreben, die ihm anveriTaute Eolonte durch wirthschaftltche Neuerungen hochzubrtug«, auf starken Widerstund — wenn vielleicht auch nur passiven — bet einem großen Thetl der ihm unterstellten Organe gestoßen sei. Dieselbe Geschichte pasfirte auch dem Major v. Wißmann und in mancherlei Beziehung auch dem General Liebert. Einige seiner Wünsche find allerding» in Erfüllung gegangen, so z. B. die Vereinfachung de» Verwaltung»apparaie», die dadurch erzielten Ersparnisse find wirthschaftlichen, speeiell forstwirthschaftlich« und geologischen Zwecken zu Gute gekommen. General Liebert verbringt zunächst einen viermonatlichen Urlaub tu Berlin und wird neben de« Eolonialdireetor im Reichstag den Etat für Deutsch-Ostafrika vertret«, namentlich In der dabei zur Sprache kommenden Eis«bahu- frage. Liebert hat die Traee der Eentralbahn bereist und hierbei werthvolles statistisches Material gesammelt, um dasselbe im Reichstag gelegentlich der Vorlage Uebernahme und Wetter- führung der Usambara Eisenbahn durch da» Reich, zu unter- breit«.
Frankfurt a. M., 3. November. Bei der heuttg« Land- tags wähl wählten von 850 Wahl« Lünern nur 507, da das nattonalliberale Wahlcomiiv das Fernbleiben seiner Mitglieder empfohlen hatt. E» wurde Prediger Karl Säuger mit 497 Sri««« gewählt. Eine Stimme fiel auf vom Rath und 9 auf Oswalt. Im zweiten Wahlgange wurden für den demokrattsch-fortschrittlich« Eandidateu Karl Fuuck 485 Stimm« abgegeben.__
AttsUrrsd.
Eien, 3. November. Wie an» Gmunden gemeldet wird, ist da» Befinden der Großherzogin von Toscana besorgnißerre,end.
Nom, 3.November. I« Ministerrathe «achte heute Lauevaro Mittheilung« über die internationale Lage. Er bezeichnete dieselbe al» trübe.
Paris, 3. November. Der Eassation»hof hat beschloss«, seine Arbeit« in der Drehfu»-«ugelegenheit mit der Frage de» Erschein«» Drehiu» vor dem Eossatton»hofe zu beginnen. Der Anwalt der Familie Drehsu», Mornard, wird den Verhandlungen und verhören während der neuen Untersuchung nur bann beiwohnen dürfen, wenn auch Drehfus persönlich zu denselben hinzuge^ogen wird.
Paris, 3. November. Dal Blatt „Äabkal* will wiff«, daß die fran-öfiiche Regierung ihren verbündeten Rußland ersucht habe, du»ch den russischen Botschafter in Loudoa der englisch« Regierung nahe zu leg«, daß, wenn England an Frankreich wegen der F^schodafrage den Krieg erk.ären sollte, Rußland dies ebenfalls al» Krieg»erklärung auseheu würde.
Paris, 8. November. Ja Dover wurde ein Franzose als der Spionage verdächtig festgenommen.
London, 3. November. Hiefige Blätter wollen wissen, daß Lord Eromer vom Khedtve von Aegypten das versprechen erhalten habe, derselbe werde demnächst der ksuigiN Victoria einen Besuch abstatten.
London, 3. November. ,@tanbarb* bestätigt die Ber- muthuug, daß die Rüstungen gegen Rußland gerichtet feien: Dieselben kämen nicht unerwartet in Anbetracht ber zunehmend« Spannung in Norden Ehiua». E» sei wahrscheinlich, daß Rußland Niutschwang besetzt habe.
Arras, 3. November. Bet einem Sturm in der Nordsee find gestern 12 Mann von einem Fischerboote umgekommen. Ein englisches Schiff ist gesunken. Die ganze Mannschaft desselben konnte gerettet werden, ebenso alle Verth- gegenstände.__________________________________________________
Locales rrnd provinzielles.
Gießen, 4 November 1898.
** Aus de« Grotzh. Ministerium. Durch Em>ch'ießung Großherzoglichen Mt'ttsterium» de- Innern vom 26. Octvber ist der Grotzherzogltche Rcgierungsafftffor Dr Neidhaet in Darmstadt bis aus Weiteres «It der Sushilseleistung bei de« Grobherzoglich« Mintsterialseeretartat des Innern beauftragt worden.
•• ProvinzialanSschabsttzang. Samstag den 12. November 1898, vormittags 9 Uhr, findet in dem Regterungs » gebäude zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusfe» der Provinz Oberhefsen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Peter Stichel zu Butzbach um Erlaubuiß zu« Betrieb einer Schank- wirrhschaft in der Langgasse. 2. Klage de» Ditlaxmtn« verbände» Liberseid gegen den Ort»armenverband Oder- Ofleiden wegen Erstattung von Pflegekosten für da» Kind Elisabeth Georg. 3. Enteignung von Gelände der Peter Kennel Eheleute zu Gießen für die projectirte Querstraße Q—Q 1 de» südöstlichen Stabtetwetternngsplaue».
•• Loneeet Verein, lieber da» n« Sonntag den 6. November mitwirkende Da« enquartett, berichtet ber bekannte Berliner Kritiker in der Nationalzeitung wie folgt: Da» voealq aartett der Da«« Emmi Lampe, Elara Leithold, Sophie Braun und Margarethe Krause trat am Dienstag, den 8. December wieder auf. Die jungen Damen haben eine so ausgezeichnete musikalische Bildung, daß fie ohne jede Justrumentalbeglettung ein Ensemble bilden, welches au Sicherheit und Sauberkeit nicht leicht Seinesgleichen findet. Die schwerste Aufgabe stellte ihnen das Quartett ^Sylphen- tanz" von Theodor Krause, dem Vater der zweit« Altistin. Die reiche Modulation und Figuration, die vielfach wechselnde Tonmalerei macht an d« vierstimmigen Gesang die denkbar höchsten Ansprüche, denen die Damen in bewundernswürdiger Weise gerecht wurden. Auch »Wandrers Nachtlied" do« demselben Eompouisteu, zeigte die Loucertgeberinuen auf ber Höhe ihres künstlerischen Könnens. .Außerdem erfreuten ste die Hörer mit Liede« von Kahn, Möhrtng, Brahms, Vierling und Anderen. Daß es den Honcertgeberlnnra an Bei- fallsbezeuguugen nicht fehlte, braucht kaum erwähnt zu werd«.
” ktadttheater. Anna Führung all Johanna d'Arc. Kannst Du nicht wie der Adler flieg«, — Klett're nur Schritt für Schritt bergan; — Wer mit Mühe den Gipfel gewann — Hat auch die Welt zu Füßen liegen! Diese Worte lassen fich zutreffend auf die Ausgestaltung be» Helden- madcheu» von Dom Remy durch Anna Führtug auwend«. Wird auch die Rolle von allen bekannten und unbekannt« Heroin« der deutsch« Bühnen gespielt, so giebt es doch nur sehr wenige Darstellerinnen, deren Auffassung und Wiedergabe der Johanna sich mit den Intentionen des Dichters deckt. Anna Führing hat, als fie im Jahre 1886 am Kölner Staittheater ihren ersten theatralischen versuch wagte, die


