wegen der Betheiligvng der Socialbemokratir an den preußischen Landtag-Wahlen wurde einer Commtsfion überwiesen,________
Cocote» rnt- j)rovinzielle».
§ Aus dem Kreise AlSfeld, 3. October. Bei uns fehlen tu diesem Herbste die Zwetscheu vollständig. Dagegen hat der Kreis Gießen und die Wetterau eine ganz außer« ordentlich segensreiche Zwetschenernte. Die Grenzlinie der Zwetschenernte läßt fich auf der Bahnlinie der Oberhesfischeu Eisenbahn ganz genau feststellen. Sie liegt bet Reißkirchen, mit dieser Gemarkung beginnt westwärts der Zwetscheusegeu, ostwärts aber hört er gänzlich auf. In genannten Gegenden hängen die Zwrtschenbäumr fo voller Früchte, daß die «efa brechen, wo fie nicht genügend gestützt werden. Man weiß hier die Früchte nicht alle unterzubrtugeu. AuS den Gegenden ohne Zwetschenernte kommen die Käufer und kaufen die Zwetscheu, den Ceatner zu drei Mark. Nuß die eine Gegend eine reiche, die andere eine Mißernte dieses im Haushalte so beliebten Obste- hat, liegt lediglich au dem verschiedenen Blüthenzeitpunkte der Obstbaumblüthe. Wo eS Zwetscheu giebt, da hatten die Bäume beim Einsetzen des damaligen anhaltenden RegevwetterS schon auSgeblüht, während fie bei uns erst zn blühen begonnen. Dort konnte infolge deffeu der Regen der Fruchtbildung nicht mehr schaden, hier machte er fie durch Auswaschen der Blüthe zu Nichte.
Nidda, 2. Ociober. Jäh gestört in ihrem Sonntag. Nachmittags-Vergnügen wurde heute unsere Feuerwehr. Sie hatte fich im besten Dienstrock versammelt, um fich m corpore photographiren zu lassen, als plötzlich, 4Uhr50Min., Feuerrufe durch die Stadt ertönten. Zum zweiten Mal innerhalb 14 Tagen wüthete das verheerende Element. Im Gehöfte der Filiale der Sicher Jmkeretfabrik war Feuer aus- gebrochen. Ein 4jährtgrS Kind, da- mit seiner Mutter im Garten war, benutzte die Zeit, da diese Wäsche zusammeutrug, um mit Streichhölzern zu spielen und steckte dabei einen Holzschuppen in Braud. Ein Glück war eS, daß die Feuerwehr, wie schon oben gesagt, versammelt war und infolge deffeu sofort dem Feuer kräftigster Widerstand entgegengesetzt werden konnte. Um 8/46 Uhr war soweit gelöscht, daß die freiwillige Feuerwehr abrücken konnte. Eine Spritze mit Mannschaften der Pflichtfeuerwehr verblieb an der Brandstelle, um einen etwaigen erneuten AnSbruch des Feuers zu verhindern und um auf- zuräumen. Ein neben der Uuglücksstätte fich brfiudender Strohhaufen konnte glücklicherweise noch gerettet werden, sodaß daS Wohnhaus verschont blieb.
Schlitz, 1. October. Unter lebhafter Betheiligung des Schlttzer Ländchens und der Vertreter fast fämmtlicher preußt- scheu und hesfischen Behörden wurde gestern die Bahn von Salzschlirf nach Schlitz eröffnet.
4- Glashütten, 2. October. Bei der gestrigen Bürger- metsterwahl dahier fiegte Herr Adolf Stöhr mit einer geringen Majorität Über den Gegencavdidateu Roth, welcher eS nur auf 38 Stimmen brachte.
-t- Schotten, 3. October. Wiederholt ist in dieser Zeitung auf die bedeutenden Leistungen in forstwirthschaftlicher Htuficht hingewiesen worden, die im BogelSberge mit jedem Jahre mehr zn Tage treten. Auch für die Fischerei geschieht viel, die Vogelsberger Karpfen erfreuen fich eines guten Rufes. Wenn die Vogelsberger Karpfenteiche auSge- fischt werden, kommen Fischhändler und -liebhaber aus allen Gegenden heran. Die Forstverwaltung will aber noch mehr bieten, fie hat am hiefigeu Orte eine Fischzuchtaustalt errichten laffev, die nach allen Regeln der Wissenschaft und Erfahrung auSgestattet ist und jedenfalls eine Musteraustalt für den Vogelsberg werden wird. Die Kosten dieser Anstalt find beträchtlich. ES soll bet dieser Gelegenheit eiudrtugltch darauf htngewtefen werden, daß die Grundstücke mancher Laudwirthe fich leicht und ohne besondere Kosten für die Fischzucht, besonders für die Karpfenzucht Herrichten laffev. Hier ist noch ein schönes Stück Geld zu verdienen, denn dieser Zweig der Land- und Forstwirthschaft ist durchaus noch nicht Übersetzt.
Vermischtes.
• Bon einer Rache durch die Post erzählen italienische Blätter: Bor einigen Tagen kam Herr Cadorin, ein junger Kaufmann, in Geschäften nach Pregaoziol bet Treviso, wo er eine Woche verweilte. Während diese- kurzen Aufenthaltes überwarf er fich mit seinem Schulfreund, dem Postmeister von Preganziol, Herr Loreuzon, der, wie das tu all' dteseu kletneu italienischen Nestern üblich ist, auch den Dienst eine- Postboten versteht. Der Dienst ist gewöhnlich nicht sehr au- strengend, denn welchem Menschen mit fünf gesunden Sinnen fällt e- jemals ein, einen Brief nach Preganziol zu schicken. Die meisten Menschen erfahren wahrscheinlich erst durch diese wahrhaftige Geschichte, daß Preganziol überhaupt rxistirt! Also Herr Cadorin überwarf stch mit Herrn Loreuzon und kehrte wuth* und rachefchuaubeud nach Treviso zurück. — Und er hat fich tu der That auf fürchterliche Weise, grausame Weise gerächt. Er sandte nämlich au verschiedenen Tagen mit jeder Post mindesten- 100 Briefe nach Preganziol und zwang den armen Postmeister und -boten, der außerdem noch gichtleideud ist, täglich mehrere Male auf miserablen Wegen zu den entferntesten Häusern uud Hütten des Ortes zu wandern, und die Häuser iu Preganziol find vou einander beinahe so wett entfernt, wie Preganziol von Treviso. Iu einem Zeitraum von zehn Tagen schickte der Unmeusch auS Treviso nicht weniger als 4500 Briefe nach Preganziol, sodaß der Postbote mit dem Zipperlein 4500 Botengänge machen mußte. Pregaoziol ist ein Ort von 800 Einwohnern. Um seinen Vorsatz gründlich durchzusühren, hatte Cadorin einfach die StaudeSamtSlisteu vou Preganziol zu Rathe gezogen -
jeder Eiowohurr erhielt seine Portion Briefe, es gab sogar Säuglinge, die 10 bis 15 Briefe bekamen. Freude machte der „Spaß" des Herrn Cadorin uatürltch nur der Postver- waltuug uud . . . dem Schuster vou Pregaoziol, „Oon wegen der zerrissenen Stiefel" de- Herrn Loreuzon.
* Die ersten behördliche« Berichte über dm letzte« Wirbel» sturm iu Westiudie« find in England eingegangeu uud schildern die furchtbaren Verheerungen, die das Naturereigniß auf deu iu englischem Besitze befindlichen Autillen augerichtet hat. Der Gouverneur von Barbados meldet telegraphisch, daß 50,000 Personen obdachlos sind uud daß er bei der gegenwärtigen Lage der Kolonte gänzlich außer Staude ist, Hilfe in dem uöthigen Umfange zu schaffen, wenn nicht sofort Gelduuterstützuugev eiugehen. Bi- zum 19. September waren 83 Todesfälle ermittelt. Der oberste Beamte in St. Binceut berichtet wörtlich: „Allgemein gesprochen, find drei viertel der ganzen Bevölkerung, etwa 41,000 Menschen obdachlos, ohne jede Nahrung und drängen sich nach deu BevölkerougS- wittelpuuktrn zusammen, die nicht einmal für ihre eigenen Einwohner genügende Unterstützung habeu, viel weniger für die Hunderte, die vom Laude herzuströmeu. Vom Orte Argyle bis Kingston auf der Windseite ist nicht ein einziges Haus stehen geblieben, auf der Leeseite ist überhaupt Alles zerstört. Die Hauptstadt Kingston selbst hat schwerlich et« unbeschädigtes Haus aufzuwetsen, und die meisten Gebäude find Ruinen. Zwei Schiffe find gescheitert, zwei gesuukev, uud daS Schicksal der Uebrtgeu ist unbekannt. ES ist danach überflüsfig, zu sagen, daß fast alle Arbeitshäuser darnieder liegen. Unter dem Bolk, daS vou allen Seiten her nach der Stadt flüchtete, um Obdach und Nahrung zu suchen, waren wenigsten» 50 Todesfälle bekannt, die Einzelheiten werden fich erst bei einer Ausbefferuug der Witterung feststellen laffeo. Bon der Gegend nördlich Argyle fehlt bisher jede Nachricht, aber es ist zu fürchten, daß daS Uoheil dort nicht geringer ist als im südlichen Theile der Insel. An der Küste der Windseite find ferner zwei große Schiffe und ein kleine» gestrandet. Auf der Leeseite müffen viele Menschen um- gekommen sein, an einem Orte wurde Alles bi» auf drei Häuser vom Bode« in die Luft gehoben." AuS Santa Lucia wird berichtet: „Fürchterlicher Regen mit Donner und fort- währenden Blitzen Sonntag (11. September) Nacht. Ungeheure Erdrutschungen tu Soufriöre, fünf Todte, zehn Hauser und zwei Brücken fortgewaschrn. Eine Fluthwelle zerstörte Choiseul, fieben Menschen unter Erdstürzen begraben. Die Pflanzungen erlitten unermeßlichen Schaden uud find vielfach völlig zerstört, Wege uupassirbar, alle Trlephouliuten zerstört." Bon Trinidad ist ein großer Dampfer mit Nahrungsmitteln nach 6t. Bincent abgegangen.
* Ueber die voransfichttichm Opfer eines künftigen Kriege» stellt der „Kiewljauin" iutereffante Berechnungen an. Nach Meinung des Fürsten Hohenlohe, Chef der deutschen Artillerie im Kriege vou 1870/71, kann gegenwärtig eine Batterie, die einen Weg von 15 Schritt Breite bestreicht, die gesummte Masse der Infanterie, die auf diesem Wege eine Strecke von 7000 Meter einnimmt, wegrafireu. Die vernichtende Wirkung der modernen Arttllerie mag folgende» Beispiel illustriren: Ehe eine stürmende Masse von 10,000 Mann zwei Kilometer zu den Schanzen eines befestigten, von einer Batterie ver- theidigteu Punkte» hin zurückgrlegt haben kann, wird jeder einzelne Mann der Angreifer von Kugeln oder Granat- splittern durchbohrt sein, da die vertheidigende Batterie in dieser Zeit 1450 Kanonenschüsse abfeuern kann, die 275,000 Kugeln und Bombensplitter ausspeien werden, von denen 10,330 die Stürmenden treffen müffeu. Außer der Vervollkommnung der Waffen aber wird in einem künftigen Kriege noch eine ganze Reihe von wichtigen Hilfsmitteln eine Rolle spielen: Brloclpede, Taubenposten, Feldtelegraphen und Telephone, optische Instrumente, um bei Tage wie in der Nacht Signale zu geben und die Schlachtfelder zu erleuchten, verschiedene Mittel, um die Bewegungen des Feinde» zu beobachten, z. B. durch Luftballon». Alle» dieses in Verbindung mit der Erfindung des rauchlosen Pulvers, wird künftighin in bedeutendem Maße den Mangel au Kenntniß der Abfichten de» Feindes auSgletchen, der bisher darau ge- hindert hat, letzterem erfolgreich mit den Waffen entgegen- zutreten. Im Allgemeinen kann mau faßen, daß für die früheren Kriege die Staaten kaum den zehnten Theil der Kräfte augesporut haben, wie sie zur Zeit tu ihrer Totalität für deu Krieg der Zukunft vorbereitet werden. Bei der Gleichheit der Streitkräfte uud der Bewaffnung, wie fie gegenwärtig besonders eifersüchtig aufrecht erhalten wird, wird man in einem künftigen Kriege kaum vou einem Siege einer der kriegführenden Parteien über die andere sprechen können, sondern nur von einer gegenseitigen uud resultatlosen Vertilgung, die um so furchtbarer sein wird, als nach der Meinung militärischer Autoritäten der zukünftige Krieg bi» zu zwei Jahren dauern kann.
* Der Küchenchef als Dieb im Speifeaufzng. Der Pächter der Mannheimer HauptbahuhofS-Restauratiou, Herr Kettler, machte schon seit längerer Zeit die Wahrnehmung, daß nach Schluß der Wtrthschaft ein Dieb dem Büffet Besuche abstattete, denn Geld, Briefmarken, Cigarren, Liqaeure usw. verschwanden iu kurzen Zwischenräumen. Trotz größter Auf- ficht konnte man de» Diebe» nicht habhaft werden. Um der Sache auf die Spur zu kommen, erbot fich ein Anverwandter des Herrn Kettler, gemeinschaftlich mit einem Dritten tu einer der nächsten Nächte fich auf die Lauer zu legen. Diese» Vorhaben wurde in der Nacht vou DteuStag auf Mittwoch zur Ausführung gebracht. Al» beide Männer Wacht hielten, vernahmen fie, e» war gegen 1/,2 Uhr NachtS, et« unheimliche» Geräusch i« dem au» der Küche im Souterrain zum Büffet hiuaufführeudeu Speiseauizug. Man lauschte, uud plötzlich wurde iu der AufzugSöffuuug ein nackter menschlicher Oberkörper sichtbar. In fieberhafter Aufregung erwarteten die fich vorläufig noch ruhig verhaltenden Wächter die Dinge, die da kommen sollten. Die Gestalt kroch langsam an» dem Aufzug uud nun war e» an der Zeit, de« unheimliche« Eindringling unschädlich zu wachen. Da stellt e» fich zum großen Erstaunen der beiden Angreifer heran», daß die unheimliche Gestalt der Küchenchef deS Hause», welcher nut mit Hosen und Strümpfen bekleidet war, ist und man i« ihr den lang- gesuchten Dieb dingfest gemacht hatte. De« primitive« An- zug hatte et aller VorauSficht nach gewählt, um seine Kleider
bei dem Aufstieg durch de« Aufzug nicht zu beschmutze«. Bei einer Leibe»vifitatio« fanden fich bet dem Dteb dret Nach- schlüffel zum Büffet vor. Ferner wurde« tu fetaem Schlafzimmer Briefmarke« und Postkarten im Werk von 25 Mk. und ein größerer Baarbetrag, über deffen rechtmäßige« Erwerb et fich nicht auSzuweise« vermochte, aufgefunde«. Er- wäh«en»werth dürfte nach der „N. Bad. LandeSztg." noch fein, daß der Verhaftete, ein junger, in seinem Beruf fefjr tüchtiger Mann im Alter vou 23 Jahreu, schon über ein Jahr al» Küchenchef tu der Bahnhofs-Restauration thätig und derarig salartrt war, daß er e» nicht nöthig gehabt hätte, seinen Arbeitgeber auf solche gemeine, Art zu bestehlen.
♦ Zntereffante Thatsache. Aus Rotterdam, 28. September, wird geschrieben: Der htefige Gemeinderath hat dieser Tage eine Vorlage angenommen, wonach in den neuen Primarschulen nicht mehr Französisch, sondern nur Deutsch und Englisch gelehrt wird. Der Berichterstatter deS „Journal des DödatS", der die» seinem Blatte meldet, macht dazu folgende Bemerkungen: „Unter Denen, die für die Vorlage stimmten, haben mehrere ihre Sympathie für die französische Sprache bekundet- Andere haben ihr eine Snperiorttät als Erziehungsmittel zuerkannt. Aber in einer Handelsstadt wie Rotterdam hat man das Französische nicht nöthig. Mit wem macht man Geschäfte? Mit Deutschland, England uud Amerika. Was braucht man im Bureau sür die Correspou- deuz? Deutsch uud Euglisch. DaS war die Meinung der Handelskammer, und trotz deS Widerspruchs de» Schul» tnspector» auch die Meinung des Gemeinderath». Au fich ist diese Unterdrückung deS Frauzöfischen nicht von großer Be» deutuug- ich glaube nicht, baß viele Zöglinge dieser Schulen eine genügende Kenntniß de» Französischen haben. Wa» aber ernst ist, daS ist daS Urtheil vou GeschästSmänueru, daß für ttaen Handeltreibenden da» Französische unnütz ist, einfach deSwegen, weil eS keine« Handel mit Frankreich mehr gibt.
» Arische». Ei« irische» AuSschußmitglted vertheidigtr die Thätidkeit seine» Ausschusses wie folgt: „Sie glaube« vielleicht, meine Herren, daß die eine Hälfte von un» alle Arbeit macht uud die andere Hälfte nicht» thut. In Wahrheit ist aber gerade da» Umgekehrte der Fall." — „Glauben Sie, daß irgend ein Anlaß zu uunöthiger Beforgniß vorhanden ist?" fragte ein erkrankter Ire seinen Arzt. — „Haben Sie deu Herr« X gekavnt?" — „Leider nicht. Er war schon lange tobt, als ich ihn kenne« lernte." — von zwei große« Schwätzern berichtete ein Ire: „Beide sprachen so ununterbrochen, daß der Andere nicht zu Worte kam."
* Wie ««freundlich! Der Grueralpostmeister in Sydney (Neu-Süd-WaleS) scheint nicht sehr frauenfreundlich zu fein. Er hat fich, „um der übertriebenen GeschwätzigkeitSneigung der Damen zu steuern", wie er fich in seinem Erlaß auS- drückt, veranlaßt gesehen, die Dauer von Unterhaltungen am Fernsprecher auf höchsten» zehn Minuten festzusetzen._________
Wissenschaft, Literatur und Annst.
— Eine Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts in Bildnissen und eine Geschichte des BildniffeS im neunzehnten Jahrhundert ist es, die unS der mit der 14. und 15. Lieferung soeben vollendete erste Band deS Werkes: „DaS neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen", herauSgegeben von Karl Werckmeifter, Berlin, Photographische Gesellschaft, vor Augen führt. Man muß erstaunen über die Fülle von authentischem Material, welches in diesem ersten Bande unter großen Mühen gesammelt vorliegt. Aus der Idee dieses Werkes spricht die Geschichtsauffassung, daß in aller Zeit die Förderung der Menschheit nicht von der Masse, sondern von dem Einzelnen ausgegangen ist. Die Masten tragen zwar den Einzelnen, weil fie Eigenschaften und Kräfte, die in ihnen fich vorfinden, in immensem Maaßstabe in ihrem Lieblinge, ihrem Abgotte verkörpert finden. Der Einzelne allein aber ist es, welcher handelt. Die Menge geht, eingeengt durch Noth, TageSarbeit, Umstände und Pflichten ihren blinden Weg und empfindet Tradition, Schicksal und Umgebung als eine eiserne Kette: ein Mann tritt auf, dessen Natur auf Alle den Eindruck des AufbauenS macht, und die Menge ergibt fich ihm. Er spricht ihre Gedanken und Empfindungen aus, er begeistert und erfreut feine Mitmenfchen und reißt sie mit fich fort. Die Fähigkeit, zu erfassen und aufzunehmen, besttzen wir Alle, und in der Gesellschaft der Gewaltigen deS Geistes und der Seele werden auch unfere Gedanken leicht groß und bedeutend. Ein Buch, ein Bildniß, eine Büste, ja schon der Ton eines großen Namens läßt einen Funken durch unsere Nerven gehen, und durch daS Vorbild großer Männer — und Frauen — werben wir selbst gesteigert und angespornt. Diese Auffassung haben auch die bedeutenden Mitarbeiter deS Werkes, welche den nicht zu unterschätzenden biographischen Theil besorgen. Männer wie Bailleu, Bölsche, Cornicelius, Falkenheim, Gaedertz, Hermann Grimm, Grisebach, Hart, Max Lehmann, Erich Marcks, Otto Pfleiderer, Steig, Verdy, Witt, um nur einige zu nennen, find werthvolle Bürgen für seine Bedeutung. Eine im wahrhaft«, Sinne nationale Galerie aber bieten die Bildnisse; denn fo sehr auch die nationale Beschränkung auS dem Plane deS Werkes verbannt sein mag, immer zeigen fie unwiderleglich, wie in allen G^ bieten Deutschland an der Spitze dieser geistigen Heerschau steht. 120 große Bildnisse bilden den ersten Baud, ungerechnet zahlreiche Textillustrationen und den stattlichen biographischen Theil (148 Seiten in Großfolio.) Die Vervielfältigung ist meisterhaft; ein Ouellm- werk ersten Ranges für Porträtsammler; möge eS Viele zu dieser schönen Beschäftigung, die so unendlich geistvoller ist, als andere SammelfportS, anregen. In den beiden letzten Lieferungen des ersten Bandes feien befonders erwähnt die Bildnisse von Gorres, Brentano (Münchener BUdniffe, zum ersten Male veröffentlicht), Döllinger, von Lenbach, Chateaubriand, Victor Hugo, die deutschen Dioskuren Gauß und Weber, der allverehrte Theodor Fontane (von Hans Fechner), Ranke und Roon. Als Verfasser der biographisch« Würdigung Albrecht von Roons zeichnet Erich Marcks, der durch feine mustergiltige Biographie Kaiser Wilhelms I. berühmt gewordene Leipziger Historiker.
UrriVersitäts - Nachrichten.
— Marburg. August Ubbelohde, der Romanist, ist am 30. September. Mittags, gestorben. In Hannover 1833 geboren, habilitirte er sich 1857 in Göttingen, wo er 1862 außerordentlicher Professor wurde. Ostern 1865 ging er als Ordinarius des römischen Rechts nach Marburg, wo er seitdem wirkte. Seit 1871 vertrat er die Universität Marburg auch im Herrenhaus, ohne daß er in dieser Körperschaft rednerisch hervorgetreten wäre. Seine fachwtssenschaft- lichm Schriften sind zahlreich.
— Der außerordentliche Professor der Nationalöconomte Dr. M. Biermer in Greifswald wurde zum ordentlichen Professor in der philosophifchen Facultät der Universität ernannt.
— Der Privatbocent Dr. Eberhard Rimbach in Berlin wurde unter Verleihung des PrädicatS Professor zum Abtheilungs- vorsteher bei dem chemischen Institut in Bonn ernannt.


