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Nr. 233 Erstes Blatt.Mittwoch den 5. Oktober
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
-»treffend: die Abhaltung von Körtermiaen zwecks Aufnahme der Zuchtthiere in das Provinzialherdbuch im 2. Kvrbezirk.
Die Köreommisfion des 2. KörbezirkS (Simmenthaler B eh) wird nachfolgrnde Körtermine abhalten:
1. den 6. October d. I., vormittags 10 Uhr in Sich,
2 ,5 , , , Nachmittags 2 Uhr in Eberstadt.
Die Züchter von Simmenthaler B.eh, welche ihre Thtere in das Herdbuch eintragen laffen wollen und bez. Anmeldungen schon bei mir gemacht haben, werden ersncht, ihre betreffenden Lhtere an einem von betr. Großh. Bürgermeisterei hierzu bezeichneten Orte aufznstellen, damit die Arbeiten der Tom- «tsston ohne Aufschub erledigt werden können.
Sollten noch weitere Viehzüchter ihre Thiere kören loffen wollen, so werden dieselben ersucht, dieselben gleichfalls an den betreffenden kdörierminen vorzuführen, vorher aber d»m Vorsitzenden dieser Lommisfiou, Herrn Gntspächter Pfannstiel, Angenrod, oder dem Geschäftsführer, Herrn Laudwirthschaftslehrer Reichelt, Alsfeld, dirrcte Mittheilung zu machen.
Laubach, den 30. September 1898.
Der Präsident des landwirthschastlichen Vereins für die Provinz Oberheffen.
Friedrich Graf zu Solms'Laubach.
Deutsches
Darmstadt. 2. Oktober. Seine Königliche Hoheit der Großherzog geruhten, wegen des Ablebens Ihrer Majestät der Königin Luise von Dänemark eine Hoftrauer vom 29. September bis einschließlich den 12. Oktober anzu« ordnen.
M.P.C. Berlin, 4. September. Die Reform des MedictnalwesenS wird in der nächsten Sitzungsperiode des Abgeordnetenhanses noch einmal zur Berathung kommen. Dabei wird voraussichtlich auch zn« Ausdruck gebracht werden, wie viel berechtigten Grund die Verwaltung de» Heeres hat, auf Einführung der Medietnalreform zu dringen. Würde es sich nm Mängel und Mißstände bei sonstigem Material handeln, bei Lederzeug, Geschützen oder Pferden, — man würde, — so heißt es in den ,Preußischeu Jahrbüchern" mit Recht — keinen Augenblick zögern mit Forderungen hervorzutreten. Ist das Material an Menschen etwa weniger wichtig? Zu erklären ist die Passivität der Militärverwaltung daraus, oaß mehr etnstellnngsfähige junge Leute zur DiS. Position stehen, als der Verwaltung möglich ist zu verwenden. — Haben wir aber nicht Zeiten gehabt, wo der letzte Mann gestellt werden mußte? Steht Deutschland nicht jetzt noch großen politischen Aufgaben gegenüber, die trotz aller moderner FriedenSdestrebungen schwerlich ohne Kampf zu überwinden find? —
M.P.C. Berlin, 4. September. Die eine Zeit lang bestandene Absicht, eine Beiheiltgung des FiScus an der verwerthung der von staatlich angestellten Ge. lehrten gemachten Erfindungen herbeizuführen, ist neuerdings mehr in den Hintergrund getreten und dürfte voraussichtlich fallen gelassen werden. Man müßte sonst an den Hochschulen auch den Phllologen verbieten, alte Handschriften aus den Staatsbibliotheken herauszugeben, oder dem Mediciner, seine in den Staatskliniken gemachten Erfahrungen zv privater Praxis zu verwerten.
Berlin, 3. October. Die Goldwährung in Deutsch, loud. ReichSbankpräfident Dr. Koch hat dieser Tage bei einem ihm zu Ehren von der Hamburger Kaufmaunschaft veranstalteten Festessen eine Ansprache gehalten, in der er sagte: Mit Recht fei die deutsche Reichsbank als Hüterin der deutschen Reich-Währung bezeichnet worden. Redner sei fest überzeugt, daß die Goldwährung jetzt in Deutschland als so zm wie festgelegt betrachtet werden dürfte. Auch der Ge- danke, daß an der jetzigen Einrichtung der Reichsbank nicht gerüttelt werden dürfe, greife immer mehr Platz- denn schon kiv, übrigens der Stlberpartei angehörendes Mitglied des mglifcheu Ministeriums habe geäußert, daß an der Gold» Währung Englands nichts geändert werden dürfe, wenn nicht die Lity von London damit einverstanden sei. Ebenso werde in Deutschland die Ueberzeugung Platz greifen, daß die Handelskreise Deutschlands das letzte Wort in dieser Frage zu sprechen haben.
M.P.C. Berlin, 3. October. Die Richtigkeit unserer Lrzlichen Meldung, daß die bestandene Absicht, einen ver-
stärkten Schutz Arbeitswilliger auf de« Wege der Er- Weiterung des § 153 der Gewerbeordnung hrrbeizuführen, bet mehreren Bundesstaaten auf Schwierigkeiten gestoßen fei, bestätigt sich durchaus. Wie eS scheint, gehört zu den be- treffenden Bundesstaaten auch Preußen. Denn eS verlautet zuverlässig, daß der Antrag, den gewollten Zweck nicht aus dem Wege der Gewerbeordnung, sondern durch Erweiterung gewisser Bestimmungen des Strafgesetzbuches zu erreichen, von Preußen ausgehe.
MP.C. Berlin, 3. October. Gutem vernehmen nach beabsichtigt man im Staatsminlstrriu« energische Maßregeln zurverhütnugdesBekanntwerdensvertraulicher Aktenstücke zu treffen.
— An- Südwestafrtka werden von englischer Seite wieder beunruhigende Nachrichteu verbreitet. Welchen Werth diese Meldungen haben, ist genugsam bekannt,- wir brauchen ihnen nicht den geringsten Glauben zu schenken. So heißt es neuerdings, Witbooi drohe mit einer Kriegserklärung. Wir vermulhen, daß es sich dabet um Folgendes handelt: Als im vorigen Jahre einige Vertreter von Gesellschaften gegen Major Leutwein agittrtrn und „neue Männer" für Süd« westafrika forderten, hieß es einmal vorübergehend, Major Leutweiu werde nicht wieder nach dem Schutzgebiet zurück- kehren. Auch dort fürchtete man das eine Zeit laug, und es waren wohl Gerüchte darüber verbreitet. Als nun vor einiger Zeit Leutweiu wieder zurückgekehrt war, soll Witbooi seine besondere Freude darüber ausgesprochen und geäußert haben: „Wenn sein lieber Major nicht wiedergekommrn wäre, würde er sich wohl die Frage überlegt haben, ob er nicht wieder Krieg anfinge." Dies wurde kürzlich bekannt und eine derartige Aeußerung, aus büit Zusammenhang gerissen, genügt natürlich für die berufsmäßigen englischen Hetzer, eine Kriegsdrohung daraus zu machen.
Wien, 3. October. Die Reconstruction des Ladinets wird al» nahe bevorstehend bezeichnet. Dipauli soll Unterrichts-, Bielinski Eisenbahn« und Wittek Handels« Minister werden.
Wien, 3. October. Sine Berliner Meldung der „Pol. Lorresp." bezeichnet die Meldung über die Zeit und den Ort des Zusammentretens der Abrüstungs Louferen,, so lange der Zar und Murawiew nicht nach Petersburg zurückgekehrt sind und verschiedene Vorfragen gelöst find, als Lombi- Nationen.
Wien, 3. October. Graf Thun wurde heute vormittag vom Kaiser in Audienz empfangen. Wie i« Parlament verlautete, verficherte der Kaiser dem Grafen Thun sein andauerndes vertrauen und erklärte, daß er eine Demission desselben auf keinen Fall annehmrn werde. Betreffs der Demtsfiou BaernrritherS hat der Kaiser fich seine Entscheidung noch Vorbehalten. ES verlautet, das Ergebniß der Audienz werde fich darin äußern, daß Gras Thun nvnmehr vollständig der Rechten fich anschließt. Die Jungtschechen beabsichtigen, nach der ersten Lesung des Ausgleichs hn Einvernehmen mit der Regierung einen Driuglichkeitsautrag einzubringen betreffs des Budget-Provisoriums, welcher vor allem Andern zur Verhandlung kommen soll. Dadurch soll die Schließung des ReichsratheS erzwungen werden.
Prag, 3. October. Der Herausgeber der New-Uorker Staats-Zeitung, Ottendorfer, spendete 1000 Gulden zur Unterstützung der hiesigen Mensa-Aeademica und des deutschen Studentenheims.
Genf, 3. October. Nach einiger Unterbrechung wird wieder etwas über das Untersuchungsverfahren gegen Luccheni bekannt. Der Genfer StaarSanwalt will vor der Anklagekammer den Antrag stellen, über den Mörder zum vierten Male eine Woche Einzelhaft zu verhängen. Diese Maßregel, die bislang in Genf noch nicht zur Anwendung kam, scheint ein Ergebniß der Verhandlungen zwischen dem Staatsanwalt, dem Bundesanwalt und dem Präsidenten des eidgenössischen Justtzdepartrmeuts zu sein. Luccheui wird allein vor das Schwurgericht gestellt werden, wahrscheinlich zwischen dem 1. und 5. November. Die Verhandlung gegen etwaige Mitschuldige wird später stattfindeu. UebrigenS hat der Bundesrath neuerdings 42 ausländische Sua.chistm aus der Schweiz auSgewieseu, meist Italiener, daneben einige Franzosen. Aus den von den Kantonen eingegangenen Polizeiberichten geht hervor, daß die ausgewiesenen Personen fich au der Anarchisten-Propaganda bethelligt haben oder gefährliche Anarchisten find. Darunter find solche, welche fich der Verherrlichung anarchistischer Mordanschläge schuldig gemacht
oder wegen gemeiner verbrechen Vorstrafen erlitten haben, oder fich im Befitze falscher Papiere befinden.
Paris, 8. Oktober. Der frühere Kriegsminister Lavaignac hielt gestern in vouillac eine politische Rede, in welcher er erklärte, daß die demokratische Partei ihr Programm und ihre Reformen aufgegeben und dafür die Dreyfus-Revifiou eingetauscht habe. Er drückte die Hoffnung ans, daß die Drmokraten fich in zwei Lager theilen würden, nämlich in eins der Freunde und in eins der Gegner der Armee.
Paris, 8. October. Die „Aurore" protestirt heute gegen den Lovtracibruch des Eigenihümers des Wagram-Saales, welcher fich weigerte, den Sociallsten den Saal zu überlaffen, obwohl er fich conrractlich dazu verpflichtet hatte. Ferner beschwert fich das Blatt über die Haltung der Polizei, welche die Bürger überrumpelt und gemaßregelt habe.
Pari», 3. October. Die seit gestern umlaufenden Gerüchte von einer Erkrankung Ptcquarts werden von den revifionSfreundlichen Blättern als Vorbote der Nachricht von dem Tode Picquarts angesehen.
Paris, 3. October. Der ^Matin" veröffentlicht weitere Enthüllungen, die Esterhazy dem Lorrespondenten bei „Observer", Strong, gemacht habe. Esterhazy erklärt: 1. da» Borderau fei von ihm, aber die Reproduction in den Blättern sei nicht nach dem Original, sondern nach einer schlechten Lopie hergeftrllt; 2. das Petit bleu und die Speranca-Tele- Iramme wurden von Esterhazy auf Befehl DupathS ge- schrieben, um Picquart zu vernichten. Dupaty bandelte dabei im Namen des ganzen Generalstabs- 3. der Untersuchung», richter Vertulns, welcher die gerichtliche Verfolgung Esterhazy» und Dupaty bt Llams beantragt hatte, wurde von der An- klagekammer al» inkompetent erklärt, nachdem der Generalstab sowie der damalige Kriegsminister Lavaignac einen Druck ans die Anklagekammer ansübten, um Dnpaiy, den Vetter Lavaignac», zu retten- 4. als General Pellievx die Untersuchung t« Esterhazy Proceß leitete, erhielt Esterhazy täglich geheime schriftliche Mittheilungen über Aussagen von Zeugen und Rathschläge über die zu gebenden Antworten,- 5. erklärt Esterhazy: Mein Bericht an die letzte Untersuchungs-Lom- mtsfion begann mit den Worten: Ich bin der Mann de» Generalstabes, rührt «ich nicht an; 6. «eine Enthüllungen werden erst mit großer Bestimmtheit bei der Kammer- eröffnnng erfolgen, um eine MinisterkrifiS zu veranlassen. Vie große Bombe über meine Vaterschaft des Bordereau» wird erst dann platzen, wenn Drehfus zurückgekehrt und zu« zweiten Male verurtheilt ist.
Pari», 3. Oktober. Der Redoctrur des „fctmpi", Pressens, wollte am Sonntag eine Berfammlung zu Gunsten der Revifiou des DreyfnsProcesses veranstalten. Da fich aber Därouläde hineinzumischen drohte, lehnte der Brfitzer de» Saales in letzter Stunde ab, den Saal herzu- geben. Dies war die Beranlaffung zu vielen Unruhen in Paris. Zahlreiche Polizeibeamte hielten die Zugänge zu dem Wagram-Saale besetzt, in welchem die von Pressens^ ein* berufene Versammlung tagen sollte. Prtssenss, welcher den Saal betreten wollte, wurde gegen 1 Uhr verhaftet und zur Polizei gebracht, vor de« Saale hatte fich eine ziemlich zahlreiche Menge angtfammelt, an» deren Mitte vereinzelte Rufe: ,(i» lebe Zola! Es lebe bie Revision!" ertönten. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. Unter den verhafteten befinden fich auch der Director de» Blatte» „L'Aurore", Vaughan, sowie der Redacteur de» ,Le«p»", Morhardt, welche festgenommen wurden, als fie den Saal betreten wollten. — Zwischen den Polizeibeamten und einer Anzahl Personen, welche »te Absperrung der Polizei zu durchbrechen versuchten, kam es zu einem Handgemenge. Mehrere Personen wurden auch hierbei verhaftet, darunter der Deputate Paulin Märy. Wiederholte Rufe: „Revifiou! Nieder mit den Inden!" wurden laut. In diesem Augenblicke erschien Düroulöde an der Spitze zahlreicher Freunde, welche, da fie das Gitter vor dem Wagram-Saale geschlossen sahen, unter Hochrufen auf die Armee nach der »Place des TerueS" zogen. Gegen 2 Uhr wurden die Theilnehmer der Kundgebung und die Neugierigen, die fich eingefunden hatten, von der Polizei zurückgedrängt. Ueber weitere Unruhen berichtet das „B. T " Bon 3 Uhr ab beginnt die auf etwa 2000 Köpfe berechnete Weng« tu der Avenue Wagram fich zu zerstreuen, einzelne Trupps von ca. 400 Manifestanten durchziehen die Stabt. Au allen Ecken und Enden kommt e» zu Prügeleien, in den Lhamps ElyleeS werden 200 Menschen durch eine Reserve- compaguie Municipalgarde zerstreut. Auf de« Boulevard Haußmann wird eine andere Bande zerstreut, welche .viye le roi !* ruft. Auf der Place. Blanche und auf de« Mont-


