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5.8.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 181 Erstes Blatt.Freitag den 5 August

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Gießener Anzeiger

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mit der Zuversicht, daß bas Reich in den blsten Händen ist, daß im Sinn seine» alten Mitbegründer« wettergedant werden wird, daß in absehbarer Zeit nicht daran gedacht -u werden braucht, die Fugen könnten sich einmal lockern und würden widerstandSlot den Stürmen, die schließlich doch nicht ou»» bleiben werden, pretsgegebeu sein. Mit Gut und Blut da» Reich vertbeidigen da» entspricht sicher den Absichten unsere» unvergeßlichen Bi-marck. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin,3. Augnst. Der Kaiser hörte heute vormittag 11 Uhr die Bortrage de» Krieg-Minister», Generallieutenant v. Goßler und de» Chef» de» MilitSr-Cabtnet» v. Hahnke. Um 12 Uhr gedachte der Kaiser den Reichskanzler Fürst Hohenlohe und daraus den Staat-secretär v. Podbtelskt zum vortrage zu empfangen. Die beiden letzteren Herren wurden zur FrühstückStafel besohlen. Um 2 Uhr 15 Minuten ge« dachte der Kaiser sich nach Berlin zu begeben, um in der Kunst-Ausstellung die Prell'schen für den Palazzo Caffarelli in Rom bestimmten Bilder anznsehen.

Berlin, 3. August. DenBeri. Reuest. Nacht." zufolge ist der tmReichsanzeiget" erschienene Nachruf für den Fürsten BiSwarck vom Director de» Staatsarchiv», Geheimrath Dr. Cosel, Nachfolger und Schüler ShbelS, ver­faßt. Den Auftrag hat ihm Fürst Hohenlohe ertheilt.

Berlin, 3. August. Einzelheiten von der Nord- laudreise des Kaiser». Als dieHohenzollern" am vorigen Dienstag in Mo anlangte, erhielt der Kaiser deutsche Zeitungen, woran» er ersah, daß ungünstige Berichte über den Gesundheitszustand des Altreichskanzlers umgingen. Er sandte sofort ein Telegramm nach FriedrichSruh ab, worin er seiner Besorgniß über daS Bksinden des greisen Herrn Ausdruck gab. TagS darauf traf eine von Bi-marck selbst verfaßte Depesche an Bord derHohenzollern" ein, worin der Fürst mittheilte, daß er sich wohler denn je befiode. Für den vorigen Sonntag Nachmittag hatte der Kaiser versprochen, daß die Matrosen-Mufikcapelle derHohenzollern" auf der Jnbnftrie-Ausstellung in Bergen spielen solle. Infolgedessen war die Abfahrt der Yacht auf 9 Uhr Abend- festgestzt. Jedoch schon Sonntag Morgen um 8 Uhr erhielt der Kaiser die Nachricht von dem Dahinschctden de» Fürsten Bi-marck. Bei der darauf folgenden Andacht erschien Kaiser Wilhelm und mit ihm die Herren seine» Gefolges mit dtm Zeichen der Trauer, dem Flor um deu Arm. Dann verkündete der Monarch der Mannschaft in einer kurzen Ansprache, in der er die Verdienste de» großen Staatsmannes Heroorhob, den Tod de» Fürsten, und al-bald sank die kaiserliche Standarte auf Halbmast. Die Kapelle spielte während dessen einen Tranermarsch. Der Besnch der Industrie-Ausstellung in Bergen unterblieb natürlich und e» wurden sofort alle Anstalten ge­troffen, um nach Kiel zurückzukehren. Die Fahrt derHohen» zollern" von Bergen nach Kiel wurde in der erstaunlich kurzen Zeit von 31 Stunden znrückgrlegt. Die begleitenden Torpedoboote konnten bet der Schnelligkeit der Fahrt nicht Nachfolgen und trafen erst Dienstag früh in Kiel ein. Aller- dtngS kam derHohenzollern" zu Statten, daß die See de» großen Belt» und um Skagen herum ziemlich still und die Wasserströmung sehr günstig war. DieHohenzollern" legte tu der Stunde durchschnittlich 22 Seemeilen zurück. Weniger angenehm scheint die Fahrt für die Theilnehmer der Reise in jener Nacht gewesen zu sein, al» dieHohenzollern" in da» nördliche Et»meer einlief. ES erhob sich ein heftiger Sturm und war der Yacht nicht möglich, Anker zu werfen. So blieb nichis übrig, al» dieHohenzollern" mit den Wellen treiben zu lassen, umsomehr, als auch da» Steuer nicht ge­horchte. Diese unbehagliche Fahrt dauerte von 9 Uhr Abend» bis zum folgenden vormittag 11 Uhr. Allerdings nahm man an Bord baß wunderbare Schauspiel der Mitternachtssonne wahr. Auf die Jagd ist der Kaiser diesmal nicht gegangen, dagegen wurde ein neuer Ausflugsort entdeckt, ein wunder­volles Thal zwischen Stahlheim und Gutwanger. Auf dieser Fahrt bedievtr man sich nach norwegischer Sitte der KarriolS, zweirädertger Wagen. Der Kaiser selbst hat sich ein der­artiges Gefährt in Deutschland bauen lassen, da- an Bord derHohenzollern" mitgeführt wird.

Berlin, 3. August. Zur Förderung be» Fernsprech- verkehr» auf dem flachen Lande hat die Oberpostdirectiou Liegnitz folgende Bekanntmachung erlassen:Utn ben Be­wohnern beß flachen Lanbe» unb bet kleineren Städte mehr alß bisher ben vortheil einer Fernsprechverbinbung mit ben für ihre wirtschaftlichen Beziehungen wichtigen Hauptorten zu verschaffen, sind die Telegraphenleitungen zu Fern^prech-

betrieb in erweitertem Umfange für brn unmittelbaren Sprech­verkehr des Publikums freigegebeu worden. Insbesondere ist die Einrichtung getroffen worden, daß, soweit die Telegraphen- leitungen zu Fernsprechbetrieb in Orten mit Stadt-Fern- sprecheinrichtung münden, der unmittelbare Sprechverkehr mit den Theilnehmern dieser Stadt-Ferusprecheinrichtungen und in geeigneten Fällen auch über die vorhandenen Verbindung»- Leitungen mit anderen Stadt Fernsprecheinrichtungen statt- finden kann. Zu diesem Zweck ist den in Betracht kommenden Telegraphenbetriebsstellen die Eigenschaft öffentlicher Fern- sprechstellen beigelegt worden. Bei diesen öffentlichen Fern­sprechstellen werden die von außerhalb zum Gespräch verlangten Personen, soweit dieselben im Orte selbst oder in der nächsten Umgebung wohnen, von den Telegraphenanstalten durch Boten herbeioernsen."

Berlin, 4. August. DieVerleihungdesSchwarzen Adler-Ordens. DerReichsanzeiger" schreibt: Gelegent- lich der Verleihung des Schwarzen Adler Ordens an den Kaiser von China ist in der Presse die Auffassung vertreten worden, daß durch diese wie durch frühere Verleihungen an den Sultan Abdul Medschid und den jetzigen Sultan die Grundbestimmung, wonach dieGemeinschaft der Christlichen Kirche" alsGrund dieses Unseres Ordens" zu betrachten ist, außer Kraft gesetzt sei. Dies ist irrthümlich. Die Statuten des Ordens find nur anwendbar auf die Verleihung an die inländischen, zur Investitur zugelassenen Ritter, welche sodann dem Kapitel des Ordens angehören und dasselbe bilden. Fremde Souveräne, wie überhaupt Ausländer werden nicht inveftirt, gehören niemals dem Kapitel an, und diese Ver­leihungen unterliegen daher nicht den Bestimmungen der Statuten, deren Verpflichtungen in solchen Fällen ebenso wenig ausgeübt, wie die Rechte der inoestirten Ordensritter auch nicht übernommen werden können. Eine Außerkraft­setzung der Grundbestimmung des Ordens ist dadurch nicht * herbeigeführt worden.

Berlin, 4. August. Zu dem Entlassungsgesuch des Fürsten Bismarck schreibt dieTägl. Rundschau": Das Entlaffungsgesuch des Altreichskanzlers ist zweifellos das bedeutendste historische Document der deutschen Geschichte seit dem Frankfurter Frieden. Mit Befriedigung verzeichnen wir, daß man allseitig davon abgestanden, dieses Document in diesem Augenblick zum Gegenstand der Erörterung zu machen. Infolge dessen fühlen wir uns aber auch verpflichtet, hervor» ju' eben, daß die deutsche Presse der soeben erfolgten offiziösen Belehrung, wie man dieses Document zu behandeln habe, in keiner Weise bedarf. Das Document wird die Beachtung finden, die ihm zukommt, und die Behandlung, die fich aus der einmüthigen Trauer um den Heimgegangenen Altreichs­kanzler ergiebt, das heißt: nicht, indem man alte Wunden aufs Neue bluten läßt, sondern aus trüben Stunden, die nun der Geschichte angehören, Kraft und Hinweise sucht zur energischen, dem Gemeindewohl gewidmeten Bethätigung aller nationalen Kräfte.

Berlin, 4. August. Eine Reorganisation des Bahn- hofsbuchhandels soll derPoft" zufolge auch in Sachsen bevorstehen. Alle Bücher und Zeitschriften, welche die Bahn- Hofsbuchhändler verkaufen, sollen in Zukunft amtlich eingesehen werden. Ferner haben die Händler Verzeichnisse der von ihnen feilgehaltenen Tageszeitungen, Witzblätter und Bücher deutlich sichtbar an ihren Ständen anzubringen. Schundliteratur, sozialdemokratische Zeitungen und gewisse Postkarten sollen vom Verkauf ausgeschlossen werden. Eine Durchsicht der ausliegenden Schriften soll fast täglich erfolgen.

Berlin, 4. August. Politische Räubergeschichten. Sehr lehrreich für die Art und Weise, wie manchmal aus Räubergeschichten politische Zwischenfälle entstehen können, ist folgender Vorfall, der des komischen Beigeschmacks nicht ent- behrt. Im Mai wurde in Amerika mit Entrüstung, in Spanien mit größter Freude die Nachricht verbreitet, daß das deutsche KriegsschiffIrene" die amerikanische Flagge be­leidigt und herausgefordert habe. Bei ihrem Einlaufen in den Hafen von Manila sei nämlich dieIrene" von dem dort liegenden amerikanischen Admiralsschiffe vorschriftsmäßig begrüßt worden, habe es aber für angezeigt gehalten, auf diese Höflichkeit dadurch zu antworten, daß sie von ihrer Schiffs» capelle die spanische Hymne spielen ließ. So berichtete das Manilaer BlattCommercio", und auf dieser Quelle fußend entrüsteten sich die Amerikaner, während die Spanier von einer deutsch-spanischen Verbrüderung sprachen. Nun stellt sich der wirkliche Hergang in folgender Weise heraus: Als dieIrene" mit einem spanischen Loolsen an Bord in den Hafen einlief und von den Amerikanern gegrüßt wurde, ant­wortete sie mit dem entsprechenden Salut und ließ die amerr-

Der Dank des Kaisers.

Mehr unb mehr greift bie Ueberzeugung Platz, baß ble deutsche Nation mit bem Heimgange beß Fürsten Bi-marck einen unersetzlichen Verlust erlitten hat. Nun ruht er au» in bet stillen Kammer be» Frtebrich»ruher Schlosse- von allen Mühen unb Sorgen, von allen Erfolgen unb Enttäuschungen. Möge ihm bie Erbe leicht werben 1 Wir aber, bie bet große Kanzler zurückgelaffen hat, müssen nn- in ben schmerzlichen Gedanken hineinleben, ohne ben gewaltigen Recken daznstehen, der mit eiserner Faust ba» Gebtlbe beß neuen beutschen Reiches schmiedete.

viele Worte des Danke» find in diesen Tagen gen Friebrich-ruh gesanbt worben, unb wenn bie Verhältnisse e» gestattet hätten, eine wahre Bölkerwanberuvg würbe statt» gefunben haben, um bem Tobten bie Dankbarkeit unb Be­wunderung zu beweisen, welche ganz Deutschland ihm ent» -egenbrtngt. Eine große Genugthuung muß deshalb ge- währen, bah der Kaiser e- unternommen hat, ben Dank unb die Bewunderung der deutschen Nation am Sarge des Fürsten Bl»marck nieberzulegen unb habet zugleich bet tiefen Trauer Ausdruck zu geben, baß unß Gott btesen Mann genommen hat, an dessen Namen fich die glorreichste Periode der Ge­schichte Deutschland- knüpft. Alle echt deutschen Herzen haben den Kaiser auf seiner Fahrt nach Frtebrich»ruh begleitet, in Gedanken sind wir mit ihm an die Bahre getreten, um den Manen de» größten Deutschen diese» Jahrhundert- zu huldigen.

Ganz au» der Seele gesprochen aber ist unß der kaiser­liche Erlaß, der unter dem frischen Eindruck der im Friedrich-- roher Schlosse stattgehabten Trauerfeier an den Reich»- fandet gerichtet ist. Wir bewundern an unserem Kaiser seine impulsive Natur und freuen uns, daß der Monarch auch in diesem Falle ben richtigen, zum Herzen sprechenben Ton ge- funben hat, al- er e» für gut fanb, nicht nur im stillen Gebet an der Bahre be- großen Deutschen zu weilen, sonbern auch öffentlich, vor aller Welt, zum Au-druck zu bringen, wa» sein Herz bewegt bet bem Verlust be» bewährten Rath- gebet» seiner Vorfahren.

Wir haben ben War laut be» kaiserlichen Erlasse-, bet in pietätvoller Weise an» Friebrich-ruh datirt ist, bereit» vrröffentlicht und find gewiß, daß er aller Orten Zustimmung unb lebhaften Widerhall gefunden hat. Der Kaiser spricht darin in UebereinfHmmung mit seinen hohen Verbündeten unb dem ganzen deutschen Volke nochmal» seine tiefe Trauer au» und gedenkt sodann de» herrlichen Wirken» be» Fürsten Bismarck während seiner ganzen staat-männtscheu Laufbahn. Unb der Monarch thut wohl daran, öffentlich die Verdienste de» verstorbenen zu würdigen, die fich derselbe in-besondere um da» Hau» Hohenzollern erworben hat. In einer gefähr» lieben Confltctszeit in» Amt berufen, hatte er durch sein unvergleichliche» Wirken e» dahin gebracht, daß die Spannung, Weiche -wischen Krone und Bolktvertretung bestand, mehr und mehr wich.

Der kaiserliche Erlaß ist aber insofern besonder» be» m:rken»we,th, al» er die Versicherung enthält, daß da» Werk, Welche» Fürst BiSmarck geschaffen, nicht verloren gehen, daß unentwegt daran weitergearbeitet werben soll. Mit einem gewissen Bangen hat wohl mancher echte beutsche Mann bet Zukunft entgegengesehen, wenn Derjenige, weichet bat Reich gegrünbet unb gefügt hat, nicht mehr unter ben Lebenben fein würbe. Diesen gibt bet Kaiser in seinem Erlasse bie beruhigenbe Versicherung, baß Da», wat bet große Kanzler geschaffen hat, erhalten unb außgebaut werden wirb. Der Monarch kleidet diese Zuficherung in die Form eine« feier» lieben Gelübdes, welche» er im Namen der Nation ablegt unb Welche» er burch bie Zusage bekräftigt, ba» Geschaffene, Wenn es Noth thue, mit Gut unb Blut zu verrheibigen. Da» Werk ist freilich festgefügt, bet Baumeister hat einen seifigen ©oben außgewähit unb bte Steine sorgfältig auf einander gereiht- auch bet Kitt war gut, ben er zum Bau benutzte. Deßhalb dürfen wir wohl hoffen, daß da» Reich selbst heftigen Stürmen trotzen unb fie überdauern wird. Aber darum ist e» doch gut, wenn Schäden sofort w über au-gebeffert werden, Wenn man fich nicht der Sorglofigkeit hingiebt, fall» ein Steinchen abbröckelt. An jedem Bau, mag er vom vollendetsten Meister hergestellt sein, zeigen sich Mängel und im Laufe der Zrit Schäden, und ein sorgsamer Bauherr sucht nicht nut dieselben auszubessern, sondern auch ihnen vorzubeugen. Unb Fürst Bi-marck legte gerade auf die letztere Thätigkcit ein ganz besondere» Gewicht, und er hatte eine Virtuosität darin erlangt, alle Fahrnisse von seinem Werke, bem Deutschen Rkiche, frrnzuhalten. Da» Gelübde be» Kaiser» erfüllt un»