Nr, <54 Zweites Blatt. Dienstag dm 5. Juli
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Amtlicher Theil.
Gießen, den 1. Juli 1898. vetr.: Die Herrichtung der Schulloealitäteu während der Ernteferien.
Das Großherzogliche Kreisaml Gießen
em die Grotzh. Bürgermeistereien deS ZkreiseS.
Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß wir die pünktliche Erfüllung der Vorschriften in rubr. Betreff von Ihnen erwarten. Der Anstrich der Wände in den Schulräumen muß mindestens alle zwei Jahre erneuert werden. (AuS- schreiben Großh. Ministeriums des Jauern und der Justiz, Abthetlung für Schulangelegenheiten, vom 29. Juli 1876.) v. Gagern.
Gießen, den 2. Juli 1898. Betr.: D e Vertilgung der Maikäfer.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
<m die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreises.
Nach unserem Ausschreiben vom 12. April d. I. wollen Sie umgehend berichten, wie viel Mengen Maikäfer — Menge in Litern anzugeben — in diesem Jahre in Ihrer Gemeinde ungefähr vertilgt worden find, und wie hoch fich die für die Vertilgung verausgabten Kosten belaufen.
v. Gagern.
Deutscher Reich.
Berlin, 2. Juli. Der Kaiser hörte heute in Travemünde au Bord der Yacht „Hohenzollern" von 71/, Uhr Morgens ab den Vortrag des Chefs deS CivilcabinetS v. LucanuS und von 2 Uhr Nachmittags an denjenigen des Vertreters des Chefs des Mtlitär-CabinetS Generalmajor v. Dtllaume.
Berlin, 2. Juli. Die Verhandlungen zwischen Belgien, Deutschland, Holland und England wegen eines Separat- Abkommens in der Zuckerfrage beginnen, wie daS „Berl. Tageblatt" meldet, noch im Laufe dieses Monats. Wie verlautet, werden die genannten Staaten besondere Zollmaßregeln gegen die französische und russische Zucker-Einfuhr beschließen.
Berlin, 3. Juli. Der „Vorwärts" thut so, als ob ihm der Erlaß des Herrn von PodbielSki ganz willkommen sei:
Die Angestellien des Staates werden e» trotz aller Erlaffe nicht verstehen können, warum sie eine Partei, die für Ver- befferung ihrer Lage stets eingetreten ist, Haffen sollen. Die Angestellten deS Staates werden eS nicht verstehen, daß man von ihnen verlangt, fich ihrer politischen Meinungsfreiheit und ihres Wahlrechts zu entäußern, als hätten fie mit ihrer Arbeitskraft auch ihre Ueberzeugung verkauft. Die mannig- faltigen und eifrigen Bemühungen der Regierung gegen die Durchtränkung des BeamtenthuwS mit soctaldemokratischen Anschauungen machen gerade auch die bisher gleichgiltigen Elemente auf die Socialdemokratie und ihre Bestrebungen aufmerksam. Wißbegierde und RechtSfinn der Reichs- und StaatSaugestellten führen dann dahin, daß die Socialdemo- kratie immer tiefer in ihnen Wurzeln schlägt. Also man fahre nur fort mit diesen Bekämpfungsmethoden.
Kiel, 2. Juli. Die Lusthacht „Bertha" ist vor der Flensburger Föhrde gesunken und verloren gegangen. Ein Mann der Besatzung kam in den Wellen um.
FleuSburg, 2.Juli. Bei Rabka wurde eine Militär- Patrouille von Bauern überfallen. Die Soldaten mußten von ihrer Schußwaffe Gebrauch machen, worauf die Bauern flüchteten.
Arr-Unsd»
Wien, 2. Juli. Nach Meldnngen polnischer Blätter zieht die Regierung ernstlich die sofortige Aufhebung der Sprachen-Derordnuugen in Erwägung. Der Entwurf eines SprachengefetzeS wird dem ReichSrathe sofort nach dessen Zusammentritt zugehen.
Loudon, 2. Juli. General Sh a ft er hat nach fünf- stündigem heftigen Kampfe die Vorstadt Cabano, östlich von Santiago eingenommen. Die Spanier zogen fich zurück. Von CerveraS Flotte wurden nur wenige Kanonen gelandet. Ihr Feuer war unbedeutend. ShafterS Hauptmacht steht eine deutsche Meile von der Stadt.
Loudon, 2. Juli. Der Kreuzer „St. Paul" ist in New-York augekomwen und berichtet, daß er bei Portorico den spanischen Torpedo „Terror" in Grnnd geschossen habe.
Loudon, 3. Juli. Nach einem Telegramm der „Times" auS Sidney hat der britische Kreuzer „Mohawk" die Santa Cruz- und die Dun-Inselgruppe östlich der Salomour-Jnseln anneetirt. Die Inselgruppe hat einen Flächeninhalt von 938 Geviert-Kilometer und ist durch die Charlottenstraße von den SalomonSinselu getrennt. Die Haupterzeugniffe find: Getreide, Kokospalmen, Bataten, Brodfrüchte und PisangS.
Die Bewohnerschaft besteht auS etwa 5000 PzpuaS. Wahrscheinlich beabsichtigt England auf den Inseln eine Kohlenstatton einzurichten, und daS bedeutet abermals eine Verstärkung des englischen UebergewichteS zur See in derch.Ge- wässern zwischen Samoa und Neu-Guinea. — In Peking ist gestern das Abkommen mit England bezüglich Wei-Hat- Wei unterzeichnet worden. China „verpachtet" den Hafen an Großbritannien für die gleiche Zett tote Port Arthur an Rußland mit allen Inseln und Gewässern und einem zehn Meilen breiten Uferstretfen rtngö um die Bucht. In dem verpachteten Gebiete hat Großbritannien daS Recht der Rechtsprechung, China behält aber in der Stadt Wei-Hat-Wei eine eigene Gerichtsbarkeit und das Recht, die Bucht für chinesische Schiffe zu benutzen. China räumt ferner Großbritannien daS Recht ein, alle etwa nothwendig werdenden BefestigungS- werke an der nahen Küste des Schantung-DorgebirgeS btS zum 121. Grad 40 Minuten östlicher Länge zu errichten.
Amsterdam, 3. Juli. Die Erste Kammer nahm mit 32 gegen 13 Stimmen den Gesetzentwurf betr. die persönliche Militärdienstpflicht an.
CocaUs und ^provinzielle».
+ Aus Oberheffen, 3. Juli. Mit dem 1. Juli find zwölf in unserer Provinz an elf Gerichtsschreibereien der Amtsgerichte beschäftigte Gerichtsschreiber-Aspirauten durch Verfügung Großh. Ministeriums zu etatSmäßigen Ge- richtSschreiber-Gehilfen bestellt und dadurch aus ihrem seitherigen Privatdienstverhältniß in den staatlichen GerichtSdienst übernommen worden.
0 WormS, 3. Juli. Hier findet am SawStag den 16. Juli die diesmalige Wander-Versammlung deS Mittelrheinischen Architecten- und Ingenieur- Vereins statt. Dem Verein gehören Fachgenoffen aus Gießen, Darmstadt, Mainz, Bingen, WormS und Wiesbaden an. In der Hauptversammlung am Vormittag im Festhause wird Herr Baurath Koch über die Entwürfe zur Vollendung deS Panama-Canals sprechen. Der Genannte gehörte der neulich zur Prüfung der Sache zusammenberufenen internationalen Commission an. An Besichttgungen find solche der Straßenbrücke, der Etsenbahnbrücke und des Domes in Aussicht genommen. WormS bietet augenblicklich durch die zwei großen im Gange befindlichen Brückenbauten sehr viel für den Techniker- es vergeht auch fast keine Woche, ohne daß Befichtiger von Auswärts eintreffrn.
Feuilleton.
Melchior Lechter.
Von Georg Fuchs.
(3. Fortsetzung.)
Wenn wir heute bei vielen Künstlern, deren hervorragende Begabung nicht anzuzweifeln ist, diese doppelte Wirkung des modernen und malerischen PrincipS nicht oder nur ganz unregelmäßig wahrnehmen, so muß dies dem Mangel an stilistischem Gefühl und Geschmacke zugeschrieben werden. Um so aufmerksamer wüffen wir die Künstler ver- folgen, welche wie Böcklin, Klinger, Kalckreuth, Stuck und zahlreiche Landschafter die stilistische Tendenz deutlich erkennen laffen. Lechter versügt mit ganz seltener Freiheit über die Ausdrucksmittel dieses Stiles. Bald eint er fie zu müder Melancholie („Tristis"), bald zu schwerer, übermenschlicher Pathetik (Schatteulaod"), daun wiederum zu idyllischer Wehmuth und halkyonischer Milde („Muse am Meer"), zu kindlicher Anmuth („Blaue Blume"), zu feierlicher Pracht („Garten der Ehe"), zu schwülem Traum und ertränkender, düfteschwerer Wonne („Traumblüthen"), endlich zu heiliger Verzückung im wandelnden „Orpheus", der die Saiten greifend durch die Blumen geht vor starren Wäldern, hinter welchen der Schimmer auS den tiefen Thälern emporraucht zu dem lobfingeuden frommen Sänger auf einsamer heiliger Höhe.
Fast immer stellt er nur einen Menschen dar, dessen Seele fich in der umgebenden Natur spiegelt, wie es auch Böcklin gewaltig gezeigt hat in seiner „Billa am Meere". Allein Lechter ging auch hierin weiter. Die Stimmungen feiner Menschen und Landschaften find weicher, müder, fremdartiger. Er liebt sogar das Kranke, dem so viel Schönheit innewohnen kann.
Seine Glaßgemälde üben auch auf Den, welcher fie nur obenhin betrachtet, eine feierlich-religiöse Wirkung au»; dem einen ist eS, als ob er Mufik auS dem „Parfifal" vernähme, dem anderen, als ob er einer Messe anwohne und ihn schweifender Weihrauch und strenge, brausende Gesänge umfingen, der dritte nennt fie einfach: mystisch. Unter Mystik faßt die vulgäre Mode-Aesthetik all daS zusammen, waS ihr, als über den gewöhnlichsten Verstand htnausgehend, irgendwie „okkult" erscheint. Zumeist läuft unter dieser Bezeichnung die nur schwer ernst zu nehmende Production gewisser Litteraten, Musiker und Maler, die daS, was ihnen an Gestaltungskraft und formaler Befähigung abgeht, durch seltsame Stoffe und mysteriöses Gebühren ersetzen zu können glauben. Eine erstaunlich weit verzweigte „Charlatankuust" ist hierdurch entstanden, ja, in mancher Hinsicht, z. B. in der Mufik der Pseudo-Wagnerianer, olleinherrschend geworden. — Andererseits rechnet man aber auch da», was man nur deßhalb nicht versteht, weil es die gemeinhin angebetete Mittelmäßigkeit so ungeheuer hoch überragt, weil e», seiner Zeit vorauSgeeilt, vielleicht erst nach hundert Jahren der Masse der Gebildeten annähernd begreiflich werden kann, zur „Mystik". Noch heute versetzt der Biedermann den zweiten Theil von Goethes „Faust", Wagners spätere Dramen und BöcklinS Schöpfungen gerne in diese Dunkelkammer seiner geistigen Behausung, ganz selbstverständlich aber daS ganze zeitgenössische Schaffen, daS auf rein ästhetische Wirkung auSgeht, auf begrifflich bequem darstellbare „Inhalte", auf jede Art „Anekdote" verzichtend.
So wollen wir eS demnach nicht aufgefaßt wtffen, wenn wir gestehen, daß LechterS Werke in der That zu mystischen Empfindungen hinleiten. Nicht dadurch, daß fie unS „dunkel" wären, vielmehr durch ihre religiöse Herkunft. Lechter, der schlichte, fromme, redliche Sohn seines Gaue», nahm, wie wir sahen, die überlieferten Formen seiner hetmathlichen Kunst auf. Die überlieferten Formen, in denen Jahr- *
Hunderte lang christliches Blut kreiste, deutete er um, so daß fie daS Element seines Lebens in fich aufnehmeu konnten, seinen Glauben, den neuen religiösen Geist: ,1a saintätS du culte de la vie“. Diese Thatsache bestimmt vn» von „Mystik" zu reden — und der Künstler spricht selbst mit diesem Worte davon, wie wir auf seinem Cataloge lasen — weil der Sprachgebrauch nun einmal daS Wort „Religion" nur noch für die in den verschiedenen kirchlichen Dogmen erstarrten Religionsformen gelten laffen will.
Ebenso sehr als in seinen Bildern, waltet dieser „mystische" Zug in den Werken, welche er auf dem Gebiete der angewandten Kunst hervorgebracht hat. Nach dem, waS wir zuvor über das Wiedererstehen dieser Kunstgattung er- wähnt haben, kann das auch nicht Wunder nehmen. Die Glasmalerei, welche bis zur allerjüngsten Zeit nur selten zu anderem Zwecke als zum Schmucke religiöser Räume aus- geübt wurde, zwang ihn geradezu zur Entfaltung feiner neudeutenden Begabung.
Die Glasmalerei ist langst nicht mehr allein dem Schmucke der Kirchen oder öffentlichen Hallen Vorbehalten. Allein fie wird auch im Profanbau nur dann in Anwendung gebracht, wenn einem Raume ein feierlicher Character verliehen werden soll. Für die allerprofansten Zwecke wählt man fie nicht, eher noch Kunstverglasungen mit amerikanischem opalifirrndem Materiale. Stet» aber hat die Verwendung farbiger Fenster die Voraussetzung, daß einem Raume zwar Licht zugesührt werden, daß aber der Blick nicht in die äußere Umgebung dringen soll, entweder weil diese häßlich ist oder weil dem Raume eine besondere Bedeutung beigelegt wird, der Blick beruhigt und zurückgedrängt, der Geist gesammelt werden will.
(Schluß folgt.)


