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5.7.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 154 Erste« Blatt. Dienstag den 5. Juli

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Erscheint tägNch mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Asamikienvtätter werden dem Anzeiger wibchentlich viermal beigelegt.

Meßmer Anzeiger

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Amtlicher Thesl.

Bekanntmachung,

betr.: die Sonntagsruhe im HaadelSgewerbe.

Auf Grund de» § 105, b Absatz 2 der Gewerbe-Ord­nung und de» § 2 der Verordnung Großh. Ministeriums vom 2. October 1895 wird anläßlich der dahier stattfinden« den BerbandSauSstellung der Heerdbuchgescllschaften für die Zucht deS Vogelsberger BiehS am

Sonntag, den 17. Juli l. Js.

Die Verkaufszeit für das Handelsgewerbe auf die Stunden von 11 Uhr Vormittags bis 6 Uhr Nachmittags ausgedehnt.

Gießen, den 4. Juli 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Krisengerüchte.

ES giebt Menschen, denen ein ruhiger, durch keine Zwischenfälle getrübter Fortgang im StaatSleben etwa» Un­dankbares ist, zu deren LebenSbedürfniß dieKrisen" gehören. Eine schöne Zett war für diese Schwarzseher dar vorige Jahr, wo die Kanzlerkeisengerüchte auf der Tagesordnung standen, und tu den leitenden Stellen im Reiche die Veränderungen vorbereitet wurden. Nach ihrer Meinung konnte es gar nicht ander» sein: Reichskanzler Fürst Hohenlohe wußte zu­rücktreten. Hatte er sich doch dem Reichstage gegenüber in der BerrinSrrchtS-Angrlezcnhenhrit und bezüglich drr Militä^- strafproceßresorm verpflichtet, ohne daß er in der Lage war, feinem Versprechen naLzukommcn. Aber die letztere Reform ist im Einverständniß mit der Mehrheit deS Reichstage- er« ledigt worden, und auch in der Frage de» Verein»' und Ver- sawmlungSrrchtS dürfte bei Beginn der nächsten Parlament»- feffion eine, beide Theile befriedigende Entscheidung getroffen werden.

Somit fallen alle weiteren Gründe fort, welche etwa den Fürsten Hohenlohe veranlaffeu könnten, von seinem verant­wortungsvollen Amte zurückzutretrn. Aber damit ist ja Den­jenigen nicht gedient, welche wir oben zu Beginn characteri- firt haben. Es müssen nur Gründe anS Tageslicht gezogen werden, die etwa einen Wechsel in der Leitung der Reichs« geschäfte herbetführeu könnten. Und stehe da, das rheinische SentrumSorgan hat die Antwort auf diese Frage schon in Bereitschaft.

WaS geht vor?" Mit diesen Worten hat dieKöln. BolkSztg." in der letzten Zett bereits mehrere Artikel ringe-

leitet und dadurch Erörterungen in der Presse hervorgerufen, die von einer Krise im Schooße deS preußischen Staats- Ministerium» sprachen, welche gegen den Reichskanzler und gegen den StaatSstcretär v. Bülow gerichtet sein sollte. Aber man konnte dem Blatte unschwer die Hal lofigkeit seiner Bermuthungen Nachweisen. Bei unseren Verhältnissen kann von einer Consptratton innerhalb deS StaatSmtntsteriumS gegen die Spitze desselben niemals die Rede sein. Und waS den Staattsecretär v. Bülow betrifft, so ist doch allgemein bekannt, daß er die auswärtigen Angelegenheiten de» deut­schen Reichs in einer Weise leitete, daß tarn selbst seine poli­tischen Gegner die Anerkennung nicht versagen können. Aber viele Leute mag das ganz besondere Vertrauen, welche» der Kaiser dem jetzigen StaatSsecretär des Aeußern entgegen« bringt, nicht schlafen laffen. Deshalb wird das durch die letzten Reichstagswahlen hervorgetretene Anwachsen der Social« demokratie dem Herrn v. Bülow und dem Reichskanzler in die Schuhe geschoben.

Man combintert, der bekannte Erlaß des StaatSsecretärs von PodbielSkt an die Postbeamten sei eineBombe" gegen den Kanzler, welcher dem Treiben der Soctaldewokratie allzu gelassen zusehe, vergißt aber ganz, daß der StaatSsecretär de» Reichspostamts unter der Verantwortlichkeit des Reichs­kanzlers die Geschäfte führt, daß der letztere also auch für jenen Erlaß die Verantwortlichkeit trägt und etwaige Verdienste um die Unterdrückung der Soctaldewokratie für fich in An­spruch nehmen kann. Vollständig unerfindlich ist aber, WaS der StaatSsecretär deS Aeußern mit dem Anwachsen der Socialdemokratie zu schaffen haben soll.

Aus alledem geht hervor, daß eS mit den Krtsegerüchten wieder einmal nichts ist, umsoweniger als noch vor kurzer Zett zum Ausdruck gebracht wurde, daß Fürst Hohenlohe noch recht arbeit-lustig sei und keineswegs jetzt schon daran denke, fein Amt niederzulegen. WaS für einen Zweck hat es überhaupt, die Orffentlichkeit durch die Wiedergabe von Gerüchten zu beunruhigen, die durch nicht» erwiesen werden können! Deshalb sollten sie lieber unterbleiben, (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Juli. Auf Einladung de» Reichs-Eisenbahn« amtes hat am 29. Juni in Stuttgart unter Leitung des Geheimen Oberbaurathe» v. Mtsant als Vertreter der Reichs- behörde eine Berathung von Commiffaren der meist betheiligten Bundesstaaten Über die Weiter-Entwicklung der Grundsätze für die Bemessung der Dtenstdauer und der Ruhezeit der Eisenbahn-BetriebSbeamten stattgefunden. DemReichs- Anzeiger" zufolge haben die Verhandlungen zu einer Ver­ständigung über alle wesentlichen Punkte geführt, sodaß auf

eine künftige einheitliche Regelung der für die Sicherheit des Eisenbahn Betriebe» wichtigen Fragen gerechnet werden kann. Die Durchführung der vorbereiteten Grundsätze wird für zahlreiche Beamte eine weitere Erleichterung de» Dienste» zur Folge haben.

Berlin, 2. Juli. Der bekannte Herrenreiter Lieutenant Freiherr v. Kapherr vom Husaren-Regiment Nr. 3 wurde heute vormittag auf dem Rathenower Bahnhofe mit seinem Pferde von einem Güterzuge überfahren und war sofort tobt.

Berlin, 3. Juli. DemBerliner Tageblatt" zufolge verlautet tu parlamentarischen Kreisen, daß mit Rücksicht auf die großen englischen HandelStnteressen in China die Er­richtung eine» besonderen commerzielleu Departements, welche» der Pekinger Gesandtschaft unterstellt sein soll, in AuSficht genommen ist. Die neue Abtheilung wird in Verbindung mit dem britischen Consulat in China und nur mit Leuten besetzt werden, die eine genove Kenntniß der Provtuzial- regieruug, sowie eine Kenntniß der gebräuchlichsten chinesischen Idiome haben. Mau verspricht fich hiervon einen großen Aufschwung der anglo-chtnefischen Beziehungen.

ArrsUnsd.

Budapest, 3. Juli. Der Finanzmintster berief für den 14. dl. Mts. eine Evqaetecommtsfion ein zur Berathung über die Modalität'n der Errichtung eine» selbstständigen ungarischen Zollgebietes.

Krakau, 2. Jnli. Auf Grund der Ausnahmegesetze fistirte die Polizei tämwtliche hier bestehenden Student en- und Arbeit er-Vereine. Ebenso wurden tu PrzemySl und Podgorze alle socialtstifchen Vereine aufgelöst. Die Aus­weisung mehrerer Sorialistensührer steht bevor. In der Um­gegend von Woiniez und Wochnia fanden neuerdtag» Plünder­ungen statt, weshalb viele Verhaftungen vorgenommen wurden.

Krakau, 3. Juli. Im Laufe de» gestrigen Tages fanden bei zwölf soctaltsttschen Führern Haussuchungen statt. ES wupden hauptsächlich Privatbriefe beschlagnahmt. Seit dem bekannten U berfall auf die Militärpatrouille find in dem hiesigen Bezirk keine Unruhen mehr vorgekommen. Trotz­dem beabsichtigt die Regierung, den Ausnahmezustand auch über die Stadt Lemberg auszudehnen, um die antisemitische Presse zum Schweigen zu bringen.

Madrid, 3. Juli. Die Bevölkerung ist sehr aufgeregt, weil bisher kein osficielle» Telegramm über die Schlacht bet Santiago eingctroffen ist. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Decret, wodurch 26000 Reservisten einberufeu werden.

Madrid, 3. Juli. Nach offictellen Meldungen hat der General Eichario, welcher am letzten SamStag au der Spitze einer starken Abtheilung Manzanillo verließ, feinen Be-

FerriUeton.

Der Sonntagsschüh.

(Schluß.)

Wenns so steht!" sagte die Netteldirn, fragte aber nicht weiter, was da geschehen. Mit einem Riß war das Bein­kleid entzweigetrennt; mit ihrem Busentuch verband sie die Wunde, nachdem sie ein blutüillendes Kraut darangelegt mit Sorgfalt und Geschick, lief dann zum nahen Wachholderstrauch, kam mit Beeren zurück, die sie zerrieb und ihm vor die Nase hielt und auf die Zunge legte. Das brachte die entschwinden­den Lebens geister zurück und jetzt wollte er ihr danken und erzählen und abbitten; aber das Mädchen schlug ihre Eitelkeit und Neugierde zurück, das Heldenhafteste, was ein Weib thun kann, und gebot ihm, daß er still sei und raste.

Weil keine Möglichkeit da war, den Verwundeten in den Schalten der nahen Fichtenbäume zu bringen, und weil die heiße Sonne so scharf niedersengte auf den halb ohnmächtigen, fiebernden Burschen, so stellte das Mädchen aus ihrer Schürze, die sie mit zwei dürren Aststielen aufspannte, ein Schutzdach her. Auch hatte sie ihre weich gefütterte Joppe ausgezogen, um dieselbe dem Prestl als Kopfkissen zu eignen. Und so saß sie nun halb entkleidet neben dem schlummernden Burschen da und schaute ihn an mit einem so wehmuthsvollen, milden, liebesinnigen Blick, wie sie dem Wachenden wohl in ihrem Leben nicht zeigen möchte. Sie selbst war vor Schreck und Angst ganz blutos geworden an den Wangen und an den Lippen. Und nun dachte sie nach, wieso das gekommen sein mochte. Wie, wenn sie nicht zum Wetterkreuz gekommen wäre! Der Kirchweg führt ja gar nicht da herauf. Aber ihr ist's auf dem Heimweg gewesen: weil Du schon in der Nähe bist, sollst doch wieder einmal zum Wetterkreuz hinauf­

steigen, und an diesem Tag, wo Alles nur auf die Lebendigen denkt, auch ein Vaterunser für Deine Verstorbenen beten. Das war ja gerade, als ob sie die armen Seelen hergeführt hätten, um dem Burschen beizusiehen in seiner Noth.

Oben am Waldrande schritt der Jäger Mathias dahin, er hatte zwei Gewehre umgehangen. Die Netteldirn eilte ihm zu:Jäger, da ist Einer erschlagen!"

Ich gehe ins Dorf und will eilends den Arzt herauf­schicken", sagte der Jäger, ohne näherzukommen,'s wird eine Kugel aus dem Bein zu ziehen sein".

Da hat sichs das Mädchen wohl zusammengereimt. Etwa hat ihn der Jäger geschossen. Jäger schießen das wußte sie von ihrem Oheim, der auch Jäger gewesen nur auf Wildschützen, und zwar, wenn sie von diesen bedroht sind. Sollte der Prestl so einer sen! So schlecht, so wild?! Wenn man glaubt, daß beim Weibe die Liebe zu einem Manne aufhört, wenn sie erfährt, daß er schlecht ist und wild, so ist man tief in einem Jrrthum.

Als der Abend kam, lag der Prestl in der Kammer des Hollershofes, in der er am Morgen gelegen. So schwarz, wie in der Sonnenfrühe das Schattenkreuz auf ihm gelegen, so schwarz lag jetzt der Abend in der Men Kammer. Die Nettel war bei ihm, sonst Niemand mehr, so voll Neugieriger auch das Haus gewesen, als sie ihn hereingetragen.

Also nicht?" fragte der Bursch-.

Es ist keine Gefahr mehr", antwortete das Mädchen; nur das Bluten hat Dich so schwach gemacht, sagte der Bader".

Mir wärs schon grad alleseins gewest, 'S wär aus- gewest Jetzt noch einmal lebendig werden und ein verachtets Krüppel sein und nachher noch e «mal sterben, verderben und sterben! Hättest mich fahren lassen! '

Prestl!" sagte nun das Mädchen und faßte ihn fest

und kernig bei der Hand ab.Mit so Reden sollst Dich nicht versündigen, jetzt, wo Dich der lieb Herrgott wieder aufgeweckt hat "

Zum Bettelngehen!" unterbrach sie der Bursche.Wie mein Fuß zugerichtet ist, der lauft nimmer und steht nimmer. Heut Vormittags ist mich der Waldjodel angegangen, ich sollt ihm was schenken. Morgen geh ich ihn an".

Das wirst nicht vonnöthen haben", sagte die Nettel­dirn,und jetzt will ich Dir Eins sagen; Prestl, jetzt kann ichs sagen, jetzt darf ichs sagen, was ich sonst nimmer gesagt hält und wenn Du mich auch in Unehren verlassen hättest. Du mußt mich heiraten, Prestl!"

Hi, hi, das ginge mir jetzt gerade noch ab", lachte der Bursche heiser.

Das geht Dir auch ab!" rief sie,nicht meinetweg! Ich bin ein gesundes Mensch, Gott Lob und Dank, und mag arbeiten. Daß ich auf Dich schau, daß ich Dir verdien, was Du brauchst daß ich Dich nicht verlaß, geh, Narr, das versteht sich gleichwohl. Aber den Leuten wirds alleweil nicht recht sein und werden mich schmähen und Dich schmähen und uns von, inander abbringen wollen. Deßweg müssen wir zusammheirathen, daß sie uns beieinander laffen. Nachher schauen wir uns um ein kleines Stübel um, und ich geh ins Tagwerk aus . . ."

Etliche Minuten lang lag nach diesen Worten des Mädchens der Prestl ganz still da und spürte an sich zwei Freiersfüße. Einer war durchschoffen und mit Instrumenten zermartert, aber ein Freiersfuß wars denn doch. Der Bursche preßte ihr die Hand fester und sagte:Heirathen meinst! Dirndl, das Gescheiteste wirds eh sein". Das Gescheiteste wars freilich und die frische Netteldirne wußte recht gut, warum sie ihre ganze Lebenszeit und Kraft an diesen Burschen hing.